{"id":2036,"date":"2009-08-13T08:56:03","date_gmt":"2009-08-13T06:56:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2036"},"modified":"2009-08-13T08:56:03","modified_gmt":"2009-08-13T06:56:03","slug":"der-witzableiter-10-warum-denn-auf-die-spitze-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2036","title":{"rendered":"Der Witzableiter (10): Warum denn auf die Spitze gehen?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1980\" target=\"_blank\">Fortsetzung von: (9): Paradox? Im Prinzip ja<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Im 10. Teil der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, behandelt dieser den \u00dcbertreibungswitz und zeigt auf, wie witzig \u00dcber-, nat\u00fcrlich auch Untertreibungen sein k\u00f6nnen. Hier wird einiges \u201aauf die Spitze\u2019 getrieben.<\/p>\n<p><strong><em>Der baumlange Milliard\u00e4r aus Texas kommt w\u00e4hrend der Hauptsaison nach Saint Tropez. Er erscheint mit diamantglitzernden Manschettenkn\u00f6pfen in der Halle des teuersten Hotels. Eine Karawane dienstbarer Geister folgt mit Koffern, Skier, Schlittschuhen, Pelzen und einer kompletten Winterausr\u00fcstung. Dem fassungslosen Empfangschef bleibt der Mund offen stehen. Dann wendet er sich an den Gast: \u201eVerzeihen Sie bitte, aber es gibt hier keinen Schnee &#8230;\u201c \u201eKeinen Schnee!?\u201c dr\u00f6hnt der Texaner. \u201eDer kommt mit dem Rest des Gep\u00e4cks.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>\u00dcbertreibungs-Witze sind eine Spezialit\u00e4t der Amerikaner, nicht erst seit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Twain\" target=\"_blank\">Mark Twain<\/a> diese Art von Humor unsterblich gemacht hat. Es soll auch heute noch j\u00e4hrlich Wettbewerbe in den Staaten f\u00fcr die beste l\u00fcgenhafte \u00dcbertreibung geben. <strong>\u201eUnser Badezimmer ist so klein \u2013 wenn die Sonne reinscheint, m\u00fcssen wir rausgehen.\u201c \u201eDas ist noch gar nichts. Unsere K\u00fcche ist so niedrig, da\u00df wir darin nur Omelettes und Schollen backen k\u00f6nnen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zugegeben, das Baumuster ist schlicht und l\u00e4\u00dft sich endlos variieren, aber wer wird denn gleich die Nase r\u00fcmpfen? Das tut ein deutscher Professor, der j\u00fcngst schrieb:<\/em> \u201eDer \u00dcbertreibungswitz wendet sich vor allem an primitive Geister.\u201c <em>Also denn \u2013 mehr davon. Hier sind sie. <strong>Ein Bauf\u00fchrer zu seinen Leuten: \u201eNehmt euch ein Beispiel an der Konkurrenz. Da wird nicht krankgefeiert. Wenn einer zum Beispiel Sch\u00fcttelfrost hat, meldet er sich zum Sandsieben.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Jede \u00dcbertreibung baut eine neue Wirklichkeit neben der alten auf. Sie mu\u00df irgendwie noch glaubhaft sein, wenigstens auf den ersten Blick. Die eigentliche Wirklichkeit mu\u00df man in ihr noch wiedererkennen \u2013 wie in der Karikatur das wiedergegebene Objekt. <strong>Der Referent f\u00fcr kirchliche Entwicklungshilfe eilt zu seinem Vorgesetzten und sagt: \u201e Bruder Nikodemus aus Niger klagt schon wieder \u00fcber den dortigen Wassermangel.\u201c \u201eDas tut er doch in jedem Brief\u201c, sagt der Vorgesetzte. \u201eStimmt, aber diesmal ist die Briefmarke mit einer Rei\u00dfzwecke befestigt.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df es sich hier ebenfalls um eine Paradoxie handelt, mu\u00df ich kaum erw\u00e4hnen. Das wissen Sie ja schon. Nur werden Sie mich vielleicht fragen, wo denn hier die zwei Positionen seien, die angeblich zu jeder Paradoxie geh\u00f6ren. Richtig, es ist nur eine zu sehen. Die zweite Position ist, so scheint es, die Wirklichkeit, wie wir sie kennen und vor der als Hintergrund die \u00dcbertreibung doch \u00fcberhaupt erst als solche zu erkennen ist. Etwa so: <strong>Ein Tourist fragt den B\u00fcrgermeister des Kurorts: \u201eIst das Klima hier wirklich so gesund?\u201c \u201eUnd ob\u201c, gibt der zur\u00fcck, \u201eum den Friedhof endlich einweihen zu k\u00f6nnen, waren wir gezwungen, unseren \u00e4ltesten Einwohner zu vergiften.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wer hat schon etwas dagegen, wenn sich jemand so klar ausdr\u00fccken kann wie jener <strong>Zahnarzt, der zu seinem Patienten sagte: \u201eSie brauchen den Mund nicht so weit aufzurei\u00dfen. Ich bleibe w\u00e4hrend der Behandlung drau\u00dfen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_10.jpg\" alt=\"Witzableiter (10)\" \/><\/p>\n<p><em>Dagegen h\u00e4tte auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\" target=\"_blank\">Immanuel Kant<\/a> nichts gehabt, der allerdings empfindlich war gegen \u00dcbertreibungen wie die, jemand habe \u201ein einer Nacht graue Haare bekommen\u201c. In seiner<\/em> \u201eKritik der Urteilskraft\u201c (1790) <em>erz\u00e4hlt er hingegen gern als gelungene \u00dcbertreibung die <strong>Geschichte von einem Kaufmann, \u201eder aus Indien mit all seinem Verm\u00f6gen in Waren nach Europa zur\u00fcckkehrend, in einem schweren Sturm alles \u00fcber Bord zu werfen gen\u00f6tigt wurde und sich derma\u00dfen gr\u00e4mte, da\u00df ihm dar\u00fcber in derselben Nacht die Per\u00fccke grau ward.\u201c<\/strong> (Das Wort Per\u00fccke lie\u00df Kant vorsichtshalber gesperrt drucken).<\/em><\/p>\n<p><em>Gleich im Anschlu\u00df daran teilt Kant eine treffende Beobachtung mit \u00fcber die Art, wie man gew\u00f6hnlich einen Witz versteht. Er meinte, da\u00df wir uns zwar pl\u00f6tzlich in unserem ersten Verst\u00e4ndnis der Geschichte get\u00e4uscht s\u00e4hen, aber<\/em> \u201eunsere verfolgte Idee wie einen Ball noch eine Zeitlang hin- und herschlagen, indem wir blo\u00df meinen, ihn zu greifen und festzuhalten\u201c.<\/p>\n<p><em>Das finde ich deshalb so treffend beobachtet, weil wir wirklich zwischen Verbl\u00fcffung und Erleuchtung noch eine Weile hin- und herschwingen, indem wir unsere alte T\u00e4uschung und unsere neue Einsicht miteinander vergleichen. <strong>Patient zum Arzt: \u201eHerr Doktor, mein Schielen hat sich verschlimmert. Wenn ich weinen mu\u00df, laufen mit jetzt die Tr\u00e4nen schon den R\u00fccken kreuzweise herunter.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das Hin und Her vergleicht Kant mit dem Schwingen einer Saite. Heute w\u00fcrde man wohl von einer R\u00fcckkopplung sprechen k\u00f6nnen. Mit diesem technischen Vergleich lie\u00dfe sich auch der Streit schlichten, den wir das letzte Mal diskutiert haben, ob die Verbl\u00fcffung zuerst kommt oder das Verst\u00e4ndnis. Beide wechseln sich wohl noch eine Weile ab und beeinflussen sich dabei gegenseitig.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube, wir haben einen entscheidenden Punkt erkannt, wenn wir diese Hin- und Herbewegung beim Witz beobachtet haben. So funktioniert er. Dieses Springen, Schwanken, Flimmern ist sehr typisch. Noch einmal eine Probe:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Der Chef zum Buchhalter: \u201eAm besten, Sie tragen den Jahresgewinn in Schwarz ein.\u201c \u201eEs ist aber nur rote Tinte da, Chef.\u201c \u201eSo kaufen sie eben schwarze!\u201c \u201eDann sind wir wieder in den roten Zahlen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 37\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (9): Paradox? Im Prinzip ja Im 10. Teil der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, behandelt dieser den \u00dcbertreibungswitz und zeigt auf, wie witzig \u00dcber-, nat\u00fcrlich auch Untertreibungen sein k\u00f6nnen. Hier wird einiges \u201aauf die Spitze\u2019 getrieben. 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