{"id":2094,"date":"2009-09-01T00:01:28","date_gmt":"2009-08-31T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2094"},"modified":"2009-08-31T10:37:24","modified_gmt":"2009-08-31T08:37:24","slug":"der-witzableiter-11-das-komische-ende-von-der-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2094","title":{"rendered":"Der Witzableiter (11): Das komische Ende von der Wende"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2036\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (10): Warum denn auf die Spitze gehen?<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Mancher Witz erh\u00e4lt seine Wirkung durch eine Wendung zum Schlimmen am Schluss. In seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, beschreibt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> die Mechanismen solcher Witze \u2013 und erkl\u00e4rt, warum wir so schnell darauf reagieren.<\/p>\n<p><em>Manche Geschichten sind offenbar erst zuende, wenn sie die schlimmste Wende genommen haben. <strong>Friseur zum Lehrling: \u201eWarum hast du so dreckige H\u00e4nde?\u201c \u201eEs war heute noch keiner zum Haarewaschen da.\u201c<\/strong> Die Technik ist beneidenswert schlicht. Man nehme eine peinliche Situation und \u00fcberbiete sie noch ein wenig. An Wirkung wird es nicht fehlen. <strong>Familie Haas hat an eine Studentin vermietet. \u201eMutti\u201c, ruft Tobias, \u201ebei der Studentin liegt ein fremder Mann im Bett!\u201c Die Mutter legt die Zeitung weg, als Tobias auch schon Entwarnung gibt: \u201eGar nicht wahr, ist ja nur Vati!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Nehmen wir an, der Bub war unschuldig. Man kann das Ganze nat\u00fcrlich auch sauber inszenieren, etwa so: <strong>\u201eEin Hochzeitsgast macht sich an den Br\u00e4utigam heran. \u201eEntschuldigen Sie, haben Sie Aktaufnahmen von Ihrer Frau?\u201c Der Br\u00e4utigam stammelt: \u201eNein, nat\u00fcrlich nicht!\u201c Darauf der Gast hilfsbreit: \u201eWollen Sie welche?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Hochzeiten sind gewi\u00df ein hei\u00dfes Pflaster f\u00fcr solche Begebenheiten. Gleich noch ein Beispiel: <strong>In der Hochzeitsnacht sagt sie leise: \u201eIch mu\u00df dir etwas beichten, ich war schon mal mit einem Mann zusammen &#8230;\u201c Da gesteht er: \u201eIch auch.\u201c<\/strong> Die Technik ist so einfach, da\u00df wir zum ersten Mal das Gef\u00fchl haben k\u00f6nnen, ein Rezept in der Hand zu haben, um selbst Witze zu erfinden. Wenn die Sache so anf\u00e4ngt: <strong>Der Schauspieler steht betrunken auf der B\u00fchne und wei\u00df seinen Text nicht mehr. Verzweifelt versucht ihm die Souffleuse das n\u00f6tige Stichwort zu geben &#8230;<\/strong> Wie k\u00f6nnte das weitergehen? Mit einer kleinen Verschlimmerung etwa so: <strong>Da lallt der Mime: \u201eK-keine Ein-zzelheiten! Wie hei\u00dft das St\u00fcck?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die Technik ist allerdings noch etwas komplizierter. Die schlimme Wendung zum Schlu\u00df wird gew\u00f6hnlich eingeleitet von einer scheinbaren Besserung. So sagt der Schauspieler zuerst recht sicher:<\/em> \u201eKeine Einzelheiten!\u201c <em>als sei er noch Herr der Lage. Der Sohn der Vermieter beruhigt seine Mutter mit<\/em> \u201eGar nicht wahr &#8230;\u201c <em>und der Lehrling brachte die Verschlimmerung wie eine Entschuldigung vor. Erst durch dieses Hakenschlagen wird die Erz\u00e4hlung komisch. <strong>In der Konditorei bei\u00dft der Gast in den Christstollen. Vergebens. \u201eDer ist ja hart wie Marmor!\u201c ruft er. \u201eIch tausche Ihnen den Stollen gern in Apfelkuchen um\u201c, sagt der Ober. \u201eAber ich habe den Stollen doch schon angebissen.\u201c \u201eDas macht nichts, wir haben auch angebissenen Apfelkuchen da.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_11.jpg\" alt=\"Witzableiter (11)\" \/><\/p>\n<p><em>Vor einer Woche haben wir uns den Verstehensproze\u00df des Witzes angesehen und festgestellt, da findet eine R\u00fcckkopplung statt. Dem scheint die Beobachtung zu widersprechen, da\u00df wir einen Witz immer sehr schnell verstehen. So pl\u00f6tzlich wie die folgende Entgegnung kommt auch unser Verstehen: <strong>\u201eHast du etwas zum Chef gesagt, da\u00df ich ein Idiot bin?\u201c \u201eNein, er wusste es bereits.\u201c<\/strong> Diese Antwort, die doch keineswegs trivial gedacht ist, verstehen wir auf Anhieb. Wie kommt das?<\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube, wir reagieren reflexhaft, wie in wirklicher Gefahr. Und es ist auch eine Gefahr, wenn man sich, vom Witz verwirrt, nicht mehr orientieren kann. Der Kommunikationsforscher <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Watzlawick\" target=\"_blank\">Paul Watzlawick<\/a> sagt, eine solche Konfusion erschrecke uns.<\/em> \u201eIm Bruchteil einer Sekunde und ohne zu \u00fcberlegen, k\u00f6nnen wir komplizierte. lebensrettende Entscheidungen treffen.\u201c <em>Auch wenn es im Witz nicht um lebensbedrohende Dinge geht \u2013 eine unerwartete Konfusion schreckt uns auch hier und l\u00e4\u00dft uns augenblicklich reagieren. Danach erst setzt die R\u00fcckkopplung ein wie eine R\u00fcckversicherung.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Hein f\u00e4hrt seit Monaten zur See. Immer allein unter M\u00e4nnern, nur die Arbeit und das Wasser. Kurz vor der Heimfahrt telefoniert er mit seiner Braut: \u201eWenn wir anlegen, dann stehst du am besten mit einer Matratze auf dem R\u00fccken am Kai\u201c, sagt Hein. \u201eOkay\u201c, fl\u00fcstert sie, \u201eaber mach ja, da\u00df  du als erster von Bord kommst.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df wir einen Witz blitzartig schnell verstehen, ist wohl eine absolute Notwendigkeit. Der Mensch ist darauf angewiesen,<\/em> \u201eeine Ordnung im Lauf der Dinge zu sehen\u201c (Watzlawick). <em>Und umgekehrt mu\u00df ein Witz wohl so schnell wirken, da\u00df wir gar nicht erst Gelegenheit haben, uns gegen ihn zu wehren. Der Witz ist die Textsorte mit der schnellsten Kommunikation \u00fcberhaupt. Das zeichnet ihn aus. <strong>Sie sagt zu ihrem Mann: \u201eEs mu\u00df f\u00fcr eine Frau schrecklich sein, wenn sie merkt, da\u00df sie alt wird.\u201c Antwortet er: \u201eViel schrecklicher ist es, wenn sie es nicht merkt.\u201c<\/strong> Wenigstens im Witz merkt man immer alles gleich.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum Schlu\u00df tr\u00e4gt die \u00dcberbietung uns ganz aus dieser Wirklichkeit heraus \u2013 als Vorgeschmack auf die Witze, die ich ihnen das n\u00e4chste Mal ausf\u00fchrlich vorstellen will. <strong>Zwei M\u00e4use haben einen Elefanten gefangen und wollen ihn verspeisen. Sagt die eine: \u201eEigentlich ist ein Elefant f\u00fcr uns zu wenig, pa\u00df auf ihn auf, ich fange noch einen zweiten.\u201c Die Maus zieht also los und kommt bald mit neuer Beute zur\u00fcck, findet die andere Maus aber allein und h\u00f6rt sie schluchzen: \u201eIch kann nichts daf\u00fcr, der Elefant ist mir ausgerissen.\u201c \u201eL\u00fcg doch nicht\u201c, faucht die erste Maus, \u201edu kaust ja noch!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 38\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (10): Warum denn auf die Spitze gehen? Mancher Witz erh\u00e4lt seine Wirkung durch eine Wendung zum Schlimmen am Schluss. In seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im ZEITmagazin erschien, beschreibt Eike Christian Hirsch die Mechanismen solcher Witze \u2013 und erkl\u00e4rt, warum wir so schnell darauf reagieren. 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