{"id":2185,"date":"2009-09-26T00:01:48","date_gmt":"2009-09-25T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2185"},"modified":"2009-09-25T11:27:10","modified_gmt":"2009-09-25T09:27:10","slug":"der-witzableiter-12-absurde-zumutungen-ganz-logisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2185","title":{"rendered":"Der Witzableiter (12): Absurde Zumutungen ganz logisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fortsetzung von: (11): <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2094\" target=\"_blank\">Das komische Ende von der Wende<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Witze in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>s Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschienen, drehen sich um das Absurde. Philosophisch eingebend von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=837\" target=\"_blank\">Albert Camus<\/a> abgehandelt operieren manche Witze bewusst mit dem Absurden. Besonders im j\u00fcdischen Witz sto\u00dfen wir auf Absurdit\u00e4ten, also Surrealit\u00e4ten, die scheinbar den Alltag auf den Kopf stellen.<\/p>\n<p><em><strong>Die Kuh ist krank. Der Bauer stellt sich vor sie, rei\u00dft ihr das Maul auf und sagt zu seiner Frau: \u201eHeb du mal den Schwanz hoch und probier mal, ob du mich sehen kannst.\u201c \u201eNein.\u201c \u201eDann ist es Darmverschlingung.\u201c<\/strong> Damit haben wir, sie merken es, abgehoben und die Realit\u00e4t f\u00fcr heute weit unter uns gelassen. Das Absurde ist nicht jedermanns Geschmack, aber es ist witzig.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Tropenforscher sprechen \u00fcber einen dritten. \u201eIch verstehe nicht, wieso der ohne Moskitonetz schlafen kann.\u201c \u201eDas ist ganz einfach. In der ersten H\u00e4lfte der Nacht ist er so besoffen, da\u00df  er die Stiche nicht sp\u00fcrt. Und in der zweiten H\u00e4lfte sind die Moskitos so besoffen, da\u00df sie nicht mehr stechen k\u00f6nnen.\u201c<\/strong> Ein bi\u00dfchen Unsinn mu\u00df sein. Schon Urvater <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\" target=\"_blank\">Kant<\/a> pflegte nachsichtig zu sagen:<\/em> \u201eEs mu\u00df in allem, was ein lebhaftes ersch\u00fctterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein.\u201c <em>Und er setzte mahnend hinzu:<\/em> \u201eWoran der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann.\u201c<\/p>\n<p><em><strong>Der Patient klagt \u00fcber Potenzschwierigkeiten. Der Arzt greift zu einem Phosphor-Pr\u00e4parat. \u201eDamit wir uns richtige verstehen, Herr Doktor\u201c, meint der Patient, \u201eleuchten soll er nicht.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das Bed\u00fcrfnis nach Absurdit\u00e4t hat sich bei den Witzkonsumenten wohl allm\u00e4hlich gesteigert. Besonders gro\u00df war es nach dem Zweiten Weltkrieg, da waren die surrealistischen Witze Mode, in denen meist ein Zebra eine Bar betrat. Etwa so: <strong>In ein Lokal kommt ein Mann, bestellt einen Kaffee. Er trinkt ihn aus, i\u00dft die Untertasse auf, i\u00dft die Tasse auf und legt den Henkel beiseite. Dann zahlt er den Kaffee und das Geschirr und geht. Langsam l\u00f6st sich die Erstarrung der G\u00e4ste, und einer fragt den Ober: \u201eSagen Sie mal, verstehen Sie das?\u201c Der Ober antwortet: \u201eNein, wo doch die Henkel das Beste sind.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das war damals ein Klassiker unter den surrealistischen Witzen. Der Mode entsprechend, wurde er 1952 von dem jungen G\u00f6ttinger Soziologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Paul_Bahrdt\" target=\"_blank\">Hans Paul Bahrdt<\/a> in der Universit\u00e4tszeitung existentialisch gedeutet: Hier erscheine eine<\/em> \u201eunverstehbare Welt\u201c, <em>und dadurch sei<\/em> \u201eder Mensch auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen. Als nunmehr Unbehauster wird er eigentlich\u201c. <em>Heute sieht man das wohl bedeutend lockerer, denke ich. <strong>Gast in einer l\u00e4ndlichen Wirtschaft: \u201eWas war denn das gestern abend f\u00fcr ein Hahn, den ich gegessen habe?\u201c \u201eWieso?\u201c \u201eEr ist mir nicht gut bekommen. Heute nacht bin ich um vier Uhr aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen.\u201c Der Wirt bekommt feuchte Augen. \u201eUm vier? Ja, ja, das war immer seine Zeit.\u201c<\/strong> Und doch gilt manches noch heute, was der Soziologe Bardt damals schrieb, etwa dies: \u201eJeder Witz er\u00f6ffnet in der Pointe einen neuen Horizont mit einer neuen Bedeutung und l\u00e4dt den Zuh\u00f6rer ein, sich diesen Horizont anzueignen.\u201c Also gehen wir ruhig auf das Angebot ein und erweitern wir spielerisch unseren Horizont.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_12.jpg\" alt=\"Witzableiter (12)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>\u201eWissen Sie, wer da die hohen Abs\u00e4tze erfunden hat?\u201c \u201eNein.\u201c \u201eDas war eine Frau, die immer nur auf die Stirn gek\u00fc\u00dft wurde.\u201c<\/strong> Und weil wir gerade beim K\u00fcssen sind, gleich noch ein Beispiel dazu, damit Sie merken, da\u00df sich Absurdit\u00e4t nicht nur mit Tiergeschichten erreichen l\u00e4\u00dft.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Gefl\u00fcstertes Gespr\u00e4ch zwischen zwei Juden in der Bahn. \u201eJossel, ist die Dame neben dir deine Frau?\u201c \u201eJa, ist sie.\u201c \u201eJossel, was machst du dich l\u00e4cherlich und schleppst dieses Munuwel (Scheusal) mit auf eine Gesch\u00e4ftsreise?\u201c \u201eAch, ich konnte mich nur nicht entschlie\u00dfen, sie zum Abschied zu k\u00fcssen.\u201c<\/strong> Der j\u00fcdische Witz hat auch auf diesem Gebiet die leiseren Mittel. Die Absurdit\u00e4t erreicht psychologische Tiefen. Oder logische, wie hier:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Moritz kommt zu sp\u00e4t in die Schule. \u201eHerr Lehrer, es ist so ein Glatteis drau\u00dfen, da\u00df ich bei jedem Schritt vorw\u00e4rts zwei zur\u00fcckgerutscht bin.\u201c Lehrer, skeptisch: \u201eJa, wieso bist du dann hier?\u201c \u201eIch hab mich umgedreht und bin heimw\u00e4rts gegangen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der nicht-j\u00fcdische Witz hingegen hebt ruckartig vom Boden der Tatsachen ab, erreicht dann aber den gleichen Grad an Verr\u00fccktheit. <strong>Der Oberarzt st\u00fcrzt in die Leichenhalle. \u201eGute Nachricht f\u00fcr Sie, Herr M\u00fcller\u201c, ruft er, \u201enicht Ihr Puls ist stehengeblieben \u2013 nur meine Uhr!\u201c<\/strong> Eine Zumutung, finde ich, sind solche Witze doch manchmal. Erweiterung des Horizonts hin oder her \u2013 immer mag man das auch nicht. Vielleicht bricht der Horizont auch nur zu pl\u00f6tzlich auf. Darum kehre ich noch einmal zur\u00fcck in die stillere Weisheit des Judentums mit seiner bizarren Logik.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Geschichte vom Blinden und dem Schwan war ein Klassiker, ihre Pointe sprichw\u00f6rtlich. <strong>Zwei Juden sitzen im Restaurant, einer der beiden ist blind. \u201eWillst du ein Glas Milch?\u201c fragt der Sehende. \u201eBeschreib mir doch einmal die Milch\u201c, bittet der Blinde. \u201eMilch ist eine wei\u00dfe Fl\u00fcssigkeit.\u201c \u201eSch\u00f6n. Und was ist wei\u00df?\u201c \u201eNu \u2013 wei\u00df ist zum Beispiel ein Schwan.\u201c \u201eAha, und was ist ein Schwan?\u201c \u201eEin Schwan? Das ist ein Vogel mit einem langen krummen Hals.\u201c \u201eGut, aber was ist krumm?\u201c \u201eKrumm? Ich werde meinen Arm biegen und du wirst ihn abgreifen. Dann wirst du wissen, was krumm hei\u00dft.\u201c Der Blinde tastet sorgf\u00e4ltig den aufw\u00e4rts gebogenen Arm des anderen ab und sagt dann verkl\u00e4rt: \u201e So, endlich wei\u00df ich, wie Milch ist.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 39\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (11): Das komische Ende von der Wende Die n\u00e4chsten Witze in Eike Christian Hirschs Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im ZEITmagazin erschienen, drehen sich um das Absurde. Philosophisch eingebend von Albert Camus abgehandelt operieren manche Witze bewusst mit dem Absurden. 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