{"id":2277,"date":"2009-10-21T00:01:35","date_gmt":"2009-10-20T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2277"},"modified":"2011-02-28T10:53:38","modified_gmt":"2011-02-28T09:53:38","slug":"literaturnobelpreis-an-herta-muller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2277","title":{"rendered":"Literaturnobelpreis an Herta M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten 1984 bzw. zum Jahreswechsel 1984\/85 und vom 16.01. bis zum 06.02.1986 war ich mit meiner Frau zweimal in Rum\u00e4nien zum Winterurlaub (siehe u.a. meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1013\" target=\"_blank\">In rum\u00e4nischer \u2018Gefangenschaft\u2019<\/a>). Preiswerter konnte man damals vor \u00fcber zwanzig Jahren nicht Winterurlaub machen. Flug, Unterkunft und Verpflegung, einmal auch der Skikurs, alles war im Preis inbegriffen. Sicherlich lie\u00df sich das alles nicht unbedingt mit unseren Standards vergleichen, war nicht so komfortabel wie in den Alpen, ob nun \u00d6sterreich, Schweiz oder Bayern. Aber das Essen war ordentlich und das Hotelzimmer beheizt. Daf\u00fcr gab es kam Gedr\u00e4nge auf den Pisten. Und die Landschaft war mindestens genau so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Rum\u00e4nien wurde damals mit eiserner Hand durch den Ceausescu-Clan regiert, der pure Stalinismus. Und obwohl das Land \u00fcber reichlich \u00d6l- und Erdgasquellen verf\u00fcgte, waren Benzin, Heiz\u00f6l usw. rationiert. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nicolae_Ceau%C8%99escu\" target=\"_blank\">Nicolae Ceausescu<\/a> waren die Devisen wichtiger als sein Volk. Daf\u00fcr hauste er im Luxus und residierte wie ein F\u00fcrst. Auch an Lebensmittel fehlte es. Wer konnte, versorgte sich selbst.<\/p>\n<p>Als wir vor Weihnachten 1984 ins Land kamen, sahen wir lange Schlangen vor einem Laden, weil es einige wenige Apfelsinen zu kaufen gab. Und in einem Gesch\u00e4ft gab es Fisch, der in einer Gefriertruhe lagerte \u2013 Hammer und Meisel lagen dabei, da man den Fisch aus einem Eisblock herausschlagen musste. Die h\u00e4ufigen Stromausf\u00e4lle hatten dazu gef\u00fchrt, dass der ganze Fisch zu einem einzigen Eisklumpen zusammenfror.<\/p>\n<p>B\u00fccher gab es viele zu kaufen. Im Schaufernster ausgelegt war die vielb\u00e4ndige Gesamtausgabe von Nicolae Ceausescu, dem Staatspr\u00e4sidenten Rum\u00e4niens, sein gesamtes Bla-Bla. Es gab auch B\u00fccher in Deutsch: ein Buch mit M\u00e4rchen und ein technisches W\u00f6rterbuch Deutsch &#8211; Rum\u00e4nisch, das wir uns kauften.<\/p>\n<p>Wir hatten im Hotel Kontakte u.a. zu einer Kellnerin, einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siebenb%C3%BCrger_Sachsen\" target=\"_blank\">Siebenb\u00fcrger S\u00e4chsin<\/a>, die uns mit Schmalzgebackenem und eingelegten Pilzen versorgte \u2013 als Gegengeschenk f\u00fcr Kleidung, die meine Frau ihr gegeben hatte. Uns war das eher peinlich, aber sie lie\u00df sich partout nicht davon abbringen. Im Fahrstuhl wurden wir von einem Rum\u00e4nen angesprochen, der uns unsere Jeans, am liebsten gleich auf der Stelle, abkaufen wollte. Wir waren gewarnt, darauf auf keinen Fall einzugehen. Am Ende landete man so im Gewahrsam der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Securitate\" target=\"_blank\">Securitate<\/a>, dem rum\u00e4nischen Geheimdienst, der Stasi vergleichbar, und damit vielleicht auf Nimmerwiedersehen.<\/p>\n<p>Damals oder nur kurze Zeit darauf, h\u00f6rte ich zum ersten Mal den Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herta_M%C3%BCller\" target=\"_blank\">Herta M\u00fcller<\/a>, einer am 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rum\u00e4nien, geborenen Schriftstellerin, einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Banater_Schwaben\" target=\"_blank\">Banater Schw\u00e4bin<\/a>. Ihr erstes Buch <em>Niederungen<\/em>, dessen Manuskript vor der Ver\u00f6ffentlichung in Rum\u00e4nien \u00fcber vier Jahre vom Verlag zur\u00fcckgehalten wurde, konnte 1982 in Rum\u00e4nien, wie alle Publikationen, nur in stark zensierter Fassung erscheinen. 1987 reiste Herta M\u00fcller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus.<\/p>\n<p><em>&#8222;Dein Vater hat mich auch beim Kirschenpfl\u00fccken im gro\u00dfen menschenleeren Weingarten nicht anger\u00fchrt. Er stand wie ein Pfahl neben mir und spuckte ununterbrochen nasse glitschige Kirschkerne aus, und ich wu\u00dfte damals, da\u00df er mich im Leben oft verpr\u00fcgeln wird. Als wir zu Hause ankamen, hatten die Frauen im Dorf schon ganze K\u00f6rbe voll Kuchen gebacken, M\u00e4nner hatten schon ein junges sch\u00f6nes Rind geschlachtet. Die Klauen lagen auf dem Mist. Ich sah sie, als ich durchs Tor und in den Hof trat&#8230; Ich wollte damals sagen, ich will nicht heiraten, aber ich sah das geschlachtete Rind, und Gro\u00dfvater h\u00e4tte mich umgebracht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Die Mutter kann aus dieser Geschichte nicht lernen, sie gibt die Pr\u00fcgel einfach an das Kind weiter und qu\u00e4lt es mit ihren eigenen Schreckbildern. Der rohe Vater, h\u00e4ufig betrunken, singt vor dem bildlos flimmernden Fernsehschirm Landserlieder, bis alle sp\u00fcren, &#8222;wir ertragen die anderen und uns selber nicht, und die anderen neben uns ertragen uns auch nicht&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum Kreis der H\u00f6lle geh\u00f6ren die allgegenw\u00e4rtigen Gro\u00dfeltern, gefangen in Aberglauben und den Geschichten, die mit &#8222;Fr\u00fcher&#8220; beginnen. Die schrullig herrschs\u00fcchtige Gro\u00dfmutter treibt ihre Enkelin mit Ohrfeigen in den Mittagsschlaf. Der Gro\u00dfvater, die Taschen voller N\u00e4gel, hat noch am ehesten freundliche Z\u00fcge. Die Nachbarn sind ebenso ruinierte Leute wie die anderen Dorfbewohner, die alten M\u00e4nner und noch mehr die alten Frauen &#8211; &#8222;An den Winternachmittagen sitzen sie am Fenster und stricken sich selber mit hinein in ihre Str\u00fcmpfe aus kratziger Wolle, die immer l\u00e4nger werden und so lang sind wie der Winter selbst, die Fersen haben und Zehen und behaart sind, als k\u00f6nnten sie von alleine gehen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht weniger kratzig in dieser Gespensterwelt sind die Dorfhonoratioren, der Pfarrer, der auf naive Fragen die H\u00e4nde der Kinder mit dem Lineal rot schl\u00e4gt, oder der Zahnarzt, der zur Dem\u00fctigung seiner Patienten ihr Gebi\u00df aus dem Fenster wirft. Ganz am Rand treten wie von fern die Vertreter der Staates auf, ein Tierarzt zum Beispiel, der gegen\u00fcber den harten Deutschen fast etwas Freundliches hat &#8211; weil er sich leicht betr\u00fcgen und bestechen l\u00e4\u00dft.<\/em><\/p>\n<p>Soviel zum erstes Buch <a href=\"http:\/\/www.fcdelius.de\/lobreden\/lob_herta_mueller.html\" target=\"_blank\">Niederungen<\/a> von Herta M\u00fcller. Kein Wunder: Teile der Banater Schwaben empfanden dieses Buch als \u201eNestbeschmutzung\u201c.<\/p>\n<p>In ihrem neuesten Roman <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3446233911?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3446233911\" target=\"_blank\">Atemschaukel<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3446233911\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> zeichnet die Autorin den Weg eines jungen Mannes in ein Deportationslager nach Russland nach, das exemplarisch f\u00fcr das Schicksal der deutschen Bev\u00f6lkerung in Siebenb\u00fcrgen nach dem Zweiten Weltkrieg steht (Blick ins Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/reader\/3446233911\/ref=sib_dp_pt#reader-link\" target=\"_blank\">Herta M\u00fcller: Atemschaukel<\/a>).<\/p>\n<p>In diesem Jahr nun erhielt Herta M\u00fcller den Literaturnobelpreis. Sie habe \u201emittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit\u201c gezeichnet, hie\u00df es in der W\u00fcrdigung. Begr\u00fcndet wurde die Vergabe des Nobelpreises mit der Intensit\u00e4t der von ihr verfassten Literatur.<\/p>\n<p>siehe auch zdf.de: <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/content\/860072?inPopup=true\" target=\"_blank\">Video Herta M\u00fcller auf dem blauen Sofa<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten 1984 bzw. zum Jahreswechsel 1984\/85 und vom 16.01. bis zum 06.02.1986 war ich mit meiner Frau zweimal in Rum\u00e4nien zum Winterurlaub (siehe u.a. meinen Beitrag In rum\u00e4nischer \u2018Gefangenschaft\u2019). Preiswerter konnte man damals vor \u00fcber zwanzig Jahren nicht Winterurlaub machen. Flug, Unterkunft und Verpflegung, einmal auch der Skikurs, alles war im Preis inbegriffen. 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