{"id":2281,"date":"2009-10-22T00:01:38","date_gmt":"2009-10-21T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2281"},"modified":"2009-10-21T10:37:11","modified_gmt":"2009-10-21T08:37:11","slug":"elias-canetti-das-augenspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2281","title":{"rendered":"Elias Canetti: Das Augenspiel"},"content":{"rendered":"<p>Mit <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2007\" target=\"_blank\">Die gerettete Zunge<\/a>, dem ersten Band seiner Autobiografie, erfahren wir aus der Kindes- und Jugendzeit von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elias_Canetti\" target=\"_blank\">Elias Canetti<\/a>. &#8222;Die Fackel im Ohr&#8220; (Lebensgeschichte 1921 &#8211; 1931) setzt die Autobiographie fort. Die Familie verbringt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg in Frankfurt, um dann nach Wien umzuziehen. Hier lernt der junge Elias zum ersten Mal <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Kraus\" target=\"_blank\">Karl Kraus<\/a> kennen, einen Sprachkritiker, der seine Zuh\u00f6rer unglaublich in seinen Bann ziehen konnte. Gerade diese fr\u00fchen Vorlesungen von Karl Kraus und seine Zeitschrift &#8222;Die Fackel&#8220; sind es, die die sp\u00e4teren Werke von Elias Canetti pr\u00e4gen werden. Im Jahre 1928 zieht es Canetti nach Berlin, wo er zum ersten Mal schriftstellerisch t\u00e4tig ist und die Bekanntschaft u.a. mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertolt_Brecht\" target=\"_blank\">Bertolt Brecht<\/a> macht. Die Beschreibung der Berliner Intellektuellen am Ende der zwanziger Jahre ist ein besonders interessantes Kapitel in diesem Teil von Canettis Autobiographie. Aber auch die folgenden Jahre w\u00e4hrend des Studiums wieder in Wien zeigen auf interessante Weise, wie sich Canetti schon als junger Mensch mit Werken auseinandersetzte, die er sp\u00e4ter tats\u00e4chlich verfasst hat.<\/p>\n<p>\u201eDas Augenspiel\u201c  ist der dritte und letzte Teil seiner Lebensgeschichte und f\u00fchrt uns in die Jahre 1931 \u2013 1937. Es sind die weiteren Jahre in Wien, in denen er viele Kontakte mit Intellektuellen pflegte. 1930\/31 schrieb Canetti an seinem Roman \u201eDie Blendung\u201c, ein Jahr darauf entstand das Drama \u201eHochzeit\u201c, ein weiteres Jahr sp\u00e4ter \u201eDie Kom\u00f6die der Eitelkeit\u201c. Alle drei Werke blieben zun\u00e4chst unver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/elias_canetti.jpg\" alt=\"Elias Canetti\" \/><\/p>\n<p>Durch Lesungen aus dem Roman und den Dramen lernte Canetti allerdings zahlreiche K\u00fcnstler und Intellektuelle kennen, darunter den Bildhauer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fritz_Wotruba\" target=\"_blank\">Fritz Wotruba<\/a>, der einer seiner engsten Freunde wurde, die K\u00fcnstlerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anna_Mahler\" target=\"_blank\">Anna Mahler<\/a> (in die Canetti sich ungl\u00fccklich verliebte) und deren Mutter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alma_Mahler-Werfel\" target=\"_blank\">Alma Mahler-Werfel<\/a>, \u00fcber die sich Canetti nur abf\u00e4llig \u00e4u\u00dfert (die <em>zerflossene Alte auf dem Sofa<\/em>, die <em>strotzende Witwe<\/em>), den Gelehrten Abraham Sonne (&#8222;Dr. Sonne&#8220;, sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Avraham_Ben_Yitzhak\" target=\"_blank\">Avraham Ben Yitzhak<\/a>), den Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Broch\" target=\"_blank\">Hermann Broch<\/a>, den Komponisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alban_Berg\" target=\"_blank\">Alban Berg<\/a>, den Dirigenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Scherchen\" target=\"_blank\">Hermann Scherchen<\/a> und den Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Musil\" target=\"_blank\">Robert Musil<\/a>. Seine zunehmende Bekanntheit erm\u00f6glichte es Canetti schlie\u00dflich sogar, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Blendung\" target=\"_blank\">Die Blendung<\/a> zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Zu Musil \u00e4u\u00dfert sich Canetti wie folgt in dem Buch:<\/p>\n<p><em>Musil beim Sprechen zuzuh\u00f6ren war eine Erfahrung besonderer Art. Er hatte keine All\u00fcren. Er war zu sehr er selbst, um je an einen Schauspieler zu erinnern. Ich habe von keinem Menschen geh\u00f6rt, der ihn je bei einer Rolle ertappt h\u00e4tte. Er sprach ziemlich rasch, aber er \u00fcberst\u00fcrzte sich nie. Es war seiner Rede nicht anzumerken, da\u00df ihn mehrere Gedanken zugleich bedr\u00e4ngten: bevor er sie vorbrachte, legte er sie auseinander. Er herrschte eine bestechende Ordnung in allem, was er sagte. F\u00fcr den Rausch der Inspiration, mit dem die Expressionisten sich haupts\u00e4chlich hervortaten, bewies er Verachtung. Inspiration war ihm kostbar, um sie f\u00fcr Zwecke der Exhibition zu gebrauchen. Nichts ekelte ihn mehr als Werfels Schaum vor dem Mund. Musil hatte Scham und stellte Inspiration nicht zur Schau. In unerwarteten, in erstaunlichen Bildern gab er ihr pl\u00f6tzlich Raum, grenzte sie aber gleich wieder ein durch den klaren Gang seiner S\u00e4tze. Er war ein Gegner von \u00dcberschwemmungen in der Sprache und wenn er sich der eines anderen aussetzte, was einen wundernahm, war es, um entschlossen durch die Flut zu schwimmen und sich zu beweisen, da\u00df immer, selbst f\u00fcr das Tr\u00fcbste, ein jenseitiges Ufer sich f\u00e4nde. Es war ihm wohl, wenn es etwas zu \u00fcberwinden gab, aber vom Entschlu\u00df, einen Kampf aufzunehmen, lie\u00df er sich nie etwas anmerken. Pl\u00f6tzlich war er sicher mitten in der Materie, den Kampf merkte man nicht, man war von der Sache gefesselt, und obwohl der Sieger gelenkig, doch unverr\u00fcckbar vor einem stand, dachte man nicht mehr daran, wie sehr er es war, die Sache selbst war zu wichtig geworden.<\/em> (S. 174f.)<\/p>\n<p>Hier interpretiert Canetti sehr viel hinein in Musils Denken und \u00fcbertr\u00e4gt in meinen Augen eigene Vorstellungen in die des Anderen. Wie schon im Fall Karl Kraus ist es fast ma\u00dflose Begeisterung f\u00fcr den Autor <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Mann_ohne_Eigenschaften\" target=\"_blank\">des Mannes ohne Eigenschaften<\/a>. Es f\u00fchrte zu einer Art <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Symbiose_(Psychologie)\" target=\"_blank\">Symbiose<\/a>, die sich allein Canetti zunutze macht, wenn auch zun\u00e4chst nur innerlich.<\/p>\n<p>Genau kann ich es nicht benennen, aber bei Elias Canetti \u00fcberf\u00e4llt mich beim Lesen eine Art von Ungehaben. Sicherlich kein zentraler Satz und doch f\u00fcr mich charakteristisch ist die \u00c4u\u00dferung: <em>Bilder bestimmen, was man erlebt.<\/em> (S. 323). Canetti war bestimmt durch Bilder, die er immer wieder betrachtete, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Francisco_de_Goya\" target=\"_blank\">Goya<\/a> spielte eine gro\u00dfe Rolle, aber auch Abbildungen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Evangelist_(Neues_Testament)\" target=\"_blank\">Evangelisten<\/a>. Er \u00fcbertrug dabei die Gr\u00f6\u00dfe anderer (wie schon im Fall Robert Musil) auf sich. Wie sonst sollten Bilder bestimmend im Leben eines Menschen werden.<\/p>\n<p>Eigentlich bekannt wurde Canetti durch sein umfassendes Werk <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Masse_und_Macht\" target=\"_blank\">\u201eMasse und Macht\u201c<\/a>, an dem er Jahrzehnte arbeitete und das auch dazu f\u00fchrte, dass er 1981 den Literaturnobelpreis erhielt. Durch die Nationalsozialisten hatte er Anschauungsmaterial genug. In diesem 3. Teil seiner Autobiografie finden wir so auch einige S\u00e4tze hierzu:<\/p>\n<p><em>&#8230; zwischen Panik und Massenflucht unterscheiden &#8230;, da die Panik zwar ein echter Zerfall der Masse sei, da\u00df es aber auch, wie man zum Beispiel bei Tierherden gut sehen k\u00f6nne, fliehende Massen g\u00e4be, die keinesfalls zerfielen, die beisammen blieben und denen das Massengef\u00fchl, von dem sie erf\u00fcllt w\u00e4ren, bei der Flucht zustatten k\u00e4me. &#8230;<\/em> (S. 48)<\/p>\n<p>Canetti &#8211; so scheint es &#8211; war nicht nur ein Forscher der Macht, sondern ein Macht-Wollender. Er galt &#8211; so dies seinen, teils ersch\u00fctternden Briefen zu entnehmen ist &#8211; als schwieriger, eitler und j\u00e4hzorniger Mann, gleichzeitig als egoistischer Frauenschwarm, der mit Geld nicht umgehen konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Elias Canetti ein zwiesp\u00e4ltiger Mensch, der \u00fcber die Masse schrieb und geschickt \u201adie Masse\u2019 der Intellektuellen- und K\u00fcnstler-Kreise, ob nun in Berlin, Wien oder London, wo er immer wieder schnell zu einer Bekanntheit wurde, f\u00fcr sich zu nutzen verstand. Dieser Zwiespalt l\u00e4sst sich auch in \u201eDas Augenspiel\u201c zwischen den Zeilen ablesen. Er schreibt hier \u00fcber andere, \u00fcber viele, deren Namen erst sp\u00e4ter zu wirklichen Gr\u00f6\u00dfen der Literatur- oder Kunstgeschichte wurden. Und er l\u00e4sst dabei das Licht, das diese Gestalten aussenden, gern auch auf sich scheinen. In seiner (nachtr\u00e4glichen) Interpretation wird man so schnell zu einem unter Gleichen.<\/p>\n<p>Das soll nicht den literarischen Wert seines Werkes schm\u00e4lern. Es ist aber schon symptomatisch, wie Canetti den Lesern mit seinen drei autobiografischen B\u00e4nden vor Augen f\u00fchrt, in welch exklusiven Kreisen er verkehrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Die gerettete Zunge, dem ersten Band seiner Autobiografie, erfahren wir aus der Kindes- und Jugendzeit von Elias Canetti. &#8222;Die Fackel im Ohr&#8220; (Lebensgeschichte 1921 &#8211; 1931) setzt die Autobiographie fort. Die Familie verbringt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg in Frankfurt, um dann nach Wien umzuziehen. 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