{"id":2306,"date":"2009-10-29T12:09:43","date_gmt":"2009-10-29T10:09:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2306"},"modified":"2009-10-29T12:09:43","modified_gmt":"2009-10-29T10:09:43","slug":"der-witzableiter-13-ein-spiel-mit-doppelten-boden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2306","title":{"rendered":"Der Witzableiter (13): Ein Spiel mit doppelten B\u00f6den"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2185\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (12): Absurde Zumutungen ganz logisch<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, erfahren wir heute etwas von der Anspielung als eine Technik des Witzes. Dabei geht es besonders um den paradoxen Widerspruch zwischen dem Gewicht einer Sache und der Verschwiegenheit, mit der sie angedeutet, also \u201aangespielt\u2019 wird.<\/p>\n<p><strong>Ein Bauer hat mit seinem Vieh Pech. Die K\u00fche nehmen nicht auf oder verkalben. Darum bittet er den Herrn Pfarrer, ihm doch seinen Stall auszusegnen. Der Pfarrer kommt gern und besprengt die Tiere mit Weihwasser. Nach einigen Monaten fragt der Pfarrer, ob das Aussegnen geholfen habe. \u201eFreilich\u201c, antwortet der Bauer, \u201enur hat unsere Tochter wohl auch einen Spritzer abbekommen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Eine Andeutung gen\u00fcgt, im Witz allemal. Man nennt das gew\u00f6hnlich eine Anspielung. Der Bauer hat ja auch Grund zu dieser Zur\u00fcckhaltung. Je heikler eine Sache, desto dringender ist Diskretion geboten. Also greift man zu einer Anspielung.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u201eNa, was hat Franz-Josef gesagt, als du ihn zur Rede gestellt hast?\u201c \u201eAch, nichts weiter. Und die Schneidez\u00e4hne wollte ich mir sowieso ziehen lassen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Wir sehen schon: nicht jede Anspielung w\u00e4re witzig. Es mu\u00df um Dinge gehen, die man nicht gern ausspricht. Als Technik \u00e4hnelt die Anspielung dem Fl\u00fcstern oder den heimlichen Blicken: Was verborgen bleiben soll, wirkt umso heftiger. Der Witz macht sich diesen Widerspruch zunutze.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Als der Viertkl\u00e4\u00dfler nach Hause kommt, fragt ihn die Mutter nach dem Zeugnis. \u201eDas habe ich dem Tim mitgegeben\u201c, sagt er, \u201eder will damit seine Eltern erschrecken.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Gute Gelegenheit, diese Technik anzuwenden, ergibt sich, wenn die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde sowieso keine offene Darstellung zulassen, wie bei dieser Geschichte aus den USA: <strong>Ein Marinesoldat schreibt w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges an seine Eltern: \u201eIch darf nicht sagen, wo ich gerade bin, aber was ich gestern geschossen habe, war ein Eisb\u00e4r.\u201c Einen Monat sp\u00e4ter kommt wieder ein Brief. \u201eIch kann nicht schreiben, wo ich gerade bin, aber gestern habe ich mit einem Hula-M\u00e4dchen getanzt.\u201c Zwei Wochen danach kommt ein weiterer Brief. \u201eIch kann nicht schreiben, wo ich gerade bin, aber der Mann im wei\u00dfen Kittel sagt, ich h\u00e4tte besser mit dem Eisb\u00e4r getanzt und das Hula-M\u00e4dchen erschossen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der Freud-Sch\u00fcler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Reik\" target=\"_blank\">Theodor Reik<\/a>, der in den zwanziger Jahren als einziger die Witzforschung seines Lehrers fortsetzte, sagt zu Recht von der Technik der Anspielung:<\/em> \u201eSie besteht in einem demonstrativen Verdecken, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und die Phantasie zur v\u00f6lligen Enth\u00fcllung reizt.\u201c <em>Gerade was der Witz nicht sagt, h\u00f6rt man am lautesten. Das gilt auch von der unfreiwilligen Selbstentlarvung. <strong>Der Verbindungs-Student zu seinen Freunden: \u201eIhr seid ja ganz sch\u00f6n voll gewesen heute nacht. F\u00fcnfmal habt ihr mich fallen lassen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_13.jpg\" alt=\"Witzableiter (13)\" \/><\/p>\n<p><em>Eine Belastung in eigener Sache findet sich auch in diesem Witz: <strong>\u201eWarum kommst du so sp\u00e4t aus dem B\u00fcro?\u201c \u201eBl\u00f6der Scherz der Kollegen. Keiner hat mich geweckt.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wir haben ja schon manches Paradox im Witz gefunden, heute haben wir ein neues kennengelernt, n\u00e4mlich den paradoxen Widerspruch zwischen dem Gewicht einer Sache und der Verschwiegenheit, mit der sie angedeutet wird. Witze mit Anspielungen zeigen dieses Paradox besonders deutlich.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der beliebteste Schauspieler des Stadttheaters hat seine Frau verloren. Auf der Stra\u00dfe kondoliert ihm sp\u00e4ter ein Bewunderer und sagt: \u201eIch habe in der Friedhofskapelle gesehen, wie sehr Sie gelitten haben.\u201c \u201eDa h\u00e4tten Sie mich erst mal\u201c, entgegnet der Mime, \u201eam Grab erleben sollen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die Schauspieler, sie sind willkommene Opfer des Witzes, weil bei ihnen (wie beim Witz) auch manches einen doppelten Boden hat. Damit auch mal ein anderer Beruf drankommt, veranschauliche ich die Technik jetzt lieber an diesem Beispiel. <strong>Ein Pfarrer besteigt die Kanzel und beginnt mit den Worten: \u201eLiebe Gemeinde, die Predigt f\u00e4llt heute aus, denn ich habe euch etwas zu sagen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Meist behandele ich, wie Sie wissen, die Technik eines Witzes, hier etwa die Anspielung. Aber Ihnen ist nat\u00fcrlich auch l\u00e4ngst klar, da\u00df die Gef\u00fchle, die von dieser Technik ausgel\u00f6st werden, das Entscheidende sind. Peinlichkeiten, Aggressionen \u2013 oder Bosheiten wie hier: <strong>Ein junger Mann will fr\u00fchmorgens im See baden, splitternackt. Da warnt ihn ein Angler: \u201eAn ihrer Stelle w\u00fcrde ich was anziehen, die Fische schnappen hier schon nach dem kleinsten Wurm.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ich merke, da\u00df ich Ihnen haupts\u00e4chlich Beispiele erz\u00e4hlt habe, in denen die Akteure eine absichtliche Anspielung machen. Es mu\u00df aber nicht immer so sein. Der Witzh\u00f6rer bekommt auch dann eine Anspielung, wenn sie im Witz unfreiwillig passiert ist. Etwa hier: <strong>\u201eDu Mutti, heute hat mich die Lehrerin gefragt, ob ich noch Geschwister habe. Ich habe nein gesagt.\u201c \u201eUnd was hat die Lehrerin dazu gesagt?\u201c \u201eGott sei Dank.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ob Absicht oder nicht, das kann auch in der Schwebe bleiben, etwa wenn <strong>der Patient sagt \u201eHerr Doktor, ich bin schizophren\u201c, und der Arzt antwortet: \u201ePrima, dann sind wir ja schon zu viert!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Bosheiten sind zwar auch willkommen wie die <strong>des Chefs, der zu seinen Angestellten sagte: \u201eIch \u00fcberreiche Ihnen Ihr Gehalt am besten in einer Geschenkpackung.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Aber es geht auch netter. So werden wir zum Schlu\u00df vers\u00f6hnlich. <strong>Es l\u00e4utet, Mike macht auf. Seine Freundin steht vor der T\u00fcr. \u201eIch komme gerade von der Untersuchung beim Frauenarzt\u201c, sagt sie, \u201ewillst du uns nicht reinlassen?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 40\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (12): Absurde Zumutungen ganz logisch In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, erfahren wir heute etwas von der Anspielung als eine Technik des Witzes. 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