{"id":2330,"date":"2009-11-04T14:28:10","date_gmt":"2009-11-04T12:28:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2330"},"modified":"2009-11-04T14:28:10","modified_gmt":"2009-11-04T12:28:10","slug":"lob-des-aufenthalts-im-freien-%e2%80%93-ein-per","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2330","title":{"rendered":"Lob des Aufenthalts im Freien \u2013 ein PER"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorbemerkung:<\/strong> Manchmal entscheidet der Anfang eines Romans dar\u00fcber, ob wir das Buch zu Ende lesen oder nicht. Manche Romane sind geradezu bekannt f\u00fcr ihren Beginn. Mancher Schreiberling und Schriftsteller ist aber \u00fcber den Start einer Geschichte, ob sie nun als Kurzerz\u00e4hlung oder Roman enden sollte, nicht hinausgekommen. Andere schreiben Romananf\u00e4nge und nur diese. Die weitere Geschichte interessiert sie nicht.<\/p>\n<p>Ich versuche mich hier an einer neuen Gattung der Prosa und nenne es <strong>\u201epl\u00f6tzlich endender Roman\u201c (PER)<\/strong>, neu-deutsch: <em>\u201esuddenly ending novel\u201c (SEN)<\/em>, weil\u2019s so sch\u00f6n klingt, wobei ein Hauptmerkmal auf eine m\u00f6glichst l\u00e4ngere Einleitung wie bei einem Romananfang liegt. Die Einf\u00fchrung soll dem Leser suggerieren, dass es eine lange Geschichte werden k\u00f6nnte, die da erz\u00e4hlt wird. M\u00f6glichst viele Handlungsstr\u00e4nge werden miteinander verwoben, alles spielt vielleicht auf verschiedenen Zeitebenen (R\u00fcckblenden sind bestens geeignet). Aber nach bereits einer Seite soll dann der Paukenschlag kommen: das pl\u00f6tzliche Ende &#8230; Schluss und vorbei!<\/p>\n<p>Also wie ein Aufsatz ohne Hauptteil, nur mit Einleitung und Schluss. Wichtig ist vielleicht auch der Titel eines PERs, der m\u00f6glichst abstrus sein sollte, um den Leser schon hier in die Irre zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Von meinem ersten PER (ach wie sch\u00f6n k\u00f6nnen Abk\u00fcrzungen sein) erhebe ich keinerlei literarischen Anspruch. Die neue Gattung muss erst noch wachsen. Auch gestehe ich, dabei einfach \u201adrauflos\u2019 geschrieben zu haben &#8211; und dass mir zun\u00e4chst \u201aetwas ganz anderes\u2019 vorschwebte. Vielleicht ist dieses intuitive Schreiben eines der Kennzeichen des PERs.<\/p>\n<p>Der Bruch in der Geschichte, die Stelle, die das pl\u00f6tzliche Ende einleitet, ist sicherlich sehr klischeehaft (ein Vorhang, der zerrei\u00dft) \u2013 und das Ende ist eher ordin\u00e4r. Aber, ich hoffe, das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Hier also mein erster PER, pl\u00f6tzlich endender Roman:<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/lob_des_aufenthalts_im_freien.jpg\" alt=\"Lob des Aufenthalts im Freien\" \/><\/p>\n<p><em>Leisen Schrittes erstieg er den Gipfel, der ihn eine weite Sicht \u00fcber die anderen Berge er\u00f6ffnete. Nie zuvor war er so hoch gestiegen, noch nie blickte er so frei auf das Land seiner Ahnen. Die Milch im Sack war sauer geworden, aber er mochte Saures \u2013 und war schon allein der Windzug erfrischend, so schmolz die Fl\u00fcssigkeit wie Eis in seiner hei\u00dfen Kehle. Das tat gut. Der Aufstieg hatte ihn durstig gemacht. Und Hunger versp\u00fcrte er nun auch. Appetit kommt beim Essen oder hier beim Trinken. Das Brot war schimmelig, aber mit dem Messer kratzte er die fauligen Stellen wie eine Wunde sauber, brach sich erst ein St\u00fcck mit den Fingern heraus, steckte es in den Mund, und biss dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aus dem Brot wie ein Wolf das Fleisch aus dem K\u00f6rper seines Opfers.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Das musste das Gehege sein, in dem der Hirt am Abend seine Schafe zur Nachtruhe treibt. Hier hatte er vor zwei Tagen Quartier zwischen den warmen K\u00f6rpern der Tiere und nach einem langen Fu\u00dfmarsch tiefen, traumlosen Schlaf gefunden. Der Hirt hatte ihm am n\u00e4chsten Tag mit Milch und Brot versorgt. Geld wollte er daf\u00fcr nicht. Ein Handschlag zum Abschied gen\u00fcgte ihm.<\/em><\/p>\n<p><em>Jetzt stand er also hier oben, nagte am Brot und trank von der sauer gewordenen Milch. Er musste pl\u00f6tzlich an den Bauern denken, der ihn von seinem Hof gescheucht hatte. Mit Herumtreibern, die nur von der Hand in den Mund leben, die vielleicht das Vieh sch\u00e4nden, wollte dieser nichts zu tun haben. Dabei suchte er nur eine Unterkunft f\u00fcr eine Nacht in dem Stroh der Scheune. Einmal ein Dach \u00fcber dem Kopf haben, nur das w\u00fcnschte er sich.<\/em><\/p>\n<p><em>So war der Himmel seit Tagen sein Dach in der Nacht.<\/em><\/p>\n<p><em>Vor genau zwei Wochen war er mit der F\u00e4hre auf diese Insel gekommen. Im Gep\u00e4ck, das jetzt in der Hauptstadt in seinem Hotelzimmer auf dem Bett lag, waren die Briefe, die sein Bruder ihn nach \u00dcbersee geschrieben hatte, zur\u00fcckgeblieben. Dieser hatte ihn gebeten, so schnell wie m\u00f6glich hierher auf die Insel zu kommen. Der Grund war ihm nicht ganz klar. Es sollte aber um viel Geld gehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Als er vor 14 Tagen die Reling der F\u00e4hre hinabstieg, sein Blick suchte den Bruder auf dem Kai, \u00fcberkam ihn ein unbeschreibliches Gef\u00fchl. Von diesem Hafen aus war er vor mehr als zw\u00f6lf Jahren in die Welt aufgebrochen. Hier hatte er Kindheit und Jugend zur\u00fcckgelassen, um in einem fernen Land sein Gl\u00fcck zu suchen.<\/em><\/p>\n<p><em>Als er auf dem Kai stand, den Koffer mit den wenigen Sachen und mit den Briefen des Bruders in der Hand, war von diesem nichts zu sehen. Urpl\u00f6tzlich breitete sich Panik in ihm aus. Warum war sein Bruder nicht da, der ihn doch ausdr\u00fccklich von der F\u00e4hre abholen wollte? Er versuchte sich zu beruhigen. Der Bruder war sicherlich aufgehalten worden und wird in wenigen Augenblicken mit lachenden Gesicht vor ihm stehen und begr\u00fc\u00dfen. Als aber auch nach einer vollen Stunde kein Bruder zu sehen war, stieg dieses von ihm so bekannte Gef\u00fchl von existenzieller Angst erneut und in voller Wucht in ihm auf.<\/em><\/p>\n<p><em>Hier oben auf dem Gipfel erschien ihn seine Ankunft auf dieser Insel wie ein Traum, eher ein Alptraum, an den man sich pl\u00f6tzlich wieder erinnert, der aber schon Monate zur\u00fcckliegt. Als der Bruder auch nach einer weiteren Stunde nicht erschienen war, suchte er in der N\u00e4he nach einem Taxi. &#8211;<\/em><\/p>\n<p><em>Er stand vor einem v\u00f6llig verwahrlosten Haus und fragte noch einmal den Taxifahrer, ob das wirklich die Stra\u00dfe w\u00e4re, die der Bruder in seiner Adresse angegeben hatte. Stra\u00dfe und Hausnummer stimmten. V\u00f6llig ratlos betrat er das Grundst\u00fcck. Die Pforte war nur angelehnt, der in Stein gefasste Weg zum Haus \u00fcberwuchert von Unkraut. Es war schon nicht mehr Panik, was ihn beschlich. Es war eine Faust, die sein Herz umklammerte. Sein Atem stockte.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Sonne begann zu brennen. Obwohl es auf dem Gipfel des Berges kalt war, fing die Sonne an, ihn zu w\u00e4rmen. Sein Gesicht r\u00f6tete sich.<\/em> In diesem Augenblick zerriss der Vorhang. <em>Vor ihm stand sein Bruder und fasste ihm am Arm. Wie benommen blickte er auf.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWach endlich auf, du Schlafm\u00fctze! Es wird Zeit f\u00fcr uns. Ich kann nicht l\u00e4nger warten.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Was gibt es Beschisseneres als diesen Traum, als diesen Traum im Traum. \u201eMach die Fliege, ich will noch eine Runde schlafen!\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Manchmal entscheidet der Anfang eines Romans dar\u00fcber, ob wir das Buch zu Ende lesen oder nicht. Manche Romane sind geradezu bekannt f\u00fcr ihren Beginn. 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