{"id":2333,"date":"2009-11-06T11:20:38","date_gmt":"2009-11-06T09:20:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2333"},"modified":"2010-01-25T08:46:28","modified_gmt":"2010-01-25T07:46:28","slug":"der-witzableiter-14-pointen-die-sich-verdruckt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2333","title":{"rendered":"Der Witzableiter (14): Pointen, die sich verdr\u00fcckt haben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2306\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (13): Ein Spiel mit doppelten B\u00f6den<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien,  geht es heute im 14. Teil um Auslassungen, also um fehlende Teile, die intuitiv erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen, um einen Witz zu verstehen. Mancher ist dabei schon auf der Strecke geblieben, weil er die Pointe verpasst hat.<\/p>\n<p><em><strong>M\u00fcller geht an Kr\u00fccken. \u201eVerkehrsunfall\u201c, sagt er. \u201eSchrecklich!\u201c ruft sein Kollege aus, \u201eohne Kr\u00fccken k\u00f6nnen Sie nicht gehen?\u201c \u201eWei\u00df nicht\u201c, sagt M\u00fcller, \u201emein Arzt sagt ja, mein Anwalt nein.\u201c<\/strong> Das ist nicht ganz leicht zu verstehen. Leider sind diesmal Witze dran, die einen ganzen Gedankengang auslassen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Eine auffallend attraktive Frau kauft in einer Pariser Parf\u00fcmerie ein Eau de Toilette und bezahlt mit einem F\u00fcnfhundert-Franc-Schein. \u201eBedauere\u201c, sagt die Dame an der Kasse, \u201eder Schein ist nicht echt.\u201c \u201eDann hat man mich\u201c, sagt die Frau, \u201eeben vergewaltigt.\u201c<\/strong> Ein bi\u00dfchen Lebenserfahrung geh\u00f6rt wohl zum Verstehen dieser Witze dazu. Schlie\u00dflich mu\u00df der Witzh\u00f6rer die Auslassung mit eigenen Kenntnissen \u00fcberbr\u00fccken. <strong>\u201eW\u00fcnschen die Herrschaften noch etwas?\u201c fragt der Hoteldiener, nachdem er das Gep\u00e4ck des Paares abgesetzt hat. \u201eDanke, nein\u201c, sagt der Mann. \u201eVielleicht noch etwas f\u00fcr die Frau Gemahlin?\u201c \u201eAch ja, das ist eine Idee\u201c, sagt der Mann, \u201ebringen Sie mir eine Postkarte.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der Soziologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmuth_Plessner\" target=\"_blank\">Helmuth Plessner<\/a> hat diese Technik als<\/em> \u201ewitzige Pr\u00e4gnanz\u201c <em>bezeichnet, die einen ganzen Gedankengang \u00fcbergeht und zu<\/em> \u201eeiner verschwiegenen Mehrdeutigkeit\u201c <em>f\u00fchrt. Als Beispiel zitierte er selbst den <strong>Sto\u00dfseufzer eines Berliner Zoobesuchers angesichts einer Giraffe: \u201eSo \u2019n Hals und denn \u2019n K\u00fcmmel!\u201c<\/strong> Diese Auslassung kann man wohl deshalb recht leicht verstehen, weil es sich um einen Einfall aus den Tiefen des Gem\u00fcts handelt.<\/em><\/p>\n<p><em>Verschl\u00fcsselter ist schon ein Ausspruch, den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> als Beispiel f\u00fcr eine Auslassung zitiert. Sie stammt aus der Festschrift eines Wiener K\u00fcnstlerballes. Auf Hochdeutsch etwa: <strong>\u201eEine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt dann doch die Droschke.\u201c<\/strong> Das mu\u00df ich wohl erl\u00e4utern. Es fehlt der Zwischensatz \u201ewenn es regnet\u201c und am Schlu\u00df die Gleichsetzung Droschke\/Dirne. Das ist Doppelsinn aus der Zeit der doppelten Moral. Uns kommt es heute zu r\u00e4tselhaft vor.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eWarum bist du eigentlich nie Soldat gewesen?\u201c \u201eKeine Ahnung. Dabei habe ich bei jeder Musterung mit dem Stabsarzt sogar um tausend Mark gewettet, da\u00df ich tauglich bin. Aber immer vergeblich.\u201c<\/strong> Hier sp\u00fcrt man, finde ich, deutlich die Verwandtschaft von Witz und R\u00e4tsel. Als R\u00e4tsel w\u00fcrde der Gedanke wohl lauten: \u201eWie kann man eine Musterung mit Geld beeinflussen, ohne zu bestechen?\u201c Der Unterschied besteht darin, da\u00df ein R\u00e4tsel die Einzelteile gibt und nicht das Ergebnis, w\u00e4hrend der Witz das Ergebnis (hier: Wette) gibt, aber uns ein fehlendes Teil intuitiv erg\u00e4nzen l\u00e4\u00dft.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_14.jpg\" alt=\"Witzableiter (14)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>\u201eEiner aus meiner Klasse\u201c, erz\u00e4hlt der Sohn seinem Vater, \u201ehat behauptet, ich s\u00e4he dir \u00e4hnlich.\u201c \u201eSo, so\u201c, sagt der Vater, \u201eund was hast du ihm geantwortet?\u201c \u201eNichts\u201c, sagt der Sohn, \u201eer ist st\u00e4rker als ich.\u201c<\/strong> Das ist so ziemlich das Komplizierteste, was ein Witzh\u00f6rer heute noch hinnimmt. Fr\u00fcher scheint das anders gewesen zu sein. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Paul\" target=\"_blank\">Jean Paul<\/a> zitiert 1804 eine Anekdote, deren Knappheit er besonders gelungen findet:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein r\u00f6mischer Kaiser fragte einen Fremden, \u00fcber die Familien\u00e4hnlichkeit spottend: \u201eWar deine Mutter nicht in Rom gewesen?\u201c \u2013 und dieser versetzte: \u201enie, aber wohl mein Vater.\u201c<\/strong> Heute ist dieser Witz schon deshalb unverst\u00e4ndlich, weil man sich mit hochgestellten Herrschaften nicht mehr so auskennt. Es geht hier &#8211; wenn beide M\u00e4nner Halbbr\u00fcder sind \u2013 um die Frage, wessen Mutter dann das uneheliche Kind hatte. Etwas verzwickt. Dennoch zitieren diesen Witz, leicht modernisiert, noch Sigmund Freud und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a> als Vorbild f\u00fcr eine gelungene Auslassung.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eIch habe mich gestern mit meinem Mann gestritten.\u201c \u201eUnd wer hat gewonnen?\u201c \u201eDer Juwelier.\u201c<\/strong> Das ist doch wenigstens auf Anhieb zu begreifen, auch wenn hier ebenfalls viel ausgelassen worden ist. Aber das Ende ist bekannt (\u201eDer Juwelier\u201c), und die L\u00fccke schlie\u00dfen wir intuitiv.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Eine amerikanische Fluggesellschaft bot in einer Werbeaktion allen Ehefrauen an, ihre M\u00e4nner auf Gesch\u00e4ftsreisen zu begleiten \u2013 zum halben Preis. Sp\u00e4ter wurden alle Frauen, die das Angebot genutzt hatten, schriftlich gefragt, wie ihnen die Reise gefallen habe. Die Antworten lauteten alle gleich: \u201eWelche Reise?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es ist weniges so peinlich wie der Augenblick, da man zugeben mu\u00df, als einziger nicht mitlachen zu k\u00f6nnen, weil man die Pointe verpa\u00dft hat. Beim R\u00e4tsel darf man scheitern, einen Witz aber mu\u00df man sofort mitkriegen, oder man hat verspielt. Man hat schon deshalb verspielt, weil man sp\u00e4ter nicht mehr lachen kann, wenn die Suche zu m\u00fchsam gewesen ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Hier blamiert sich hoffentlich nicht der geneigte Leser, sondern nur die dritte Dame, die unfreiwillig ein Geheimnis preisgibt: <strong>An einem hei\u00dfen Sommertag gehen drei Damen in der Anlage ihres Tennisclubs spazieren. Pl\u00f6tzlich geraten sie an einen Mann, der nackt im Gras liegt und, um nicht erkannt zu werden, schnell sein Gesicht bedeckt. Da sagt die eine Dame: \u201eIm ersten Moment dachte ich, es sei mein Mann, ist er aber nicht.\u201c \u201eDas h\u00e4tte ich dir gleich sagen k\u00f6nnen\u201c, meint die zweite. Die dritte Dame sieht noch mal kurz hin und sagt dann: \u201eDer ist \u00fcberhaupt nicht aus unserem Tennisclub.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 41\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (13): Ein Spiel mit doppelten B\u00f6den In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute im 14. Teil um Auslassungen, also um fehlende Teile, die intuitiv erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen, um einen Witz zu verstehen. 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