{"id":2632,"date":"2010-01-25T08:58:52","date_gmt":"2010-01-25T07:58:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2632"},"modified":"2010-01-25T08:58:52","modified_gmt":"2010-01-25T07:58:52","slug":"der-witzableiter-15-damit-sie-bitte-recht-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2632","title":{"rendered":"Der Witzableiter (15): Damit Sie bitte recht verstehen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2333\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (14): Pointen, die sich verdr\u00fcckt haben<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien,  geht es in der heutigen Folge um das Missverst\u00e4ndnis, die Mutter vieler Witze. Es ist das klassische Muster, das uns aufzeigt, wie Witze aufgebaut sind.<\/p>\n<p><em><strong>Bei der Zimmerwirtin klingelt ein junger Mann und sagt: \u201eIch m\u00f6chte zur Gabi.\u201c Die Wirtin: \u201eDie ist ausgezogen!\u201c \u201eDas macht nichts\u201c, sagt der junge Mann, \u201eich kenne sie gut.\u201c<\/strong> Das war wohl ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Alle Witze, die ich Ihnen heute biete, sind Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse. Davon gibt es Tausende. Man darf wohl sagen: Der typische Witz ist einfach ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eAnna, wenn Sie heute abend den Kalbskopf servieren, stecken Sie eine Zitrone ins Maul und Petersilie in die Ohren.\u201c \u201eMein Gott, gn\u00e4dige Frau, wie werd ich denn dann aussehen?\u201c<\/strong> Ein wenig haben wir diese Technik schon fr\u00fcher einmal, n\u00e4mlich beim unfreiwilligen Humor, kennengelernt. Da versteht auch manch einer falsch. So auch hier: <strong>\u201eBringen Sie mir Karpfen\u201c, sagt Graf Bobby zum Ober. \u201eDer Karpfen ist gestrichen.\u201c \u201eInteressant, in welcher Farbe denn?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Diese Technik bietet das klassische Muster eines Witzes: Es gibt zwei Bedeutungen, die sich bei\u00dfen, und wir als Witzh\u00f6rer sind die lachenden Dritten, die sich \u00fcber das Malheur am\u00fcsieren k\u00f6nnen. Sollten wir nicht bei diesem klassischen Muster am leichtesten erkennen k\u00f6nnen, wie Witze \u00fcberhaupt gebaut sind?<\/em><\/p>\n<p><em>Offenbar geh\u00f6ren zwei Bedeutungen oder Gedanken zu den unentbehrlichen Zutaten. Gew\u00f6hnlich hat man vom Kontrast gesprochen. <strong>\u201eWie geht es Ihnen, Herr Schmidt?\u201c \u201eAch, danke, es geht noch \u2013 einmal die Woche.\u201c \u201eIch meine, wie geht es zu Hause?\u201c \u201eZu Hause geht es gar nicht mehr.\u201c<\/strong> Da reden zwei aneinander vorbei. Halten wir also das Stichwort Kontrast fest. Aber wie mu\u00df er beschaffen sein, um komisch zu wirken? Da hat es viele Meinungen gegeben. Es sei der \u00dcbergang von etwas Gro\u00dfem zu etwas Kleinem, meinten einige Witzforscher. Der M\u00fcnchner Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Lipps\" target=\"_blank\">Theodor Lipps<\/a> meinte 1898 entdeckt zu haben, es handele sich immer um den Kontrast<\/em> \u201eder Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der Worte\u201c.<\/p>\n<p><em><strong>Ein Mann kommt in das Behandlungszimmer und nimmt seine Brille ab. \u201eNa, wo fehlt \u2019s denn\u201c; fragt der Augenarzt, \u201eist die Alte nicht mehr scharf genug?\u201c \u201eDas geht Sie \u00fcberhaupt nichts an\u201c, knurrt der Patient, \u201eich brauch \u2019ne neue Brille!\u201c<\/strong> Sollte es hier wirklich um Bedeutung und Bedeutungslosigkeit gehen?<\/em><\/p>\n<p><em>Der amerikanische Psychologe<\/em> John M. Willmann <em>schrieb 1940, es sei der Kontrast zwischen einer schockierenden und einer erfreulichen Sache. Das k\u00f6nnte schon eher zutreffen, etwa hier: <strong>Der kleine Xaver zieht mit der Kuh am Strick durchs Dorf. \u201eWo willst du denn hin damit?\u201c erkundigt sich der Pfarrer. \u201eIch mu\u00df die Kuh zum Stier zum Decken bringen\u201c, sagt er. \u201eKann das denn nicht dein Vater machen,\u201c fragt der Pfarrer besorgt. \u201eNein, das mu\u00df schon ein richtiger Stier machen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_15.jpg\" alt=\"Witzableiter (15)\" \/><\/p>\n<p><em>Schock und Erfreuliches? Ich glaube eher, das Vergn\u00fcgen liegt in uns und nicht in den dargestellten Dingen. Es hat viele Theorien gegeben, nur eine hat mir ganz eingeleuchtet. Sie stammt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emil_Kraepelin\" target=\"_blank\">Emil Kraepelin<\/a>, der mit kaum drei\u00dfig Jahren eine gro\u00dfe Abhandlung \u00fcber das Komische schrieb (1885) und der sp\u00e4ter ein Begr\u00fcnder der modernen Psychiatrie wurde. Er ist damit ein Gegenspieler von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> geworden, dessen Jahrgangsgenosse er war (beide wurden 1856 geboren und beide haben \u00fcber den Witz geschrieben). Bevor ich Ihnen sage, wie Kraepelin den Kontrast definiert hat, hier noch ein Beispiel, das wenigstens thematisch pa\u00dft:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eIch tr\u00e4ume immer wieder vom Gef\u00e4ngnis oder vom Friedhof.\u201c \u201eWaren Sie schon einmal in einer Nervenklinik?\u201c \u201eNoch nie \u2013 immer Gef\u00e4ngnis oder Friedhof.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Komisch wirke, meinte Kraepelin, der<\/em> \u201eunerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit der Gef\u00fchle erweckt.\u201c <em>Das ist es! Auf die Gef\u00fchle kommt es an. Den Kontrast selbst versucht Kraepelin klugerweise erst gar nicht zu definieren.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Nachbarinnen unterhalten sich. \u201eMein Mann ist heute zum Zeugen geladen worden.\u201c \u201eAch, das ist \u00fcberhaupt eine Idee! Meinen sollte ich auch mal laden lassen!\u201c<\/strong> Das war wieder etwas unpassend, aber immerhin, Gef\u00fchle weckt es. Kraepelin, dessen Theorie \u00fcbrigens allgemein abgelehnt wurde (auch von Lipps und Freud), meinte etwas derb m\u00fcsse es schon zugehen: komisch wirke gerade<\/em> \u201edie gewaltsame Vereinigung recht disparater Vorstellungen\u201c. <em><strong>Zwei Herren kommen in der Bar ins Gespr\u00e4ch. \u201eWissen Sie, ich hatte mit meiner Frau vor der Ehe gar nichts. Und Sie?\u201c Der andere \u00fcberlegt. \u201eKeine Ahnung\u201c, sagt er dann, \u201ewie war denn ihr M\u00e4dchenname?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube, mehr ist nicht zu sagen als dies: ein Kontrast, der unsere Gef\u00fchle hervorruft. <strong>Vater zum Sohn: \u201eF\u00fcr so ein schlechtes Zeugnis m\u00fc\u00dfte es eigentlich Pr\u00fcgel geben!\u201c \u201eGenau\u201c, sagt der Junge, \u201eich wei\u00df auch wo der Lehrer wohnt\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Etwas anders als Kraepelin hat es <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a> gesagt, der meinte, zum Kontrast m\u00fcsse noch<\/em> \u201eein Tropfen Adrenalin\u201c <em>hinzukommen. Damit die Gef\u00fchle aufwallen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der junge Mann zum Vater seiner Auserw\u00e4hlten: \u201eIch m\u00f6chte Ihre Tochter heiraten.\u201c \u201eWaren Sie schon bei meiner Frau?\u201c \u201eNein, aber offen gestanden, ich m\u00f6chte lieber Ihre Tochter heiraten.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 42\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (14): Pointen, die sich verdr\u00fcckt haben In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es in der heutigen Folge um das Missverst\u00e4ndnis, die Mutter vieler Witze. Es ist das klassische Muster, das uns aufzeigt, wie Witze aufgebaut sind. 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