{"id":2782,"date":"2010-03-05T00:01:02","date_gmt":"2010-03-04T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2782"},"modified":"2010-10-01T09:36:13","modified_gmt":"2010-10-01T08:36:13","slug":"der-witzableiter-16-oh-schreck-lach%e2%80%99-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2782","title":{"rendered":"Der Witzableiter (16): Oh Schreck, lach\u2019 nach"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2632\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (15): Damit Sie bitte recht verstehen<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien,  geht es heute um absichtliche Missverst\u00e4ndnisse. Dahinter verbirgt sich eine gewisse Bosheit, wenn man den Gegen\u00fcber bewusst zu missverstehen trachtet. Au\u00dferdem erfahren wir heute etwas zur Theorie des Lachens. Viel Spa\u00df!<\/p>\n<p><strong><em>\u201eNa, h\u00f6ren Sie mal, das ist doch wohl der Gipfel der Unversch\u00e4mtheit!\u201c tobt der Kollege, \u201eich erz\u00e4hle Ihnen, da\u00df meine Frau ein Baby erwartet, und Sie fragen, von wem!\u201c \u201eNun, regen Sie sich doch nicht auf\u201c, versucht der andere ihn zu beruhigen, \u201eich dachte ja nur, Sie w\u00fc\u00dften es.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Das letzte Mal habe ich den Tropfen Adrenalin erw\u00e4hnt, der in jedem Witz enthalten sein sollte. Jetzt, wo wir uns den Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen zuwenden, die mit voller Absicht herbeigef\u00fchrt werden, kommen die Gef\u00fchle noch eher in Gang.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Bei der gro\u00dfen Abendeinladung ziert sich der Operettentenor erst noch, aber dann gibt er doch eine Arie zum besten. Gro\u00dfer Beifall. Die Hausfrau kommt mit Sekt, und der Tenor meint zufrieden: \u201eSchlie\u00dflich habe ich ja meine Stimme auch mit hunderttausend Mark versichern lassen.\u201c \u201eNicht m\u00f6glich\u201c, staunt die Gastgerberin, \u201eund jetzt will die Versicherung nicht zahlen, was?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Es ist, wir bemerken es nebenbei, nicht der Doppelsinn von Worten, der hier das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis nahe legte. Im Gegenteil, das boshafte Gegen\u00fcber erlaubt es sich, die ganze Botschaft mit Gewalt anders aufzufassen. <strong>\u201eNa, Herr Meyer, wie ist denn Ihr Proze\u00df ausgegangen?\u201c \u201eWie zu erwarten \u2013 die gerechte Sache hat gesiegt!\u201c \u201eO, das tut mir aber leid f\u00fcr Sie.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Manchmal kann sich der Mi\u00dfversteher aber auch auf einen Doppelsinn berufen. <strong>\u201eF\u00fcr meinen letzten Hit habe ich zwanzigtausend Mark gekriegt.\u201c \u201eSie \u00c4rmster\u201c, sagt der Kritiker, \u201ehaben Sie die bezahlt oder abgesessen?\u201c<\/strong> Die Machart kommt auch im Alltag vor, man kann sich ja leicht d\u00fcmmer anstellen, als man ist.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Das Starlet kommt aus den Ferien zur\u00fcck. \u201eDu glaubst gar nicht\u201c, sagt sie stolz zu einer Kollegin, \u201ewie ich umschw\u00e4rmt worden bin.\u201c \u201eJa, ja\u201c, entgegnet die andere, \u201ewir hatten hier auch eine furchtbare M\u00fcckenplage.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Diese Witzkategorie \u201eAbsichtlich mi\u00dfverstanden\u201c biete uns Gelegenheit, der Frage nachzugehen, wie eigentlich das Lachen entsteht. Zwei Theorien haben, soviel ich sehe, die meisten Anh\u00e4nger gefunden. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herbert_Spencer\" target=\"_blank\">Herbert Spencer<\/a>, ein englischer Philosoph, begann als Ingenieur, war dann Journalist und ver\u00f6ffentlichte mit vierzig Jahren 1860 eine Abhandlung \u00fcber das Lachen. Zu dessen Erkl\u00e4rung verwendete er den modernsten Begriff der damaligen Naturwissenschaft: den Begriff der Energie. Beim Lachen, meinte er, werde psychische Energie abgef\u00fchrt, die der K\u00f6rper nicht mehr braucht.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_16.jpg\" alt=\"Witzableiter (16)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Im Oberhaus begegnen sich zwei Lords auf dem Korridor. \u201eWie ich h\u00f6re\u201c, sagt der eine, \u201ewaren Sie gezwungen, Ihre Gattin zu beerdigen, mein armer Freund.\u201c \u201eJa\u201c, seufzt der andere, \u201ewas sollte ich tun? Sie war tot &#8230;\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Spencer meinte, was sich sp\u00e4ter als Witz herausstellte, wirke zuerst einmal alarmierend auf uns. Stelle sich der Schrecken als unbegr\u00fcndet heraus, so lache man die \u00fcberfl\u00fcssige Energie weg. Aber, psychische Energie? Gibt es so was \u00fcberhaupt? Der Ausdruck selbst ist heute \u00fcberholt.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u201eMein Lieber, leihen Sie mir doch hundert Mark, Sie bekommen sie morgen zur\u00fcck. Sie haben das Wort eines Ehrenmannes.\u201c \u201eGut, aber wo ist der Ehrenmann?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die andere Herleitung des Lachens hat ebenfalls Tradition. Schon <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\" target=\"_blank\">Immanuel Kant<\/a> hat sie von Vorg\u00e4ngern \u00fcbernommen. Kant meinte ja (das habe ich Ihnen schon mal erz\u00e4hlt), da\u00df beim Verstehen eines Witzes sozusagen in unserem Kopf ein Hin und Her stattfindet. Aus dieser Bewegung ergebe sich, meinte Kant, schlie\u00dflich das Lachen. Erst seien die Gedanken in Bewegung, danach die Gef\u00fchle, dann die Eingeweide und das Zwerchfell, so da\u00df schlie\u00dflich<\/em> \u201edie Lunge die Luft mit schnell aneinander folgenden Abs\u00e4tzen ausst\u00f6\u00dft und so eine der Gesundheit zutr\u00e4gliche Bewegung bewirkt.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>\u201eSieht nach Regen aus\u201c, sagt die Wirtin, als sie dem Gast den Kaffee auf den Fr\u00fchst\u00fcckstisch stellt. \u201eAber wenn man genau hinsieht\u201c, meint der Gast, \u201emerkt man doch, da\u00df es Kaffee sein soll.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die Ansicht Kants, das Lachen habe seinen Ursprung im gedanklichen Kontrast des Witzes, hat auch der Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Theodor_Vischer\" target=\"_blank\">Friedrich Theodor Vischer<\/a> 1837 in seiner \u00c4sthetik aufgegriffen. Wir erkennten diesen Kontrast, meinte er,<\/em> \u201ebem\u00fchen uns, den Widerspruch zu reimen, und es geht nicht: es geht nicht, und wir versuchen es doch wieder, und diese An- und Abspannung erzeugt das fr\u00f6hliche Gel\u00e4chter.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Das altgewordene Liebespaar sitzt auf dem Sofa. \u201eIch finde\u201c, sagt die Frau, \u201ewir sollten doch noch heiraten.\u201c \u201eDas finde ich auch\u201c, sagt ihr Freund, \u201eaber wer w\u00fcrde uns denn noch nehmen?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>An diesem Beispiel kann man sich klarmachen, da\u00df Spencer durchaus recht hat mit der Annahme, erst sei da ein Schrecken, der im Lachen abflie\u00dfe. Aber auch Kants Ansicht leuchtet uns hier ein: Man geht zwischen den Positionen hin und her und kann in die Ersch\u00fctterung des Lachens geraten. Das zeigt, finde ich, da\u00df beide Theorien sich keinesfalls ausschlie\u00dfen. Es ist sogar sinnvoll, sie zu kombinieren.<\/p>\n<p><strong><em>Bei einem Presseempfang sagt Goebbels zu einem amerikanischen Korrespondenten: \u201eWenn Ihr Roosevelt eine SS h\u00e4tte, g\u00e4be es bei Ihnen keine Gangster mehr.\u201c \u201eGewiss\u201c, antwortet der Amerikaner, \u201edie w\u00e4ren l\u00e4ngst Standartenf\u00fchrer.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 43\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (15): Damit Sie bitte recht verstehen In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um absichtliche Missverst\u00e4ndnisse. Dahinter verbirgt sich eine gewisse Bosheit, wenn man den Gegen\u00fcber bewusst zu missverstehen trachtet. Au\u00dferdem erfahren wir heute etwas zur Theorie des Lachens. 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