{"id":2898,"date":"2010-04-10T16:37:24","date_gmt":"2010-04-10T15:37:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2898"},"modified":"2010-04-10T16:37:24","modified_gmt":"2010-04-10T15:37:24","slug":"der-witzableiter-17-das-mitleid-beim-eigentor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2898","title":{"rendered":"Der Witzableiter (17): Das Mitleid beim Eigentor"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2782\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (16): Oh Schreck, lach\u2019 nach<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, geht es heute um die ber\u00fchmten \u201aEigentore\u2019, die meist Schadenfreude ausl\u00f6sen, aber durchaus auch eine Mischung aus Schadenfreude und Mitleid hervorrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Der Patient gesteht dem ber\u00fchmten Professor, er sei vorher bei einem Heilpraktiker gewesen. Der Professor h\u00f6hnisch: \u201eDa bin ich aber mal gespannt, welchen Unsinn der ihnen empfohlen hat.\u201c Der Patient: \u201eEr hat mich zu Ihnen geschickt.\u201c<\/strong> So was z\u00e4hlt man wohl zu den Eigentoren. Um die soll es diesmal gehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Und noch ein anderes Thema steht auf dem Programm: die Gef\u00fchle, die ein Witz in uns weckt. Schlie\u00dflich bestimmen sie die Wirkung. Wenn das so ist, was haben Sie denn eben gef\u00fcllt, als der Professor reinfiel? Schadenfreude? Ja, geben wir es nur zu. Dieses Gef\u00fchl ist recht verp\u00f6nt, aber heimlich genie\u00dft man es doch. Bleibt nur die Frage, wie der Witz das macht, da\u00df ein verp\u00f6ntes Gef\u00fchl genie\u00dfbar wird.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Oberkellner beobachtet sei Tagen, wie ein Hotelgast das Besteck am Tischtuch putzt. \u201eIch m\u00f6chte Sie h\u00f6flich bitten, das zu unterlassen\u201c, sagt er, \u201eerstens ist das Besteck sowieso sauber und zweitens machen Sie damit nur das Tischtuch schmutzig.\u201c<\/strong> In jedem Witz wird ein verbotenes Gef\u00fchl annehmbar, wird ein verdr\u00e4ngter Wunsch pl\u00f6tzlich zur Lust. Wie macht der Witz das? Ich glaube, wenn wir diese Frage zu beantworten w\u00fc\u00dften, h\u00e4tten wir das R\u00e4tsel der komischen Wirkung aller Witze gel\u00f6st. Versuchen wir es. Mein Vorschlag w\u00e4re: Der Trick liegt darin, da\u00df das verp\u00f6nte Gef\u00fchl mit einem ehrenvollen kombiniert wird. Hier w\u00e4re das die Kombination von Schadenfreude und Mitleid. Ein paradoxes Miteinander.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Gast winkt den Wirt herbei und zeigt auf seinen Teller: \u201eIch habe aber schon bessere Steaks gegessen.\u201c Darauf der Wirt: \u201eAber nicht bei mir!\u201c<\/strong> Wirklich, reine Schadenfreude empfinden wir gar nicht, schlie\u00dflich hat der Wirt uns ja auch nichts getan. Darum haben wir f\u00fcr ihn auch Mitleid. Und genau diese Verbindung erzeugt in uns die komische<\/em> \u201eAmbivalenz der Gef\u00fchle\u201c, <em>die man dem Witz nachsagt. Diese Ambivalenz w\u00e4re also, meine ich, genauer gesagt, eine paradoxe Paarung gegens\u00e4tzlicher Gef\u00fchle.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Richter zum Kl\u00e4ger: \u201eW\u00fcrden Sie einr\u00e4umen, da\u00df der Beklagte Sie nur im Augenblick h\u00f6chster Erregung ein \u201abl\u00f6des Hornvieh\u2019 genannt hat?\u201c \u201eNein, Herr Richter, er hat mich vorher genau angesehen.\u201c<\/strong> Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Witze ganz verschiedene Gef\u00fchle hervorrufen. Ich behaupte nur, da\u00df diese Gef\u00fchle immer in paradoxen Gegensatz-Paaren auftreten. Ein weiteres solches Paar, das wir bei der Wirkung der Eigentor ausmachen k\u00f6nnen, ist Achtung\/Verachtung. Die Personen, die wir reinfallen sehen, treten zun\u00e4chst respektheischend auf, sonst k\u00f6nnten wir auch gar nicht \u00fcber ihren Reinfall lachen. W\u00e4hrend die Stimmung umkippt, bekommt unsere Achtung den Beigeschmack von Verachtung. Das kann auch unfreiwillig geschehen.<\/em> <em><strong>Eine Frau lie\u00df auf den Grabstein ihres Mannes die Worte setzen: \u201eRuhe in Frieden \u2013 bis wir uns wiedersehen.\u201c<\/strong> Hier kippt die Andacht in Aggression um.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Kunde im Ehe-Institut: \u201eReich braucht sie nicht zu sein, das bin ich selbser. T\u00fcchtig braucht sie nicht zu sein, das bin ich selber. Gescheit braucht sie nicht zu sein, das bin ich selber. Aber anst\u00e4ndig mu\u00df sie sein!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die Witze aus der Kategorie \u201eEigentore\u201c, die heute unsere Beispiele bilden, sind ziemlich offen aggressiv. Aggression ist ein Element vieler Witze. Man kann den Witz sogar definieren als \u201eerlaubte Aggression\u201c. Wahrscheinlich schlummert ein unterdr\u00fcckter Wunsch nach Aggression in jedem Menschen. Diesen Wunsch lebt man im Alltag nicht aus, weil das f\u00fcr einen selbst gef\u00e4hrlich w\u00e4re. Um sich zu bremsen, sagt man sich: Ich mu\u00df mitf\u00fchlend und gerecht sein! Der Witz, so scheint es, wei\u00df dennoch einen Ausweg. Er ist so eingerichtet, da\u00df er unsere Forderung an uns selbst, mitf\u00fchlend und gerecht zu sein, erh\u00e4lt, und gerade dadurch den Wunsch nach Aggression erf\u00fcllen kann. Damit leistet der Witz ein fast paradoxes Kunstst\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_17.jpg\" alt=\"Witzableiter (17)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Ein alter Junggeselle, steinreich und schwerh\u00f6rig, kommt sp\u00e4t nach Hause. Sein Diener, der lange auf ihn hat warten m\u00fcssen, hilft ihm aus dem Mantel und murmelt: \u201eNa, du stocktauber alter Schweren\u00f6ter, wieder bei den Weibern gewesen und das Geld verspielt?\u201c \u201eNein, Johann, in der Stadt gewesen, H\u00f6rapparat gekauft.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Jetzt sind unsere Beispiele noch etwas komplizierter geworden, denn es gibt nun zwei Hauptpersonen. Da wechseln unsere Gef\u00fchle so schnell zwischen beiden, da\u00df wir kaum mitkommen. Noch vielf\u00e4ltiger treten die Gegensatz-Paare hier auf: <strong>\u201eHerr Stabsarzt\u201c, sagt der Eingezogene bei der Musterung, \u201eich bin fast blind.\u201c \u201eLesen Sie laut vor, was auf der Tafel steht\u201c, befiehlt der Stabsarzt. \u201eAuf was f\u00fcr einer Tafel\u201c, fragt der Eingezogene, \u201eich sehe keine.\u201c \u201eSehr gut\u201c, donnert der Arzt, \u201eist auch keine da. Tauglich!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Halten wir fest: Die Gef\u00fchle, die ein Witz hervorruft, treten als Gegensatz-Paare auf. Das eine Gef\u00fchl erf\u00fcllt einen latenten Wunsch, das andere legitimiert ihn. Wir aber genie\u00dfen die Wunscherf\u00fcllung und sind von der Ambivalenz hin und hergerissen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Eine junge Frau geht regelm\u00e4\u00dfig zum Arzt, der aber nichts finden kann. Dann kommt sie vier Wochen nicht mehr. Als sie wieder da ist, fragt der Arzt: \u201eWarum waren Sie so lange nicht da?\u201c \u201eIch konnte nicht\u201c, erkl\u00e4rte die Frau, \u201eich war krank.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>In unser Vergn\u00fcgen an dieser armen Frau mischt sich jetzt sogar Hochmut. Auch ein gef\u00fchl, das wir uns meist nicht erlauben. Aber genug des Kommentars. Die Lektion ist schon kopflastig genug.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eEin Patient fragt den Chirurgen: \u201eWird die Operation sehr teuer, Herr Doktor?\u201c \u201eSo beruhigen Sie sich doch! \u00dcberlassen Sie dies Sorge doch getrost Ihren Erben.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 44\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (16): Oh Schreck, lach\u2019 nach In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um die ber\u00fchmten \u201aEigentore\u2019, die meist Schadenfreude ausl\u00f6sen, aber durchaus auch eine Mischung aus Schadenfreude und Mitleid hervorrufen k\u00f6nnen. 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