{"id":3344,"date":"2010-09-08T10:18:27","date_gmt":"2010-09-08T09:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3344"},"modified":"2010-09-07T08:32:05","modified_gmt":"2010-09-07T07:32:05","slug":"der-witzableiter-18-den-konnen-sie-echt-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3344","title":{"rendered":"Der Witzableiter (18): Den k\u00f6nnen Sie echt vergessen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=2898\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (17): Das Mitleid beim Eigentor<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Nein, die Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien,  habe ich nicht vergessen. Nach fast f\u00fcnf Monaten hier endlich der n\u00e4chste Teil. Heute geht es u.a. um die Frage, warum wir Witze immer wieder vergessen. Hier eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p><em><strong>\u201eSagen Sie, was ist Chuzpe?\u201c \u201eDas ist jiddisch und hei\u00dft Frechheit. Chuzpe ist es, wenn ein Mann, der verurteilt werden soll, weil er Vater und Mutter erschlagen hat, um ein mildes Urteil bittet, denn er sei schlie\u00dflich Vollwaise.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Auf deutsch gesagt, Frechheit siegt. Solch ein Erfolg l\u00f6st in uns mal wieder recht gegens\u00e4tzliche Gef\u00fchle aus, ich vermute: Emp\u00f6rung und Bewunderung zugleich. <strong>Der zum Tode Verurteilte wartet auf die Hinrichtung. Ein Priester kommt in seine Zelle. \u201eMann Gottes\u201c, schreit der Delinquent, \u201ewas soll ich mich lange mit Ihnen abgeben, in einer Stunde stehe ich vor Ihrem Chef pers\u00f6nlich!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Mal zwischendurch eine ganz andere Frage: Warum k\u00f6nnen Sie eigentlich keine Witze behalten? Das haben Sie sich wahrscheinlich auch schon mal gefragt. Heute werden Sie darauf vielleicht eine Antwort bekommen. Ob Sie diesen hier auch vergessen werden?<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Student wird in Zoologie gepr\u00fcft. Der Professor hat neben sich einen Vogelk\u00e4fig, der aber so zugedeckt ist, da\u00df man nur die Krallen des Vogels sieht. \u201eWas f\u00fcr ein Vogel ist das?\u201c will der Professor wissen. \u201eDa mu\u00df ich schon mehr zu sehen bekommen\u201c, sagt der Student. \u201eDurchgefallen!\u201c donnert der Pr\u00fcfer. Als der Student schon an der T\u00fcr steht, ruft der Professor: \u201eWelcher von den Kandidaten sind Sie \u00fcberhaupt?\u201c Da zieht der Student ein Hosenbein hoch und sagt: \u201eRaten Sie mal.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube, in unseren Tagtr\u00e4umen sind wir oft solche Helden. Aber im Alltag haben wir Angst davor, so k\u00fchn zu sein. Da tritt unsere Abwehr auf den Plan, und wir sagen uns: \u201eSo darf man nicht sein. Das tut man nicht!\u201c Mit dieser Ambivalenz der Gef\u00fchle h\u00f6ren wir dann auch solche Witze, mit Bewunderung und Emp\u00f6rung. <strong>Der gro\u00dfe Therapeut zum Patienten: \u201eAls erstes mu\u00df ich Ihnen sagen, da\u00df eine Konsultation bei mir hundert Mark kostet.\u201c \u201eIch wei\u00df\u201c, sagt der Patient resigniert. \u201eZweitens: F\u00fcr dieses Honorar kann ich Ihnen nur zwei Fragen beantworten.\u201c \u201eHundert Mark f\u00fcr zwei Antworten \u2013 finden Sie das nicht etwas teuer?\u201c \u201eMag sein\u201c, antwortet der Therapeut, \u201eund wie lautet Ihre zweite Frage?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Jeder gute Witz scheint (Sie erinnern sich) zwei gegens\u00e4tzliche Gef\u00fchle in uns zu wecken. Meist sind es Lust und Angst. Hier handelt es sich, genauer gesagt, um Bewunderung und Emp\u00f6rung. <strong>\u201eVerflucht\u201c, schreit der Ehemann, \u201edu k\u00fc\u00dft mich nur, wenn du Geld brauchst!\u201c \u201eNa\u201c, sagt sie, \u201eist das etwa nicht oft genug?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Eigentlich antwortet man so nicht, obwohl wie es alle k\u00f6nnen m\u00f6chten. Unsere Einsicht in diese Ambivalenz pa\u00dft gut zu einer Grundannahme der Psychoanalyse. Kaum eine Lehre <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Freuds<\/a> hat sich so best\u00e4tigt wie die von den Abwehrmechanismen. Die treten in Aktion, wenn ein Wunsch in uns unterdr\u00fcckt werden soll, weil seine Ausf\u00fchrung zu gef\u00e4hrlich w\u00e4re. Auf unser Beispiel angewendet: den Wunsch nach Frechheit (nach Chuzpe) unterdr\u00fccken wir, indem wir den Gegen-Impuls entwickeln, immer korrekt sein zu wollen. Was sich dieser Sch\u00fcler leistet, lehnen wir daher ab (und bejubeln es heimlich): <strong>Der Lehrer hat einen Verdacht. \u201eOliver, du hast dieselben vierzehn Fehler im Diktat wie dein Nebenmann. Wie kannst du mir das erkl\u00e4ren?\u201c Oliver \u00fcberlegt und sagt dann: \u201eWir haben schlie\u00dflich auch denselben Lehrer!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_18.jpg\" alt=\"Witzableiter (18)\" \/><\/p>\n<p><em>Einer von Freuds Abwehrmechanismen ist sprichw\u00f6rtlich geworden, n\u00e4mlich das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verdr%C3%A4ngung_%28Psychoanalyse%29\" target=\"_blank\">Verdr\u00e4ngen<\/a>. Eine andere Art der Abwehr hei\u00dft <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reaktionsbildung\" target=\"_blank\">Reaktionsbildung<\/a>. Das ist unser Versuch, einen Wunsch, der uns Angst macht, dadurch abzublocken, da\u00df wir ihm einen gegenteiligen Impuls entgegenstellen. Und genau in dieser Situation, so meine ich, trifft uns ein guter Witz \u2013 wenn er uns trifft.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Gast: \u201eSagen Sie mal, Herr Ober, ist das Schweinefleisch oder Kalbsfleisch?\u201c Ober: \u201eK\u00f6nnen Sie das denn nicht unterscheiden?\u201c Gast: \u201eNein.\u201c Ober: \u201eDann kann es Ihnen ja auch egal sein.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Wenn wir die Lehre von den Abwehrmechanismen auf den Witz anwenden (das hat bisher noch niemand versucht), dann k\u00f6nnen wir sagen: ein Witz weckt in uns einen verdr\u00e4ngten Wunsch (z.B. den nach Chuzpe) und befriedigt zugleich unsere Abwehr, also den Gegen-Impuls (hier also den Wunsch, korrekt zu sein und nicht zu provozieren). Ja, auch der Gegen-Wunsch geht in Erf\u00fcllung, denn im Witz riskieren wir ja nichts, es passiert uns nichts, wir brauchen keine Angst zu haben.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>W\u00e4hrend der Auff\u00fchrung der \u201eR\u00e4uber\u201c unterh\u00e4lt sich ein Besucher ziemlich laut mit seiner Frau. Dar\u00fcber beschwert sich sein Nachbar: \u201eSo seinen Sie doch endlich still, man kann ja kein Wort von der B\u00fchne verstehen!\u201c Ein vernichtender Blick trifft ihn: \u201eEin gebildeter Mensch kennt die R\u00e4uber.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Haben Sie, verehrte Leser, vielleicht auf ihre Reaktion geachtet? Es k\u00f6nnte sein, da\u00df Sie zuerst einen kleinen Schrecken bekommen haben und sich dann doch heimlich auch \u00fcber die verbotene Frechheit freuen konnten.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Der Bankr\u00e4uber schiebt dem Kassierer einen Zettel zu: \u201eAlles Geld in die Tasche packen. Aber dalli!\u201c Der Bankangestellte nimmt den Zettel, schreibt etwas auf die R\u00fcckseite und schiebt den Zettel wieder zur\u00fcck. Der R\u00e4uber liest: \u201eBinden Sie sich mal Ihren Schlips ordentlich. Sie werden n\u00e4mlich gerade fotografiert.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>All diese Witze werden Sie wieder vergessen. Und nun wissen sie auch, warum das so ist. Weil die verbotenen W\u00fcnsche, die im Witz pl\u00f6tzlich wieder da sind, gleich wieder verdr\u00e4ngt werden m\u00fcssen. Auch den hier k\u00f6nnen Sie echt vergessen:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher diskutieren \u00fcber das Christentum. Endlich sagt der Katholik beg\u00fctigend: \u201eWir dienen schlie\u00dflich beide dem gleichen Herrn. Sie auf Ihre Weise \u2013 und ich auf seine.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 45\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (17): Das Mitleid beim Eigentor Nein, die Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, habe ich nicht vergessen. Nach fast f\u00fcnf Monaten hier endlich der n\u00e4chste Teil. Heute geht es u.a. um die Frage, warum wir Witze immer wieder vergessen. 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