{"id":3451,"date":"2010-10-04T11:03:33","date_gmt":"2010-10-04T10:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3451"},"modified":"2010-10-04T17:59:41","modified_gmt":"2010-10-04T16:59:41","slug":"daher-der-name-bratkartoffel-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3451","title":{"rendered":"Daher der Name Bratkartoffel (3)"},"content":{"rendered":"<p><em>In der Stilistikstunde hat sie gelernt: Einen hinter die Binde gie\u00dfen. HK hat erkl\u00e4rt, da\u00df diese Redensart aus den 20er Jahren stammt. Genau so wie Ausgerechnet Bananen. Genau so wie Du kriegst die T\u00fcr nicht zu. Genau so wie Einen \u00fcber den Durst trinken. ER flicht ein: Eins. HK besteht ganz hart darauf, da\u00df es hei\u00dfe: Einen \u00fcber den Durst trinken. Und f\u00e4hrt fort mit Beispielen wie Au Backe, Weg vom Fenster.<\/em><\/p>\n<p>aus Martin Walser: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499248778?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499248778\" target=\"_blank\">Leben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499248778\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\nTagebuch 1973, Seite 613 \u2013 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009<\/p>\n<p>ER ist Walser selbst, HK einer der Professoren des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Middlebury_College\" target=\"_blank\">Middlebury College<\/a> in Vermont, wo Martin Walser 1973 als Gastdozent t\u00e4tig war. Wer sich mit Sprache und wer sich mit Literatur besch\u00e4ftigt, kommt an Redensarten nicht vorbei. Will man eine Fremdsprache m\u00f6glichst gut beherrschen, so muss man besonders ihre Redensarten kennen.<\/p>\n<p>Martin Walser beschreibt hier eine Szene w\u00e4hrend eines Deutsch-Seminars. Selbst hat er immer wieder seinen Protagonisten solche Redensarten in den Mund gelegt. In seinem Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3160\" target=\"_blank\">Halbzeit<\/a> l\u00e4sst er den Gehilfe eines Friseurs immer wieder \u201eAusgerechnet Bananen\u201c sagen, eine Redensart, die Unmut kund tun soll, also ein Ausdruck von Entt\u00e4uschung ist. Eigentlich l\u00e4sst sich hiermit aber auch alles andere, also nichts Bestimmtes sagen.<\/p>\n<p>Dieser Ausspruch stammt aus einem Schlager aus den 20er Jahren. Dort hei\u00dft es im Refrain: <a href=\"http:\/\/ingeb.org\/songs\/yeswehav.html\" target=\"_blank\">Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir<\/a>. Im Original hei\u00dft das \u00fcbrigens: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Yes!_We_Have_No_Bananas\" target=\"_blank\">Yes! We have no bananas, We have no bananas today<\/a>. Das Lied entstammt aus einer Broadway-Revue aus dem Jahre 1922. Die deutsche Version &#8222;Ausgerechnet Bananen&#8220; findet sich dann in Billy Wilders 1961 gedrehter Filmkom\u00f6die One, Two, Three (dt. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eins,_Zwei,_Drei\" target=\"_blank\">Eins, Zwei, Drei<\/a>) noch einmal.<\/p>\n<p>Walser hat sich \u00f6fter mit Redensarten besch\u00e4ftigt. Es hat das ebenfalls in seinem Roman &#8222;Halbzeit&#8220; 1960 am Beispiel des Modeworts &#8222;Pattern&#8220; sehr sch\u00f6n beschrieben, wie eine solche Redensart zustande kommen kann. Ganz einfach: Einer &#8222;erfindet&#8220; sie, ganz zuf\u00e4llig, und die anderen plappern sie nach&#8230;.&#8220;: <em>&#8222;Pattern war um Weihnachten herum aufgetaucht. Edmund brachte immer W\u00f6rter, um die man ihn beneidete, weil diese W\u00f6rter einem sofort als unersetzlich erschienen. Man glaubte, es habe immer schon ein Bed\u00fcrfnis gerade nach diesen W\u00f6rtern bestanden. Wenn Edmund auf einen Teppich zeigte und fragte: wie gef\u00e4llt dir dieses Pattern? dann wagte man kaum mehr an Muster zu denken &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Aber, um bei Martin Walser zu bleiben, er hat auch selbst Redensarten gepr\u00e4gt. F\u00fcr Walser <a href=\"http:\/\/www.redensarten-index.de\/suche.php?suchbegriff=~~die%20Moralkeule%20einsetzen&#038;bool=relevanz&#038;suchspalte%5B%5D=rart_ou\" target=\"_blank\">setzt jemand die Moralkeule ein<\/a>, der Moral als Waffe benutzt, z.B. bei einer Diskussion moralisch-sittlich argumentiert, um den Gegner zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Die Liste, allein mit Beispielen anhand des Schriftstellers Martin Walser, lie\u00dfe sich beliebig verl\u00e4ngern. So am Schluss dann noch folgendes interessante Beispiel aus Walsers Buch <em>\u201eAus dem Wortschatz unserer K\u00e4mpfe\u201c<\/em> (D\u00fcsseldorf 1971, Reinbek bei Hamburg, 1981 &#8211; S. 7-12, hier S. 9), wo er in sieben mehrseitigen \u201eSzenen\u201c die Brutalit\u00e4t zwischenmenschlicher Beziehungen durch Dutzende von zeichenhaften <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Phraseologismus\" target=\"_blank\">Phraseologismen<\/a> anprangert (aus dem Text <em>\u201eKampf mit einem \u00dcberlegenen, der nichts h\u00f6rt\u201c<\/em>):<\/p>\n<p><em>Menschenskind, Ihnen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sie sollen mich mal von der anderen Seite kennenlernen. Und nicht zu knapp. Ihnen werde ich mal zeigen, was ne Harke ist. Sie haben bei mir verschissen bis in die Steinzeit. Da\u00df das klar ist. Sie mach ich ja so zur Sau. Sie werden sich wundern. Ihnen wird H\u00f6ren und Sehen vergehen, das versprech ich Ihnen. Sie werden alle Engel singen h\u00f6ren, da k\u00f6nnen Sie Gift drauf nehmen. Ihnen wird der Arsch auf Grundeis gehen, das d\u00fcrfen Sie mir glauben. Sie pfeifen aus dem letzten Loch. Mit Ihnen werde ich Schlitten fahren. Mann, mit Ihnen mach ich kurzen Proze\u00df. Sie mach ich fertig bis auf die Knochen, kurz und klein schlag ich Sie, dann werden Sie schon sehen. Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Was zu weit geht, das geht nicht. Da k\u00f6nnen Sie machen, was sie wollen. Mit mir nicht. Nicht mit mir. Das kann ich Ihnen sagen. Das k\u00f6nnen Sie sich gesagt sein lassen. Ein f\u00fcr alle Mal. Wo k\u00e4men wir denn da hin.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens:<\/strong> Ein erster Entwurf hierzu findet sich in \u201eLeben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973\u201c \u2013 Tagebuch 1968, S. 299 \u2013 305 unter:<\/p>\n<p><em>Wortschatz. Der \u00dcberlegene h\u00f6rt nichts. Wortgefecht &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Anmerkung zum Text:<\/em> Wortschatz: \u201eAus dem Wortschatz unserer K\u00e4mpfe. Szenen.\u201c Zun\u00e4chst als H\u00f6rspiel (gesendet im WDR, 22.10.1969), dann als Theaterst\u00fcck f\u00fcr vier Personen verfa\u00dft, Urauff\u00fchrung unter dem Titel \u201eEin reizender Abend\u201c im Th\u00e9\u00e0tre des Casemats, Luxemburg, am 10.7.1972. Der Text ist ein erster Entwurf der ersten Szene.<\/p>\n<p>siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3264\" target=\"_blank\">Daher der Name Bratkartoffel (1)<\/a><br \/>\nsiehe auch: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3322\" target=\"_blank\">Daher der Name Bratkartoffel (2)<\/a><\/p>\n<p>und \u00e4hnliche Beitr\u00e4ge:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=491\" target=\"_blank\">Deutsches W\u00f6rterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=850\" target=\"_blank\">Von Archaismen und Neologismen<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1062\" target=\"_blank\">Was ist ein Jackpot?<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1222\" target=\"_blank\">You need Zugzwang<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1283\" target=\"_blank\">Wenn der Amtsschimmel wiehert<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1286\" target=\"_blank\">Typisch deutsch: Gem\u00fctlichkeit<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1342\" target=\"_blank\">W\u00f6rterbuch der Szenesprache<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Stilistikstunde hat sie gelernt: Einen hinter die Binde gie\u00dfen. HK hat erkl\u00e4rt, da\u00df diese Redensart aus den 20er Jahren stammt. Genau so wie Ausgerechnet Bananen. Genau so wie Du kriegst die T\u00fcr nicht zu. Genau so wie Einen \u00fcber den Durst trinken. ER flicht ein: Eins. HK besteht ganz hart darauf, da\u00df es &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=3451\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Daher der Name Bratkartoffel (3)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15,3],"tags":[150,137,151,148,138],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3451"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3451"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3451\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}