{"id":3491,"date":"2010-10-12T10:10:18","date_gmt":"2010-10-12T09:10:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3491"},"modified":"2011-10-14T16:20:36","modified_gmt":"2011-10-14T15:20:36","slug":"martin-walser-leben-und-schreiben-tagebucher-1963-1973","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3491","title":{"rendered":"Martin Walser: Leben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973"},"content":{"rendered":"<p><em>Warum dieser Schmerz, mein Herz<br \/>\nwarum dieses Weh, meine<br \/>\nSeele, warum diese Schwere<br \/>\naller meiner Gedanken.<\/em><\/p>\n<p>aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\"><strong>Martin Walser<\/strong><\/a>: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499248778?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499248778\" target=\"_blank\">Leben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499248778\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\nTagebuch 1971, Seite 437 \u2013 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009<\/p>\n<p>Tageb\u00fccher, selbst die von erlesenen Schriftstellern, sind nicht jedermanns Sache. Die sind manchmal Literatur pur (wie bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Frisch\" target=\"_blank\">Max Frisch<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Frisch#Das_Tagebuch_als_literarische_Form\" target=\"_blank\">dessen Tageb\u00fccher<\/a> geradezu eine neue literarische Form begr\u00fcndeten) oder bei der Betrachtung und Beurteilung eines Schriftstellers unentbehrlich (wie bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka\" target=\"_blank\">Franz Kafka<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka#Tageb.C3.BCcher\" target=\"_blank\">dessen Tageb\u00fccher<\/a> dazu beitragen, sein eigentlich literarische Werk zu verstehen).<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat nun auch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Martin%20Walser%20leben%20schreiben&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Martin Walser Tageb\u00fccher<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> ver\u00f6ffentlicht:<\/p>\n<p><em>Leben und Schreiben.<\/em> Tageb\u00fccher 1951-1962, Rowohlt, Reinbek 2005<br \/>\n<em>Leben und Schreiben.<\/em> Tageb\u00fccher 1963-1973, Rowohlt, Reinbek 2008<br \/>\n<em>Leben und Schreiben.<\/em> Tageb\u00fccher 1974-1978, Rowohlt, Reinbek 2010<\/p>\n<p>Lange habe ich mir \u00fcberlegt, ob ich mir diese Tageb\u00fccher kaufen soll. W\u00e4hrend meiner <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3180\" target=\"_blank\">kleinen Rhein-Tour<\/a> diesen Jahres, beim Aufenthalt in <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3171\" target=\"_blank\">D\u00fcsseldorf<\/a>, schaute ich mit meinen S\u00f6hnen auch in mehrere Buchl\u00e4den hinein \u2013 und fand den 2. Band dieser B\u00fccher (Tageb\u00fccher 1963-1973) als so genanntes M\u00e4ngelexemplar f\u00fcr weniger als den halben Preis.<\/p>\n<p>Tageb\u00fccher lassen sich nicht wie ein Roman in einem Rutsch lesen. Wenigstens ich kann das nicht. Mein Verdacht wurde in diesem Fall best\u00e4tigt: Martin Walsers Tageb\u00fccher k\u00f6nnen nicht mit seinen gro\u00dfen Romanen und Erz\u00e4hlungen \u201amithalten\u2019. Das Urteil, sie w\u00e4ren langweilig, kann ich aber nicht best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Erst einmal werden Tageb\u00fccher f\u00fcr den \u201aprivaten Gebrauch\u2019 geschrieben. Das gilt in der Regel auch f\u00fcr Schriftsteller, es sei denn ihnen wird bewusst, dass die geschriebenen Tagebucheintragungen sp\u00e4ter einmal literarisch aufgearbeitet oder schon zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnten. Die Tageb\u00fccher 1963-1973 von Martin Walser, so denke ich, waren sehr privater Natur. Er nutzte sie sicherlich f\u00fcr Skizzen zu sp\u00e4teren Werken; er entbl\u00e4tterte sich und sein Befinden in einer Weise, die selbst in sp\u00e4teren Werken so nicht vorkommt. \u201eWas ich ins Tagebuch schreibe, ist prinzipiell unverbesserlich.\u201c Schreibt Walser in einem sp\u00e4teren Nachwort.<\/p>\n<p><em>Im zweiten Band der Tageb\u00fccher h\u00e4lt Martin Walser seine Eindr\u00fccke w\u00e4hrend der Frankfurter Auschwitz-Prozesses fest, seine Reisen nach Moskau, Eriwan und Tbilissi, dann kreuz und quer durch Europa und Nordamerika.<\/em><\/p>\n<p><em>Er kommentiert die Studentenproteste, spricht \u00fcber durchzechte N\u00e4chte mit seinem Verleger und immer wieder \u00fcber das Schreiben selbst: Erz\u00e4hlen ist ihm \u201eder Versuch, mit geschlossenem Mund zu singen\u201c. Seine Tageb\u00fccher gew\u00e4hren \u00fcberraschende Einblicke, sie zeigen \u201eeinen verletzlichen Martin Walser, den man bisher noch nicht kannte.\u201c (Die Zeit)<\/em><\/p>\n<p>Martin Walser ist als politischer Schriftsteller bekannt. So mag es entt\u00e4uschen, dass er sich in diesen Tageb\u00fccher politisch kaum \u00e4u\u00dfert. Wir wissen allerdings, das er sich noch 1961 im Wahlkampf f\u00fcr die SPD und Willy Brandt eingesetzt hat. Brandts ausweichende Haltung zum Vietnamkrieg war dann einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr Walsers zunehmende Distanz zur SPD und seine Linksorientierung ab Mitte der 60er Jahre.<\/p>\n<p>Wenn sich Walser politisch \u00e4u\u00dfert, dann fast immer im Zusammenhang mit seinem seelischen Befinden, seiner Verletzlichkeit, seinem Unmut, unverstanden zu sein. Es gibt aber immer wieder eine Kritik an scheinbar demokratisch legitimierten Entscheidungen der Politik: \u201e\u00dcber Erkenntnisse und Wahrheiten kann \u00fcbrigens nicht mit Mehrheit beschlossen werden.\u201c (S: 563 der Taschenbuchausgabe 2009)<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/walser_orli.jpg\" alt=\"Eintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman \u201eDas Einhorn\u201c, Anselm Kristleins gro\u00dfe Liebe\" \/><br \/>\nEintragung Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman \u201eDas Einhorn\u201c, Anselm Kristleins gro\u00dfe Liebe<\/p>\n<p>Zu anderen Schriftstellern \u00e4u\u00dfert er sich kaum. Auf die Schnelle habe ich z.B. nur einen Verweis auf die\u201c &#8230; manieristische oder Verklausulierungsmethode des Thomas Mann &#8230;\u201c gefunden (S. 362). Martin Walser zeigt sich aber empfindlich in der Kritik anderer an seinen Werken, er f\u00fchlt sich verletzt bis ins Mark.<\/p>\n<p>Ebenso am Boden zerst\u00f6rt ist Walser, als seine Mutter 1967 stirbt. Da ist er 40 Jahre alt. An literarische Arbeit ist nicht zu denken \u2013 au\u00dfer in einer Aufarbeitung in seinem Tagebuch. Hier ist das Tagebuch wirklich ganz privat, ganz intim.<\/p>\n<p>1973 reist Martin Walser f\u00fcr sechs Monate als Gastdozent in die USA (Middlebury College, Vermont und University of Texas, Austin). Zusammen mit den Ereignissen eines viermonatiger USA-Aufenthalt 1983 als Gastdozent an der University of California, Berkeley verarbeitet er diese sp\u00e4ter; es entsteht 1985 daraus der Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brandung_%28Martin_Walser%29\" target=\"_blank\">\u201eDie Brandung\u201c<\/a> (siehe auch meinen Beitrag zum Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1284\" target=\"_blank\">Die Brandung<\/a>). Wie im Roman (dort die als \u201esch\u00f6ne Dumme\u201c bezeichnete Fran, ein All-American-Girl) so verliebt sich Walser in eine junge Studentin, Biddie. Diese Liaison hat nat\u00fcrlich keine Zukunft.<\/p>\n<p>Man mag den literarischen Wert solcher Tageb\u00fccher \u2013 vor allem f\u00fcr den normalen Leser \u2013 bestreiten. In diesem Fall sollte man schon ein eingefleischter Fan von Martin Walser sein, um die Lekt\u00fcre \u201aungeschadet\u2019 zu \u00fcberstehen. Trotzdem stellt sich solch ein Band von Tageb\u00fcchern als Fundgrube brillanter Et\u00fcden, Miniaturen, Aphorismen und kryptischer Andeutungen dar. Hier zum Schluss eine kleine Zusammenstellung von Aphorismen, die mir besonders gefallen haben:<\/p>\n<p><em>&#8211; Den Gegner zum Gott machen und dann Atheist werden. Das ist die L\u00f6sung.<br \/>\n&#8211; Sie ging in die Garderobe, schminkte sich ab und war fertig zum Auftritt.<br \/>\n&#8211; Was mich mit meinen Freunden oder Bekannten verbindet, ist eine Serie von Stillhalte-Konventionen.<br \/>\n&#8211; Was soll ich Ihnen noch k\u00fcssen, Gn\u00e4digste?<br \/>\n&#8211; Ich huste M\u00fcckenschw\u00e4rme ins Abendlicht und la\u00df mir von Schwalben in die Zeitung schei\u00dfen.<br \/>\n&#8211; Jeder, dem die Gesellschaft gestattet, etwas anderes zu sein, als er ist, ist ein Funktion\u00e4r.<br \/>\n&#8211; Wer Angst hat, will Schrecken verbreiten.<br \/>\n&#8211; Vor sich selber hat keiner Angst.<br \/>\n&#8211; Es w\u00e4re viel ehrlicher, wenn ich mich mal gehenlie\u00dfe und richtig l\u00fcgen w\u00fcrde.<br \/>\n&#8211; Ich w\u00fcnschte, ich w\u00fcnsche, ich z\u00e4hle die W\u00fcnsche, probiere sie an und lasse sie \u00e4ndern &#8230;<br \/>\n&#8211; Leben ist mir zur Gewohnheit geworden.<br \/>\n&#8211; Ich tauge nur noch zum Feind &#8230;<\/em><\/p>\n<p>aus Martin Walser: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499248778?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499248778\" target=\"_blank\">Leben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499248778\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> \u2013 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009<\/p>\n<p>siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3387\" target=\"_blank\">Martin Walser: [Das Herz]<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3451\" target=\"_blank\">Daher der Name Bratkartoffel (3)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum dieser Schmerz, mein Herz warum dieses Weh, meine Seele, warum diese Schwere aller meiner Gedanken. aus Martin Walser: Leben und Schreiben: Tageb\u00fccher 1963-1973 Tagebuch 1971, Seite 437 \u2013 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 2009 Tageb\u00fccher, selbst die von erlesenen Schriftstellern, sind nicht jedermanns Sache. 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