{"id":3570,"date":"2010-11-04T11:07:31","date_gmt":"2010-11-04T10:07:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3570"},"modified":"2010-11-04T09:17:21","modified_gmt":"2010-11-04T08:17:21","slug":"der-witzableiter-21-die-lust-an-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3570","title":{"rendered":"Der Witzableiter (21): Die Lust an der Angst"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3505\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (20): Die Angst vor der Lust<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, geht es heute um makabre Witze \u2013 und damit um die Lust an der Angst. Herr Hirsch kannte da noch keine Schlitzerfilme, wie sie heute im Programm stehen. Was h\u00e4tte er dazu wohl ge\u00e4u\u00dfert?<\/p>\n<p>Das Buch zur Kolumne: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406475604?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406475604\" target=\"_blank\"><strong>Eike Christian Hirsch &#8211; Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406475604\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Schwere Panne bei den Au\u00dfenaufnahmen zu einem Western. Aus Versehen wurde ein Revolver verwendet, der scharf geladen war. Der Hauptdarsteller sinkt t\u00f6dlich getroffen zu Boden. Da springt der Regisseur auf und schimpft: \u201eStopp, stopp! Charly, la\u00df dich doch nicht einfach umkippen wie ein Sack Hafer.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Witze, das wei\u00df man, treiben mit Entsetzen Scherz. Sie machen uns Angst und Lust zugleich. Das letzte Mal hatten wir ja nur die harmlose Angst vor Strafe am Wickel. Bei den grausamen und gruseligen Witzen aber steht auch unser eigener Tod zur Debatte. Fragt sich nur, warum wir ihn zum Thema machen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Patienten beschweren sich bei der Nachtschwester, da\u00df ihr dritter Mitpatient so entsetzlich r\u00f6chelt. Sie machen den Vorschlag, den Schwerkranken ins Sterbezimmer zu verlegen. Da l\u00e4chelt die Nachtschwester etwas verwirrt und sagt: \u201eAber, meine Herren, das ist doch das Sterbezimmer.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wie der Witz das Kunstst\u00fcck fertig bringt, ein angstbesetztes Thema zum Lustspiel zu machen, ist nach wie vor ein R\u00e4tsel. Vielleicht liegt es an der Freude, die wir empfinden, wenn wir bemerken, da\u00df der Schreck doch harmlos war, die Angst nachl\u00e4\u00dft. <strong>\u201eTut mir leid\u201c, sagt der Chirurg, \u201eaber ich mu\u00df Ihnen beide Beine abnehmen.\u201c \u201eHerr Doktor, wenn Sie das tun, setze ich nie wieder einen Fu\u00df \u00fcber Ihre Schwelle!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das ist es wohl: Scherze erleichtern uns, die Befangenheit abzusch\u00fctteln. Man sagt von jungen Medizinstudenten, sie machten sich im Seziersaal \u00fcber die Leichen lustig, um das Gruseln zu vertreiben. Solch ein Lachen ist wie das Pfeifen im dunklen Wald. Aus dem gleichen Grunde lachen Kinder manchmal \u00fcber eine Behinderung, die sie erschreckt. Der holl\u00e4ndischer Soziologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anton_C._Zijderveld\" target=\"_blank\">Anton Zijderveld<\/a> kommt in seinem Buch \u00fcber den Humor auch auf den makabren Witz zu sprechen und erz\u00e4hlt diesen:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Mann, der gerade Vater geworden ist, h\u00f6rt vom Arzt, da\u00df nicht alles nach Wunsch verlaufen sei. Der Vater will sofort sein Kind sehen und wird in eine Sonderabteilung gebracht. Dort haben die Neugeborenen alle schwere Behinderungen, aber keins davon ist sein Kind. Auch nicht das Baby ohne Gliedma\u00dfen. Das n\u00e4chste Bett beherbergt nur einen Kopf. Der Doktor teilt mit, auch das sei nicht sein Kind, und f\u00fchrt ihn zum letzten Bettchen. \u201eHier ist es\u201c, sagt er. Der Vater sieht nur ein Auge, das ihn anstarrt. Er gibt sich einen Ruck, beugt sich \u00fcber das Bettchen, winkt mit den Armen und sagt: \u201eTralalalala!\u201c \u201eDas hat keinen Sinn\u201c, sagt der Arzt, \u201eIhr Kind ist blind.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Witz verletze<\/em> \u201eeinige fundamentale Tabus\u201c, <em>meint der Soziologe Zijderveld; aber er entschuldigt Leute, die so etwas erz\u00e4hlen, mit den Worten:<\/em> \u201eWenn wir wirklich grausam w\u00e4ren, w\u00fcrden uns Gruselwitze wahrscheinlich kaum ansprechen.\u201c <em>Man k\u00f6nnte hinzuf\u00fcgen: Gerade wer Angst vor Grausamkeiten hat, will sich mit solchen Geschichten an die Angst gew\u00f6hnen. Etwa mit diesem Beispiel: <strong>\u201eMutti, wann gibt\u2019s mal wieder Zunge zu Mittag?\u201c \u201eHng, hngg, hngg!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_21.jpg\" alt=\"Witzableiter (21)\" \/><\/p>\n<p><em>Da\u00df man seine Angst genie\u00dfen kann, ist uns allen aus Krimis und Gruselfilmen gel\u00e4ufig. Der \u201eAngstlust\u201c, etwa bei Achterbahnfahrten, hat der Psychoanalytiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Balint\" target=\"_blank\">Michael Balint<\/a> sogar eine eigene Untersuchung gewidmet. Solche Angstpartien g\u00e4ben Gelegenheit, ein Trauma<\/em> \u201ein ertr\u00e4glichem Ausma\u00df zu wiederholen\u201c, <em>schreibt Balint. Eben<\/em>, \u201eertr\u00e4glich\u201c <em>mu\u00df die Dosierung der Angst sein, das ist die Quelle der Lust.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Passagier zu seinem Nachbarn: \u201eHaben Sie das gelesen? Die Zeitung berichtet von einem weiteren Flugzeugungl\u00fcck.\u201c \u201eJa, ich habe es gelesen. Wir stehen auf der Liste der Toten.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>In einer Diskussion \u00fcber die \u201eLust an der Angst\u201c meinte der Psychoanalytiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Eberhard_Richter\" target=\"_blank\">Horst Eberhard Richter<\/a>, es sei eben<\/em> \u201eentlastend\u201c, <em>wenn man eine Lage aktiv herbeif\u00fchre, von der man, erlebt man sie passiv, \u00fcberw\u00e4ltigt w\u00fcrde. Darum seien Schauergeschichten so beliebt.<\/em><\/p>\n<p><em>In der gleichen Debatte erinnerte sich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konrad_Lorenz\" target=\"_blank\">Konrad Lorenz<\/a> sogar an reale Gefahren:<\/em> \u201eMeine Freude am Tauchen in Florida beruht zum Teil auf meiner entsetzlichen Angst vor <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barrakudas\" target=\"_blank\">Barracudas<\/a>. Es ist wundersch\u00f6n, mit ihnen zu spielen. Wann werden sie b\u00f6se, wie weit darf ich hin?\u201c <em>Wir anderen Sterblichen begn\u00fcgen uns damit, die Existenzangst im Witz anklingen zu lassen. Auch wir wahren dabei die Fluchtdistanz.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Im Krankenhaus sagt der Elektriker zum Patienten, der in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eiserne_Lunge\" target=\"_blank\">Eisernen Lunge<\/a> liegt: \u201eAtmen Sie bitte tief durch, ich mu\u00df mal f\u00fcr zehn Minuten den Strom abstellen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube, dieser kleine Schrecken, diese Existenzangst ist lustvoll, weil wir nur betroffen, aber nicht wirklich getroffen sind. Wir sp\u00fcren das gleiche wohlige Kribbeln, das angenehme Grauen wie im Fernsehsessel. Eine Art Verhaltenstherapie, eine dosierte Impfung. Mehr nicht.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Schwerverbrecher Joe aus dem Zentralgef\u00e4ngnis von Illinois darf mit seinem Anwalt telefonieren. \u201eH\u00f6ren Sie, Bo\u00df, hier geht was Komisches vor\u201c, sagt er, \u201eheute fr\u00fch haben sie mir die Hosenbeine an der Seite aufgeschnitten und die Rock\u00e4rmel an den Handgelenken auch. Was hat das zu bedeuten?\u201c \u201eDanke, ich verstehe schon, mein Guter\u201c, sagt der Anwalt. \u201eDa kann ich Ihnen nur den Rat geben: Wenn man Ihnen morgen einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elektrischer_Stuhl\" target=\"_blank\">Stuhl<\/a> anbietet, bleiben Sie stehen!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 48\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (20): Die Angst vor der Lust In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um makabre Witze \u2013 und damit um die Lust an der Angst. Herr Hirsch kannte da noch keine Schlitzerfilme, wie sie heute im Programm stehen. 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