{"id":3619,"date":"2010-11-17T10:45:19","date_gmt":"2010-11-17T09:45:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3619"},"modified":"2016-08-09T06:44:20","modified_gmt":"2016-08-09T06:44:20","slug":"ernst-undoder-unterhaltend-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3619","title":{"rendered":"Ernst und\/oder unterhaltend (Musik)"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein Kreuz mit den Schubk\u00e4stchen. Sp\u00e4testens seit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aristoteles#Einteilung_der_Wissenschaften_und_Grundlegendes\" target=\"_blank\">Aristoteles<\/a> ist es Brauch, alles M\u00f6gliche zu klassifizieren und in Gattungen, Arten und dergl. zu untergliedern. Wie sollte es da mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Musik\" target=\"_blank\">Musik<\/a> und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Literatur\" target=\"_blank\">Literatur<\/a> nicht anders sein. Die Krux ist es aber, nicht immer das richtige Fach zu finden.<\/p>\n<p>Verbleiben wir heute einfach nur bei der Musik. Da unterscheidet man zun\u00e4chst einmal ganz schlicht zwischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/E-,_U-_und_F-Musik\" target=\"_blank\">E- und U-Musik<\/a> \u2013 und eine F-Musik kommt f\u00fcr alle F\u00e4lle auch noch hinzu. E steht f\u00fcr ernst und kulturell wertvoll, U f\u00fcr unterhaltend, popul\u00e4r, fast immer kommerziell und ohne Anspruch, Kunst zu sein. Und F f\u00fcr funktional (Milit\u00e4rmusik, Kirchenmusik, B\u00fchnenmusik und Filmmusik). Sie wird auch Gebrauchsmusik genannt und soll hier vernachl\u00e4ssigt werden.<\/p>\n<p>Die Klassifizierung in E- und U-Musik ist ziemlich neu. Gern wird dabei eine \u201ehohe\u201c Musik von einer \u201eniederen\u201c unterscheidet (Im Englischen kennt man die Begriffe \u201aserious music\u2019 und \u201aart music\u2019 bzw. \u201apopular music\u2019 und \u201alight music\u2019).<\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen E- und U-Musik sind nat\u00fcrlich flie\u00dfend und zudem nur im zeitlichen Kontext zu sehen. Musik, die fr\u00fcher einmal der U-Musik zugerechnet wurde (z.B. Operetten), kann heute zur E-Musik geh\u00f6ren; umgekehrt allerdings weniger (vielleicht nur durch exzessiven kommerziellen \u201aMissbrauch\u2019, z.B. f\u00fcr Werbung).<\/p>\n<p>Ob eine Unterscheidung von U-Musik und E-Musik m\u00f6glich ist und ob damit Werturteile verbunden sind, ist Thema der Musik\u00e4sthetik und der Musiksoziologie und wird in den Interessenverb\u00e4nden kontrovers diskutiert \u2013 auch deshalb, weil diese Einteilungen mit \u00f6konomischen Interessen verbunden sind. <\/p>\n<p>Ernste Musik oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunstmusik\" target=\"_blank\">Kunstmusik<\/a> wird meist in ein M\u00e4ntelchen eingeh\u00fcllt, dem wir das Synonym <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klassische_Musik\">klassische Musik<\/a> gegeben haben und im Wesentlichen die europ\u00e4ische Musiktradition (von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alte_Musik\" target=\"_blank\">alten<\/a> bis zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Musik\" target=\"_blank\">neuen Musik<\/a>) betrifft. Ohne Probleme ordnen wird da Komponisten und Musiker wie Johann Sebastian Bach, Mozart, Beethoven und auch Strawinski und Arnold Sch\u00f6nberg zu.<\/p>\n<p>Unterhaltsame Musik gliedert sich im Grunde in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Popmusik\" target=\"_blank\">Popularmusik<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volksmusik\" target=\"_blank\">Volksmusik<\/a>, wobei beides urspr\u00fcnglich das Selbe beinhaltete: Der deutsche Begriff \u201eVolkslied\u201c, als \u00dcbersetzung der englischen Bezeichnung \u201epopular song\u201c, stammt aus einer 1773 erschienenen Rezension von Johann Gottfried Herder \u00fcber eine 1765 in England erschienene Sammlung von englischen und schottischen Balladen. Im Gegensatz zur Popularmusik (auch Popmusik) sieht man in der Volksmusik heute meist die regionaltypische Musiktradition (siehe hierzu auch den Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=871\" target=\"_blank\">Was ist blo\u00df mit Ian los? Teil 70: Von folkloristischen grauen Haaren aus Dublin<\/a>)<\/p>\n<p>Soweit die Unterscheidung im Groben. Der U-Musik sagt man meist nach, sie w\u00e4re gekennzeichnet durch \u201eEinfachheit\u201c oder gar <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trivialit%C3%A4t\" target=\"_blank\">\u201eTrivialit\u00e4t\u201c<\/a> und zeichne sich durch eine als angenehm empfundene einfache Harmonik und durch leicht einzupr\u00e4gende und nachsingbare Melodiefolgen aus. Wie war das noch mit der Krux?<\/p>\n<p>Neben \u201eDer Mai ist gekommen\u201c gilt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3ZgRRpe4PZg\" target=\"_blank\">\u201eKomm lieber Mai und mache\u201c<\/a> als eines der beliebsteten Lieder, die eben zu einer Zeit gesungen werden, in der B\u00e4ume ausschlagen und kleine Veilchen bl\u00fchen. Letzteres stammt von keinem Geringeren als Johann Amadeus Mozart (KV 596), genau dem, der hier im Text weiter oben als eindeutig der E-Musik zugeordnet wurde. Ist das aber nicht ein Volkslied \u2013 eigentlich? Oder doch \u201aschon\u2019 ein Kunstlied? \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Forelle\" target=\"_blank\">Franz Schuberts Forelle<\/a>.<\/p>\n<p>Apropos ernst und kulturell wertvoll &#8230; und Mozart? Wie viele sicherlich wissen, war unser kleines Wolferl ein in mancherlei Hinsicht ganz Schlimmer. <a href=\"http:\/\/ingeb.org\/Lieder\/bonanox.html\" target=\"_blank\">\u201eGute Nacht, gute Nacht, schei\u00df ins Bett, da\u00df\u2019 kracht; gute Nacht, schlaf fei\u2019 g\u2019sund, und reck\u2019 den Arsch zum Mund!\u201c<\/a> hei\u00dft es <a href=\"http:\/\/www.alliteratus.com\/pdf\/lg_biogr_mozart.pdf\" target=\"_blank\">da<\/a>.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Sy-JDBzaVAQ\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nWolfgang Amadeus Mozart &#8211; Bona nox, bist a rechta Ox (KV 561)<\/p>\n<p>Dem nicht genug, komponierte und dichtete Mozart den sechsstimmiger Kanon \u201eLeck mich im Arsch\u201c. Seine Entstehung l\u00e4sst sich auf das Jahr 1782 datieren. Zu Lebzeiten des Komponisten blieb das Werk ungedruckt, erst seine Witwe Constanze Mozart \u00fcberlie\u00df es dem Leipziger Verlag Breitkopf &#038; H\u00e4rtel zur Publikation. Dort wurde allerdings die erste Zeile des Textes in \u201eLasst froh uns sein&#8220; abge\u00e4ndert. Der Kanon erhielt die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K%C3%B6chelverzeichnis\" target=\"_blank\">K\u00f6chelverzeichnis<\/a>-Nummer 231. Seit der dritten Auflage von 1937 tr\u00e4gt er dort die Nummer 382c und wurde so in einer Gruppe mit mehreren Kanons und kleineren Gelegenheitswerken, darunter auch <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=m8_RD8MqrsY\" target=\"_blank\">\u201eLeck mir den Arsch fein recht sch\u00f6n sauber&#8220;<\/a> KV 382d (ehemals KV 233), zusammengefasst.<\/p>\n<p><object width=\"480\" height=\"385\"><param name=\"movie\" value=\"https:\/\/www.youtube.com\/v\/dz1tj2tu794?fs=1&amp;hl=de_DE\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><embed src=\"https:\/\/www.youtube.com\/v\/dz1tj2tu794?fs=1&amp;hl=de_DE\" type=\"application\/x-shockwave-flash\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\" width=\"480\" height=\"385\"><\/embed><\/object><br \/>\nWolfgang Amadeus Mozart &#8211; Leck mich im Arsch (KV 382c)<\/p>\n<p><em>Nur so am Rande:<\/em> \u00dcber Mozarts Hang zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Koprolalie\" target=\"_blank\">Koprolalie<\/a> gibt es reichlich Belege, wahrscheinlich litt er sogar am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tourette-Syndrom\" target=\"_blank\">Tourette-Syndrom<\/a> (siehe <a href=\"http:\/\/www.neurologienetz.de\/front_content.php?idart=395\" target=\"_blank\">Mozart und das Tourette-Syndrom<\/a>). Aber das ist ein anderes Thema, gelt, Sauschwanz Wolfgang Amad\u00e9 Rosenkranz?!<\/p>\n<p>Aber genug zu Mozart an dieser Stelle (ich verweise auf Mozart an anderer Stelle in diesem Blog: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=347\" target=\"_blank\">Amadeus, der Gr\u00f6\u00dfte<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=370\" target=\"_blank\">Happy birthday, Amadeus!<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=371\" target=\"_blank\">Spirits of Mozart &#8211; Ian Andersons Mo&#8217;z Art Medley<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=375\" target=\"_blank\">Also sprach Schincklass \u2013 Mozart<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=mozart\" target=\"_blank\">etc.<\/a>)<\/p>\n<p>U-Musik ist also nicht immer <a href=\"http:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/hehr\" target=\"_blank\">hehrer<\/a> Art, sondern kann durchaus auch sehr <a href=\"http:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/profan\" target=\"_blank\">profan<\/a> sein (wie sch\u00f6n, das zu wissen). Andersherum geht es nat\u00fcrlich auch. Was gern als allt\u00e4glich, <a href=\"http:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/simpel\" target=\"_blank\">simpel<\/a> und fernab jeglicher Kunst betrachtet wird, kann durchaus die Kriterien der U-Musik erf\u00fcllen. Ein beliebtes Beispiel: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thick_as_a_Brick\" target=\"_blank\">Thick as a Brick<\/a> von der Gruppe Jethro Tull (Jethro Tull live on 10th Feb. 1977 at Golders Green Hippodrome \u2013 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bcYDtGHCSxE\" target=\"_blank\">Teil 1<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3wG3Oyr1Tm0\" target=\"_blank\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>\u00dcber Jethro Tulls \u201eThick as a Brick\u201c habe ich mich <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=thick brick\" target=\"_blank\">hier lang und breit ausgelassen<\/a>. Dem ist kaum noch etwas hinzuzuf\u00fcgen. Im Zusammenhang mit diesem \u00fcber 40-min\u00fctigen St\u00fcck wurde und wird immer wider der Begriff Konzeptalbum benutzt. Zusammen mit dem Text (Libretto) und dem Cover des Albums kann man durchaus auch von einem Gesamtkunstwerk sprechen. Ja, Kunstwerk, denn das ist dieses Album ohne Zweifel. Es wird dem Progressive Rock zugerechnet und ist neben melodischem Hardrock stark von Folk-Rock-Elementen, Jazz und in Teilen der klassischen sinfonischen Musik beeinflusst. Die Musik wechselt vielfach zwischen unterschiedlichen Stilen und Tempi und wirkt im Ganzen wie eine sinfonische Dichtung (von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suite_%28Musik%29\" target=\"_blank\">Suite<\/a>, also einem Zyklus von Instrumental- oder Orchesterst\u00fccken, ist die Rede) oder &#8211; wegen des Gesangs &#8211; eine Kurzoper. In der Terminologie der klassischen Musik verwendet man gern auch den Begriff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Programmmusik\" target=\"_blank\">Programmmusik<\/a>.<\/p>\n<p>\u201cThick as a Brick\u201d ist ein Grenzg\u00e4nger zwischen E- und U-Musik und schon eher der ernsten Musik zuzurechnen, denn den vollen Genuss erlangt man erst, wenn man das Album \u201ein aller Stille\u201c h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ja, mit den Schubl\u00e4dchen ist das schon so eine Sache. Wie gut, dass sich eben doch nicht alles so einfach einordnen und beschriften l\u00e4sst. Gerade anspruchvolle Musik, ob als E- oder U-Musik etikettiert, \u2013 und nat\u00fcrlich auch Literatur \u2013 verdient kein starres Korsett, sondern braucht Raum und Zeit, um \u201aatmen\u2019 zu k\u00f6nnen und als \u201asch\u00f6n\u2019 wahrgenommen zu werden (Wahrnehmung = <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%84sthetik\" target=\"_blank\">\u00c4sthetik<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Kreuz mit den Schubk\u00e4stchen. Sp\u00e4testens seit Aristoteles ist es Brauch, alles M\u00f6gliche zu klassifizieren und in Gattungen, Arten und dergl. zu untergliedern. Wie sollte es da mit der Musik und der Literatur nicht anders sein. Die Krux ist es aber, nicht immer das richtige Fach zu finden. 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