{"id":3627,"date":"2010-11-23T16:35:40","date_gmt":"2010-11-23T15:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3627"},"modified":"2010-11-21T16:17:07","modified_gmt":"2010-11-21T15:17:07","slug":"der-witzableiter-22-mein-witz-mein-unbekanntes-wesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3627","title":{"rendered":"Der Witzableiter (22): Mein Witz, mein unbekanntes Wesen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3570\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (21): Die Lust an der Angst<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien,  geht es heute um Traumata und Triebe, also um Wunden, die uns das Leben schl\u00e4gt \u2013 aber auch um W\u00fcnsche, die vielleicht unerf\u00fcllt bleiben \u2013 mit denen wir uns aber im Witz besch\u00e4ftigen und uns dadurch gewisserma\u00dfen selbst therapieren.<\/p>\n<p>Das Buch zur Kolumne: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406475604?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406475604\" target=\"_blank\"><strong>Eike Christian Hirsch &#8211; Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406475604\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Die Geliebte des kaiserlichen Leutnants schluchzt: \u201eEs war der schrecklichste Augenblick meines Lebens, Otto, als ich deinen Trennungsbrief bekam. Ich wollte mich erschie\u00dfen, aber ich hatte kein Geld, mir einen Revolver zu kaufen.\u201c Darauf er: \u201eAber Liebste, h\u00e4ttest du nur ein Wort gesagt.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die zynische K\u00e4lte des Leutnants hat es mir angetan. Aber ich wei\u00df zugleich, da\u00df ich mich durch meine Begeisterung nur sch\u00fctzen will, weil mich n\u00e4mlich Zynismus eigentlich besonders verletzt. Mit Zynismus gegen die Angst vor Zynismus? Es scheint so zu sein! Mit Witzen wollen wir ein Trauma kurieren. Auch dieser Junge r\u00fchrt mich:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Der kleine Patrick kommt mit einem blauen Auge aus der Schule. \u201eEiner von den Gro\u00dfen aus unserer Klasse war das\u201c, klagt er. \u201eMorgen bringst du ihm eine Tafel Schokolade mit, dann werdet ihr bestimmt Freunde\u201c, meint die Mutter. Am n\u00e4chsten Tag kommt der kleine Patrick mit einem zweiten blauen Auge nach Hause. \u201eWer war denn das schon wieder?\u201c fragt die Mutter. \u201eWieder der gro\u00dfe Junge. Er mag keine Schokolade.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Einer der fr\u00fchen Sch\u00fcler Freuds, der Amerikaner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abraham_Brill\" target=\"_blank\">A. A. Brill<\/a>, der Freuds Buch \u00fcber den Witz bereichert und ins Englische \u00fcbersetzt hat, ver\u00f6ffentlichte 1940 selbst eine Arbeit \u00fcber den Humor. Darin berichtet er, es sei ihm zur Gewohnheit geworden, seine Patienten nach ihrem Lieblingswitz zu fragen. Von einem j\u00fcngeren Wissenschaftler h\u00f6rte er diesen: <strong>Der zerstreute Professor stellt sich ans Klobecken, kn\u00f6pft seine Hose auf, zieht die Krawatte heraus und pinkelt in die Hose.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Brill meint, der Witzerz\u00e4hler habe damit seinen Vater verspottet, unter dessen Dominanz er litt. Der hatte ihn fr\u00fcher getadelt, wenn er in die Hose machte. Au\u00dferdem symbolisierte die Krawatte hier den gr\u00f6\u00dften Wunsch des Sohnes, der einen Komplex wegen seines zu kleinen Penis gehabt habe.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte ein anderer amerikanischer Therapeut, <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/1993\/11\/16\/obituaries\/israel-zwerling-76-helped-alter-care-for-the-mentally-ill.html\" target=\"_blank\">Israel Zwerling<\/a>, ohne Brill zu kennen, ebenfalls eine Studie \u00fcber den Lieblingswitz in der Therapie. Eine Patientin hatte ihm diesen erz\u00e4hlt: <strong>Ein Mann wird gefragt: \u201eWer war die Dame, mit der ich Sie gestern abend gesehen habe?\u201c Und er antwortet: \u201eDas war keine Dame, das war meine Frau.\u201c<\/strong> Die Patientin habe daraufhin zu weinen begonnen und gesagt, der erste Eindruck, den sie von ihrer Mutter gehabt habe, sei der Anblick gewesen, wie sie das Klo geputzt habe. Sie selbst wollte niemals so erniedrigt werden. Offenbar war der Witz ein bitterer Spott \u00fcber das, was die Patientin am meisten f\u00fcrchtete.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_22.jpg\" alt=\"Witzableiter (22)\" \/><\/p>\n<p><em>Auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gershon_Legman\" target=\"_blank\">Gershom Legman<\/a> (das ist der Mann, der \u00fcber den unanst\u00e4ndigen Witz ein Buch geschrieben hat) meint, der Lieblingswitz k\u00f6nne<\/em> \u201edas tiefste Problem\u201c <em>eines Menschen verraten. Der Witzerz\u00e4hler werbe unbewu\u00dft um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sein Trauma. Legman nennt das Beispiel einer Engl\u00e4nderin, die im Krieg ein Bein verloren hatte und daran litt, da\u00df sie dennoch vor\u00fcbergehend die (perverse?) Aufmerksamkeit von M\u00e4nnern erregte. Als man sie in Gesellschaft dr\u00e4ngte, einen Witz beizusteuern, fiel ihr nur dieser ein: <strong>\u201eJeder kann sich irren\u201c, sagte der Igel und kletterte von der Haarb\u00fcrste.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Diese Frau scheint ihr Trauma tapfer benennen zu wollen. Man k\u00f6nnte vermuten, in Witzen, die bei uns z\u00fcnden, gehe es immer um Probleme. So einseitig mu\u00df man das aber nicht sehen. Jedenfalls ist nicht immer Angst im Spiel. Auch W\u00fcnsche zeigen sich. Ein deutscher Professor, der sich mit Witzen auskennt, erz\u00e4hlte in der Zeit nach den Studentenunruhen keinen so oft wie diesen: <strong>\u201eAuf dem WC der Uni trifft ein Student seinen Professor und sagt zu ihm: \u201eEndlich kann ich mir Ihnen gegen\u00fcber mal etwas herausnehmen.\u201c Aber der Professor erwidert: \u201eMachen Sie sich keine Illusionen. Sie werden auch diesmal den k\u00fcrzeren ziehen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Lieblingswitz, das darf man vermuten, f\u00fchrt die unverh\u00fcllte Wunscherf\u00fcllung des Professors vor. Wir haben es also nicht nur mit Traumata, auch mit Trieben zu tun; nicht nur mit Wunden, auch mit W\u00fcnschen.<\/em><\/p>\n<p><em>Der amerikanische Analytiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinz_Kohut\" target=\"_blank\">Heinz Kohut<\/a> schreibt, wenn sich der Patient gegen Ende der Therapie selbst mit Humor sehen k\u00f6nne, so sei das<\/em> \u201eals ob die Sonne unerwartet durch die Wolken br\u00e4che\u201c. <em>Die Besserung scheint stabil, die Heilung in Sicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Man nennt es wohl Galgenhumor, wenn jemand \u00fcber sein Ungl\u00fcck, wo er es schon nicht zu \u00e4ndern wei\u00df, wenigstens spotten kann. Diesen Humor hat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> im hohen Alter einen<\/em> \u201eTriumph des Ichs\u201c genannt. <em>Mit einem Beispiel dieser Gattung, makaber wie es sich geh\u00f6rt, will ich schlie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Mann ist aus dem zehnten Stockwerk gefallen. Viele Leute umdr\u00e4ngen die Ungl\u00fccksstelle. Einer dr\u00e4ngelt sich zum Opfer vor und fragt, was passiert sei. \u201eIch wei\u00df es nicht\u201c, sagt der Verungl\u00fcckte mit letzter Kraft, \u201eich bin gerade auch erst angekommen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 49\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (21): Die Lust an der Angst In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um Traumata und Triebe, also um Wunden, die uns das Leben schl\u00e4gt \u2013 aber auch um W\u00fcnsche, die vielleicht unerf\u00fcllt bleiben \u2013 mit denen wir uns aber im Witz besch\u00e4ftigen &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=3627\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Witzableiter (22): Mein Witz, mein unbekanntes Wesen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3627"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3627"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3627\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}