{"id":3722,"date":"2010-12-17T11:09:39","date_gmt":"2010-12-17T10:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3722"},"modified":"2010-12-17T07:19:18","modified_gmt":"2010-12-17T06:19:18","slug":"der-witzableiter-23-mein-gott-auch-das-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3722","title":{"rendered":"Der Witzableiter (23): Mein Gott, auch das noch"},"content":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3627\" target=\"_blank\"><strong>Der Witzableiter (22): Mein Witz, mein unbekanntes Wesen<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, kommen wir heute zum Witz, der religi\u00f6se Tabus ber\u00fchrt und je nach dem religi\u00f6sen Sinn des Einzelnen diesen unber\u00fchrt l\u00e4sst oder gar verletzt.<\/p>\n<p>Das Buch zur Kolumne: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406475604?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406475604\" target=\"_blank\"><strong>Eike Christian Hirsch &#8211; Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406475604\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Eine junge Frau klagt dem Priester Eheschwierigkeiten. \u201eUnd wenn es nicht anders geht\u201c, sagt sie, \u201ela\u00df ich mich scheiden!\u201c \u201eWas?\u201c sagt der Priester, \u201escheiden wollen Sie sich lassen, blo\u00df weil Ihr Mann Sie verpr\u00fcgelt? Pr\u00fcgeln Sie in Gottes Namen zur\u00fcck, aber kommen Sie mir nicht mit so s\u00fcndhaften Gedanken!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Wird ein religi\u00f6ses <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tabu\" target=\"_blank\">Tabu<\/a> tangiert, so kann sich nur der dar\u00fcber freuen, der ein bi\u00dfchen Sinn f\u00fcrs Religi\u00f6se hat. Wer daf\u00fcr gar keinen Sinn hat, bleibt unber\u00fchrt; wer allzu sehr am Religi\u00f6sen h\u00e4ngt, ist nur verletzt. F\u00fcr viele ist die Grenze hier schon \u00fcberschritten: <strong>Nach dem letzten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abendmahl\" target=\"_blank\">Abendmahl<\/a> erscheint der Kellner und fragt: \u201eAlles zusammen?\u201c \u201eNein\u201c, sagt Judas, \u201ebitte getrennt.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Getroffen sein und doch genie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 das geht beim Witz nur, wenn wir auf der Grenze zwischen Gleichg\u00fcltigkeit und innerer Beteiligung stehen. <strong>Schapiros Sohn hat sich taufen lassen. Der Rabbiner macht dem alten Schapiro Vorhaltungen. \u201eWenn einst der Allm\u00e4chtige Sie fragen wird: \u201aWie konntest du es zulassen, da\u00df dein Sohn sich taufen l\u00e4sst?\u2019 Was werden Sie denn antworten?\u201c \u201eNun\u201c, sagt Schapiro, \u201eich werde antworten: Und Ihr Herr Sohn?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der deutsch-amerikanische Psychiater <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Grotjahn\" target=\"_blank\">Martin Grotjahn<\/a> hat die Wirkung des Komischen an einem religi\u00f6sen Scherz verdeutlicht. Er habe, schreibt er, einmal eine Definition gelesen, die mit den Worten begann:<\/em> \u201eGod is the man &#8230;\u201c <em>In ihm sei bedrohlich aufgestiegen, was er in der Kindheit \u00fcber Gott gelernt habe. Doch dann sei der Aphorismus so weitergegangen:<\/em> \u201e&#8230; who saves the Queen.\u201c <em>Also offenbar ein Jux! Seine Erleichterung beschreibt Grotjahn so:<\/em> \u201e Alle Geister der infantilen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Introjektion\" target=\"_blank\">Introjektion<\/a> sind pl\u00f6tzlich zerst\u00f6rt. Wir sind von ihnen befreit, und wie Flederm\u00e4use fliegen sie aus uns heraus.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Ein Jesuit, der Arch\u00e4ologe ist, kommt in gro\u00dfer Aufregung zu seinem Ordensgeneral und erstattet Bericht \u00fcber Ausgrabungen, die er in Jerusalem gemacht hat. Er habe das Grab Jesu entdeckt. \u201eDas ist ja wunderbar\u201c, sagt der General. \u201eJa, ja\u201c, entgegnet der Arch\u00e4ologe bedr\u00fcckt, \u201eaber das Grab war nicht leer. Das Skelett Jesu lag drin.\u201c \u201ewas Sie nicht sagen\u201c, antwortet der Ordensgeneral erstaunt, \u201edann hat er also wirklich gelebt?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Das Komische ist, glaube ich, immer diese Abfolge von Betroffenheit und Befreiung. Das gilt von allem, wor\u00fcber wir lachen. <strong>Der Hannes war beim Baumausputzen von der Leiter gefallen. Am Krankenbett besucht ihn der Herr Pfarrer. \u201eTrotz allem\u201c, meint er, \u201ehatten Sie ja noch einen Schutzengel.\u201c \u201eWie man\u2019s nimmt\u201c, gibt Hannes zu denken., \u201egescheiter w\u00e4r\u2019s, er h\u00e4tte mich gleich auf der Leiter gelassen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_23.jpg\" alt=\"Witzableiter (23)\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Strotzka\" target=\"_blank\">Hans Strotzka<\/a>, Psychiater in Wien, hat sich mit dem Komischen besch\u00e4ftigt und dabei das \u201eNicht-ernst-Nehmen\u201c als den zentralen Punkt erkannt. Alle Komik nimmt das nicht ernst, was wir eigentlich als bedrohlich empfinden. Selbst das Religi\u00f6se wird durch \u201eNicht-ernst-Nehmen\u201c ertr\u00e4glich. <strong>Eine Dame betritt die Buchhandlung und sagt, sie suche etwas f\u00fcr einen Kranken. \u201eEtwas Religi\u00f6ses?\u201c fragt die Buchh\u00e4ndlerin. \u201eNein\u201c, sagt die Dame, \u201ees geht ihm schon wieder besser.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Hans Strotzka ist \u00d6sterreicher, und denen sagt man schlie\u00dflich nach, sie lebten nach dem Motto:<\/em> \u201eDie Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst.\u201c <em>Den Schrecken ins Lachen wenden, das scheint mir das Wesen aller Komik zu sein. <strong>\u201eMein Gott\u201c, sagt die Dame zu ihrem Mann, \u201ewir haben vergessen, Tante Magdalene zu unserem Gartenfest einzuladen. Ruf sie doch gleich mal an!\u201c Der Ehemann tut es und entschuldigt sich ausf\u00fchrlich. \u201eIch wu\u00dfte davon\u201c, unterbricht ihn die Tante, \u201eaber ich komme nicht. Es ist zu sp\u00e4t. Ich habe schon um Regen gebetet.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das Komische ist immer ein Umkippen. Die religi\u00f6se Ehrfrucht zum Beispiel kippt in ein am\u00fcsiertes Nicht-ernst-Nehmen. Diesen Klimawechsel k\u00f6nnen wir mit zwei Ausdr\u00fccken <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freuds<\/a> bezeichnen, die er selbst allerdings noch nicht auf den Witz angewandt hat: die Bedrohung durch ein \u201eTabu\u201c wechselt pl\u00f6tzlich zu einem Sieg des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lustprinzip\" target=\"_blank\">\u201eLustprinzips\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Ein Betrunkener liegt im Rinnstein wie tot. Ein Passant beugt sich \u00fcber ihn: \u201eSoll ich den Arzt holen?\u201c Keine Antwort. \u201eOder lieber die Polizei?\u201c Der Mann r\u00fchrt sich nicht. \u201eOder lieber den Priester mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krankensalbung#Materie_der_Krankensalbung\" target=\"_blank\">Letzten \u00d6lung<\/a>?\u201c Da richtet sich der Mann auf und \u00e4chzt: \u201eUm Himmels willen, jetzt blo\u00df nichts Fettes!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Noch eine letzte Frage: Was l\u00e4\u00dft die Stimmung kippen? Es ist die Absurdit\u00e4t des Dargestellten. Erst erschreckt sie uns besonders, dann merken wir: das ist ja \u00fcbertrieben, das kann ja gar nicht sein! Und schon wechselt Bedr\u00fcckung in Befreiung, Ehrfrucht in Spott.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Jesus und die Apostel werden zu einem Sterbenden gerufen. \u201eRette ihn\u201c, bittet Petrus. Jesus legt dem Sterbenden die Hand auf und sagt: \u201eSteh auf und geh!\u201c Der Sterbende steht auf und geht. \u2013 Nach drei Wochen kommen Jesus und seine J\u00fcnger in dieselbe Gegend und werden wieder in das Haus gerufen. Dem Kranken geht es schlechter als je zuvor. Jesus beugt sich \u00fcber ihn, sch\u00fcttelt aber gleich den Kopf und murmelt: \u201eDann war es also doch Krebs.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 50\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (22): Mein Witz, mein unbekanntes Wesen In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, kommen wir heute zum Witz, der religi\u00f6se Tabus ber\u00fchrt und je nach dem religi\u00f6sen Sinn des Einzelnen diesen unber\u00fchrt l\u00e4sst oder gar verletzt. 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