{"id":3785,"date":"2011-01-03T10:05:36","date_gmt":"2011-01-03T09:05:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3785"},"modified":"2011-01-03T10:05:36","modified_gmt":"2011-01-03T09:05:36","slug":"der-witzableiter-24-das-tabu-das-alte-ekel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3785","title":{"rendered":"Der Witzableiter (24): Das Tabu, das alte Ekel"},"content":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3722\" target=\"_blank\"><strong>Der Witzableiter (23): Mein Gott, auch das noch<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, geht es heute um \u201aDinge\u2019, die durch Magen, Darm und Blase wandern und daher als unappetitlich empfunden werden. Warum wir trotz des Ekels lachen? Das Eklige hat seinen Reiz und im Witz hat es wie so oft etwas \u201aBefreiendes\u2019.<\/p>\n<p>Das Buch zur Kolumne: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406475604?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406475604\" target=\"_blank\"><strong>Eike Christian Hirsch &#8211; Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406475604\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Ein Schotte bittet auf dem Sterbebett seinen Freund: \u201eNimm die Flasche Whisky, die ich drei\u00dfig Jahre geh\u00fctet habe, und sch\u00fctte sie sp\u00e4ter bis auf den letzten Tropfen auf mein Grab.\u201c Der tiefbetr\u00fcbte Freund f\u00e4ngt an zu schluchzen und sagt: \u201eW\u00fcrde es dir etwas ausmachen, wenn ich aufgrund unserer Freundschaft den Whisky erst durch meine Kehle rinnen lie\u00dfe?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das geht ja noch. Aber richtige F\u00e4kalien sind f\u00fcr viele Menschen v\u00f6llig indiskutabel. Das war nicht immer so. Vom Mittelalter bis in die Aufkl\u00e4rungszeit hinein reichte<\/em> \u201edie blo\u00dfe Nennung eines unappetitlichen Vorganges\u201c <em>aus<\/em>, \u201eum wieherndes Gel\u00e4chter auszul\u00f6sen\u201c, <em>wie der Germanist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Alewyn\" target=\"_blank\">Richard Alewyn<\/a> notiert hat. Diese Quellen der Lust sind heute tabu.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein schw\u00e4bischer Weing\u00e4rtner kommt zur Herbstzeit betrunken nach Hause und ruft seinem Weib zu: \u201eKarlene, breng mr schnell de K\u00fcbel, i muass spucke!\u201c Dann, als sie mit dem K\u00fcbel ankommt: \u201e Breng mr lieber a frische Hos, i hao omdisponiert.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Diese Scherze geh\u00f6ren so sehr in die Vergangenheit wie die hygienischen Verh\u00e4ltnisse, in denen sie spielen. An einem Furz (medizinisch: Flatus) haben aber Kinder noch ein ungeniertes Vergn\u00fcgen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Grotjahn\" target=\"_blank\">Martin Grotjahn<\/a> hat beobachtet, da\u00df<\/em> \u201ekleine Kinder bei einem unfreiwilligen oder imitierten Flatus vor Vergn\u00fcgen kreischen\u201c. <em>Manchmal kann, was eklig ist, auch Erwachsene reizen:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Klein Erna und Heini k\u00fcssen sich leidenschaftlich. Da unterbricht Heini und sagt: \u201eJetzt hab\u2019 ich gerade dein Kaugummi verschluckt.\u201c \u201eNee\u201c, sagt Klein Erna, \u201edas war kein Kaugummi. Ich hab\u2019 ja man blo\u00df so\u2019n Schnupfen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Martin Grotjahn hat, schlie\u00dflich ist er Analytiker, den Flatus<\/em> \u201eden infantilen Vorl\u00e4ufer des sp\u00e4teren Lachens\u201c <em>genannt. Das mu\u00df man nicht glauben, aber mit einer anderen Beobachtung wird Grotjahn recht haben: Lachen ist vor allem Ausatmen. Beim Anh\u00f6ren eines Witzes dringen b\u00f6se Erinnerungen in uns ein<\/em> \u2013 \u201eim zweiten Teil des Witzes werden sie freigelassen, ausgeatmet\u201c. <em>Ich finde das richtig. Im Lachen will man etwas loswerden, zum Beispiel seinen Ekel.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der neue Kurgast wei\u00df nicht, da\u00df es unerw\u00fcnscht ist, \u00fcber Krankheiten bei Tisch zu reden. Er spricht seinen Nachbarn an: \u201eWelche Wirkung beobachten Sie eigentlich nach dem Brunnentrinken!\u201c Der Nachbar wehrt ab: \u201ePsch-psch!\u201c Da nickt der neue Gast und sagt: \u201eJa, ja, bei mir auch.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Einatmen ist bedr\u00fcckend (seufzend atmet man ein), Ausatmen ist befreiend (beim lustvollen St\u00f6hnen atmet man aus). Schon <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Wolfgang_von_Goethe\" target=\"_blank\">Goethe<\/a> sagte vom Ein- und Ausatmen:<\/em> \u201eJenes bedr\u00e4ngt, dieses erfrischt, so wunderbar ist das Leben gemischt.\u201c <em>(Quelle: <a href=\"http:\/\/freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de\/fa\/fa.pl?cmd=gedichte&#038;sub=show&#038;add=&#038;id=1205&#038;spalten=1&#038;noheader=1\" target=\"_blank\">Divan, Buch des S\u00e4ngers, Talismane<\/a>) Bei manchem Witz hat man ja tats\u00e4chlich etwas wegzusprudeln.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_24.jpg\" alt=\"Witzableiter (24)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Im ersten Weltkrieg schrieb eine deutsche Soldatenzeitung einen Preis aus f\u00fcr die beste Kurzgeschichte, die nicht mehr als zweihundert Worte umfa\u00dfte. Den ersten Preis bekam diese: \u201eAm Ende unseres Laufgrabens befand sich eine Latrine. Der Balken war anges\u00e4gt. Das sind zw\u00f6lf Worte. Die \u00fcbrigen 188 sagte Feldwebel Huber, als er sich daraufgesetzt hatte.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Auch das Lachen ist also ein Hin und Her. Darin l\u00e4uft eine Bewegung aus, die wir auf allen Ebenen des Witzes beobachtet haben: beim Verstehen, bei der R\u00fcckkopplung der Gef\u00fchle \u2013 und nun bei den k\u00f6rperlichen Folgen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die B\u00e4uerin fragt ihren Feriengast, wie es ihm auf dem Hof gefalle. \u201eSehr gut\u201c, gibt der zur Antwort, \u201enur die vielen Fliegen auf dem Klo st\u00f6ren mich arg.\u201c \u201eDann m\u00fcssen Sie halt in der Mittagszeit aufs Klo gehen\u201c, meint die B\u00e4uerin, \u201edann sind die Fliegen alle in der K\u00fcche.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zu Recht sagt man im Deutschen, man \u201esch\u00fctte sich aus vor Lachen\u201c. Zu den Dingen, die wir aussch\u00fctten m\u00f6chten, geh\u00f6ren die Ekelgef\u00fchle, die uns einst bei der Sauberkeitsdressur antrainiert worden sind. \u201eIgitt-igitt!\u201c Aber ein bi\u00dfchen Lust am Schmutz ist uns heimlich doch geblieben und will im Witz zum Vorschein kommen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Sperlinge halten ihre Mahlzeit auf einem Haufen Pferde\u00e4pfel. Sagt der eine: \u201eIch wei\u00df einen tollen Witz!\u201c Piepst der andere: \u201eAber bitte keinen unappetitlichen, jetzt beim Essen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Vom Lachen sagt Anthropologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmuth_Plessner\" target=\"_blank\">Helmut Plessner<\/a>, es sei eine Reaktion auf eine Lage,<\/em> \u201eauf die es keine andere Antwort gibt\u201c. <em>Eine Kapitulation also. Und das kann ja sehr entspannend sein.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Lebem\u00e4nner machen Rast in einem Gasthaus und m\u00fcssen zur gleichen Zeit die Toiletten aufsuchen. \u201eAch, Kalle\u201c, ruft der eine seinem Freund in der Nachbarbox zu, \u201ekannst du mir etwas Klopapier r\u00fcberreichen, hier ist nichts\u201c.  \u201eHier ist auch keins\u201c, t\u00f6nt er zur\u00fcck. \u201eIrgendeine Zeitung?\u201c \u201eNein, nichts.\u201c \u201eHast du einen alten Umschlag? Oder eine Drucksache?\u201c \u201eLeider nichts!\u201c \u201eNa sch\u00f6n, kannst du mir dann einen Hunderter wechseln?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 51\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (23): Mein Gott, auch das noch In der Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um \u201aDinge\u2019, die durch Magen, Darm und Blase wandern und daher als unappetitlich empfunden werden. Warum wir trotz des Ekels lachen? 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