{"id":3814,"date":"2011-01-10T10:40:57","date_gmt":"2011-01-10T09:40:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=3814"},"modified":"2011-01-10T09:24:24","modified_gmt":"2011-01-10T08:24:24","slug":"ernst-undoder-unterhaltend-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=3814","title":{"rendered":"Ernst und\/oder unterhaltend (Literatur)"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr den n\u00e4chsten Flohmarkt hatte einer meiner Schw\u00e4ger seine B\u00fccherregale ausgemistet; u.a. war dabei ein Buch von <a href=\"http:\/\/www.davidpaynebooks.com\/\" target=\"_blank\">David Payne<\/a>: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/342660115X?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=342660115X\" target=\"_blank\">Bekenntnisse eines Taoisten an der Wall Street<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=342660115X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (Knaur \u2013 vollst\u00e4ndige Taschenbuchausgabe 1988). Das Buch kannte ich vom H\u00f6rensagen, wusste auch von seiner \u201eZwiesp\u00e4ltigkeit\u201c (um es einmal so auszudr\u00fccken) \u2013 und da ich es jetzt vorliegen hatte, mich u.a. auch f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daoismus\" target=\"_blank\">Taoismus<\/a> interessiere, machte ich mich daran, es zu lesen. Schaut man im Internet nach, dann sieht man, dass es bei uns nur noch in der Krabbelkiste bzw. im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antiquariat\" target=\"_blank\">Antiquariat<\/a> erh\u00e4ltlich ist. Nach gut 350 Seiten (von \u00fcber 800 Seiten) habe ich es entnervt aufgegeben, das Buch weiterzulesen.<\/p>\n<p><em>Sun I, Sohn eines amerikanischen Fliegers und einer Chinesin, w\u00e4chst als Tao-M\u00f6nch in Szechuyn auf. Als sein Onkel ihm enth\u00fcllt, da\u00df sein Vater ein ber\u00fcchtigter Wall-Street-Hai ist, verl\u00e4\u00dft er die fern\u00f6stliche Welt des Klosters und geht nach New York.<br \/>\nDie Suche nach dem Vater bleibt erfolglos, doch dann \u00f6ffnet sich auch Sun I eine steile Karriere im B\u00f6rsengesch\u00e4ft.<\/em><\/p>\n<p>\u201eDas 800-Seiten-Buch ist f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dallas_%28Fernsehserie%29\" target=\"_blank\">Dallas<\/a>-Generation das, was f\u00fcr die Hippies <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Hesse\" target=\"_blank\">Hermann Hesses<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siddhartha_%28Hesse%29\" target=\"_blank\">\u201aSiddharta\u2019<\/a> war.\u201c <em>Stern<\/em><\/p>\n<p>In meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3619\" target=\"_blank\">Ernst und\/oder unterhaltend (Musik)<\/a> hatte ich mich \u00fcber den Unterschied zwischen anspruchsvoller und mehr oder weniger unterhaltender Musik ge\u00e4u\u00dfert, die vereinfachend in E- und U-Musik \u00fcberschieden wird. Bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Literatur\" target=\"_blank\">Literatur<\/a> wird das Ganze wohl noch etwas komplizierter. Ich schrieb in dem genannten Beitrag:<\/p>\n<p><em>Ja, mit den Schubl\u00e4dchen ist das schon so eine Sache. Wie gut, dass sich eben doch nicht alles so einfach einordnen und beschriften l\u00e4sst. Gerade anspruchvolle Musik, ob als E- oder U-Musik etikettiert, \u2013 und nat\u00fcrlich auch Literatur \u2013 verdient kein starres Korsett, sondern braucht Raum und Zeit, um \u201aatmen\u2019 zu k\u00f6nnen und als \u201asch\u00f6n\u2019 wahrgenommen zu werden (Wahrnehmung = <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%84sthetik\" target=\"_blank\">\u00c4sthetik<\/a>).<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich spielt auch bei der Bewertung von Literatur die Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Schubl\u00e4den gibt es auch hier genug. Analog der Musik w\u00fcrde ich (auch der Einfachheit halber) Literatur (Fach- und Sachliteratur vernachl\u00e4ssige ich hier) in Belletristik (der Begriff soll hier lediglich zur Abgrenzung dienen) und Unterhaltungsliteratur unterscheiden (Trivialliteratur wie Arzt- und Groschenromane usw. lasse ich ebenfalls unter dem Tisch fallen). Nat\u00fcrlich gibt es viele Gattungen (Epik wie Roman und Erz\u00e4hlung, Drama wie Kom\u00f6die und Trag\u00f6die, Lyrik wie Ballade oder Lied) und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Literatur#Arten_von_Literatur_und_Adressaten\" target=\"_blank\">Arten<\/a> von Literatur (z.B. Weltliteratur, Nationalliteratur usw.), die je nachdem der \u201aernsten\u201c oder \u201aunterhaltenden\u2019 Literatur zuzuordnen sind.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Taoisten-Wall Street-Buch: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daoismus\" target=\"_blank\">Taoismus bzw. Daoismus<\/a> ist eine alte chinesische Philosophie und Religion. Seine historisch gesicherten Urspr\u00fcnge liegen im 4. Jahrhundert v. Chr., als das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daodejing\" target=\"_blank\">Daodejing<\/a> (in \u00e4lteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching \u2026) des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laozi\" target=\"_blank\">Laozi<\/a> (Laotse, Lao-tzu) entstand \u2013 siehe hier meinen kleinen Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1181\" target=\"_blank\">Lao-tse: Tao-T\u00ea-King<\/a>.<\/p>\n<p>Die Idee dieses Buchs ist nun, das klanglich \u00e4hnliche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dao\" target=\"_blank\">Dao<\/a> dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dow_Jones_Index\" target=\"_blank\">Dow (Dow Jones Index)<\/a> der New Yorker Wall Street gegen\u00fcberzustellen, was bereits im Buchtitel zum Ausdruck kommt. Was nach einer \u201eoriginelle Mischung aus der chinesischen Weisheit des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I_Ging\" target=\"_blank\">I Ging<\/a> (Buch der Wandlungen) und seiner Konfrontation mit der westlichen Welt\u201c aussieht, entpuppt sich aber leider als hochtrabend angelegter Unterhaltungsroman \u2013 mehr nicht.<\/p>\n<p>Sicherlich hat sich der Autor sehr ausf\u00fchrlich mit Daoismus, \u201eTao-te-King\u201c und \u201eI Ging\u201c besch\u00e4ftigt. Auch beweist er ein gewisses Gesp\u00fcr f\u00fcr die Lebensbedingungen des jungen Protagonisten des Buchs. Aber es ist kein Spiegelbild der Wirklichkeit entstanden, sondern eine dick aufgetragene Erz\u00e4hlung, dem kein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klischee\" target=\"_blank\">Klischee<\/a> zu gering ist, um es zu benutzen.<\/p>\n<p>Eines dieser Klischees ist die Vorstellung, Asiaten w\u00fcrden sich st\u00e4ndig in gewunden-blumiger Sprache \u00e4u\u00dfern. Es ist aber der Autor selbst, der st\u00e4ndig blumig daherschreibt, sodass es mir wirklich zu \u201abunt\u2019 wurde, das weiterhin zu ertragen. Hier nur einige dieser sprachlichen Erg\u00fcsse, auch wenn sie aus dem Satzzusammenhang gerissen sind:<\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; Prismen eines Kronleuchters ern\u00e4hrt wie einen Weihnachtstruthahn &#8230;\u201c &#8211; \u201eM\u00fcde, verirrt, entmutigt, emotionell zutiefst versehrt \u2013 kurz gesagt: todungl\u00fccklich &#8230;\u201c &#8211; \u201eFeenkelche der Engelsbl\u00fcmchen &#8230;\u201c &#8211; \u201edas kristallklare Wispern flie\u00dfenden Wassers &#8230;\u201c &#8211; \u201evibrierende Frische des Morgens &#8230;\u201c &#8211; \u201e&#8230; exquisite Mysterium alkaloider Aufl\u00f6sung.\u201c &#8211; \u201eNur lag eine gewisse Sch\u00e4rfe in der Luft, eine Sch\u00e4rfe wie der Knall einer Peitsche.\u201c &#8211; \u201e&#8230; der eine gebend, der andere nehmend im letzten Koitus des Krieges &#8230;\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Schlimmer noch ist aber, das es an der Psychologie hapert. Auch hier bedient sich das Buch fast durchg\u00e4ngig menschlicher Klischees. Genug dieses Buchs.<\/p>\n<p>Ich lese zz. Martin Walsers \u201eDas Einhorn\u201c aus dem Jahre 1966 (sp\u00e4ter dazu mehr). Auch Walser bedient sich teilweise einer \u201eblumigen\u201c Sprache. Auch hier dient die Sprache oft dem \u201aSelbstzweck\u2019. Und doch ist es etwas v\u00f6llig Anderes.<\/p>\n<p>Was macht also den Unterschied zwischen diesen beiden Polen literarischer Werke aus? Immer wieder werden wir von Bestsellern \u00fcbersch\u00fcttet, die von einem breiten Publikum gelesen werden. Ich denke da an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harry_Potter\" target=\"_blank\">\u201eHarry Potter\u201c<\/a>, an die Werke eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dan_Brown\" target=\"_blank\">Dan Brown<\/a> oder eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ken_Follett\" target=\"_blank\">Ken Follett<\/a>. Werke dieser Art bev\u00f6lkern die B\u00fcchercharts (z.B. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/charts\/0,1518,458623,00.html\" target=\"_blank\">Spiegel<\/a>). Ab und wann findet sich aber auch ein Werk wie das des letztj\u00e4hrigen Literaturnobelpreistr\u00e4gers <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3480\" target=\"_blank\">Mario Vargas Llosa<\/a> hier. Selbst das erw\u00e4hnte Buch von Martin Walser war seinerzeit in solchen Hitlisten zu finden. In soweit l\u00e4sst sich kein Unterschied ausmachen. Oder doch? Die Frage ist, was wird gekauft \u2013 und was wird wirklich gelesen. Bei Walsers Buch k\u00f6nnte ich mir denken, dass viele K\u00e4ufer \u00fcber die ersten 50 Seiten kaum hinausgekommen sind. Zu schwierig, zu wenig \u201aunterhaltend\u2019.<\/p>\n<p>Aber auch der \u201aSchwierigkeitsgrad\u2019 ist kein wirkliches Kriterium. Es gibt leicht zu lesende Literatur (ich denke da an Kafka), die aber inhaltlich \u201aschwer\u2019 zu verdauen ist. Oder wie steht es mit der Ausdruckskraft der Sprache? Auch Verfasser von Unterhaltungsliteratur k\u00f6nnen fesselnd und sprachlich gekonnt schreiben.<\/p>\n<p>Ich denke, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stoff_%28Literatur%29\" target=\"_blank\">Sujet<\/a>, im Stoff, dem Thema des literarischen Werks liegt. Verfasser von Unterhaltungsliteratur entf\u00fchren uns oft in eine \u201aandere\u2019 Welt, w\u00e4hrend Schriftsteller von Belletristik (in meinem Sinne) sich mit der Welt, wie sie ist, begn\u00fcgen. Unsere Welt bietet Stoff genug \u2013 im Guten wie im Schlechten, da muss man nicht erste einen Parallelkosmos erschaffen.<\/p>\n<p>Und es ist der geistige N\u00e4hrwert, der den Unterschied ausmacht. Unterhaltungsliteratur sorgt oft f\u00fcr Spannung, Nervenkitzel \u2013 wahre Belletristik ist auch spannend, aber sie bietet \u201ageistige Nahrung\u2019, die uns als Leser weiterbringt, uns zu neuen Erkenntnissen verhilft.<\/p>\n<p>Nun jeder muss letztendlich selbst wissen, was er lesen m\u00f6chte. Auch ich lese nicht nur Belletristik (Weltliteratur usw.), sondern lasse mich auch gern einmal in Phantasiewelten entf\u00fchren. Auch ein guter Kriminalroman kann mich begeistern. Aber es geht eben doch nichts gegen ein \u201agutes Buch\u2019, ein wirklich \u201agutes Buch\u2019.<\/p>\n<p>siehe auch meinen Beitrag. <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=91\" target=\"_blank\">Rebecca Mich\u00e9le: Der Schatz in den Highlands<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den n\u00e4chsten Flohmarkt hatte einer meiner Schw\u00e4ger seine B\u00fccherregale ausgemistet; u.a. war dabei ein Buch von David Payne: Bekenntnisse eines Taoisten an der Wall Street (Knaur \u2013 vollst\u00e4ndige Taschenbuchausgabe 1988). Das Buch kannte ich vom H\u00f6rensagen, wusste auch von seiner \u201eZwiesp\u00e4ltigkeit\u201c (um es einmal so auszudr\u00fccken) \u2013 und da ich es jetzt vorliegen hatte, &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=3814\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ernst und\/oder unterhaltend (Literatur)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3814"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3814"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3814\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}