{"id":4425,"date":"2011-05-11T09:53:59","date_gmt":"2011-05-11T08:53:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=4425"},"modified":"2011-05-10T09:58:40","modified_gmt":"2011-05-10T08:58:40","slug":"vergessene-stucke-6-edward-bond-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=4425","title":{"rendered":"Vergessene St\u00fccke (6): Edward Bond &#8211; Sommer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edward_Bond\" target=\"_blank\">Edward Bond<\/a> (* 18. Juli 1934 in London) ist ein englischer Dramatiker. Sein 1982 ver\u00f6ffentlichte St\u00fcck \u201eSummer\u201c, zu Deutsch: \u201eSommer\u201c, wurde 1983 an den M\u00fcnchner Kammerspielen in der Regie von Luc Bondy in deutscher Erstauff\u00fchrung auf die B\u00fchne gebracht. Die deutsche \u00dcbersetzung ist von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Enzensberger\" target=\"_blank\">Christian Enzensberger<\/a>. Mir liegt \u201eSommer\u201c in einem Band mit verschiedenen Theaterst\u00fccken (suhrkamp taschenbuch 1190 \u2013 1. Auflage 1985) <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B004JJU5Y4\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B004JJU5Y4\" target=\"_blank\"><strong>Theater heute<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B004JJU5Y4\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> vor.<\/p>\n<p>St\u00fccke von <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=edward%20bond&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Edward Bond<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p>Edward Bond nennt sein St\u00fcck &#8222;Sommer&#8220; im Untertitel ein europ\u00e4isches St\u00fcck und sagt, er schreibe nicht \u00fcber einen Deutschen (der in dem St\u00fcck von den Gr\u00e4ueln der Vergangenheit berichtet, als beschreibe er einen Sonntagsausflug), sondern er schreibe \u00fcber das B\u00f6se als etwas ganz Banales. Hat er recht, wenn er hinzuf\u00fcgt, dieser Typ des Alltagst\u00e4ters sei die zentrale Figur unseres Jahrhunderts? Der Typ des Handlangers, den man gebrauchen kann, einer, der nur seine Pflicht tut, wie es auch Eichmann von sich behauptet hat? (Vergleiche hier auch meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=812\" target=\"_blank\">Bestie Mensch<\/a>, auf den ich in den letzten Beitr\u00e4gen schon \u00f6fter zu sprechen gekommen bin).<\/p>\n<p><strong>Personen:<\/strong><\/p>\n<p>Marthe (Mutter von D.)<br \/>\nXenia (Mutter von A.)<br \/>\nAnn<br \/>\nDavid (Arzt)<br \/>\nDeutscher<br \/>\nStimmen von drau\u00dfen<\/p>\n<p><strong>Zeit:<\/strong> Gegenwart (1980)<\/p>\n<p><strong>Ort:<\/strong> Osteuropa (d\u00fcrfte sich um Jugoslawien handeln)<br \/>\nTerrasse eines in den Fels gebauten Hauses mit Blick auf das Meer. Vorn rechts eine T\u00fcr zur Stra\u00dfe hinaus. Hinten rechts eine T\u00fcr zum h\u00f6her gelegenen Teil des Hauses. In der R\u00fcckwand links eine T\u00fcr zu einem Zimmer. Links ein Gel\u00e4nder vor dem Meer.<\/p>\n<p>Marthe ist an Lymphdr\u00fcsenkrebs erkrankt. Auch ihr Sohn, der Arzt ist, kann ihr nicht mehr helfen. Beide werden von Xenia und deren Tochter aus London besucht, um in dem Haus Urlaub zu machen. Fr\u00fcher geh\u00f6rte das Haus am Meer Xenias Vater, dem reichen Fabrik- und Landbesitzer. Dieser wurde nach dem Krieg enteignet und inhaftiert. Xenia verheiratete sich nach London. Seit Jahrzehnten lebt Marthe wie selbstverst\u00e4ndlich in dem Haus. Sie war fr\u00fcher Dienstm\u00e4dchen bei Xenias Eltern. W\u00e4hrend des Krieges gingen deutsche Offizier in dem Haus aus und ein. Eine dem Festland vorgelagerte Insel war von den Deutschen f\u00fcr ihre Erschie\u00dfungen gepachtet. <\/p>\n<p>Nach dem Tod eines deutschen Offiziers und dessen Fahrer durch Partisanen, werden viele Einwohner des Ortes verhaftet und auf der Insel hingerichtet. Auch Marthe wird verhaftet, kommt aber durch die Intervention von Xenia wieder frei. Trotzdem verr\u00e4t Marthe nach dem Krieg Xenias Vater, der in Haft nach zwei Jahren Zwangsarbeit stirbt.<\/p>\n<p>Vierzig Jahre sp\u00e4ter also besucht Xenia wiederholt das alte Elternhaus mit ihrer Tochter Ann. Diese hatte schon bei einer fr\u00fcheren Reise ein Verh\u00e4ltnis mit Marthes Sohn David. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung zwischen der todkranken Marthe und Xenia. F\u00fcr Marthe ist Xenia die Vertreterin der Ausbeuter geblieben, die zwar freundlich, aber ungerecht sind:<\/p>\n<p>MARTHE: &#8230; <em>Noch soviel Freundlichkeit reicht nicht aus, um die Welt menschlich zu machen<\/em>. &#8230; (S. 198) &#8230; <em>In eurer Welt hat das Gute B\u00f6ses angerichtet.<\/em> &#8230; <em>Die Soldaten auf der Insel konnten sich kaum damit entschuldigen, da\u00df sie das Blut, das sie vergossen, nicht gesehen h\u00e4tten. Mit euch stand es schlimmer. Ihr hattet f\u00fcr alles die beste Entschuldigung: eure H\u00e4nde waren sauber!<\/em> &#8230; (S.199) \u2013 und:<\/p>\n<p>MARTHE [zu Xenia]: &#8230; <em>Wer deine Familie geachtet und geliebt hat, den hat sie dazu gebracht, Freundlichkeit mit Gerechtigkeit zu verwechseln. Dasa verdirbt. Man kann ohne Freundlichkeit leben, aber nicht ohne Gerechtigkeit \u2013 oder den Kampf um sie. Wer das versucht, ist verr\u00fcckt.<\/em> &#8230; (S. 173)<\/p>\n<p>Dem wei\u00df Xenia nur zu entgegnen:<\/p>\n<p>XENIA (\u00fcber ihren Vater): &#8230; <em>er hat sich seine Wiege nicht ausgesucht. Er hat sich benommen wie jeder andere in seiner Stellung. Jemand mu\u00df daf\u00fcr sorgen, da\u00df die Welt funktioniert.<\/em> [zu Marthe] <em>Wenn ihr es besser k\u00f6nnt, gut.<\/em> &#8230; (S. 180)<\/p>\n<p>Es ist ein alter Konflikt, der hier zum letzten Mal ausbricht. Marthe, die mit dem Leben abgeschlossen hat, die daher eigentlich keinen Streit sucht und ihren Sohn durchaus gern mit Ann zusammen sieht \u2013 in ihr ist dennoch tief innen das Gef\u00fchl ihrer sozialen Dem\u00fctigung vorhanden. Und daher &#8211; von Xenia herausgefordert \u2013 spuckt sie ihre Verachtung dieser ins Gesicht.<\/p>\n<p>Bei einem Besuch der angesprochenen Insel begegnet Xenia einem deutschen Urlauber, gewisserma\u00dfen einen Kronzeugen des Kriegsgeschehens, den es noch einmal an den Ort seiner \u201eHeldentaten\u201c zur\u00fcckgezogen hat. Dieser berichtet auf sehr naive Weise von den Gr\u00e4ueln der Vergangenheit, als beschreibe er einen Sonntagsausflug.<\/p>\n<p>Zuletzt spielt nat\u00fcrlich der Tod eine Rolle. DAVID [zu Marthe]: &#8230; <em>Du mu\u00dft mit dem Tod einverstanden sein. Sonst kannst du nicht in Frieden sterben.<\/em> (: 169)<\/p>\n<p>Diese res\u00fcmiert in einem letzten Gespr\u00e4ch mit Ann:<\/p>\n<p>MARTHE: <em>Was ist nutzloser als der Tod? Ein Leben ohne Tod \u2013 wenn es das g\u00e4be. Wie k\u00f6nntest du etwas sch\u00f6n finden, was du ewig anschaust? Er w\u00fcrde dir \u00fcber. Wozu einander lieben, wenn es ewig dauerte? Wenn ich euch tausendmal verziehen h\u00e4tte, bek\u00e4mt ihr das Verzeihen satt. Ihr w\u00e4rt es m\u00fcde, die Leute auszuwechseln, die ihr liebt.<\/em> (S. 205)<\/p>\n<p>Marthe scheint ihren Frieden gefunden zu haben und mit ihre letzten Worte eignen sich f\u00fcr so manches Poesiealbum (oder auch als Lebensmotto):<\/p>\n<p>MARTHE (zu Ann): <strong><em>La\u00df dich nicht vom Blitz erschlagen und den Wahnsinnigen nicht dein Haus anz\u00fcnden. Ergib dich nicht deinen Feinden und \u00fcbergehe keinen in der Not. K\u00e4mpfe.<\/em><\/strong> &#8230; (S. 206)<\/p>\n<p>Ich gestehe, dass ich den Konflikt der beiden Frauen, besonders nach so vielen Jahren, nicht ganz nachvollziehen kann. Aber die menschliche Seele ist tief und von so manchem Ressentiment vergiftet. Das brodelt \u00fcber lange Zeit. Auch vermag ich nicht so recht zu beurteilen, ob die Aussagen des deutschen Urlaubers realistisch sind. Wer gibt sich vor Fremden so blo\u00df. Aber auch hier sorgt sicherlich das Unterbewusstsein vor \u2013 und verharmlost selbst die schlimmsten Gr\u00e4ueltaten. Nat\u00fcrlich ist das St\u00fcck thematisch veraltet. Weitere drei\u00dfig Jahre sind ins Land gestrichen \u2013 und nicht nur Marthe im St\u00fcck, sondern auch fast alle anderen der fr\u00fcheren Kontrahenten d\u00fcrften gestorben sein. Aber das B\u00f6se und der Typ des Handlangers des B\u00f6sen, den man f\u00fcr die Schmutzarbeiten gebrauchen kann, sind gegenw\u00e4rtig wie selten zuvor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edward Bond (* 18. Juli 1934 in London) ist ein englischer Dramatiker. 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