{"id":4551,"date":"2011-06-15T09:02:33","date_gmt":"2011-06-15T08:02:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=4551"},"modified":"2011-06-15T09:04:59","modified_gmt":"2011-06-15T08:04:59","slug":"javier-marias-mein-herz-so-weis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=4551","title":{"rendered":"Javier Mar\u00edas: Mein Herz so wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eIch wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der M\u00e4dchen, als es kein M\u00e4dchen mehr war, kurz nach der R\u00fcckkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufkn\u00f6pfte, den B\u00fcstenhalter auszog und mit der M\u00fcndung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei G\u00e4sten im Esszimmer befand, ihr Herz suchte. Als der Knall ert\u00f6nte, etwa f\u00fcnf Minuten, nachdem das M\u00e4dchen den Tisch verlassen hatte, stand der Vater nicht sofort auf, sondern verharrte ein paar Sekunden lang wie gel\u00e4hmt mit vollem Mund und wagte nicht zu kauen noch zu schlucken und noch weniger, den Bissen auf den Teller zur\u00fcckzuspucken; und als er sich endlich erhob und zum Badezimmer lief, sahen jene, die ihm folgten, wie er, als er den blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter entdeckte und die H\u00e4nde an den Kopf hob, den Bissen Fleisch im Mund hin und her bewegte, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen sollte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(S. 9 \u2013 Klett-Cotta Deutscher Taschenbuch Verlag 12507 \u2013 Juni 1998)<\/p>\n<p>\u201eEine junge Frau erhebt sich vom Tisch, geht ins Bad, kn\u00f6pft ihre Bluse auf und erschie\u00dft sich. Diese dunkle Szene, von der der Ich-Erz\u00e4hler nur geh\u00f6rt hat, l\u00e4\u00dft ihm keine Ruhe. Die junge Frau war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, die Frau, die sein Vater vor seiner Mutter geheiratet hatte. Vierzig Jahre sp\u00e4ter ist der Erz\u00e4hler selbst verheiratet. Dunkle Vorahnungen und nebens\u00e4chliche Ereignisse beunruhigen ihn. Der Ich-Erz\u00e4hler ist Dolmetscher und leidet an eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/D%C3%A9formation_professionnelle\" target=\"_blank\"><em>d\u00e9formation professionelle<\/em><\/a>, die ihn dazu zwingt, jedes Detail zu registrieren und zu interpretieren: die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben zu zweit und auch jene Details, die ihm nach und nach mehr \u00fcber die Ereignisse vor seiner Geburt verraten, als ihm lieb ist &#8230;\u201c (Aus dem Klappentext)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Javier_Mar%C3%ADas\" target=\"_blank\">Javier Mar\u00edas Franco<\/a> (* 20. September 1951 in Madrid) ist ein spanischer Schriftsteller, Kolumnist und \u00dcbersetzer. Sein Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mein_Herz_so_wei%C3%9F\" target=\"_blank\">Mein Herz so wei\u00df<\/a> (Original: Coraz\u00f3n tan blanco, Barcelona 1992) erschien in Deutschland 1996 in der J. G. Cotta_sche Buchhandlung, Stuttgart, in einer \u00dcbersetzung von <a href=\"http:\/\/www.berlinerliteraturkritik.de\/detailseite\/artikel\/elke-wehr-gestorben-uebersetzerin-von-javier-marias-und-vargas-llosa.html\" target=\"_blank\">Elke Wehr<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.javiermarias.es\/\" target=\"_blank\">Javier Mar\u00edas<\/a> gilt als einer der bedeutendesten Schriftsteller des heutigen Spaniens. Sein Werk wurde in dreiundzwanzig Sprachen \u00fcbersetzt (Stand: 1998). Der Titel des Romans ist ein Zitat aus Shakespeares Macbeth (2. Akt, 2. Szene):<\/p>\n<p><em>\u201eMy hands are of your colour; but I shame<br \/>\nTo wear a heart so white.\u201d<\/em> (Shakespeare)<\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p><em>\u201cMeine H\u00e4nde<br \/>\nSind blutig, wie die deinen; doch ich sch\u00e4me<br \/>\nMich, da\u00df mein Herz so wei\u00df ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4541\" target=\"_blank\">\u201eI have done the deed\u201d<\/a> habe ich mich bereits mit diesem Roman einwenig besch\u00e4ftigt. Es geht darin u.a. um eine Tat, ein Verbrechen, das <em>\u201enicht existiert,<\/em> [&#8230; wenn es] <em>nicht ausgesprochen wird.\u201c<\/em> (S. 53) <em>\u201eVielleicht kommt ein Augenblick, in dem die Dinge erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, sie selbst, vielleicht um zur Ruhe zu kommen oder um endlich zu einer Fiktion zu werden.\u201c<\/em> (S. 283) Hinter dem Selbstmord der jungen Frau vor 40 Jahren, der Tante des Ich-Erz\u00e4hlers, verbirgt sich ein Drama Shakespeare\u2019schen Ausma\u00dfes. \u201eEs ist die Glut Macbethscher Einfl\u00fcsterungen, sprachlicher Verderbtheit, die reales Verderben bewirkt.\u201c (Hellmuth Karasek im \u201eSpiegel\u201c). Lady Macbeth stiftete ihren Mann zum Mord an K\u00f6nig Duncan an und begeht vom Gewissen geplagt Selbstmord. Der Selbstmord im Roman ist \u00e4hnlich gelagert. Auch die Tante hatte einen Satz gesprochen: <em>\u201eEs war ein Satz des Verzichts, nicht der Anstiftung, es war der Satz von jemandem, der sich zur\u00fcckzieht und f\u00fcr besiegt erkl\u00e4rt.\u201c<\/em> (S. 321) Aber genau dieser Satz f\u00fchrte zum Verbrechen. Und als der Tante bewusst wurde, was sie damals so beil\u00e4ufig gesagt hatte, wurde sie sich ihrer Schuld bewusst: \u201cMeine H\u00e4nde sind blutig, wie die deinen; doch ich sch\u00e4me mich, da\u00df mein Herz so wei\u00df ist.\u201c Und: <em>\u201e\u00dcbersetzbare, herrenlose Worte, [&#8230;] die zu [&#8230;] Handlungen anstiften, [&#8230;] Aber wer sie sagt, ertr\u00e4gt sich nicht, wenn er sie vollzogen sieht.\u201c<\/em> (S. 321)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=embed&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=Calle+Alcal%C3%A1+15,+madrid&amp;sll=40.418201,-3.702017&amp;sspn=0.001127,0.002068&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Calle+de+Alcal%C3%A1,+15,+28014+Madrid,+Comunidad+de+Madrid,+Spanien&amp;layer=c&amp;cbll=40.417625,-3.699745&amp;panoid=6iDkUUB2IqlX7JfkBshHYQ&amp;cbp=13,311.17,,0,-1&amp;ll=40.411601,-3.699732&amp;spn=0.020913,0.046349&amp;z=14&amp;output=svembed\"><\/iframe><br \/><small><a href=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=embed&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=Calle+Alcal%C3%A1+15,+madrid&amp;sll=40.418201,-3.702017&amp;sspn=0.001127,0.002068&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Calle+de+Alcal%C3%A1,+15,+28014+Madrid,+Comunidad+de+Madrid,+Spanien&amp;layer=c&amp;cbll=40.417625,-3.699745&amp;panoid=6iDkUUB2IqlX7JfkBshHYQ&amp;cbp=13,311.17,,0,-1&amp;ll=40.411601,-3.699732&amp;spn=0.020913,0.046349&amp;z=14\" style=\"color:#0000FF;text-align:left\">Gr\u00f6\u00dfere Kartenansicht<\/a><\/small><br \/>\nCalle de Alcal\u00e1, 15, Madrid (im Roman: Calle Alcal\u00e1 15, hier in einem alten Casino fand die Hochzeitsfeier von Juan, dem Ich-Erz\u00e4hler, und Luisa statt, siehe S. 100 \u2013 der Name der Stra\u00dfe nach einer alten Universit\u00e4t in Madrid: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Universit%C3%A4t_Alcal%C3%A1\" target=\"_blank\">Alcal\u00e1<\/a>)<\/p>\n<p>Der Roman ist ein Buch, von dem man hin- und hergerissen wird. Einige Passagen im ersten Teil sind sicherlich etwas erm\u00fcdend und schleppend (Mar\u00edas sinnt schwerm\u00fctig-pessimistisch \u00fcber die Ehe nach). Erst am Schluss des Romans ergeben sie Sinn. Aber dann kommen Passagen, die den Leser in ihren Bann ziehen, es gibt kaum ein Entkommen. Selbst scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben des Ich-Erz\u00e4hlers verursachen durch die Erz\u00e4hlweise eine Spannung, die sich erst zuletzt \u00e4hnlich wie beim Protagonisten, dem ein Unbehagen plagt, l\u00f6sen. Mar\u00edas erzeugt diese Spannung, dieses Unbehagen auch beim Leser, durch kleine S\u00e4tze, deren Bedeutung erst sp\u00e4t gekl\u00e4rt wird: <em>\u201e&#8230; sie denken nicht daran, da\u00df sich bisweilen alles \u00e4ndert, nachdem man wei\u00df, sogar das Fleisch oder die Haut, die sich auftun, oder etwas wird aufgeschlitzt.\u201c<\/em> (S. 169)<\/p>\n<p>Unser Literaturpapst reagierte \u00fcbrigens beim Erscheinen des Buchs enthusiastisch: \u201eBegeistert bin ich von diesem Mar\u00edas, ich glaube, das ist einer der gr\u00f6\u00dften im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt &#8230; Ich habe seit vielen Jahren kein Buch gelesen, das mich so tief getroffen hat.\u201c (Marcel Reich-Ranicki im \u201eLiterarischen Quartett\u201c) Ich kann es ihm nicht ganz verdenken. Was mich allerdings wundert ist, dass der Roman <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=marias%20mein%20herz%20so%20wei%C3%9F&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\">Mein Herz so wei\u00df<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> seit l\u00e4ngerer Zeit nicht mehr neu in Deutschland aufgelegt wurde. \u00dcberhaupt erscheint mir die Literatur von <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Javier%20Marias&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Javier Mar\u00edas<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> in Deutschland etwas stiefm\u00fctterlich behandelt zu sein. Sollte es doch etwas zu \u201aschwer\u2019 sein f\u00fcrs deutsche Gem\u00fct?<\/p>\n<p>Zuletzt hier noch eine sicherlich hilfreiche Rezension mit weiteren Textpassagen zu <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Marias_herz.htm\" target=\"_blank\">Mein Herz so wei\u00df<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der M\u00e4dchen, als es kein M\u00e4dchen mehr war, kurz nach der R\u00fcckkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufkn\u00f6pfte, den B\u00fcstenhalter auszog und mit der M\u00fcndung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=4551\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Javier Mar\u00edas: Mein Herz so wei\u00df<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4551"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4551"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4551\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}