{"id":4807,"date":"2011-08-25T09:59:24","date_gmt":"2011-08-25T08:59:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=4807"},"modified":"2011-08-24T11:08:25","modified_gmt":"2011-08-24T10:08:25","slug":"michael-roes-leeres-viertel-%e2%80%93-rub%e2%80%99-al-khali","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=4807","title":{"rendered":"Michael Roes: Leeres Viertel \u2013 Rub\u2019 Al-Khali"},"content":{"rendered":"<p>Als wir vor einigen Jahren unseren Reise in die <a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/tunesia.html\" target=\"_blank\">W\u00fcste S\u00fcdtunesiens<\/a> planten, fiel mir beim Buchh\u00e4ndler ein Roman in die Hand, der im Wesentlichen in der gr\u00f6\u00dften Sandw\u00fcste unserer Erde, der <a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/rak.html\" target=\"_blank\">Rub\u2019 Al-Khali<\/a>, spielt: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=roes%20leeres%20viertel&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\">Michael Roes: Leeres Viertel \u2013 Rub\u2019 Al-Khali &#8211; Invention \u00fcber das Spiel<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (1. Auflage btb Taschenbuch im Goldmann Verlag \u2013 1996).<\/p>\n<p>Die Kritiken sprechen f\u00fcr sich:<br \/>\n<em>\u201eBesessen wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rainald_Goetz\" target=\"_blank\">Reinald Goetz<\/a>, belesen wie ein Gelehrter alten Schlages, dazu furchtlos wie der junge Clint Eastwood.\u201c<\/em>, schrieb damals DIE ZEIT \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Roes\" target=\"_blank\">Michael Roes<\/a> bzw. <em>\u201eDas ist Literatur pur!\u201c<\/em> (Die Zeit). &#8211; <em>\u201eEine k\u00fchne Gratwanderung zwischen den Gattungen: Abenteuerroman, Ethnographie, phantastische Legende und autobiographisches Fragment.\u201c<\/em> (Die Woche)<\/p>\n<p>Und nicht umsonst habe ich dieses 800 Seiten umfassende Buch bereits mehrmals in diesem Blog zur Sprache gebracht (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4687\" target=\"_blank\">Lob der Kinderarbeit<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4776\" target=\"_blank\">Das Leben als Spiel<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4779\" target=\"_blank\">Der heilige Krieg<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=189\" target=\"_blank\">Kamelliste<\/a>). Heute komme ich nun zum Buch selbst, das u.a. auch Ergebnis von ethnologischen Studien des Autors ist, als dieser im Rahmen eines ethnologischen Forschungsprojektes 1994 \/1995 ein Jahr im Jemen verbrachte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"240\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=jemen&amp;aq=&amp;sll=15.352811,44.202204&amp;sspn=0.047509,0.066175&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Jemen&amp;t=h&amp;ll=15.474857,43.989258&amp;spn=1.270542,2.960815&amp;z=8&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nSana\u2019a\/Jemen<\/p>\n<p><em>\u201eZwei deutsche Forschungsreisende machen sich auf in jenes W\u00fcstengebiet S\u00fcdarabiens, das Rub\u2019 Al-Khali, Leeres Viertel, genannt wird. Beide f\u00fchren ein Tagebuch. Nur reiste der eine am Ende des 18. Jahrhunderts und war auf der Suche nach den mosaischen Gesetzestafeln. Der andere folgt 200 Jahre sp\u00e4ter den Spuren seines Vorg\u00e4ngers, um eine Theorie \u00fcber archaische Formen des Spielens zu entwickeln. F\u00fcr beide wird es eine Reise ins Ich und in die Fremde &#8230;\u201c<\/em><br \/>\n(Klappentext)<\/p>\n<p>Oder wie es auf der Innentext zum Buch hei\u00dft:<br \/>\n<em>\u201eEin junger deutscher V\u00f6lkerkundler unternimmt eine Forschungsreise nach S\u00fcdarabien. Ziel seines gro\u00dfangelegten Projektes ist das Sammeln der Spiele der arabischen Welt, mit deren Hilfe er eine \u00fcbergreifende Theorie \u00fcber den Zusammenhang zwischen Spiel und menschlicher Kultur entwickeln will. W\u00e4hrend der Anreise liest er die Abschrift eines alten Berichts \u00fcber eine Expedition in den Orient, auf die er in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herzogin_Anna_Amalia_Bibliothek\" target=\"_blank\">Herzogin-Anna-Bibliothek<\/a> zu Weimar gesto\u00dfen ist. Der Verfasser des Berichts, Alois Schnittke, macht sich am Ausgang des 18. Jahrhunderts auf den Weg von Weimar in die gr\u00f6\u00dfte Sandw\u00fcste der Welt, die Rub\u2019 Al-Khali. Er und seine Reisegef\u00e4hrten brechen auf, das Geheimnis der mosaischen Gesetzestafeln zu ergr\u00fcnden. Das Reisetagebuch berichtet von st\u00fcrmischen Seefahrten, singendem Sand, der Pest, Beduinen\u00fcberf\u00e4llen, der K\u00f6nigin von Saba und Amazonen, Scheichs und Narren, einem geheimnisvollen Reverend Fox, der die Christianisierung der Heiden im Sinn f\u00fchrt, einer verborgenen Bibliothek, Stammesbr\u00fcdern, die sich als die W\u00e4chter der Gesetzestafeln herausstellen, n\u00e4chtlichen Leichenraub und schlie\u00dflich dem Tod der Reisegef\u00e4hrten &#8230;\u201c<\/em> Schnittke ist der einzige \u00dcberlebende des Unternehmens. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Die Geschichten beider Forschungsreisenden werden parallel erz\u00e4hlt, und es gibt Entsprechungen zwischen ihren Geschichten, denn auch Schnittke interessiert sich f\u00fcr Spiele wie der Tagebuchautor heutigen Tags. Und beide werden durch einheimische St\u00e4mme im Jemen verschleppt. Unterschieden werden die Berichte durch die Orthographie, die Schnittkes kommt altert\u00fcmlich daher, die andere in gem\u00e4\u00dfigter Kleinschreibung (und das \u00df wird zu sz).<\/p>\n<p><em>\u201eBaron Ernst Eugen le da Motte, Poet, Diplomat, M\u00e4zen, Financier und F\u00fchrer der Expedition, Doctor Tertulio Liebetrud Schotenbauer, Altphilologe, Historiker und tragischer Abklatscher, und zweyfellos auch der Geist unseres immer theilnahmsvollen Gef\u00e4hrten, des Arztes und Botanikers Hans-Jakob Schlichter, [&#8230;] meine Wenigkeit, Acteur und Publicum zugleich, Prospectmaler, Marionettenspieler, Theaterdirector und Principal Alois Ferdinand Schnittke, gegenw\u00e4rthig pers\u00f6nlicher Secretaire des edlen Chef de Mission und, in aller Bescheidenhait, selbsternannter Chronist der Sitten und Gebr\u00e4uche der orientalischen V\u00f6lker nebst besonderer Ber\u00fccksichtigung ihrer lustigen Compagnien und schrecklichen Sprachkriege, und sein stummer Bruder, ja, Schatten Frere Jacque d\u2019Afrique<\/em> [&#8230;].\u201c (S. 294)<\/p>\n<p>Das geheime Ziel besteht in der Wiederfindung der mosaischen Gesetzestafeln, die bekanntlich K\u00f6nig Salomo einst fahrl\u00e4ssig der im Jemen residierenden K\u00f6nigin von Saba anvertraute. Schnittke findet sie am Ende tats\u00e4chlich, doch seine drei Gef\u00e4hrten verlieren bei dem W\u00fcstenabenteuer ihr Leben. Nat\u00fcrlich sind die Tafeln leer, und auch die Spuren ihres Entdeckers verlieren sich irgendwann im \u201eLeeren Viertel\u201c.<\/p>\n<p>Diese Tagebuchaufzeichnungen sind \u00fcbrigens fiktiv und zum Teil eine Montage aus alten Reiseberichten verschiedenster Autoren.<\/p>\n<p>Kommen wir in das Jahr 1994 und damit in die Wirren des jemenitischen B\u00fcrgerkriegs. Der junge Ethnologe fliegt nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sanaa\" target=\"_blank\">Sana\u2019a<\/a>, der Hauptstadt des Jemens, um dort und in der Umgebung die Spiele der arabischen Welt, besonders der Kinder, zu erforschen. Sicherlich ist die Beschreibung der vielen Spiele manchmal erm\u00fcdend. Aber ich mag solche B\u00fccher, die Momentaufnahmen einer Welt sind, die vielleicht schon bald in dieser Form nicht mehr existieren wird (Stichwort: arabischer \u201aFr\u00fchling\u2019, der mit vielen Ver\u00e4nderungen daherkommen wird). Bemerkenswert dabei ist die Feststellung, dass viele der hier genannten Spielen auch bei uns bekannt sind. Die Ergebnis seiner Forschungen versucht nun der Autor in eine \u201eInvention \u00fcber das Spiel\u201c, einer Art Theorie, zusammenzufassen. Wesentliche Impulse f\u00fcr diese Arbeit gewinnt er dabei aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_Wittgenstein\" target=\"_blank\">Ludwig Wittgensteins<\/a> Konzept vom &#8222;Sprachspiel&#8220;, das in dessen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philosophische_Untersuchungen\" target=\"_blank\">&#8222;Philosophischen Untersuchungen&#8220;<\/a> zu finden ist.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich schon Stoff genug f\u00fcr ein eigenes Buch, bleibt leider im Ansatz stecken und geht so in einem 800 Seiten fassenden Buch eher unter. Aber das Buch will ja mehr sein als ein Expos\u00e9 \u00fcber das Spiel (neben dem Reisetagebuch Schnittkes): Roman will es sein!<\/p>\n<p>So binden sich die Abhandlungen \u00fcber das Spiel in ein Tagebuch ein. Wir erfahren einiges vom arabischen Alltag, besonders von der M\u00e4nnerwelt, die sich fast nur auf sich selbst beschr\u00e4nkt und so in homoerotischen Bekundungen zeigt. Als Leser f\u00fchle ich mich pl\u00f6tzlich aufs Glatteis gef\u00fchrt. So ist zaghaft von kleinen sexuellen Erlebnissen die Rede, homosexuellen Abenteuern, die in der arabischen Welt h\u00f6chst verp\u00f6nt sind. Es bleibt bei vagen Anspielungen, so als getraue sich der Autor nicht zu einem Bekenntnis seiner Homosexualit\u00e4t. Auch das w\u00e4re eigentlich Stoff genug f\u00fcr ein eigenst\u00e4ndiges Buch. Dann w\u00e4re es Roman oder zumindest Reisetagebuch.<\/p>\n<p>Sicherlich ist dieser \u201aRoman\u2019 spannend erz\u00e4hlt und hat mich durch seine Vielschichtigkeit zu allerlei Gedanken angeregt. So bekam er 1997 durchaus verdient den Bremer Literaturpreis zugesprochen. Ich kann mich aber eines Eindrucks nicht erw\u00e4hren, n\u00e4mlich dessen, dass der Autor zu viel gewollt hat und dann in vielem halbherzig stecken geblieben ist. Das Buch ist des Guten zuviel. So wundert mich die harsche Kritik <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-9123546.html\" target=\"_blank\">Sprachlos in der W\u00fcste<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volker_Hage\" target=\"_blank\">Volker Hage<\/a> nicht, der dem Autor Michael Roes manche Banalit\u00e4t zum Vorwurf macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als wir vor einigen Jahren unseren Reise in die W\u00fcste S\u00fcdtunesiens planten, fiel mir beim Buchh\u00e4ndler ein Roman in die Hand, der im Wesentlichen in der gr\u00f6\u00dften Sandw\u00fcste unserer Erde, der Rub\u2019 Al-Khali, spielt: Michael Roes: Leeres Viertel \u2013 Rub\u2019 Al-Khali &#8211; Invention \u00fcber das Spiel (1. 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