{"id":5008,"date":"2011-10-12T09:01:57","date_gmt":"2011-10-12T08:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5008"},"modified":"2011-10-11T12:48:26","modified_gmt":"2011-10-11T11:48:26","slug":"martin-walser-muttersohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5008","title":{"rendered":"Martin Walser: Muttersohn"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein seltsamer Roman, dieser <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3498073788\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3498073788\" target=\"_blank\"><strong>Muttersohn<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3498073788\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a>, und die Kritiken sind entsprechend harsch, wenn auch dem Alter des Autors Rechnung getragen, d.h. Nachsicht ge\u00fcbt wird. Martin Walser <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/newsticker\/martin-walser-probt-schon-mal-das-altersirresein--heute-erscheint-seine-neue-novelle-die-vorhaut-christi,10917074,10696570.html\" target=\"_blank\">probt schon mal das Altersirresein<\/a>, hei\u00dft es da, oder: \u201eIn \u201aMuttersohn\u2019 gen\u00fcgt der Autor sich selbst, ein landl\u00e4ufiges Gelingen hatte er gar nicht im Sinn.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/martin-walsers-roman-muttersohn-wo-bitte-gehts-hier-zum-himmel-1.1120165\" target=\"_blank\">s\u00fcddeutsche.de<\/a>)<\/p>\n<p><em>\u201eWovon handelt dieser Roman? Es ist leichter zu sagen, wovon  er nicht handelt. Er handelt von 1937 bis 2008, kommt nicht aus ohne <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Augustinus_von_Hippo\" target=\"_blank\">Augustin<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Seuse\" target=\"_blank\">Seuse<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jakob_B%C3%B6hme\" target=\"_blank\">Jakob B\u00f6hme<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emanuel_Swedenborg\" target=\"_blank\">Swedenborg<\/a>, handelt aber vor allem von Anton Percy Schlugen.<\/em><\/p>\n<p><em>Seine Mutter Josefine, Fini genannt, ist Schneiderin; sie lebt, auch als sie mit einem Mann zusammenlebt, allein. Jahrelang schreibt sie Briefe an Ewald Kainz, der auf den Stufen des Neuen Schlosses in Stuttgart eine politische Rede hielt. Die Briefe schickt sie nicht ab; sie liest sie ihrem Sohn vor und vermittelt ihm so, dass zu seiner Zeugung kein Mann n\u00f6tig gewesen sei.<\/em><\/p>\n<p><em>Mir diesem Glauben lebt Percy. Er wird Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen, wird gef\u00f6rdert von Professor Augustin Feinlein und eines Tages mit einem Fall betraut, an dem die \u00c4rzteschaft fast verzweifelt. Es geht um einen Suizidpatienten, einen Motorradlehrer, der sich allen Therapieversuchen stumm widersetzt. Dieser Patient hei\u00dft: Ewald Kainz.<\/em><\/p>\n<p><em>Percy ist inzwischen ber\u00fchmt, weil er keiner Weltvernunft zuliebe verzichtet auf die von der Mutter in ihn eingegangene Botschaft vom Kind ohne leiblichen Vater. Ber\u00fchmt auch durch seine prinzipiell unvorbereiteten Reden. Das ist sein Thema: Ich sage nicht, was ich wei\u00df. Ich sage, was ich bin.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIn \u201aMuttersohn\u2019 f\u00fcgen sich Bekenntnisse und Handlungen zu einem Roman des Lebens: empfindungsreich, ironisch und schwerelos zugleich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(beides aus dem Klappentext zur 1. Auflage Juli 2011 \u2013 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg)<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt stehen die drei Herren Percy Slugen, sein Mentor, der Professor Augustin Feinlein, und Ewald Kainz, verstummter Patient des Psychiatrisches Landeskrankenhauses in Scherblingen, ein fiktiver Ort \u2013 als Vorbild k\u00f6nnte das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Psychiatrisches_Zentrum_Nordbaden\" target=\"_blank\">Psychiatrisches Zentrum Nordbaden<\/a> gedient haben.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel \u201eDem Leben zuliebe\u201c lernen wir Anton Parcival (genannt Percy) Slugen, geboren 1977, kennen, zu dessen Zeugung kein Mann n\u00f6tig gewesen sein soll. Percy heilt Kranke, die alle anderen aufgegeben haben und er h\u00e4lt spontane Ansprachen, die den Zuh\u00f6rern ungew\u00f6hnlich zu Herzen gehen. Er ist ganz \u201apositiv\u2019, so positiv, dass er sich selbst ankreidet, nicht ein wenig negativ zu sein. Es gelingt ihm lediglich, die Verneinung zu verneinen (S. 170).<\/p>\n<p>Im Kapitel zwei \u201eDieses Leben\u201c erleben wir Ewald Kainz, den Heimz\u00f6gling, Kommunisten, dem dadurch vom Berufsverbot Betroffenen, Sonderschulpauker und Motorradfahrlehrer. Sein Lebensschicksal hat ihn zum Stotterer werden lassen. Geheilt wird er durch Elsa Frommknecht, die er auch lieben lernt. Aber da kommt ihn eine Frau Dr. Silvi Schall in die Quere. Hingerissen zwischen diesen beiden Frauen endet er im Verstummen \u2013 und schlie\u00dflich im PLK (Psychiatrisches Landeskrankenhauses) Scherblingen des Professor Augustin Feinlein.<\/p>\n<p>Das dritte Kapitel <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/33669.html\" target=\"_blank\">\u201eMein Jenseits\u201c<\/a> (kam bereits letztes Jahr als selbst\u00e4ndiges Buch heraus) kennt den Professor Augustin Feinlein, Leiter des PLK Scherblingen, als Autoren. Dieser hat seinen Kampf mit dem noch jungen Chefarzt Dr. Bruderhofer auszutragen, der gern sein Nachfolger werden m\u00f6chte. Hier k\u00e4mpft Tradition gegen Moderne, Johanniskraut gegen Psychopharmaka, Religiosit\u00e4t gegen europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung, ein Kampf, den der \u201aalte Knabe\u2019 verliert, als er die Monstranz mit der Heilig-Blut-Reliquie aus der Stiftskirche stiehlt, um sie vor dem Unverst\u00e4ndnis der Gegenwart in Sicherheit zu bringen. Er wird selbst zum Fall.<\/p>\n<p>Im 4. Kapitel \u201eFortleben\u201c lernen wir noch einen gewissen Modest M\u00fcller-Sossima kennen, der mit Slugen und dem \u201abefreiten\u2019 Professor  auf der ebenfalls fiktiven Insel Rheinau eine Akademie f\u00fcr Unvollendete gr\u00fcndet. Dies erinnert mich komischerweise an das Alterswerk <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Glasperlenspiel\" target=\"_blank\">\u201eDas Glasenperlenspiel\u201c<\/a> von Hermann Hesse, obwohl es hier nicht um die Perfektion der Wissenschaften und K\u00fcnste und insbesondere der Synthese beider Bereiche geht, sondern gerade das Unvollendete, das Spontane, das Zusammenkommen von Denken und Sagen im Vordergrund steht. Und Autoren, die m\u00f6chten, k\u00f6nnen hier ihre Werke <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schredder_%28Maschine%29\" target=\"_blank\">shreddern<\/a> lassen, nat\u00fcrlich zuvor nicht ungelesen. <\/p>\n<p>Der Roman geht dem Ende zu \u2013 und wir erfahren nicht nur, das Ewald Kainz doch den Freitod gew\u00e4hlt hat, nein auch Percys m\u00f6gliche Adoptivv\u00e4ter, Modest M\u00fcller-Sossima und der Professor, kommen ums Leben. Und im letzten Kapitel \u201eLetzte Nachricht\u201c erfahren wir dann auch noch vom Tode Percys.<\/p>\n<p>In \u201eMuttersohn\u201c zieht sich Martin Walser sehr weit zur\u00fcck. Wie so oft im Alter spielt das Heute keine eigentliche Rolle mehr. Daf\u00fcr besch\u00e4ftigt sich Walser verst\u00e4rkt um Glaubensfragen. Es klingt fast wie eine Entschuldigung, wenn er den Glauben f\u00fcr eine F\u00e4higkeit, eine Begabung h\u00e4lt: <em>\u201eBei Musik wei\u00df jeder: Manche sind musikalisch, andere nicht. So mit der Glaubenskraft.\u201c<\/em> (S. 173) Sollte Walser dieses Talent fehlen, so kompensiert er es gewisserma\u00dfen intellektuell und kommt da <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%B8ren_Kierkegaard\" target=\"_blank\">Kierkegaard<\/a> sehr nahe, der u.a. davon ausging, dass die Wahrheit nicht in S\u00e4tzen gelehrt werden k\u00f6nne, sondern eine Bewegung des Menschen in der Zeit sei.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist die Figur des Percy Slugen, der sich zuletzt als <em>\u201eF\u00fcrst der Freundlichkeit\u201c<\/em> (S. 504) definiert. Sollte er wirklich ein neuzeitiger Jesus sein? Neben Geburt und Wirken erinnert auch sein Tod stark an den Tod von Jesus Christus. Aber kann und darf man einen Jesus von Nazareth in unsere Zeit hineinstellen?  Muss er da nicht zu einer naiven Kitschfigur verkommen? Walser hat die Gefahr durchaus erkannt. Aber die Grantwanderung seines Percy-Jesus gelingt nur halb \u2013 und genau da schw\u00e4chelt dann Walsers Roman.<\/p>\n<p>Wie sagt der Motorradfreak \u201aKatze\u2019, der Percy Slugen sp\u00e4ter t\u00f6tete, zu diesem: <em>\u201eEin toller Text, Percy. Leider nicht von dieser Welt. Und nicht f\u00fcr diese Welt.\u201c<\/em> (S. 435). So k\u00f6nnte man auch zu Martin Walser sagen: <strong>Ein toller Text. Leider nicht von dieser Welt.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein seltsamer Roman, dieser Muttersohn von Martin Walser, und die Kritiken sind entsprechend harsch, wenn auch dem Alter des Autors Rechnung getragen, d.h. Nachsicht ge\u00fcbt wird. 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