{"id":5096,"date":"2011-11-03T10:01:54","date_gmt":"2011-11-03T09:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5096"},"modified":"2011-11-15T13:06:12","modified_gmt":"2011-11-15T12:06:12","slug":"leerizismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5096","title":{"rendered":"Leerizismus (1)"},"content":{"rendered":"<p>Nein, ihr braucht es erst gar nicht zu googeln: <em>Leerizismus<\/em> ist die \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=850\" target=\"_blank\">Neologismus<\/a> (<em>voidancy<\/em>, eine Wortsch\u00f6pfung des Autors zu voidance = Entleerung), den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wole_Soyinka\" target=\"_blank\">Wole Soyinka<\/a>, Tr\u00e4ger des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nobelpreis_f%C3%BCr_Literatur\" target=\"_blank\">Nobelpreises f\u00fcr Literatur<\/a> 1986, in einem seiner Romane pr\u00e4gte: <em>Leerizismus<\/em> zu <a href=\"http:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/leer\" target=\"_blank\">leer<\/a> wie inhaltslos (geistige Gegenst\u00e4nde), hohl, alle (Gef\u00e4\u00dfe), n\u00fcchtern (Magen) \u2013 wohl zum englischen <a href=\"http:\/\/en.wiktionary.org\/wiki\/empty\" target=\"_blank\">empty<\/a> gebildet. Soyinka l\u00e4sst einen nigerianischen Intellektuellen, den Journalisten Sagoe, in seinem 1965 erschienen Buch sprechen und verunsichert damit den Botenjungen Mathias, indem er gewisserma\u00dfen \u201ains Leere\u2019 hinein philosophiert. Das Ganze geht dann sogar in sp\u00e4teren Kapiteln noch weiter &#8230;<\/p>\n<ul>\n<img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/leere_haende.jpg\" alt=\"Leerizismus - leere H\u00e4nde\" title=\"Leerizismus - leere H\u00e4nde\"\/><\/ul>\n<p><em>Mathias grinste breit, und Sagoe r\u00e4usperte sich.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e &#8230; Mit diesem Tag grabsinge ich allen anderen \u2013ismen, vom hom\u00f6opathischen Marxismus bis zum Existentialismus. Wenn ich hier meine eigene Person einbringe, dann deshalb, weil die \u00dcbermittlung meiner Geschichte nicht mehr und nicht weniger ist als die Enth\u00fcllung des Wunders meiner philosophischen Entwicklung, handelt es sich hier doch um einen Ritualismus, f\u00fcr den ich keinem anderen Vorl\u00e4ufer zu dank verpflichtet bin als der gesamten Menschheit selbst, handelt es sich hier doch um eine Erkenntnis, f\u00fcr die ich keinen anderen Urgrund anerkennen kann als die unver\u00e4nderlichen Gesetze der Natur. Wenn ich hier meine eigene Person einringe, dann deshalb, weil es sich hier um die innerlichste aller nach innen gekehrten Philosophien menschlicher Existenz handelt. Funktionell, spirituell, kreativ oder rituell, der<\/em> Leerizismus <em>bleibt die einzig wahre Philosophie des wahren Egoisten. Als Definition, meine Damen und Herren, gen\u00fcge uns dies:<\/em> Leeriszismus <em>ist keine Protestbewegung, aber er protestiert; es ist unrevolution\u00e4r, aber er revoltiert.<\/em> Leeriszismus, <em>so m\u00f6chten wir sagen, ist die unbekannte Gr\u00f6\u00dfe.<\/em> Leerizismus <em>ist die letzte auf keiner Karte verzeichnete Fundgrube sch\u00f6pferischer Kr\u00e4fte, in seinem Paradoxon liegt der Kern der kreativen Liturgie \u2013 in der Freigabe liegt das Erzeugnis. Ich bin kein Messias und doch kann ich nicht umhin zu glauben, ich wurde geboren, diese Rolle zu \u00fcbernehmen, denn die Natur meiner kongenialen Leiden barg in sich bereits die ersten Anzeichen meines sp\u00e4teren Martyriums und der unvermeidlichen Apotheose. Ich wurde mit einem emotionellen Magen geboren: war ich \u00e4rgerlich, revoltierte er; war ich hungrig, schlug er Krawall; wurde ich  getadelt, reagierte er prompt; wurde ich entt\u00e4uscht, geriet er aus dem H\u00e4uschen; er drehte sich um bei Furcht, verkrampfte sich in Momenten der Spannung, er war misstrauisch in Examenssituationen und g\u00e4nzlich unberechenbar w\u00e4hrend des Liebesaktes. Meine lieben Freunde, einem Propheten geb\u00fchrt die Ehre &#8230; Oft verd\u00e4chtigte man mich der Dr\u00fcckebergerei und war mit der Strafe rasch bei der Hand; doch gerade die Begleiterscheinungen des Stark ausgepr\u00e4gten Gerechtigkeitsgef\u00fchls ist ein Zeichen f\u00fcr die Feinf\u00fchligkeit des emotionellen Magens. Weiteren Einflu\u00df auf die Entwicklung meiner Leerungsintroversion nahm die Tante einer Freundin aus Kindertagen, die manchmal zu uns zu Besuch kam. Sie furzte wie Beelzebub. Doch eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Erleuchtung war meine eigene Mutter, die, obschon Opfer des gleichen Leidens, doch zugleich eine tief religi\u00f6se Furzerin war. Sie prahlte damit \u2013 selbst als sie schon mit einem Fu\u00df im Grabe stand -, da\u00df Gottes Stimme ein Wind sei und da\u00df Gott es keinen Tag verabs\u00e4ume, nach dem Abendgebet zu ihr zu sprechen. Alle Haushaltsmitglieder trommelte sie als Zeugen zusammen, und alle sagten \u2013 Amen. Meine Vorstellung vom rechten Ort f\u00fcr das Gebet formte sich daher wohl in jenen Tagen, als ich erkannte, da\u00df der Grund, die Toilette aufzusuchen, weniger in der physiologischen Notwendigkeit als vielmehr in einem psychologischen und religi\u00f6sen Druck lag. Bereits in dieser Lebensperiode begann ich mich dem Problem zu widmen, dem ich sp\u00e4ter in systematischen, objektiven Forschungen weiter nachging, dem Problem des digestiven Behaviorismus beim sensiblen Kind. Ich sprach zwar auf die wohlbekannte Pose des Schnell-fertig-und-weg gut an, doch mitunter erfuhr ich eine Selbstbesinnung, eine Entschlossenheit, einen Glauben, einen inneren Frieden; ich entwickelte eine geistige F\u00fchlungnahme mit einer Welt der Spannungen und Widerspr\u00fcche &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Sagoe hielt inne und blickte Mathias an, der mit offenem Mund dasa\u00df. Erklappte das Manuskript zu und sagte: \u201eDas war\u2019s f\u00fcr heute, Mathias. Die erste Lektion ist vorbei.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Mathias w\u00fcrgte ein \u201eYessah. Danksch\u00f6n, Sah\u201c hervor und lie\u00df Sagoe mit seiner Dissertation allein. Beim Hinausgehen schwenkte er die Bierflasche \u00fcbertrieben l\u00e4ssig, um zu kaschieren, wie froh er war, endlich wegzukommen.<\/em><\/p>\n<p>aus: Wole Soyinka: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=wole%20soyinka%20ausleger&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=aps&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Die Ausleger<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (S. 100 ff. &#8211; Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 &#8211; Dialog Afrika \u2013 \u00dcbersetzung von Inge Uffelmann \u2013 Original: The interpreters, 1965)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, ihr braucht es erst gar nicht zu googeln: Leerizismus ist die \u00dcbersetzung eines Neologismus (voidancy, eine Wortsch\u00f6pfung des Autors zu voidance = Entleerung), den Wole Soyinka, Tr\u00e4ger des Nobelpreises f\u00fcr Literatur 1986, in einem seiner Romane pr\u00e4gte: Leerizismus zu leer wie inhaltslos (geistige Gegenst\u00e4nde), hohl, alle (Gef\u00e4\u00dfe), n\u00fcchtern (Magen) \u2013 wohl zum englischen empty &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=5096\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Leerizismus (1)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15,14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5096"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5096"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5096\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}