{"id":5126,"date":"2011-11-12T10:01:55","date_gmt":"2011-11-12T09:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5126"},"modified":"2011-11-15T13:09:37","modified_gmt":"2011-11-15T12:09:37","slug":"leerizismus-2-stichwort-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5126","title":{"rendered":"Leerizismus (2): Stichwort Schweigen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5096\" target=\"_blank\">Im ersten Teil<\/a> lie\u00df <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wole_Soyinka\" target=\"_blank\">Wole Soyinka<\/a>, Tr\u00e4ger des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nobelpreis_f%C3%BCr_Literatur\" target=\"_blank\">Nobelpreises f\u00fcr Literatur<\/a> 1986, seinen Romanhelden Sagoe <em>\u201eallen anderen \u2013ismen, vom hom\u00f6opathischen Marxismus bis zum Existentialismus\u201c<\/em> grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche \u00fcbersetzten <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=850\" target=\"_blank\">Neologismus<\/a> (<em>voidancy<\/em> zu voidance = Entleerung). Wie sch\u00f6n, dass Soyinka seinen Helden weiterhin leerifiziert philosophieren respektive aus seinem Manuskript zitieren l\u00e4sst. K\u00f6stlich, einfach k\u00f6stlich \u2013 wie ich finde (zum eigentlichen Roman sp\u00e4ter etwas mehr):<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/leere_haende.jpg\" alt=\"Leerizismus \u2013 leere H\u00e4nde\" title=\"Leerizismus \u2013 leere H\u00e4nde\" \/><\/p>\n<p><em>\u201eSchlag es auf \u2013 irgendwo, wo\u2019s dir gef\u00e4llt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Eilfertig, wie jemand, der sich letztlich an eine aufgezwungene Vergn\u00fcgung gew\u00f6hnt hat, gehorchte Mathias.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMhm, gut. Jetzt trink, und dann k\u00f6nnen wir anfangen &#8230;<br \/>\n&#8230; Und das Schweigen ist f\u00fcr den Leeriker wie der Opiumrausch f\u00fcr den Mystiker des Orients. Die Ruhe in der Toilette eines englischen Vorstadthaushalts, wenn der Gastgeber und die Nachbarn zur t\u00e4glichen Arbeit gefahren sind, und der Gast alleine leerifizieren kann, dies ist ein Schweigen zum Anfassen. In Frankreich verflacht dieser Mythos der geistigen Vertiefung nat\u00fcrlich zu einer seichten und unangenehmen Pose \u2013 wie laichende Kr\u00f6ten. Dort suchte ich den Opiumrausch des Schweigens vergeblich, bis ich mich schlie\u00dflich, um dem seelenentw\u00fcrdigenden Zustand der Studentenheimtoilette zu entfliehen, mit Buch und Schaufel in die nahen W\u00e4lder zur\u00fcckzog, wo ich wenigstens diese eine Erf\u00fcllung fand, denn die W\u00e4lder dehnten sich kilometerweit. Hier errichtete ich mir eine kleine Laube, in der ich regelm\u00e4\u00dfig meditierte, las oder einfach dem Gezwitscher gallischer V\u00f6gel lauschte. Ich gestehe, es war ein verkrampfter Leerizismus, er lie\u00df die tiefe Befriedigung vermissen, die v\u00f6llige Muskelentspannung. Schlimmer noch: streifte mich pl\u00f6tzlich inmitten meiner Andacht ein nasser Grashalm, so sprang ich in Panik auf, f\u00fcrchtete ich doch, eine Schlange z\u00fcngle mir um die Eier. Doch das feuchte, schwere, vogelgezwitscherdurchsetzte Schweigen stellte eine mystische Erfahrung dar, der gegen\u00fcber sich das Risiko der Entmannung als unbedeutende Farce ausnahm. Nun freilich, meine Freunde, mu\u00df ich von einer schmachvollen Episode berichten. Zwei Wanderstudenten folgten mit eines Tages, neugierig herauszufinden, wohin die t\u00e4gliche Kombination von Buch und Schaufel f\u00fchre. Noch immer emp\u00f6rt mich alles in mir bei dem Gedanken, da\u00df ich wahrhaftig bei dieser allerintimsten der menschlichen Verrichtungen beobachtet wurde. Doch sie erwiesen sich als interessierte Sch\u00fcler. Sie reinigten sich von dem Tabubruch, indem sie die Geldration von drei Tagen an einem einzigen Nachmittag im Bistro ausgaben. Ich erteilte ihnen die Absolution, und da der Wein mich gro\u00dfz\u00fcgig machte, initiierte ich sie in die Mysterien des Leeriszismus. Doch gelang es ihnen, in die Tiefen der Lehre vorzudringen? frage ich mich heute. Sie waren, soweit ich mich erinnere, zu etwas konvertiert, das mir als blo\u00dfe Entspannungsf\u00e4higkeit erschien. In feuchter Erde und in nassem Unterholz, so behaupteten sie, in klammheimlicher Handhabung von Rankengew\u00e4chs und niederem Buschwerk l\u00e4ge die wahre Leerifizierung. Das ist <Zur\u00fcck-zur-Wildnis-Kram>, schrie ich, die wahre Leerifizierung bedarf der Kunst und Wissenschaft. Indirektes Licht mu\u00df ged\u00e4mpft dem Auge schmeicheln; f\u00fcr den Luftreiniger \u2013 denn das ist der Weihrauch \u2013 mu\u00df mit Hingabe die richtige Duftnote gew\u00e4hlt werden, es bedarf der rechten B\u00fccher und Gem\u00e4lde, so da\u00df der Wunsch, die Gedanken schweifen zu lassen, nicht in Frustration endet. Lautsprecheranlagen f\u00fcr eine sorgf\u00e4ltig ausgesuchte musikalische Untermalung \u2013 nicht die Launen der nat\u00fcrlichen Jahreszeit. Drei Tage lang schwelgten wir in der Dialektik des Leeriszismus. Du bist ein Bourgeoisleeriker, kreischten sie \u2013 Sie wissen, wie sehr die Franzosen die Polemik lieben -, und ich antwortete, ihr seid leerifizierte Pseudo<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/N%C3%A9gritude\" target=\"_blank\">negritudinisten<\/a>! Ihr abtr\u00fcnnigen Schwachk\u00f6pfe, begreift ihr denn nicht, da\u00df eine Kirchenatmosph\u00e4re geschaffen werden mu\u00df! Meine Buch-und-Schaufel-Unternehmung war doch lediglich eine zweckdienliche Notl\u00f6sung. Aber sie schleuderten mir <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrew_Marvell\" target=\"_blank\">Andrew Marvell<\/a> entgegen, bombardierten mich mit <a href=\"http:\/\/www.luminarium.org\/sevenlit\/marvell\/garden.htm\" target=\"_blank\">green thoughts to [in] a green shade<\/a>! Gegen\u00fcber ihrer Vision von der jungfr\u00e4ulichen Natur und der Laubenleerifizierung erwiesen sich meine Warnungen vor der Schlangenbedrohung als ineffektiv. Es war ein befriedigendes Gef\u00fchl, den Samen des Leerizismus auf dem Kontinent ges\u00e4t zu haben, doch zugleich war es auch eine kleine Niederlage, denn ich war machtlos gegen\u00fcber dieser verdammten Regression &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Feierlich schlo\u00df Sagoe das Buch, und beide verharrten in nachdenklichem Schweigen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch wu\u00dfte es, Mathias, du bist ein Naturtalent. Du bist sogar so was wie ein Hellseher. Nicht viele Menschen haben ein Fingerspitzengef\u00fchl, das genau auf ihre Psyche abgestimmt ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWenn Sie sagen, Oga &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch wei\u00df es, Mathias. Schweigen, das war es. Schweigen. Du hast das Manuskript beim Stichwort Schweigen aufgeschlagen. Ein genialer Akt. [&#8230;]\u201c<\/em><\/p>\n<p>aus: Wole Soyinka: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=wole%20soyinka%20ausleger&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=aps&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Die Ausleger<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (S. 139 ff. &#8211; Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 &#8211; Dialog Afrika \u2013 \u00dcbersetzung von Inge Uffelmann \u2013 Original: The interpreters, 1965)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Teil lie\u00df Wole Soyinka, Tr\u00e4ger des Nobelpreises f\u00fcr Literatur 1986, seinen Romanhelden Sagoe \u201eallen anderen \u2013ismen, vom hom\u00f6opathischen Marxismus bis zum Existentialismus\u201c grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche \u00fcbersetzten Neologismus (voidancy zu voidance = Entleerung). 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