{"id":5218,"date":"2011-11-29T10:48:00","date_gmt":"2011-11-29T09:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5218"},"modified":"2011-11-30T06:32:48","modified_gmt":"2011-11-30T05:32:48","slug":"heinrich-von-kleist-zum-200-todestag-michael-kohlhaas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5218","title":{"rendered":"Heinrich von Kleist zum 200. Todestag: Michael Kohlhaas"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend unseres diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4772\" target=\"_blank\">Urlaubs im Brandenburgischen<\/a> machten wir auch einen Abstecher nach Frankfurt\/Oder. Und es war nicht zu \u00fcbersehen: 2011 ist <a href=\"http:\/\/www.ard.de\/kultur\/buecher\/heinrich-von-kleist\/-\/id=2226410\/tgy5ss\/index.html\" target=\"_blank\">Kleist-Jahr anl\u00e4sslich seines 200. Todestages<\/a> am 21. November. Kleist wurde 1777 in Frankfurt\/Oder geboren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_von_Kleist\" target=\"_blank\">Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist<\/a> (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); \u2020 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)) war ein deutscher Dramatiker, Erz\u00e4hler, Lyriker und Publizist. Kleist stand als \u201eAu\u00dfenseiter im literarischen Leben seiner Zeit [\u2026] jenseits der etablierten Lager\u201c und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem f\u00fcr das \u201ehistorische Ritterschauspiel\u201c \u201eDas K\u00e4thchen von Heilbronn\u201c, seine Lustspiele \u201eDer zerbrochne Krug\u201c und \u201eAmphitryon\u201c, das Trauerspiel \u201ePenthesilea\u201c sowie f\u00fcr seine Novellen \u201eMichael Kohlhaas\u201c und \u201eDie Marquise von O\u2026\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.heinrich-von-kleist.org\/\" target=\"_blank\">Heinrich von Kleist<\/a> war ein leidenschaftlicher Dichter mit einem \u00fcbersch\u00e4umenden Temperament, ein Querdenker und Revolution\u00e4r mit einem \u201eHang\u201c zu sinnloser Gewalt &#8211; und ein <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&#038;obj=27543\" target=\"_blank\">Stotterer<\/a>. Er war unstet, ruhelos, ohne festen Wohnsitz. Und er war angetan vom Gedanken der Freiheit. Am 21. November 1811 nahm er sich mit seiner Freundin Henriette Vogel das Leben, denn <em>\u201edie Wahrheit ist, da\u00df mir auf Erden nicht zu helfen war.\u201c<\/em> So Kleist in seinem Abschiedsbrief.<\/p>\n<p>Video auf zdf.de: <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/content\/1496686\" target=\"_blank\">Vor 200 Jahren erschoss sich Kleist<\/a><\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/heinrich_von_kleist.jpg\" alt=\"Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel\" title=\"Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel\" \/><\/ul>\n<p>Ich hatte das \u201eGl\u00fcck\u201c, in der Schule von Kleist verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Kohlhaas\" target=\"_blank\">\u201aMichael Kohlhaas\u2019<\/a>, diese Bandwurms\u00e4tze, bei denen man am Ende nicht mehr wei\u00df, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcber die Lekt\u00fcre von Franz Kafka zu Heinrich von Kleist gekommen. Kafka war ein gro\u00dfer Verehrer der Erz\u00e4hlungen von Kleist. Und so habe ich mich zum ersten Mal vor \u00fcber 40 Jahren an den Michael Kohlhaas, die Marquise von O. und all die anderen Erz\u00e4hlungen gewagt. Nur drei Jahre sp\u00e4ter las ich dann den \u201aMichael Kohlhaas\u2019 erneut. Meine heutige Frau, die damals die Abendschule besuchte, musste eine Interpretation \u00fcber diese Erz\u00e4hlung schreiben. Und dann auch noch einen dieser f\u00fcr Kleist typischen Schachtels\u00e4tze mit einer  L\u00e4nge von mehr als einer Seite grammatikalisch auseinanderpfl\u00fccken. Dazu morgen etwas mehr. Hier zum Inhalt der Erz\u00e4hlung:<\/p>\n<p><em>\u201eDer im Brandenburgischen lebende, angesehene Rossh\u00e4ndler Michael Kohlhaas reitet mit einer Koppel Pferde nach Sachsen. Unterwegs wird er jedoch an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka mit der willk\u00fcrlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Nachdem Kohlhaas in Dresden feststellt, dass es einen solchen Passierschein nicht gibt, erf\u00e4hrt er bei seiner R\u00fcckkehr, dass seine beiden als Pfand zur\u00fcckgelassenen Pferde durch den Einsatz in harter Feldarbeit abgemagert und damit wertlos geworden sind.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Kohlhaas\" target=\"_blank\">de.wikipedia.de<\/a>)<\/p>\n<p>Kohlhaas versucht zun\u00e4chst sein Recht durch Klage zu erlangen. Doch dank der Vetternwirtschaft der Tronkas (\u201eHinz und Kunz\u201c) wird diese abgewiesen. Als auch noch seine Frau beim Versuch, ihrem Mann Geh\u00f6r zu verschaffen, den Tod findet, greift Michael Kohlhaas zur Selbstjustiz und beginnt einen Rachefeldzug gegen den Junker. Dieser kann aber immer wieder entkommen. So legt Kohlhaas mit seinem wachsenden Heerhaufen Wittenberg in Schutt und Asche, weil die Stadt den Junker nicht ausliefern will.<\/p>\n<p>Die verwickelte Geschichte endet damit, dass in einem erneuten Prozess der Junker von Tronka zwar auf Schadensersatz, Kohlhaas aber zugleich wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt wird.<\/p>\n<p>Wer war nun dieser Michael Kohlhaas, was stellt er dar? War er nur ein unverbesserlicher Querulant, der sogar \u00fcber Leichen zu gehen bereit ist, um zu seinem Recht zu kommen? <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Bloch\" target=\"_blank\">Ernst Bloch<\/a> nennt ihn in seinem Aufsatz \u201e\u00dcber den Begriff Weisheit\u201c (1953) den <em>\u201eDon Quijote rigoroser b\u00fcrgerlicher Moralit\u00e4t\u201c<\/em>. In ihm gl\u00fche <em>\u201eder Paragraph eines vorhandenen Gesetzes so, als w\u00e4re g\u00f6ttliches Recht darin\u201c<\/em>. Kohlhaas sei nur deshalb anderes als ein neurotischer Querulant, weil er \u201e<em>auf die Befolgung eines Paragraphen so rebellisch\u201c<\/em> dr\u00e4nge, <em>\u201eals w\u00e4re hier Naturrecht, ja ein Glanzst\u00fcck von Naturrecht\u201c<\/em>. So will der Pferdeh\u00e4ndler sich f\u00fcr die erlittene Kr\u00e4nkung seines Rechts nicht Genugtuung um ihrer selbst willen verschaffen, sondern f\u00fchlt sich <em>\u201eder Welt in der Pflicht verfallen\u201c<\/em>, will <em>\u201eSicherheit f\u00fcr zuk\u00fcnftige\u201c<\/em> \u2013 vor zuk\u00fcnftigen Rechtsbeugungen \u2013 <em>\u201eseinen Mitb\u00fcrgern verschaffen\u201c<\/em>. Noch im Zustand der \u201eVerr\u00fcckung\u201c ist es Kohlhaas um die <em>\u201eErrichtung einer besseren Ordnung der Dinge\u201c<\/em> zu tun. Und am Ende geht seine Sehnsucht nach \u201eanderen Menschen, als die er kannte.\u201c (aus dem Nachwort von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rolf_Tiedemann\" target=\"_blank\">Rolf Tiedemann<\/a>: Ein Traum von Ordnung &#8211;<br \/>\nAusgabe: Insel-Verlag  Frankfurt am Main \u2013 insel taschenbuch 247 \u2013 1. Auflage 1977)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka\" target=\"_blank\">Franz Kafka<\/a>, Jurist im Brotberuf und als solcher in der \u201eArbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt f\u00fcr das K\u00f6nigreich B\u00f6hmen\u201c t\u00e4tig, schrieb in einem seiner Briefe (wohl in \u201eBriefe an Felice\u201c):<\/p>\n<p><em>\u201eGestern abend habe ich Dir nicht geschrieben, weil es \u00fcber Michael Kohlhaas zu sp\u00e4t geworden ist, den ich in einem Zug gelesen habe. Wohl schon zum zehnten Male. Das ist eine Geschichte, die ich mit wirklicher Gottesfurcht lese, ein Staunen fa\u00dft mich \u00fcber das andere, w\u00e4re nicht der schw\u00e4chere Schlu\u00df, es w\u00e4re etwas Vollkommenes, jenes Vollkommene, von dem ich gern behaupte, da\u00df es nicht existiert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der schw\u00e4chere Schluss wird sich wohl auf das Eingreifen der geheimnisvollen Zigeunerin, in der Kohlhass\u2019 tote Frau wiederkehrt, beziehen. Diese sorgt auf geheimnisvolle Weise f\u00fcr die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und f\u00fcr das Abgleiten der Erz\u00e4hlung ins M\u00e4rchenhafte.<\/p>\n<p>Sicherlich ist Selbstjustiz nie zeitgem\u00e4\u00df gewesen. Kohlhaas sch\u00f6pft bis zuletzt alle M\u00f6glichkeiten aus, um zu seinem Recht zu kommen. Erst als der Staat seiner Pflicht, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht nachkommt, nimmt Kohlhaas selbst das Gesetz in die Hand. Da es dabei l\u00e4ngst nicht mehr allein um Schadensersatz, sondern um Gerechtigkeit, ja um die \u201eErrichtung einer besseren Ordnung der Dinge\u201c geht, ist das Tun Kohlhaas\u2019 auch als revolution\u00e4rer Akt zu verstehen. L\u00e4sst sich Kohlhaas so vielleicht mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rote_Armee_Fraktion\" target=\"_blank\">RAF<\/a> vergleichen? <\/p>\n<p>B\u00fchnenst\u00fccke, Erz\u00e4hlungen und weitere Werke im <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/autor\/326\" target=\"_blank\">Projekt Gutenberg<\/a> und als B\u00fccher\/Audio-CD <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Heinrich%20von%20Kleist&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=aps&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" target=\"_blank\"><strong>Heinrich von Kleist<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend unseres diesj\u00e4hrigen Urlaubs im Brandenburgischen machten wir auch einen Abstecher nach Frankfurt\/Oder. 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