{"id":5432,"date":"2012-01-18T09:31:20","date_gmt":"2012-01-18T08:31:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5432"},"modified":"2020-07-07T10:50:45","modified_gmt":"2020-07-07T10:50:45","slug":"frank-kafka-der-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5432","title":{"rendered":"Franz Kafka: Der Prozess"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" cellpadding=\"4\" cellspacing=\"0\" width=\"100%\">\n<tr>\n<td width=\"50%\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/kafka_der_prozess_1976.jpg\" alt=\"Franz Kafka: Der Proze\u00df - Roman - Fischer\" title=\"Franz Kafka: Der Proze\u00df - Roman - Fischer\" width=\"205\" height=\"355\"><\/td>\n<td width=\"50%\"><font face=\"Lucida Grande, Lucida Sans Unicode, Verdana, sans-serif\" size=\"2\">Richtiges Auffassen einer Sache und Mi\u00dfverstehen der gleichen Sache schlie\u00dfen einander nicht vollst\u00e4ndig aus.<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Lucida Grande, Lucida Sans Unicode, Verdana, sans-serif\" size=\"2\"><em>Franz Kafka: Der Prozess<\/em><\/font><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Franz Kafka<\/a> h\u00e4tte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur z\u00e4hlen w\u00fcrde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielf\u00e4ltig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Brod\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Max Brod<\/a>, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: <em>\u201eVon allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die B\u00fccher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erz\u00e4hlung: Hungerk\u00fcnstler\u201c.<\/em> Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern ver\u00f6ffentlichte diese postum \u2013 zum Leidwesen mancher Sch\u00fcler, die sich immer wieder mit Kafka (\u00e4hnlich <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5221\">wie mit Kleist<\/a>) \u201aherumschlagen\u2019 d\u00fcrfen..<\/p>\n<p>Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog \u00f6fter schon ge\u00e4u\u00dfert (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=31\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wie w\u00e4re es mit Kafka?<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=324\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mythos Kafka-Mythos Camus<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1242\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">125 Jahre Franz Kafka<\/a>). Und zum Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Process\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDer Prozess\u201c<\/a> (nachzulesen u.a. im <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/157\/2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Projekt Gutenberg Spiegel Online<\/a>) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5385\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kafka, der Prozess und das Kino<\/a>) verfasst. Hier m\u00f6chte ich anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, las ich Kafkas \u201eDer Prozess\u201c (Franz Kafka \u2013 Gesammelte Werke Band 2 \u2013 herausgegeben von Max Brot \u2013 Taschenbuchausgabe in sieben B\u00e4nden \u2013 Fischer Taschenbuch Verlag \u2013 April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zur\u00fcck (1977 und 1987).<\/p>\n<p><strong>Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet.<\/strong> (S. 7)<\/p>\n<p>So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. n\u00e4mlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegen\u00fcber und bleibt die ganze Zeit r\u00e4tselhaft und nicht eindeutig erkl\u00e4rbar.<\/p>\n<p>Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:<\/p>\n<p><strong>Aber an K.s Gurgel legten sich die H\u00e4nde des einen Herrn, w\u00e4hrend der andere das Messer ihm tief ins Herz stie\u00df und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. \u00bbWie ein Hund!\u00ab sagte er, es war, als sollte die Scham ihn \u00fcberleben.<\/strong> (S. 194)<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/kafka_prozess_beginn.gif\" alt=\"Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang\" title=\"Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang\" \/><br \/>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.franzkafka.de\/franzkafka\/das_werk\/der_process\/457391\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">franzkafka.de<\/a><\/p>\n<p>So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andr%C3%A9_Gide\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Andr\u00e9 Gide<\/a> einmal sagte: <em>\u201eDer Realismus seiner Bilder \u00fcbersteigt st\u00e4ndig die Vorstellungskraft\u201c<\/em>. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird st\u00e4ndig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das f\u00fcr ein Gericht?<\/p>\n<p>Wie die Fragen des Lesers vielf\u00e4ltig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den \u201aProzess\u2019 aus religi\u00f6ser Sicht als ein Werk, das von Schuld und S\u00fchne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im R\u00e4derwerk anonymer M\u00e4chte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder f\u00fchrt es in tiefe Gr\u00fcnde menschlichen Seelenlebens?<\/p>\n<p>Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. W\u00e4hrend der Entstehung des Romans fand die Aufl\u00f6sung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren f\u00fcr Kafka mit starken Schuldgef\u00fchlen verbunden. Au\u00dferdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bez\u00fcge.<\/p>\n<p>Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst f\u00fcr sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in K\u00fcrze meine Interpretationsans\u00e4tze:<\/p>\n<p>1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alptr\u00e4umen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgef\u00fchlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.<\/p>\n<p>2. Das Gericht verk\u00f6rpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zw\u00e4nge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem \u201aeigentlichen\u2019 Leben nach, weil er sich st\u00e4ndig nur noch um seinen Prozess k\u00fcmmern muss. Kafka empfand seinen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka#Berufsleben\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Brotberuf<\/a> als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als qu\u00e4lend.<\/p>\n<p>3. Der Prozess im weiteren Sinne als \u201aTragikom\u00f6die des Lebens\u2019. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zw\u00e4nge (2.) mit religi\u00f6sen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Ma\u00dfe erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen R\u00e4derwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewisserma\u00dfen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der \u201aGeschichte\u2019 auch eine komische Seite abzugewinnen.<\/p>\n<p>Gerade weil sich \u201eDer Prozess\u201c nicht eindeutig interpretieren l\u00e4sst, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, urspr\u00fcnglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein \u201aBild\u2019 gleichzeitig f\u00fcr vieles, das Gericht f\u00fcr staatliche Stellen und zugleich f\u00fcr innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verh\u00fcllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenf\u00fchrt, was sich eben unter einem Begriff zusammenf\u00fcgen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Geb\u00e4rde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualit\u00e4t in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus \u2013 und \u00fcbersetzte das in einen \u201aCode\u2019, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.<\/p>\n<p>Das gesamte Werk von <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Franz%20Kafka&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=aps&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Franz Kafka<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><em>So nebenbei:<\/em> Als gro\u00dfer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf fr\u00fcheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der \u00dcbersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer <a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/island.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rundreise in Island<\/a>, fand ich eine \u00dcbersetzung des Romans \u201eDer Prozess\u201c ins Isl\u00e4ndische von \u00c1str\u00e1\u00f0ur Eysteinsson und Eysteinn \u00deorvaldsson: <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books\/about\/R%C3%A9ttarh%C3%B6ldin.html?id=lS0mPAAACAAJ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">R\u00e9ttarh\u00f6ldin<\/a> \u2013 Sk\u00e1ldsaga (B\u00f3ka\u00fatg\u00e1fa Menningarsj\u00f3\u00f0s, 1983 &#8211; 293 Seiten). Der isl\u00e4ndische Titel l\u00e4sst sich eher mit dem deutschen Begriff \u201adas Gerichtsverfahren\u2019 bzw. \u201adas Strafverfahren\u2019 (der Artikel wird im Isl\u00e4ndischen an das Substantiv angeh\u00e4ngt: R\u00e9ttarh\u00f6ld-in) \u00fcbersetzen. Und \u201a Sk\u00e1ldsaga\u2019 ist der isl\u00e4ndische Begriff f\u00fcr Roman (sk\u00e1ld = Dichter \u2013 saga zu segja, \u201esagen, erz\u00e4hlen\u201c \u2013 den Begriff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Altnordische_Literatur#Die_Sagaliteratur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Saga<\/a> kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spa\u00dfeshalber auf Isl\u00e4ndisch:<\/p>\n<p><strong>Einhver hlaut a\u00f0 hafa r\u00e6gt J\u00f3sef K. \u00fev\u00ed a\u00f0 morgun einn var hann handtekinn \u00e1n \u00feess a\u00f0 hafa gert nokku\u00f0 af s\u00e9r.<\/strong> (S. 7)<\/p>\n<p><strong>(<\/strong><em>Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)<\/em><strong>)<\/strong><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>En hendur annars mannsins lukust um barka K. \u00e1 me\u00f0an hinn rak hn\u00edfinn dj\u00fapt \u00ed hjarta\u00f0 og sneri honum \u00fear tvisvar. Brestandi augum s\u00e1 K. hvernig mennirnir, kinn vi\u00f0 kinn, \u00fe\u00e9tt upp vi\u00f0 andlit hans, fylgdust me\u00f0 \u00farslitunum. \u201eEins og hundur!\u201c sag\u00f0i hann, \u00fea\u00f0 var sem sm\u00e1nin \u00e6tti a\u00f0 lifa hann.<\/strong> (S. 277)<\/p>\n<p><strong>(<\/strong><em>Aber an K.s Gurgel legten sich die H\u00e4nde des einen Herrn, w\u00e4hrend der andere das Messer ihm tief ins Herz stie\u00df und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. \u00bbWie ein Hund!\u00ab sagte er, es war, als sollte die Scham ihn \u00fcberleben. (S. 194)<\/em><strong>)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richtiges Auffassen einer Sache und Mi\u00dfverstehen der gleichen Sache schlie\u00dfen einander nicht vollst\u00e4ndig aus. Franz Kafka: Der Prozess Franz Kafka h\u00e4tte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur z\u00e4hlen w\u00fcrde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielf\u00e4ltig und anhaltend wirken sollte. 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