{"id":5541,"date":"2012-02-07T09:29:23","date_gmt":"2012-02-07T08:29:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5541"},"modified":"2012-02-07T08:12:04","modified_gmt":"2012-02-07T07:12:04","slug":"jii-grusa-franz-kafka-aus-prag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5541","title":{"rendered":"Jir\u00ed Gru\u0161a: Franz Kafka aus Prag"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend das Werk von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka\" target=\"_blank\">Franz Kafka<\/a> \u00fcbersichtlich ist, l\u00e4sst sich die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sekund%C3%A4rliteratur\" target=\"_blank\">Sekund\u00e4rliteratur<\/a> zu Kafka kaum noch fassen. Viele namhafte Autoren haben sich mit Kafka besch\u00e4ftigt, von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=camus\" target=\"_blank\">Albert Camus<\/a> \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=elias+canetti\" target=\"_blank\">Elias Canetti<\/a> bis hin zu <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walsers<\/a> Dissertation, mit der dieser 1951 in T\u00fcbingen promovierte: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Martin%20Walser%20Beschreibung%20einer%20Form%20Kafka&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Martin Walser: Beschreibung einer Form &#8211; Versuch \u00fcber Franz Kafka<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p>Ein Grund d\u00fcrfte die Bandbreite der Interpretationsm\u00f6glichkeiten des Kafkaschen Werkes sein, wie ich ansatzweise in <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5432\" target=\"_blank\">Frank Kafka: Der Prozess<\/a> angedeutet habe. Und wer es noch nicht wei\u00df: Es gibt ein auf Kafka bezogenes Adjektiv im deutschen Wortschatz, das selbst der Duden zugelassen hat, und das soviel wie \u201ein der Art der Schilderungen Kafkas, auf r\u00e4tselhafte Weise unheimlich, bedrohlich\u201c bedeutet: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kafkaesk\" target=\"_blank\">kafkaesk<\/a>!<\/p>\n<p>Mir ist jetzt wieder ein Buch in die Hand gefallen, das aus der Sekund\u00e4rliteratur f\u00fcr mich herausragt. Es ist zwar vom Format gro\u00df, von der Seitenzahl aber eher klein. Es enth\u00e4lt \u00fcberwiegend Fotos und kleine Anmerkungen des Autors, sowie Texte von Kafka &#8211; und ist leider nur noch im Antiquariat erh\u00e4ltlich: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Grusa%20kafka%20aus%20prag&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><strong>Ji&#345;\u00ed Gru\u0161a: Franz Kafka aus Prag<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>.<\/p>\n<p><em>\u201eVielerlei Faktoren bestimmen Leben und Werk eines K\u00fcnstlers \u2013 solche, die sich in der Biographie aufzeigen und im gesamten Schaffen analysieren lassen, und solche, die im Bild dokumentiert oder nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Entscheidend ist die Umwelt, in die er hineinw\u00e4chst, die Stadt. Sie hat er anzunehmen oder abzulehnen, ihr Altes und ihr Neues, ihr Selbstverst\u00e4ndliches und ihr Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Er hat sich zu stellen oder sich zur\u00fcckzuziehen, die Herausforderung der Enge zu akzeptieren und alle Wege zu beschreiten oder zu resignieren.<\/em><\/p>\n<table border=\"0\" cellpadding=\"4\" cellspacing=\"0\" width=\"100%\">\n<tr>\n<td width=\"50%\">\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/grusa_kafka_aus_prag.jpg\" alt=\"Jir\u00ed Gru\u0161a: Franz Kafka aus Prag\" title=\"Jir\u00ed Gru\u0161a: Franz Kafka aus Prag\" width=\"200\" height=\"271\"><\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/kafka_autograph.gif\" width=\"300\" height=\"77\" alt=\"Franz Kafka - Unterschrift\" title=\"Franz Kafka - Unterschrift\"><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"100%\" colspan=\"2\">\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/prag_graben_1890.jpg\" width=\"350\" height=\"260\" alt=\"Der 'Graben', die Fortsetzung der Ferdinandstra\u00dfe, Photographie, um 1890\" title=\"Der 'Graben', die Fortsetzung der Ferdinandstra\u00dfe, Photographie, um 1890\"><br \/>\n<i><font face=\"Lucida Grande, Lucida Sans Unicode, Verdana, sans-serif\" size=\"2\">Der &#8218;Graben&#8216;, die Fortsetzung der Ferdinandstra\u00dfe, Photographie, um 1890<\/font><\/i><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><em>Prag hat, als Franz Kafka dort zur Welt kommt, noch immer f\u00fcnf Viertel, obwohl das Tor zum f\u00fcnften, zum Ghetto, schon lange freigegeben ist, doch niemand, der dort aufgewachsen ist, kann leugnen, da\u00df es ein St\u00fcck von ihm bleibt. Und der Wunsch, von dort herkommend, das \u201aSchlo\u00df\u2019 zu erobern, dem Anderen zustreben zu k\u00f6nnen, weitet sich bis ins Schmerzliche. Wer aber an der Schwelle geboren ist wie Franz Kafka, wer um beide Seiten wei\u00df, mu\u00df zum Mittler werden zwischen allen Zeiten.<\/em><\/p>\n<p><em>Ji&#345;\u00ed Gru\u0161a hat Fotos der Stadt, wie Franz Kafka sie gesehen hat, und Aufnahmen von heute<\/em> [Anfang der 80er Jahre] <em>einander gegen\u00fcbergestellt, hat ihnen Zitate und Beschreibungen zugeordnet und so ein Spannungsfeld geschaffen zwischen damals und jetzt. Kafkas Sicht seiner Welt wird in der Gegenwart abbildbar \u2013 seine Erfahrung wird unsere Erfahrung.\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext &#8211; 1983 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main &#8211; ISBN 3-10-028603-0)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ji%C5%99%C3%AD_Gru%C5%A1a\" target=\"_blank\">Ji&#345;\u00ed Gru\u0161a<\/a>, 1938 in Pardubice geboren, studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte an der Karls-Universit\u00e4t in Prag. Als Literat trat Gru\u0161a in den 1960er Jahren in Erscheinung. Er publizierte gemeinsam mit weiteren jungen Schriftstellern, darunter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V%C3%A1clav_Havel\" target=\"_blank\">V\u00e1clav Havel<\/a>, in der 1963 mitbegr\u00fcndeten Zeitschrift Gesicht (Tv\u00e1&#345;), der ersten nichtkommunistischen Zeitschrift im Lande. Als er eine kritische Abrechnung mit der stalinistischen Poesie der 50er Jahre ver\u00f6ffentlichte, wurde das \u201aGesicht\u2019 zwangsweise eingestellt. Gru\u0161a \u00fcbertrug Rilke, Celan und Kafka ins Tschechische; er schrieb Lyrik und Prosa. 1968 beteiligte sich Gru\u0161a gemeinsam mit anderen Intellektuellen am <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1282\" target=\"_blank\">Prager Fr\u00fchling<\/a>, er unterzeichnete die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charta_77\" target=\"_blank\">Charta 77<\/a>. 1981 wurden ihm die tschechoslowakischen B\u00fcrgerrechte aberkannt, im Fr\u00fchjahr 1982 wurde Ji&#345;\u00ed Gru\u0161a aus Prag ausgeb\u00fcrgert; zwei Jahre sp\u00e4ter erhielt er die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit. Nach der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Samtene_Revolution\" target=\"_blank\">samtenen Revolution<\/a> wurde Gru\u0161a zum tschechischen Botschafter in Deutschland ernannt. Von Juni bis November 1997 war er tschechischer Bildungsminister, von 1998 bis 2004 Botschafter in \u00d6sterreich. Von 2004 bis 2009 bekleidete er die Funktion des Pr\u00e4sidenten des internationalen P.E.N.-Clubs. Bis zu seinem Tod Ende 2011 lebte er mit seiner deutschen Frau bei Bonn. Nur kurze Zeit nach Gru\u0161a starb \u00fcbrigens V\u00e1clav Havel.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=embed&amp;hl=de&amp;q=N%C3%A1m%C4%9Bst%C3%AD+Franze+Kafky+19%2F5,+110+00+Praha-Star%C3%A9+M%C4%9Bsto,+Tschechische+Republik&amp;sll=50.087713,14.404427&amp;sspn=0.007008,0.016544&amp;ie=UTF8&amp;cd=1&amp;geocode=FdRG_AId_wbcAA&amp;split=0&amp;hq=&amp;hnear=N%C3%A1m%C4%9Bst%C3%AD+Franze+Kafky+19%2F5,+110+00+Praha-Star%C3%A9+M%C4%9Bsto,+Tschechische+Republik&amp;t=h&amp;layer=c&amp;cbll=50.087742,14.419211&amp;panoid=stTzfurZxJSeW9joMqUpPQ&amp;cbp=13,5.18,,2,-2.32&amp;ll=50.08774,14.404449&amp;spn=0.017622,0.046349&amp;z=14&amp;output=svembed\"><\/iframe><br \/>\nGeburtshaus von Franz Kafka in Prag mit Gedenktafel (heute: <a href=\"http:\/\/www.kafkaesk.de\/kafka-und-prag.html\" target=\"_blank\">N\u00e1mest\u00ed Franze Kafky<\/a>)<\/p>\n<p><em>\u201eJetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, M\u00e4nner in Hemd\u00e4rmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und z\u00e4rtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angef\u00fcllt, \u00fcber dem fl\u00fcchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander \u00fcber die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade \u00fcber K. ein gro\u00dfes Gel\u00e4chter. Regelm\u00e4\u00dfig verteilt befanden sich in der langen Stra\u00dfe kleine, unter dem Stra\u00dfenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare L\u00e4den mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsth\u00e4ndler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, h\u00e4tte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon m\u00f6rderisch zu spielen.\u201c<\/em><br \/>\nKafka: <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/157\/6\" target=\"_blank\">Der Prozess<\/a><\/p>\n<p>Hier beschreibt Kafka eine Szene in Prag, wie sie am Anfang der 20. Jahrhunderts in jeder Gro\u00dfstadt h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen. Die Leute schauen am Sonntagmorgen aus den Fenstern, unterhalten sich, und von irgendwo dr\u00f6hnt ein Grammophon. Wie typisch f\u00fcr Kafka, so ist auch diese kleine Szene so bildhaft. Und wenn man dann vielleicht noch ein Foto aus jener Zeit sieht, so taucht man f\u00f6rmlich in diese Szene ein.<\/p>\n<p>Franz Kafka hatte ein ganz besonderes Verh\u00e4ltnis zu Prag, seinem Geburts- und Wohnort. Die Stadt bildet oft genug den Rahmen f\u00fcr seine Erz\u00e4hlungen und Romane. Aber die Stadt war noch mehr. Kafka f\u00fchlte sich von Prag gefangen. Die Stadt l\u00e4sst ihn nicht los. Sie ist wir ein Tier, das sich ihn zum Spielball auserkoren hat. Erst als Kafka schwer erkrankt, <em>\u201el\u00e4\u00dft die \u201averdammte Stadt\u2019 K. los. Er ist auf freiem Fu\u00df, der Proze\u00df jedoch hat schon begonnen. K. aber glaubt, Gott habe ihm die Krankheit geschickt, weil er ohne sie von Prag nie losgekommen w\u00e4re.\u201c<\/em> (S. 100)<\/p>\n<p>Siehe auch radiobremen.de: <a href=\"http:\/\/www.radiobremen.de\/kultur\/portraets\/kafka\/kafka108.html\" target=\"_blank\">Franz Kafka &#8211; Auf Spurensuche in Prag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend das Werk von Franz Kafka \u00fcbersichtlich ist, l\u00e4sst sich die Sekund\u00e4rliteratur zu Kafka kaum noch fassen. 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