{"id":5602,"date":"2012-02-20T10:25:05","date_gmt":"2012-02-20T09:25:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5602"},"modified":"2012-02-20T18:33:55","modified_gmt":"2012-02-20T17:33:55","slug":"nun-also-doch-gauck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5602","title":{"rendered":"Nun also doch Gauck"},"content":{"rendered":"<p>Christian Wulff hatte Recht, als er meinte, \u201ein einem Jahr ist das alles vergessen\u201c. Nur wird er selbst auch vergessen sein. So ist er eigentlich kein Wort mehr wert. Aber doch noch soviel: Traurig ist es schon, wenn man sieht, wie uneinsichtig Wulff bis zuletzt war. Sicherlich muss man es kritisch sehen, wie die \u201eBild\u201c-Zeitung ihn gehetzt und es indirekt geschafft hat, aus dem Amt zu treiben. Das war eine Hetz-Kampagne, ohne Zweifel und f\u00fcr viele zurecht be\u00e4ngstigend. Aber Herr Wulff hat dazu einen wesentlich Anteil beigetragen. Erst hofiert von diesem Boulevardblatt hat er schlie\u00dflich selbst die Munition zu seinem Abschuss geliefert. Interessant, wenn auch nicht ganz durchsichtig, ist die Rolle der Bundeskanzlerin. Wulff war ihr Kandidat. Und ich bin sicher, dass sie ihn bis zuletzt in der Ansicht best\u00e4rkt hat, nicht zur\u00fcckzutreten. Erst als die Staatsanwaltschaft Hannover beantragte, die Immunit\u00e4t des Bundespr\u00e4sidenten aufzuheben, da war Wulff auch f\u00fcr Frau Merkel nicht mehr zu halten.<\/p>\n<p>Tief durchblicken lie\u00df dann das anf\u00e4ngliche Gezerre und Geschacher um die Nachfolge von Wulff in der Koalition, die in der Bundesversammlung, die den Bundespr\u00e4sidenten w\u00e4hlt, immer noch die Mehrheit und dadurch gewisserma\u00dfen das Vorschlagsrecht hat. Da wurden Namen wie de Maizi\u00e8re, von der Leyen oder sogar Sch\u00e4uble genannt (will sich Frau Merkel auch hier wieder unliebsame Konkurrenz aus dem eigenen Haus vom Hals schaffen?), obwohl SPD und Gr\u00fcne gleich signalisierten, wenn mit uns, dann bitte m\u00f6glichst keine aktiven Politiker und erst recht nicht mit Ministerposten. Dann kamen auch sehr bald Absagen, z.B. vom Pr\u00e4sidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Vosskuhle. CDU und CSU drehten sich im Kreise.<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnte man es tats\u00e4chlich als einen geschickten Schachzug ansehen, wie sich die FDP, sicherlich auch aus wahltaktischen Gr\u00fcnden, pl\u00f6tzlich hinter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joachim_Gauck\" target=\"_blank\">Joachim Gauck<\/a>, dem Favoriten der SPD, stellte. Noch zuvor <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/16\/0,3672,8479216,00.html\" target=\"_blank\">t\u00f6nte Unionsfraktionschef Volker Kauder<\/a> herum, \u201eeinen Kandidaten von Gnaden der SPD werde es nicht geben.\u201c Der Bundeskanzlerin blieb fast nichts anderes mehr \u00fcbrig und lenkte ein: Jetzt ist Gauck auch der Kandidat f\u00fcr CDU\/CSU und damit so gut wie gew\u00e4hlt. Aber ist dem wirklich so? Ist es nicht eher ein gelungener Schachzug von Frau Merkel? Denn Gauck leitet gewisserma\u00dfen die n\u00e4chste gro\u00dfe Koalition ein. Wenn sp\u00e4testens in zwei Jahren wieder gew\u00e4hlt wird, dann d\u00fcrften SPD und Gr\u00fcne &#8218;dank&#8216; der Linken nicht unbedingt die ben\u00f6tigte Mehrheit bekommen. Dann riecht alles nach gro\u00dfer Koalition. Und die h\u00e4tte dann schon ihren gemeinsamen Bundespr\u00e4sidenten &#8230;.<\/p>\n<p>Gauck galt schon vor zwei Jahren, als er knapp Wulff unterlag, als der Kandidat, der es auch in einer direkten Wahl durch das Volk geschafft h\u00e4tte. Jetzt wird also ein Mann Bundespr\u00e4sident, der sowohl von den B\u00fcrgern als auch von der Politik (wenn vielleicht auch von manchem widerstrebend) akzeptiert sein wird. Seit November 2003 ist Gauck <a href=\"http:\/\/www.gegen-vergessen.de\/verein\/vorstand.html\" target=\"_blank\">Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen &#8211; f\u00fcr Demokratie<\/a>. Die Organisation setzt sich sowohl f\u00fcr die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit als auch des Nationalsozialismus ein. Seit Jahren <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/25\/0,3672,8479929,00.html\" target=\"_blank\">ist Gauck<\/a> in \u201eganz Deutschland unterwegs, um bei Vortr\u00e4gen oder in Schulen Menschen zu ermutigen &#8211; damit sie nicht in Bequemlichkeit verfallen und sich engagieren.\u201c<\/p>\n<p>Trotz aller Euphorie und Zustimmung f\u00fcr Joachim Gauck sollte bedacht sein, dass seine Ansichten in mancherlei Hinsicht sehr konservativ gepr\u00e4gt sind. Nicht all seinen politischen Standpunkten mag ich ohne Weiteres zustimmen. So bef\u00fcrwortet er den Auslandseinsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan. Auch h\u00e4lt er wenig vom Protest gegen das Finanzsystem wie Occupy Wall Street (OWS). Viele halten ihn f\u00fcr einen Kommunistenj\u00e4ger. Liest man im Netz, dann <a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/wie-das-netz-den-boesen-gauck-erfand\/48369\" target=\"_blank\">stolpert man schnell \u00fcber Aburteilungen<\/a>, die, so finde ich, sehr pauschal und wenig fundiert sind. Gaucks \u00c4u\u00dferungen z.B. zu Sarazins Buch \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c sind keinesfalls Zustimmung f\u00fcr dessen umschrittene Thesen. Allerdings finde ich Joachim Gauck in mancher Hinsicht etwas zu naiv, ja sogar zu einseitig (da vom Alltag in der DDR gepr\u00e4gt). Vielleicht hilft ja das <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/gauck-gespraech-von-die-leute-muessen-aus-der-haengematte-aufstehen-1.1288292\" target=\"_blank\">Gauck-Gespr\u00e4ch von 2010 mit der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a> weiter. <\/p>\n<p>Angesichts von Gaucks Alters h\u00e4tte ich mir allerdings schon einen J\u00fcngeren, ja endlich auch einmal eine Frau f\u00fcr dieses Amt gew\u00fcnscht. Nun hat sich die Politik f\u00fcr Herrn Gauck entschieden. Und diese Entscheidung d\u00fcrfte auch von einer breiten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung getragen werden. Aber so unumstritten erscheint mir Joachim Gauck nicht zu sein. Sehen wir, wie er sich als Bundespr\u00e4sident \u00e4u\u00dfern wird. Dass er etwas zu sagen hat, davon gehe ich aus. Nicht wie Herr Wulff, der es vorzog, zu Fragen der Zeit zu schweigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Wulff hatte Recht, als er meinte, \u201ein einem Jahr ist das alles vergessen\u201c. Nur wird er selbst auch vergessen sein. So ist er eigentlich kein Wort mehr wert. Aber doch noch soviel: Traurig ist es schon, wenn man sieht, wie uneinsichtig Wulff bis zuletzt war. 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