{"id":5652,"date":"2012-03-01T09:25:49","date_gmt":"2012-03-01T08:25:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5652"},"modified":"2013-03-11T09:35:25","modified_gmt":"2013-03-11T08:35:25","slug":"kafkas-wortschatz-und-kiezdeutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5652","title":{"rendered":"Kafkas Wortschatz und Kiezdeutsch"},"content":{"rendered":"<p>Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wortschatz\" target=\"_blank\">Wortschatz<\/a> ist die Gesamtheit aller W\u00f6rter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet. Man unterscheidet beim Letzteren zwischen passivem (W\u00f6rter, die zwar verstanden, aber nicht benutzt werden) und aktivem Wortschatz.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Wagenbach\" target=\"_blank\">Klaus Wagenbach<\/a> bezeichnet <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Kafka\" target=\"_blank\">Kafkas<\/a> Prosa als k\u00fchl, wortarm und doch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_von_Kleist\" target=\"_blank\">\u201ekleistisch\u201c<\/a>. (Wagenbach: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3803111412\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3803111412\" target=\"_blank\"><strong>Kafkas Prag: Ein Reiselesebuch<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3803111412\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> \u2013 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1993 \u2013 S. 7) Ja, auch als wortarm. Ohne Zweifel ist, dass der Wortschatz in den Romanen und Erz\u00e4hlungen von Franz Kafka erstaunlich \u201abeschr\u00e4nkt\u2019 ist. Diese Beschr\u00e4nkung sagt nat\u00fcrlich nichts \u00fcber die literarische Qualit\u00e4t aus. Ein Koch wei\u00df, dass man auch aus wenigen Zutaten einen kulinarischen Leckerbissen zaubern kann. Wie kann es aber sein, dass ein Schriftsteller der G\u00fcte Kafkas eben so wortarm schreibt. Immerhin war Kafka Jurist, also ein Akademiker, und in der Belletristik viel belesen.<\/p>\n<p>Ich habe in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz zu <a href=\"http:\/\/www.linguistik-online.de\/13_01\/nekula.pdf\" target=\"_blank\">\u201eFranz Kafkas Deutsch\u201c<\/a>  von <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Marek%20Nekula&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><strong>Marek Nekula<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> folgende Einleitung gefunden (Verweise\/Fu\u00dfnoten habe ich entfernt):<\/p>\n<p><em>\u201eDie Eigenart von Kafkas Stil wird einerseits mit der \u201aSpracharmut\u2019, der \u201aSprachverarmung\u2019 und dem \u201aSprachverfall\u2019 der \u201asterilisierten Ghettosprache\u2019 bzw. der Sprache ohne ein deutsches dialektales Umfeld und \u201asoziale Unterschiede\u2019  erkl\u00e4rt, andererseits dem \u201aEinfluss der juristischen Fachsprache\u2019  zugeschrieben.<\/em> [&#8230;] <em>Manchen, die im Zusammenhang mit Kafka \u00fcber Ph\u00e4nomene wie eine \u201adeutsche Sprachinsel\u2019 oder seinen angeblichen \u201aj\u00fcdischen Tonfall\u2019 sprechen, gen\u00fcgen dennoch ein oder zwei d\u00fcrre Abs\u00e4tze, um Kafkas Sprache abzuhandeln.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.linguistik-online.de\/\" target=\"_blank\">linguistik-online.de<\/a>)<\/p>\n<p>Franz Kafka war deutschsprechender Jude <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5637\" target=\"_blank\">in Prag<\/a>, damals Hauptstadt des K\u00f6nigreichs B\u00f6hmen und mit 230000 Einwohnern drittgr\u00f6\u00dfte Stadt der \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie unter Kaiser Franz Joseph und durch <em>\u201estarke tschechische Zuwanderung aus einer ehemals \u00fcberwiegend deutschen inzwischen [zu] eine[r] nahezu rein tschechische[n] Stadt geworden, mit einer Minderheit von 32000 Deutschsprechenden, davon \u00fcber die H\u00e4lfte Juden\u201c<\/em> (Wagenbach, 1993, S. 11). Prag war also das, was man eine \u201edeutsche Sprachinsel\u201c nennen kann. Das Deutsch in Prag war nicht durch Dialekt, h\u00f6chstens durch Begriffe der tschechischen Sprache gef\u00e4rbt, und im Falle Kafkas zus\u00e4tzlich durch den Sprachgebrauch der Juden, was sich in Kafkas Werk widerspiegelt und so in Nuancen den Wortschatz Kafkas sogar bereicherte. Bei <a href=\"http:\/\/www.bohemicum.de\/personen\/mitarbeiter\/marek-nekula.html\" target=\"_blank\">Marek Nekula<\/a> steht hierzu:<\/p>\n<p><em>\u201eIn Tonfall und Idiomatismus, ja selbst in der Wortwahl und im grammatischen Duktus macht sich jenes Prager Deutsch geltend, das von der slavischen, czechischen Nachbarschaft und auch vom Prager Judendeutsch reichlich get\u00f6nt ist. Eben diese eigent\u00fcmliche F\u00e4rbung tr\u00e4gt entscheidend dazu bei, jenseits von allem Lokalkolorit die Ironie von Kafkas Erz\u00e4hlungen zu erh\u00f6hen<\/em> (Politzer 1950: 280).\u201c<\/p>\n<p>Der Wortschatz eines Menschen ist gepr\u00e4gt von der Zeit, dem Raum sowie seiner Herkunft und seinem sozialen Umfeld. Auf Kafka bezogen hei\u00dft dies, dass eine Stadt wie Prag mit einem hervorstechenden Umfeld auch Niederschlag in seinem Werk erfahren musste. Eine Stadt wie Prag findet sich heute \u00fcbrigens auch allerenden bei uns. Wie in Prag begegnen sich \u00fcberall unterschiedlichste Nationalit\u00e4ten und Religionen. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn hier eine eigene Sprache entsteht, die \u00fcbergreifend wirkt: <a href=\"http:\/\/www.kiezdeutsch.de\/\" target=\"_blank\">Kiezdeutsch<\/a>.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/kiezdeutsch.jpg\" alt=\"Kiezdeutsch\" title=\"Kiezdeutsch\" \/><\/ul>\n<p><em>\u201eKiezdeutsch ist eine Jugendsprache, ein neuer Dialekt. Das ist kein Unverm\u00f6gen, Deutsch zu sprechen&#8220;<\/em>, so die Sprachwissenschaftlerin <a href=\"http:\/\/www.uni-potsdam.de\/u\/germanistik\/fachgebiete\/geg-spr\/page.php?id=hwiese&#038;spr=1\" target=\"_blank\">Heike Wiese<\/a>, Professorin f\u00fcr Deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam (<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406630340\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406630340\" target=\"_blank\"><strong>Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406630340\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>). <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/27\/0,3672,8477243,00.html\" target=\"_blank\">Kiezdeutsch<\/a> ist eine Jugendsprache in einem engen Umfeld. \u00c4hnlich wie in Kafkas Sprache kommt es zu \u201aVereinfachungen\u2019 und auch zu eigenen grammatischen Regeln. Da man heute Kafkas \u201aSpracharmut\u2019 kaum als Verelendung unserer Sprache ansieht, sollte man auch gegen\u00fcber dem Kiezdeutschen nicht gleich in Hysterie ausbrechen. Heike Wiese hierzu: <em>&#8222;In der Soziolinguistik ist es so, dass andere Sprechweisen abgewertet werden, wenn man sich h\u00f6her einordnet. Vielleicht haben wir es da mit sehr starken Status-Verlust\u00e4ngsten zu tun, weil Kiezdeutsch nicht nur von sozial Schwachen gesprochen wird. Auf jeden Fall ist das Thema emotional besetzt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, es ist ein weiter Bogen, den ich hier spanne. Kafka muss f\u00fcr so vieles herhalten. Er wird es aushalten. Es ist die \u201aeigent\u00fcmliche F\u00e4rbung\u2019, die eine Sprache lebendig macht. Und das gilt sowohl f\u00fcr Kafka (auch heute noch) als auch f\u00fcr eine Jugendsprache wie das Kiezdeutsche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wortschatz ist die Gesamtheit aller W\u00f6rter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet. Man unterscheidet beim Letzteren zwischen passivem (W\u00f6rter, die zwar verstanden, aber nicht benutzt werden) und aktivem Wortschatz. Klaus Wagenbach bezeichnet Kafkas Prosa als k\u00fchl, wortarm und doch \u201ekleistisch\u201c. (Wagenbach: Kafkas Prag: Ein Reiselesebuch \u2013 &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=5652\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kafkas Wortschatz und Kiezdeutsch<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5652"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5652"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5652\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}