{"id":5938,"date":"2012-05-15T08:06:38","date_gmt":"2012-05-15T07:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=5938"},"modified":"2012-05-14T09:19:00","modified_gmt":"2012-05-14T08:19:00","slug":"komm-inne-puschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=5938","title":{"rendered":"Komm inne Puschen!"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eAbfahrt auf Gleis \u00f6lf!\u201c<\/em>. Als ich das h\u00f6rte, dachte ich, oje, \u00f6lf wie zw\u00f6lf, oder? Wo kommt der gute Zugbegleiter blo\u00df her? Aber ganz klar: aus Bremen! Es war wohl noch in der Grundschule, als mich meine Lehrerin, die ansonsten eine ganz nette und liebe war, korrigierte, denn auch ich sagte damals \u00f6lf statt elf. Das hat sich bei mir gewisserma\u00dfen festgefressen, ab da hie\u00df es bei mir nur noch ELF. Mit vier ein halb Jahren war ich mit meinen Eltern und Geschwistern aus Pforzheim nach Bremen gekommen und sprach einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schw%C3%A4bische_Dialekte\" target=\"_blank\">schw\u00e4bisch<\/a>&#8211;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCd-Rheinfr%C3%A4nkische_Dialektgruppe\" target=\"_blank\">s\u00fcdfr\u00e4nkischen<\/a> Dialekt, sodass mich keiner in hohen Norden richtig verstand. Diesen Dialekt legte ich schnell ab und nahm \u2013 v\u00f6llig unbewusst \u2013 den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bremer_Dialekt\" target=\"_blank\">Bremer Dialekt<\/a> an &#8230; Es ist schon erstaunlich, wie schnell man als Kind eine solche Sprache annimmt.<\/p>\n<p>Der Bremer Dialekt (bremisch: <em>Bremer Schnack<\/em>, auch: <em>Bremer Snak<\/em>) ist eine in Bremen verbreitete <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Umgangssprache\" target=\"_blank\">Umgangssprache<\/a>, genauer: es ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Missingsch\" target=\"_blank\">Missingsch<\/a>, eine Mischsprache aus Hoch- und Niederdeutsch und dadurch entstanden, dass \u201eniederdeutsche Muttersprachler Standarddeutsch zu sprechen versuchten\u201c. Oft wird der niederdeutsche Satzbau beibehalten und volkst\u00fcmliche Lehn\u00fcbersetzungen niederdeutscher Wendungen ins Standarddeutsche \u00fcbertragen (z.B. Schnacken von <a href=\"http:\/\/nds.wiktionary.org\/wiki\/snacken\" target=\"_blank\"><em>snacken<\/em><\/a> f\u00fcr sprechen, reden). In Hamburg gibt es ein \u00e4hnliches Messingsch (und <a href=\"http:\/\/www.wdrmaus.de\/kaeptnblaubaerseite\/index.php5\" target=\"_blank\">K\u00e4pt\u2019n Blaub\u00e4r<\/a> spricht es auch: <em>Moin-Moin, Kinners!<\/em>).<\/p>\n<p>Was mich allerdings am meisten \u00fcberrascht, ist die Feststellung, dass ich auch heute noch viele Begriffe des Bremer Schnack nicht nur verstehe, sondern tats\u00e4chlich spreche (zumindest im Wortschatz habe). Und ich habe lange Zeit ziemlich stark genuschelt und Buchstaben \u2013 besonders die letzte Silbe eines Wortes &#8211; \u201averschluckt\u2019 (Brem\u2019n statt Bremen) \u2013 beides sind Charakteristika des Bremer Dialektes. <em>\u201eMan sagt auch: \u201aDer Bremer Dialekt kann mit wenig Kraftanstrengung gesprochen werden \u2013 man braucht die Z\u00e4hne ja nicht auseinander zu machen.\u2019 Die Intonation mehrsilbiger W\u00f6rter f\u00e4llt oft nach der ersten Silbe ab.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bremer_Dialekt#Die_Sprache\" target=\"_blank\">de.wikipedia.de<\/a>). Ich musste mir angew\u00f6hnen, \u201adie Z\u00e4hne weiter auseinander zu bekommen\u2019.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich s-tolpern Bremer auch gern \u00fcber den s-pitzen S-tein (h\u00e4ngt mit dem Niederdeutschen, also Plattdeutschen zusammen). Allerdings gibt es eine wenig nachvollziehbare \u201aumgekehrte Regel\u2019, aufgrund der ST und SP in Fremd- und Lehnw\u00f6rtern englischer oder vermeintlich englischer Herkunft wie SCHT bzw. SCHP ausgesprochen werden, z.B. Illu<em>sch<\/em>trierte oder Pi<em>sch<\/em>tole.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der schw\u00e4bisch-s\u00fcdfr\u00e4nkischen Dialekt, mit dem ich sprechen gelernt hatte, aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oberdeutsche_Dialekte\" target=\"_blank\">Oberdeutschen<\/a> stammt, verwendet der Bremer Dialekt wie gesagt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niederdeutsche_Sprache\" target=\"_blank\">niederdeutsche<\/a> Elemente.<\/p>\n<p>Es gibt also <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bremer_Dialekt#Wortschatz\" target=\"_blank\">W\u00f6rter<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bremer_Dialekt#Typische_S.C3.A4tze_eines_Bremers\" target=\"_blank\">S\u00e4tze<\/a>, die ich heute durchaus noch verwende: So hei\u00dft z.B. <em>backen<\/em> auch kleben (Der Zuckerguss backt wie Teufel), und versch\u00fcttet man ein Getr\u00e4nk, so <em>pl\u00f6rrt<\/em> man (zu d\u00fcnn geratener Kaffee ist eine <em>Pl\u00f6rre<\/em>). Und wenn jemand nicht in Gang kommt, so fordert man ihn zur Eile auf: <em>Hau ma\u2019 \u2019n Schlach ran<\/em> (Hau\u2019 einmal einen Schlag \u2019ran) oder: <em>Komm inne Puschen<\/em> (Komm\u2019 in die Puschen = Filz-Hausschuhe). Einen Putzlappen nenne ich so auch heute noch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feudel\" target=\"_blank\"><em>Feudel<\/em><\/a> und aufwischen ist <em>feudeln<\/em>. Nur die Elf ist bei mir keine <em>\u00d6lf<\/em> mehr oder die Birne keine <em>B\u00fcrne<\/em> bzw. die Kirsche keine <em>K\u00f6hrsche<\/em> mehr.<\/p>\n<p>siehe auch: weser-kurier.de &#8211; <a href=\"http:\/\/www.weser-kurier.de\/Artikel\/Bremen\/217163\/Bremer-Mundart-geraet-in-Vergessenheit.html\" target=\"_blank\">Bremer Mundart ger\u00e4t in Vergessenheit<\/a><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/albpics\/bremer_freimarkt_volker_ernsting2.jpg\" alt=\"Volker Ernsting: Bremer Freimarkt\" title=\"Volker Ernsting: Bremer Freimarkt\" \/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/volkerernsting\/\" target=\"_blank\">Volker Ernsting:<\/a> Bremer Freimarkt<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=993\" target=\"_blank\">Ischa Freimaak!<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1473\" target=\"_blank\">Bedrohte Sprache: Halunder<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1479\" target=\"_blank\">Bedrohte Sprachen in Deutschland<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAbfahrt auf Gleis \u00f6lf!\u201c. 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