{"id":6017,"date":"2012-06-01T07:46:25","date_gmt":"2012-06-01T06:46:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6017"},"modified":"2012-05-30T09:57:53","modified_gmt":"2012-05-30T08:57:53","slug":"vergessene-stucke-13-peter-weiss-maratsade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6017","title":{"rendered":"Vergessene St\u00fccke (13): Peter Weiss: Marat\/Sade"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Paul_Marat\" target=\"_blank\">Jean Paul Marat<\/a> war Arzt und Naturwissenschaftler und neben <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maximilien_de_Robespierre\" target=\"_blank\">Robespierre<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georges_Danton\" target=\"_blank\">Danton<\/a> einer der geistigen F\u00fchrer der Franz\u00f6sischen Revolution. So war er auf Seiten der Bergpartei Abgeordneter im Nationalkonvent sowie f\u00fcr eine Periode Pr\u00e4sident des Klubs der Jakobiner. Wegen einer Hauterkrankung war er in den letzten drei Jahren seines Lebens auf k\u00fchle B\u00e4der zur Linderung der Symptome angewiesen. Am 13. Juli wurde Marat, in seinem Bade liegend, von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Paul_Marat#Charlotte_Corday_und_das_Attentat\" target=\"_blank\">Charlotte Corday<\/a>, eine Anh\u00e4ngerin der Girondisten, Vertreter des gehobenen B\u00fcrgertums, die ihren Einfluss immer mehr an die radikalen Jakobiner verloren hatten, ermordet. Vielen d\u00fcrfte das Gem\u00e4lde von Jacques-Louis David gekannt sein: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_des_Marat\" target=\"_blank\">Der Tod des Marat<\/a>. Es ist eines der ber\u00fchmtesten Darstellungen von Ereignissen der franz\u00f6sischen Revolution.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/david_tod_des_marat.jpg\" alt=\"Jacques-Louis David: Der Tod des Marat (Ausschnitt)\" title=\"Jacques-Louis David: Der Tod des Marat (Ausschnitt)\" \/><\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade\" target=\"_blank\">Marquis de Sade<\/a>, Namensgeber des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sadismus\" target=\"_blank\">Sadismus<\/a>, war u.a. der Verfasser pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane, die er w\u00e4hrend verschiedener Gef\u00e4ngnisaufenthalte schrieb. Von 1803 bis zu seinem Tod 1814 war Sade in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade#Aufenthalt_in_Charenton_und_Tod\" target=\"_blank\">Irrenanstalt Charenton<\/a> interniert, wo er einige Jahre lang Gelegenheit hatte, im Kreis der Patienten Schauspiele zu inszenieren. Charenton war eine Anstalt, in die man diejenigen brachte, die sich durch ihr Verhalten in der Gesellschaft unm\u00f6glich gemacht hatten, ohne dass sie geisteskrank waren.<\/p>\n<p>Das ist die Ausgangslage f\u00fcr ein Drama in zwei Akten von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Weiss\" target=\"_blank\">Peter Weiss<\/a> mit der etwas sperrigen \u00dcberschrift: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Verfolgung_und_Ermordung_Jean_Paul_Marats_dargestellt_durch_die_Schauspielgruppe_des_Hospizes_zu_Charenton_unter_Anleitung_des_Herrn_de_Sade\" target=\"_blank\">Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade<\/a>, auch kurz <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=peter%20weiss%20marat&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><strong>Marat\/Sade<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> betitelt. Die Musik zu diesem St\u00fcck schrieb <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-Martin_Majewski\" target=\"_blank\">Hans-Martin Majewski<\/a>. Die deutsche Urauff\u00fchrung fand am 29. April 1964 unter der Regie von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konrad_Swinarski\" target=\"_blank\">Konrad Swinarski<\/a> am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schillertheater_%28Berlin%29\" target=\"_blank\">Schillertheater in Berlin<\/a> statt. Die Hauptrollen spielten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Mosbacher\" target=\"_blank\">Peter Mosbacher<\/a> (Marat) und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Schr%C3%B6der_%28Schauspieler%29\" target=\"_blank\">Ernst Schr\u00f6der<\/a> (Sade).<\/p>\n<p>Entgegen meiner Titel\u00fcberschrift ist das St\u00fcck nicht \u201avergessen\u2019, sondern findet auch heute noch immer wieder Auff\u00fchrungen auf namhaften B\u00fchnen \u2013 z.B. in einer Inszenierung von <a href=\"http:\/\/www.schaubuehne.de\/de_DE\/ensemble\/regie\/49012\" target=\"_blank\">Friederike Heller<\/a> (Regie) und <a href=\"http:\/\/www.staatsschauspiel-dresden.de\/home\/bluetentraeume\/julia_weinreich\/\" target=\"_blank\">Julia Weinreich<\/a> (Dramaturgie) im <a href=\"http:\/\/www.staatsschauspiel-dresden.de\/\" target=\"_blank\">Staatsschauspiel Dresden<\/a> 2011. Ich habe das Drama als Buch in einer vom Autor revidierte Fassung 1965 vorliegen (edition suhrkamp 68 &#8211; Reihe: im Dialog. Neues Deutsches Theater &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suhrkamp_Verlag\" target=\"_blank\">Suhrkamp Verlag<\/a> 26. Auflage 1988):<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"304\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/VZ0b0Y3qc4o\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nStaatsschauspiel Dresden: &#8222;Marat\/Sade&#8220; von Peter Weiss <\/p>\n<p>SADE: <em>Ich ersinne die ungeheuerlichsten Torturen<br \/>\nUnd wenn ich sie mir beschreibe<br \/>\nSo erleide ich sie selbst<\/em> (S. 45)<\/p>\n<p>MARAT: <em>Wir sind die Erfinder der Revolution<br \/>\nDoch wir k\u00f6nnen noch nicht damit umgehn<\/em> (S. 48)<\/p>\n<p>In dem Theaterst\u00fcck, das sich eng an historische Fakten h\u00e4lt, sich auf authentisches Material gr\u00fcndet und doch von einem historischen St\u00fcck so weit wie nur irgend m\u00f6glich entfernt ist, werden Leben und Tod Jean Paul Marats als Spiel im Spiel, als Theater im Theater, dreizehn Jahre nach seinem Tode im Irrenhaus von Charenton dargestellt. Regie des St\u00fccks im St\u00fcck f\u00fchrt der Marquis de Sade.<\/p>\n<p><em>\u201eIm Mittelpunkt des Dramas um die Franz\u00f6sische Revolution stehen die beiden zentralen Charaktere Marat und de Sade und ihre kontr\u00e4ren Weltanschauungen mit den damit einhergehenden Staatsentw\u00fcrfen. W\u00e4hrend Marat der Gesellschaft zum Wohle aller, wie er glaubt, Moral und Tugend aufzwingen will, das Volk vertritt und die Revolution \u2013 blutig, wie sie l\u00e4ngst geworden ist \u2013 rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Losl\u00f6sung des Einzelnen aus der Gesellschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Handlung ist verfremdet und von grotesken und absurden Elementen gepr\u00e4gt. Dabei ist, wie der Titel schon andeutet, die Ermordung Marats nur ein St\u00fcck im St\u00fcck, das von der Schauspielgruppe eines Irrenhauses unter zahlreichen St\u00f6rungen geprobt und unter der Leitung des dort untergebrachten Herrn de Sade zur Auff\u00fchrung gebracht wird. Das St\u00fcck umfasst zwei, eigentlich sogar drei Zeit- und Handlungsebenen: zum einen die Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution, in der am 13. Juli 1793 Marat die letzten Stunden seines Lebens zur Linderung einer Hautkrankheit in der Badewanne verbringt, arbeitend, bis er seine M\u00f6rderin Charlotte Corday empf\u00e4ngt. Den letzten Stunden Marats steht zum anderen die Handlungsebene der napoleonischen Zeit entgegen, in der de Sade das B\u00fchnenst\u00fcck mit seinen \u201airren\u2018 Schauspielern vor einem gutb\u00fcrgerlichen Publikum \u2013 zu diesem Anlass g\u00f6nnerhaft zu Gast im Irrenhaus \u2013 inszeniert. Die dritte Zeitebene schlie\u00dflich, die Gegenwart der realen Zuschauer des St\u00fcckes, wird ebenfalls bewusst gemacht und durch Einsch\u00fcbe in die Dramenhandlung verdeutlicht. So wechselt die Handlung st\u00e4ndig zwischen diesen Ebenen hin und her. Auf diese Weise werden das Schauspiel sowie das Schauspiel im Schauspiel \u201aentlarvt\u2019 und sollen die Zuschauer von \u201aMitleidenden\u2018 zu \u201aMitdenkenden\u2018 gemacht werden.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marat\/Sade\" target=\"_blank\">de.wikipedia.de<\/a>)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"304\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/UhYIa-8EgIA\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nDie Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats als H\u00f6rspiel (Auff\u00fchrung des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkstheater_Rostock\" target=\"_blank\">Volkstheater Rostock<\/a> &#8211; DDR 1965)<br \/>\nSchallplattenbearbeitung: Hanns Anselm Perten<br \/>\nMusik: Hans-Martin Majewski<br \/>\nInszenierung: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hanns_Anselm_Perten\" target=\"_blank\">Hanns Anselm Perten<\/a><br \/>\nWissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Manfred Haiduk<br \/>\nMusikalische Leitung: G\u00fcnther Wolf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Paul Marat war Arzt und Naturwissenschaftler und neben Robespierre und Danton einer der geistigen F\u00fchrer der Franz\u00f6sischen Revolution. 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