{"id":6330,"date":"2012-08-30T08:42:28","date_gmt":"2012-08-30T06:42:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6330"},"modified":"2012-08-29T11:53:53","modified_gmt":"2012-08-29T09:53:53","slug":"breivik-und-wagner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6330","title":{"rendered":"Breivik und Wagner"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenem Freitag, den 24. August 2012, wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anders_Behring_Breivik\" target=\"_blank\">Anders Behring Breivik<\/a> vom Osloer Amtsgericht entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft f\u00fcr zurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt und wegen Mordes an 77 Menschen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/anders-breivik-zu-haftstrafe-und-sicherungsverwahrung-verurteilt-a-851815.html\" target=\"_blank\">zu 21 Jahren Haft mit anschlie\u00dfender Sicherungsverwahrung verurteilt<\/a>. Es ist ein Urteil, das der Attent\u00e4ter von Oslo und Ut\u00f8ya gewollt hat. Breivik nahm den Urteilsspruch im Gerichtssaal mit einem L\u00e4cheln auf. Der Angeklagte selbst hatte sich im Prozess vehement dagegen gewehrt, f\u00fcr unzurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt zu werden. Mit diesem Urteil fand das Verfahren mehr als ein Jahr nach Breiviks Anschl\u00e4gen ein Ende.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/breivik.jpg\" alt=\"Anders Behring Breivik\" title=\"Anders Behring Breivik\" \/><\/ul>\n<p>Zum Fall Breivik habe ich mich an anderer Stelle etwas ausf\u00fchrlicher ge\u00e4u\u00dfert (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5858\" target=\"_blank\">Zur\u00fcck zur Normalit\u00e4t?<\/a>), besonders zur Frage der Schuldf\u00e4higkeit. Unabh\u00e4ngig davon, ob Breivik jetzt ins Gef\u00e4ngnis muss oder bei zugestandener Unzurechnungsf\u00e4higkeit in die Psychiatrie gekommen w\u00e4re, er gilt f\u00fcr nicht heilbar und wird vermutlich nie wieder frei kommen. Das Ende der Sicherungsverwahrung ist zwar nicht festgelegt, wird aber in regelm\u00e4\u00dfigem Abstand \u00fcberpr\u00fcft werden. Das Gericht kann sie verl\u00e4ngern, <em>&#8222;wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Im genannten Beitrag schrieb ich u.a. auch: <em>\u201eDer forensische Psychiater <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Norbert_Leygraf\" target=\"_blank\">Norbert Leygraf<\/a> sieht Parallelen zum Fall <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_August_Wagner\" target=\"_blank\">Ernst August Wagner<\/a>, der erste Fall in der w\u00fcrttembergischen Rechtsgeschichte, bei dem ein Prozess wegen Unzurechnungsf\u00e4higkeit eingestellt wurde.\u201c<\/em> Danach h\u00e4lt Leygraf den Attent\u00e4ter Breivik also f\u00fcr unzurechnungsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Zum Fall Ernst August Wagner: Am Abend des 4. September 1913 t\u00f6tete der Hauptlehrer Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder mit einem Kn\u00fcppel. Sp\u00e4ter erschoss er dann zw\u00f6lf (anderen Quellen nach: neun) weitere Menschen. Dieser Wagner spielt in der Erz\u00e4hlung <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5914\" target=\"_blank\">Klein und Wagner<\/a> von Hermann Hesse eine nicht unbedeutende Rolle.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/31\/31343\/31343_6.jpg\" alt=\"Ernst August Wagner, 1934\" title=\"Ernst August Wagner, 1934\" \/><\/ul>\n<p>Noch einmal zum Tathergang: Am Abend des 4. September 1913 t\u00f6tete der damals als Lehrer t\u00e4tige Ernst August Wagner in Degerloch seine Frau und seine vier Kinder mit einem Kn\u00fcppel. Er begr\u00fcndete die Morde damit, er wolle seiner Familie die Folgen seiner geplanten Tat und die folgenden Schrecken ersparen. Danach fuhr er mit dem Fahrrad nach Stuttgart und von dort mit der Bahn weiter nach M\u00fchlhausen bei Vaihingen an der Enz. Auf dem Weg nach M\u00fchlhausen gab Wagner noch mehrere Briefe auf. Nachts z\u00fcndete er vier H\u00e4user an verschiedenen Stellen an und wartete, bis die Menschen vor den Flammen fl\u00fcchteten. Er erschoss dann wahllos zw\u00f6lf Menschen, acht weitere wurden schwer verletzt. Wagner wurde schlie\u00dflich \u00fcberw\u00e4ltigt und in Heilbronn inhaftiert. Bei den folgenden Ermittlungen stellte sich heraus, dass Wagner noch plante, seine Schwester und deren Familie umzubringen und schlie\u00dflich das Schloss in Ludwigsburg niederzubrennen und sich dabei im Bett der Herzogin selbst zu verbrennen. (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_August_Wagner#Tatablauf\" target=\"_blank\">de.wikipedia.org<\/a>)<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Breivik hatte Wagner seine Taten lange vorbereitet. Und wie Breivik schrieb er  ein seitenlanges Pamphlet, n\u00e4mlich eine 300 Seiten lange Autobiographie. Wagner erkl\u00e4rte darin u.a.:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcberall aber t\u00e4te eine Sanierung der Menschheit not.<\/em> [\u2026] <em>Nach meinem Beobachten und Ermessen m\u00fcsste ein starkes Drittel dran glauben, ja, ich meine, wir h\u00e4tten dann erst das Gr\u00f6bste weg. Wir schiffen zu sehr in \u00fcbelriechenden Niederungen und m\u00fcssen jetzt endlich den Ballast abwerfen, um in reiner, gesunder Region zu schweben. Ich habe ein scharfes Auge f\u00fcr alles Kranke und Schwache, bestellt mich zum Exekutor und kein Kommabazillus soll durchschlupfen. 25 Millionen Deutsche nehme ich auf mein Gewissen<\/em> [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Im Prozess in Heilbronn stellten die Gutachter den Verfolgungswahn von Wagner fest. Man beschrieb Wagner als einen ernsten, gramgebeugten, aber h\u00f6flichen und gebildeten Mann. Aus den jahrelangen Untersuchungen schloss man, \u201edass Wagners unterdr\u00fcckte Homosexualit\u00e4t, die er gleich nach der Tat offenbarte, zu dessen pathologischen Ekel vor der Welt gef\u00fchrt habe. Statt zum Tode verurteilt zu werden, wurde Wagner am 4. Februar 1914 in die Heilanstalt Winnenthal bei Winnenden [sic!] eingewiesen. Erstmals in der w\u00fcrttembergischen Rechtsgeschichte wurde damit ein Prozess wegen Unzurechnungsf\u00e4higkeit eingestellt.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Breivik als Motiv f\u00fcr die Anschl\u00e4ge angab, Norwegen gegen den Islam und den \u201eKulturmarxismus\u201c verteidigen zu wollen, begr\u00fcndete Ernst August Wagner seine Taten mit der \u201egeschlechtlichen Unnatur\u201c, gegen die er ank\u00e4mpfte. Er bezichtigte sich dabei der Sodomie, verweigerte aber jegliche Aussage zum Wie und mit Wem (Homosexuelle Praktiken, Unzucht mit Tieren oder doch nur Masturbation?). Die psychiatrischen Gutachten d\u00fcrften aus heutiger Sicht umstritten sein und wirken \u201ewie eine unfreiwillige Parodie auf gewisse Ausw\u00fcchse der Psychoanalyse\u201c der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang verweise ich auf einen sehr interessanten Artikel von <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/autor\/hansschmid\/default.html\" target=\"_blank\">Hans Schmid<\/a>, der nicht frei ist von ironischen Untert\u00f6nen: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/31\/31343\/1.html\" target=\"_blank\">Schwaben-Amok, oder auch: Ich bin Sodomit<\/a>. Und auch <a href=\"http:\/\/www.muehlhausen-enz.de\/content\/view\/22\/64\/\" target=\"_blank\">M\u00fchlhausen<\/a>, der Stadt des Wagner\u2019schen Amoklaufs, gedenkt der \u201aMordbrennerei\u2019 vom 4. September 1913 mit vielen Bildern (und weiterf\u00fchrenden Links).<\/p>\n<p>Die Grenze zwischen Fanatismus und Wahn ist in F\u00e4llen wie denen des Ernst August Wagner und des Anders Behring Breivik kaum auszuloten. Eine gerichtliche Entscheidung ist also kaum eindeutig zu treffen, muss aber getroffen werden. Ein Urteil muss her. Im Fall Breivik spielen dann vielleicht auch \u201apolitische\u2019 \u00dcberlegungen bei der Urteilsfindung eine Rolle. Nicht unbedeutend ist dabei, wie die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/breivik-urteil-21-jahre-gefaengnis-und-sicherungsverwahrung-a-851860.html\" target=\"_blank\">Angeh\u00f6rigen von Breiviks Opfers<\/a> den Richterspruch aufnehmen. Diese wirkten zwar nach Urteilsverk\u00fcndung mitgenommen, aber zufrieden. \u201eDass Breivik f\u00fcr zurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt wurde, erm\u00f6glicht den Familien, mit dem Geschehenen abzuschlie\u00dfen\u201c, sagte Frode Elgesem, ein Anwalt der Hinterbliebenen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenem Freitag, den 24. August 2012, wurde Anders Behring Breivik vom Osloer Amtsgericht entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft f\u00fcr zurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt und wegen Mordes an 77 Menschen zu 21 Jahren Haft mit anschlie\u00dfender Sicherungsverwahrung verurteilt. Es ist ein Urteil, das der Attent\u00e4ter von Oslo und Ut\u00f8ya gewollt hat. 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