{"id":6485,"date":"2012-10-07T08:41:21","date_gmt":"2012-10-07T06:41:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6485"},"modified":"2012-10-04T13:00:03","modified_gmt":"2012-10-04T11:00:03","slug":"heute-ruhetag-23-goethe-%e2%80%93-faust-i-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6485","title":{"rendered":"Heute Ruhetag (23): Goethe \u2013 Faust I + II"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/ruhetag.jpg\" alt=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" title=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" \/><\/p>\n<p>Direktor zum Theatherdichter und der lustigen Person:<\/p>\n<p><em>Ihr beiden, die ihr mir so oft,<br \/>\nIn Not und Tr\u00fcbsal, beigestanden,<br \/>\nSagt, was ihr wohl in deutschen Landen<br \/>\nVon unsrer Unternehmung hofft?<br \/>\nIch w\u00fcnschte sehr der Menge zu behagen,<br \/>\nBesonders weil sie lebt und leben l\u00e4\u00dft.<br \/>\nDie Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,<br \/>\nUnd jedermann erwartet sich ein Fest.<br \/>\nSie sitzen schon mit hohen Augenbraunen<br \/>\nGelassen da und m\u00f6chten gern erstaunen.<br \/>\nIch wei\u00df, wie man den Geist des Volks vers\u00f6hnt;<br \/>\nDoch so verlegen bin ich nie gewesen:<br \/>\nZwar sind sie <strong>an das Beste nicht gew\u00f6hnt,<\/strong><br \/>\nAllein sie haben schrecklich viel gelesen.<br \/>\nWie machen wir&#8217;s, da\u00df alles frisch und neu<br \/>\nUnd <strong>mit Bedeutung auch gef\u00e4llig sei?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Aus dem <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/3664\/2\" target=\"_blank\">Vorspiel auf dem Theater<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Wolfgang_von_Goethe\" target=\"_blank\"><strong>Johann Wolfgang von Goethe<\/strong><\/a>: <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/3664\/1\" target=\"_blank\">Faust &#8211; eine Trag\u00f6die<\/a> und als <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/3645\/1\" target=\"_blank\">der Trag\u00f6die zweiter Teil<\/a><\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/gutenb\/autoren\/signatur\/goethe.gif\" alt=\"Signatur: Johann Wolfgang von Goethe\" title=\"Signatur: Johann Wolfgang von Goethe\" \/><\/ul>\n<p>Gef\u00e4llig mag vieles sein dem deutschen Volk, aber auch von Bedeutung? <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fauststoff\" target=\"_blank\">Faust<\/a> und sein Pakt mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mephistopheles\" target=\"_blank\">Mephistopheles<\/a>, dem Teufel, ist ein Stoff der europ\u00e4ischen Literatur. Aber speziell wir Deutschen zeigen die Neigung, Fiktives schnell als bare M\u00fcnze anzusehen und sind zu manchem Teufelspakt bereit. Was w\u00e4ren wir ohne Goethe, der uns den Fauststoff als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Faust._Eine_Trag%C3%B6die.\" target=\"_blank\">eine Trag\u00f6die<\/a> und als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Faust._Der_Trag%C3%B6die_zweiter_Teil.\" target=\"_blank\">der Trag\u00f6die zweiter Teil<\/a> besonders aufbereitet hat, aus dem sich unsere Zungen auch heute noch reichlich bedienen, nicht nur den als <a href=\"http:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/des_Pudels_Kern\" target=\"_blank\">des Pudels Kern<\/a>.<\/p>\n<p>Auch ich habe mich vorzeiten (1992 und Anfang 1993) aus dem Fundus Goethe\u2019scher Verse bedient und es gem\u00e4\u00df dem <a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/texte.html#Vor\" target=\"_blank\">Vorspiel zum Faust<\/a> <strong>\u201eDes Fadens ew&#8217;ge L\u00e4nge \u2013 Aufzeichnungen\u201c<\/strong> genannt. Hier noch einmal:<\/p>\n<ul><em>Wenn die Natur des Fadens ew&#8217;ge L\u00e4nge,<br \/>\nGleichg\u00fcltig drehend, auf die Spindel zwingt,<br \/>\n&#8230;<br \/>\nWer sichert den Olymp? vereinet G\u00f6tter?<br \/>\nDes Menschen Kraft, im Dichter offenbart.<\/em><\/ul>\n<p><em>So spricht der Dichter im Vorspiel auf dem Theater in Goethes &#8222;Faust &#8211; Der Trag\u00f6die erster Teil&#8220;. Ich mag gleichg\u00fcltig sein; so drehe und f\u00e4dle ich und zwinge ich das Garn, <strong>welch Hirngespinst<\/strong>, von der Rolle, wie auch ich so von der Rolle bin. Was ewig ist, das hat weder Anfang noch Ende. Also ist der von Goethe beschriebene Faden ohne Anfang und ohne Ende. Gewisserma\u00dfen bin ich ein Glied, ein F\u00e4delchen, davon. Und dieses St\u00fcck Garn wehrt sich, von der Natur auf die Spindel gezwungen zu werden. Also: Ab von der Rolle mit dem F\u00e4dchen, mein M\u00e4dchen!<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn &#8217;s nur die Natur allein w\u00e4re, ich w\u00fcrde mich gern zwingen lassen (Trieb und Leidenschaft); was wirklich zwingt, sind die Umst\u00e4nde, ist die Umwelt, alles was uns um Konventionen willen bedr\u00e4ngt und in die Schranken weist. Gegen den Faden der Gesetze hei\u00dft es zu k\u00e4mpfen, den <strong>roten Faden<\/strong>, mit dem das Leben durchwebt ist. Und zum Kampfe reiche mir die Feder angef\u00fcllet mit tiefschwarzer Tinte. G\u00f6tter zu einen, ist nicht mein Trachten, und der Olymp soll verfaulen &#8211; von mir aus. Die Gegner sind auf Erden zu finden; finden wir sie aus und besudeln sie mit der Tinte gemischt aus unserm Blut und der Natur Erde. Quarksieder, Sch\u00f6nredner, Ignorantenpack und Egoistengeschmei\u00df, Speichellecker, Ausbeuter, Dummgesocks und Schweinetreiber &#8211; alle an der Wand! Und blo\u00dfgestellt! Schreibtischt\u00e4ter und ihre Handlanger, Tattergreise von Ministern, Saum\u00e4gen und Rebsgel\u00e4use, Mistk\u00e4fer und Verbrecher mit wei\u00dfen Kr\u00e4gen und Bankkonten in der Schweiz &#8211; an den Strick! Zeigt her eure vollgefressenen Schmerb\u00e4uche und eure Finger, an denen das Blut klebt von unschuldigen, naiven Menschen, die auf eure Bauernf\u00e4ngereien hereingefallen sind!<\/em><\/p>\n<p><em>Mit der Feder in der Hand nehme ich den Kampf nun auf, um gegen Paragraphen und ihre Sch\u00f6pfer, diese uners\u00e4ttlichen Papiertiger, anzugehen. Aber auch Du, dummdreister Ochs, bekommst Dein Fett weg! Und selbst am eignen Kleide leugne ich den Schmutzen nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber auch von manch andrem Zeug sei hier berichtet.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/texte.html#tel%201\" target=\"_blank\">Kapitel 1 \u2013 Nat\u00fcrliches<\/a><\/p>\n<p>1 Faustus M\u00fcllemann<\/p>\n<p><em>Am Wegesrand ein Bl\u00fcmlein w\u00e4chst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Pass auf, dass Du das zarte Pfl\u00e4nzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begr\u00e4bst. Mir k\u00f6nnte etwas fehlen<\/em> (\u00abTritt nicht aufs Fettkraut!\u00bb). <em>Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barf\u00fc\u00dfig durch das Gras zu gehn. Sp\u00fcrest auch Du einen Hauch vom Morgentau? Von Frische, die die Zehen benetzt? Mach Deinen Kopf frei! Und f\u00fchle! Atme ein und atme aus.<\/em><\/p>\n<p><em>Besinne Dich, Du Ochs! Gedankenlos kippst Du allen Dreck in die Natur aus. \u00dcberall stolpere ich \u00fcber M\u00fcll, den Du wie die Schleimspur einer Schnecke gleich hinter Dir herziehst, und falle mit der Nase in schimmligen Quark (<strong>\u00abIn jeden Quark begr\u00e4bt er seine Nase.\u00bb<\/strong>). Ich mag wohl gern meinen Riecher in andrer Leute Sachen stecken, aber nicht in solch fauligem Schlamm.<\/em><\/p>\n<p>\u00abHopfen und Malz, Du stinkst aus dem Hals!\u00bb <em>Fettb\u00e4uchig begr\u00e4bst du das Bl\u00fcmlein unter deinem auseinanderquellenden Arsch. Um dich herum stapeln sich Bierdosen und Schnapsflaschen. Aus deinem Maul quillt nicht nur der abgestandenen Pesthauch und Sabber, sondern mit den aufgequollenen Lippen formst du unf\u00f6rmige W\u00f6rter, die wie Kotzbrocken aus der Fresse fallen.<\/em> <\/p>\n<p><em><strong>Greift nur hinein ins volle Menschenleben!<\/strong> Ich kann mich h\u00fcten davor, es zu tun. <strong>Staub soll er fressen, und mit Lust<\/strong>, wohl bekomm &#8217;s! Es w\u00fcrde dir besser bekommen als der Fra\u00df aus T\u00fcten, die entleert die Stra\u00dfen s\u00e4umen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!<\/strong> Also packt deinen Kram, und dann pack&#8216; dich! Aber bald, denn <strong>was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,<\/strong> und es wird dann nimmer mehr gescheh\u2019n. Halbseidener Schlaumeier, erhebe dich &#8230; Oder bleib&#8216; ganz einfach sitzen, denn dann wirst du samt deines Unrats als menschlicher Sperrm\u00fcll zusammengekehrt und abtransportiert. <strong>Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!<\/strong> der Meister sprach &#8217;s, aber ach, ein M\u00fcllwerker klaubt dich aus dem Dreck, hilft dir sogar auf die Beine und fegt \u00fcberstehenden Abfall von deinen Kleidern. Oh, Gott, der Schrott steht auf beiden F\u00fc\u00dfen. Ja, <strong>kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen R\u00fccken zu!<\/strong> Schuld- und schuttbeladen wankt er davon. <strong>Die Tr\u00e4ne quillt, die Erde hat ihn wieder!<\/strong> Aber irgendeiner Schuld ist er sich nicht bewusst. Vergeblich ist mein Reden. Da steht er nun, <strong>der arme Tor! Und ist so klug als wie zuvor<\/strong>; und wankt davon und wankt. <strong>Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang,<\/strong> des Toren taube Ohren zu predigen. Und er wankt. Das also war <strong>des Pudels Kern!<\/strong> M\u00fcllemanns fetter Hintern! Er wankt und wankt.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch f\u00fcr mich ist es Zeit, mich aus dem Staube zu machen, mich aus seinem <strong>Dunstkreis<\/strong> zu entfernen. <strong>Des Denkens Faden ist zerrissen, mir ekelt lange vor allem Wissen.<\/strong> Was M\u00fcllemann, der wankt, nicht wei\u00df, wenn er auch denkt, zu wissen. <strong>Er nennt &#8217;s Vernunft und braucht &#8217;s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein.<\/strong> Aber bekanntlich: <strong>Es irrt der Mensch, solang er strebt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Aber <strong>ja, aus den Augen, aus dem Sinn!<\/strong> So hoff&#8216; ich, meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Und suche nach Entschuldigung und find&#8216; sorgenvolle Kindheit. Und suche nach Erkl\u00e4rung und finde sch\u00e4digendes Milieu. Schon der Gro\u00dfvater hat &#8230;, und der Vater war &#8230; Und M\u00fcllemann wankt. Mir rei\u00dft der Faden. <strong>Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang.<\/strong> Und M\u00fcllemann, ach M\u00fcllemann, du wankst.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die Spiegelflut ergl\u00e4nzt zu meinen F\u00fc\u00dfen, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.<\/strong> So suche ich das Weite in der Ferne. Und ich gehe dahin, ein letzter Blick \u00fcber die linke Schulter ersp\u00e4ht M\u00fcllemann, wie er wankt. Und ich laufe. Und ich hoffe, dass ein Bl\u00fcmlein am Wegesrand sich erholt und aufersteht und bl\u00fcht und zu meiner Freude duftet und &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Freud mu\u00df Leid, Leid mu\u00df Freude haben.<\/strong> Und ich laufe, um einem Platz zu finden, an dem ich sagen kann: <strong>Hier bin ich Mensch, hier darf ich &#8217;s sein!<\/strong> W\u00e4hrend M\u00fcllemann wankt, nach Hause wankt, wankt, wankt &#8230;<\/em><\/p>\n<p><strong>Goethe mag mir verzeih\u2019n!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Direktor zum Theatherdichter und der lustigen Person: Ihr beiden, die ihr mir so oft, In Not und Tr\u00fcbsal, beigestanden, Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen Von unsrer Unternehmung hofft? Ich w\u00fcnschte sehr der Menge zu behagen, Besonders weil sie lebt und leben l\u00e4\u00dft. 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