{"id":6493,"date":"2012-10-09T07:48:53","date_gmt":"2012-10-09T05:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6493"},"modified":"2012-10-09T07:48:53","modified_gmt":"2012-10-09T05:48:53","slug":"martin-walser-und-die-literarische-verlustanzeige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6493","title":{"rendered":"Martin Walser und die literarische Verlustanzeige"},"content":{"rendered":"<p><em>Wer den Schaden hat, braucht f\u00fcr den Spott nicht zu sorgen<\/em>, hei\u00dft es. Oder wie der Angelsachse sagt: <em>The laugh is always on the loser.<\/em> Womit wir bereits beim Kern der Sache w\u00e4ren: Da l\u00e4sst ein Schriftsteller sein Tagebuch mit Skizzen und Notizen <a href=\"https:\/\/www.fundservice.bahn.de\/vug\/fundservice-de.html\" target=\"_blank\">im Zug liegen<\/a>. Und schon st\u00fcrzt sich eine Meute auf den armen Mann, um ihn, den Verlierer (Versager), noch mit Hohn zu verlachen (The laugh is always on the loser).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6471\" target=\"_blank\">Wie geschrieben<\/a> hat <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=Martin%20Walser&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Martin Walser<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> sein in rotes Leinen gebundenes Tagebuch im Zug von Innsbruck nach Friedrichshafen vergessen: \u201eDrin kein Name, keine Adresse. Ich hatte ja nicht vor, es liegen zu lassen\u201c. Und schon witzelt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Iris_Alanyal%C4%B1\" target=\"_blank\">frau<\/a> in <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article109635978\/3000-Euro-Finderlohn-fuer-Martin-Walsers-Tagebuch.html\" target=\"_blank\">welt.de<\/a>: <em>\u201eMartin Walser sorgt wieder einmal f\u00fcr einen Skandal: Er hat sein Leben liegen lassen.\u201c<\/em> \u2013 und zieht \u00fcber Walsers bisher ver\u00f6ffentlichte Tageb\u00fccher her. Und weiter: <em>\u201eDann bot Walser der Nachrichtenagentur dpa ein Interview an. Darin stehen nun so S\u00e4tze wie \u201aWenn etwas verloren ist, entsteht ein Gef\u00fchl. Nichts entwickelt sich in uns zu solcher Deutlichkeit wie Verlorenes. Aber nur das Verlustgef\u00fchl nimmt zu, das Verlorene selbst bleibt verloren.\u2019 Walser hat damit eine neue Kunstgattung erfunden. Neben dem literarischen Tagebuch gibt es jetzt auch die literarische Vermisstenanzeige. Immerhin hat er \u201aein aufgeschriebenes Leben im Zug liegen\u2019 lassen. Nie wieder wollen wir an Laternenpf\u00e4hlen \u201aSchl\u00fcsselbund verloren\u2019 lesen. Sondern vielleicht \u201aDer Zugang zum Heim, zur eigentlichen Heimat ist uns verwehrt. Heimlicher Schmerz, Heimatschmerz\u2019. Oder so \u00e4hnlich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Erst einmal sollte es <em>Verlustmeldung<\/em> oder <em>Verlustanzeige<\/em> hei\u00dfen, nicht Vermisstenanzeige, denn Herr Walser hat nur sein Tagebuch im Zug vergessen und vermisst keinen lieben Menschen (das vielleicht in seinem Alter auch, aber davon ist hier ja keine Rede). Martin Walser neigt nun einmal zu \u201aWortgewalt\u2019 und \u00e4u\u00dfert sich vielleicht auch in so profanen Dingen wie den Verlust eine Sache als Dichter. Aber es ist ja nicht nur eine Sache, die er verloren hat, es sind handschriftliche Aufzeichnungen von rund 200 Seiten, deren idealen Wert man durchaus erahnen kann. Inzwischen hat Walser selbst den Finderlohn von 3000 \u20ac, die sein Verlag aussetzte, <a href=\"http:\/\/www.suedkurier.de\/region\/bodenseekreis-oberschwaben\/ueberlingen\/Martin-Walser-erhoeht-Finderlohn-fuer-Tagebuch;art372495,5712640\" target=\"_blank\">um eigene 2000 \u20ac erh\u00f6ht<\/a>.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/martin_walser_tagebuch.jpg\" alt=\"Martin Walser: Leben und Schreiben - Tageb\u00fccher\" title=\"Martin Walser: Leben und Schreiben - Tageb\u00fccher\" \/><\/ul>\n<p>Aber irgendwie kommt es noch dicker. In gewissen unernsten Betrachtungen \u00e4u\u00dfert man sich bei <a href=\"http:\/\/www.nw-news.de\/owl\/kultur\/7104240_Martin_Walser_hat_sein_Tagebuch_verloren_Wenn_das_Verlorene_selbst_verloren_bleibt.html\" target=\"_blank\">nw-news.de<\/a> wie folgt: <em>\u201eUnbest\u00e4tigten Branchenger\u00fcchten zufolge, hat Walsers Verlag die Beseitigung des Tagebuchs in Auftrag gegeben. Zum einen, weil der Autor mit Hinweis auf Thomas Manns Notate (\u201aVerdauungssorgen und Plagen\u2019) auf einer Ver\u00f6ffentlichung bestanden haben soll. Zum andern, weil ihn der Eintrag \u201aEines Tages bringe ich Reich-Ranicki um\u2019 in unn\u00f6tige Schwierigkeiten bringen k\u00f6nnte. Walser hofft noch, dass das Tagebuch wieder auftaucht. \u201aF\u00fcr den Schriftsteller\u2019, sagt er, \u201aw\u00e4re es eine Erl\u00f6sung.\u2019 Wir armen Leser m\u00fcssen ihn ja nicht k\u00fcmmern.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ob sich sein Tagebuch nun endlich <a href=\"http:\/\/www.bahn.de\/p\/view\/service\/bahnhof\/fundservice.shtml\" target=\"_blank\">angefunden<\/a> hat, ist zz. nicht zu erfahren. Wollen wir es f\u00fcr Martin Walser hoffen. Immerhin steht er nicht allein da. T.E. Lawrence, bekannt geworden als \u201eLawrence von Arabien\u201c, verga\u00df 1919 in einem Bahnhofscaf\u00e9 das einzige Manuskript von \u201eDie sieben S\u00e4ulen der Weisheit\u201c. Er fand es nie wieder und musste alles neu schreiben. Auch Heimito von Doderer oder Alfred Polgar verloren Manuskripte. Die meisten unwiderruflich verlorenen Manuskripte sind aber Erstlinge, die bei den Verlegern verlegt werden (und zwar w\u00f6rtlich) oder sich schon vorher auf dem Postweg in Luft aufl\u00f6sen. Arthur Conan Doyle traf es ebenso wie Henry Miller (Quelle: <a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/kultur\/literatur\/1297673\/Der-Klub-der-verlorenen-Buecher\" target=\"_blank\">diepresse.com<\/a>).<\/p>\n<p>Hier findet sich ein Hinweis auf den Roman \u201eLila, lila\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Suter\" target=\"_blank\">Martin Suter<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3610\" target=\"_blank\">auch verfilmt<\/a> wurde, in dem ein Manuskript in der Schublade eines Nachtschr\u00e4nkchens verschollen geht und von einem jungen Mann auf dem Flohmarkt gefunden wird. Er ver\u00f6ffentlicht es unter seinem Namen und wird ber\u00fchmt, irgendwann aber bittet der wahre Autor bei einer Lesung um ein Autogramm. Nun Martin Walser hat ja wenigstens kein vollst\u00e4ndiges Manuskript verloren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Schaden hat, braucht f\u00fcr den Spott nicht zu sorgen, hei\u00dft es. Oder wie der Angelsachse sagt: The laugh is always on the loser. Womit wir bereits beim Kern der Sache w\u00e4ren: Da l\u00e4sst ein Schriftsteller sein Tagebuch mit Skizzen und Notizen im Zug liegen. 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