{"id":6526,"date":"2012-10-18T08:28:25","date_gmt":"2012-10-18T06:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6526"},"modified":"2012-10-17T12:52:06","modified_gmt":"2012-10-17T10:52:06","slug":"martin-walser-das-dreizehnte-kapitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6526","title":{"rendered":"Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel"},"content":{"rendered":"<ul><em>Ich bin Schriftsteller genug, dass ich auch dann noch schreibe, wenn ich wei\u00df oder annehmen muss, dass kein Mensch mich noch liest. Im Gegenteil, nicht mehr gelesen zu werden befreit von jener nie ganz zu \u00fcberwindenden Schw\u00e4che, verst\u00e4ndlich sein zu m\u00fcssen.<\/em><br \/>\nMartin Walser: Das dreizehnte Kapitel (S. 181)<\/ul>\n<p>Zu Martin Walsers letztem Buch <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5008\" target=\"_blank\">Muttersohn<\/a> sah es <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/martin-walsers-roman-muttersohn-wo-bitte-gehts-hier-zum-himmel-1.1120165\" target=\"_blank\">die S\u00fcddeutsche<\/a> so, dass Walser sich wohl <em>\u201eselbst gen\u00fcgt und ein landl\u00e4ufiges Gelingen gar nicht im Sinn\u201c<\/em> habe. Und jetzt diese beiden S\u00e4tze in Walsers neuem Roman <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=martin%20walser%20kapitel&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Das dreizehnte Kapitel<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. Will sich Walser wirklich von dieser Schw\u00e4che, verst\u00e4ndlich sein zu m\u00fcssen, befreien?<\/p>\n<p>Wer sich im <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Walser-Kosmos<\/a> halbwegs auskennt, wird sich von diesen S\u00e4tzen nicht erschrecken lassen. Walser bleibt \u201averst\u00e4ndlich\u2019, wenn sich mancher neue Leser von dieser Wortgewalt auch eher erschlagen f\u00fchlen d\u00fcrfte, von dieser Schreib- und Empfindungskunst, die so wenig zeitgem\u00e4\u00df erscheint. Walser versteht es auch heute noch mit 85 Jahren S\u00e4tze zu schmieden, die mehr Geist besitzen als all das Geschw\u00e4tz, mit dem wir tagt\u00e4glich konfrontiert werden.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/martin_walser_13_kapitel.jpg\" alt=\"Martin Walser: das dreizehnte Kapitel\" title=\"Martin Walser: das dreizehnte Kapitel\" \/><\/ul>\n<p><em>Die meisten leiden ohne Gewinn \u2013 so steht es im Roman Das dreizehnte Kapitel, der ebendiesen Satz widerlegen will. Mit einem Festessen im Schloss Bellevue f\u00e4ngt es an: Ein Mann sitzt am Tisch einer ihm unbekannten Frau und kann den Blick nicht von ihr l\u00f6sen. Wenig sp\u00e4ter schreibt er ihr, und zwar so, dass sie antworten muss. Es kommt zu einem Briefwechsel, der von Mal zu Mal dringlicher, intensiver wird. Beide, der Schriftsteller und die Theologin, beteuern immer wieder, dass sie gl\u00fccklich verheiratet sind. Aber sie gestehen auch, dass sie in dem, was sie einander schreiben aus sich herausgehen k\u00f6nnen wie nirgends sonst und dass sie ihre Ehepartner verraten. Nur weil ihr Briefabenteuer so aussichtslos ist, darf es sein. An ein pers\u00f6nliches Treffen ist nicht zu denken. Die Buchstabenketten sind H\u00e4ngebr\u00fccken \u00fcber einem Abgrund namens Wirklichkeit.<\/em><\/p>\n<ul><em>\u201eUnsere Buchstabenketten sind H\u00e4ngebr\u00fccken \u00fcber einem Abgrund namens Wirklichkeit.\u201c<\/em>, nennt es der Schriftsteller (S. 111), was die Theologin konkretisiert: <em>\u201e&#8230; Unsere Br\u00fccke wird in die Luft gebaut. Sie hat dr\u00fcben noch keinen festen Punkt erreicht.<\/em> [&#8230;] : <em>das In-die-Luft-gestellt-Sein.\u201c<\/em> (S. 119)<\/ul>\n<p><em>Eines Tages teilt die Theologin mit, ihr Mann sei schwer erkrankt. W\u00e4hrend sie auf einer Fahrradtour durch Kanadas Wildnis mit ihm noch einmal das Leben feiert, wartet der Schriftsteller auf Nachrichten. Als wieder eine eintrifft, wirft sie alles um.<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Walsers Roman \u00fcber eine Liebe, die als Unm\u00f6glichkeit so tiefgr\u00fcndig und lebendig ist wie kaum etwas, kreist auf schwindelerregende Weise um das Wesen der menschlichen Existenz. Und f\u00fchrt dabei vor Augen, dass ein Lieben ohne Hoffnung auf Hoffnung das eigene Leben erst empfindbar macht. Ein bewegender, lebenskluger, ja aufregender Roman \u00fcber eine Frau und einen Mann, die gerade durch die Unm\u00f6glichkeit ihrer Liebe zu einer noch nie erfahrenen Gef\u00fchlsheftigkeit gesteigert werden.<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext zum Roman \u2013 1. Auflage September 2012)<\/p>\n<p>Oder mit eigenen Worten: Basil Schlupp, der Schriftsteller, und seine Frau Iris sind zu einem Empfang beim Bundespr\u00e4sidenten eingeladen. Gefeiert werden soll der Molekularbiologe Korbinian Schneilin, der sich nicht mehr der Forschung widmet, sondern mit seiner Firma der Produktion von <em>\u201eMedikamenten nach Ma\u00df\u201c<\/em> widmet. Aus der Ferne sieht Schlupp die Frau des zu Feiernden, eine Theologin, und ist fasziniert von ihr. Von Befallenheit ist sp\u00e4ter die Rede.<\/p>\n<p>Schlupp wagt es, der Frau des Wissenschaftlers zu schreiben. Und, was vielleicht nicht zu erwarten ist, sie antwortet. So entwickelt sich ein Schriftwechsel, der beiden Gelegenheit zu kleinen Denkspazierg\u00e4ngen, Gef\u00fchlsanalysen und Reflexionen \u00fcber Briefe an sich gibt. Dabei st\u00fcrzt sich jener Basil Schlupp Hals \u00fcber Kopf in ein irrwitziges Liebesabenteuer, das allein in seinem Kopf und auf dem Papier stattfindet. Bis auf wenige Einsch\u00fcbe handelt es sich bei diesem Buch also um einen Briefroman.<\/p>\n<p>Die Kritiken sind \u00fcberraschend wohlwollend. Selbst auf <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/print_literatur\/article109724614\/Das-sollten-Sie-unbedingt-lesen.html\" target=\"_blank\">welt.de<\/a> ist zu lesen: <em>\u201eDiesmal keine Dirty-Old-Man-Fantasie unseres Dichterf\u00fcrsten, sondern ein sich von einem Brief- in einen E-Mail-Roman verwandelnder hochgeistiger Schlagabtausch zwischen Autor und Theologin. Gott sei Dank lebt die Sprache in Zeiten des Internets &#8211; noch.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eSeit einem halben Jahrhundert ist Martin Walser unser Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr Liebe, ehe, Glaube und deutsche Befindlichkeiten. Die Vermessung der Ausdruckswelt, des Daseins als Abfolge schwankender Empfindungen \u2013 das ist seine gro\u00dfe St\u00e4rke.\u201c<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Felicitas_von_Lovenberg\" target=\"_blank\">Felicitas von Lovenberg<\/a> \u2013 Frankfurter Allgemeine Zeitung)<\/p>\n<p><em>\u201eMartin Walser ist einer der wichtigsten Schriftsteller, die wir haben. Sein Ged\u00e4chtnis, seine Genauigkeit in der Betrachtung von menschlichen Verh\u00e4ltnissen und Unverh\u00e4ltnissen ist unerreicht, seine sprachliche Risikobereitschaft ist beispielhaft. Er geht in jeder Hinsicht aufs Ganze. Kurz, Martin Walser ist ein Dichter.\u201c<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?display=1&#038;obj=29995\" target=\"_blank\">Frank Hertweck<\/a>, SWR)<\/p>\n<p><strong>Personen im Roman:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Basil Schlupp<\/strong>, Schriftsteller (Verfasser von \u201eStrandhafer\u201c \u2013 arbeitet zz. an \u201eSternstaub\u201c)<br \/>\n<strong>Iris<\/strong>, geborene Tobler, Ehefrau (ca. 55 Jahre alt) \u2013 Haldenberg-Projekt (TV-Jugendsendung)<br \/>\n<strong>Beatus Niederreither<\/strong>, Architekt (ehemaliger Geliebter von Iris)<\/p>\n<p><strong>Maja Schneilin<\/strong>, geborene Schneilin (ca. 44 Jahre alt), Theologin<br \/>\n<strong>Korbinian<\/strong>, ihr Ehemann<br \/>\n<strong>Roderich Wegelin<\/strong>, der Fahrer<\/p>\n<p><strong>Luitgard<\/strong> und <strong>Ludwig Froh<\/strong>, Freunde von Korbinian (und Maja)<\/p>\n<p>Ein realer Ausgangspunkt ist die Beziehung des Theologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Barth\" target=\"_blank\">Karl Barth<\/a> zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charlotte_von_Kirschbaum\" target=\"_blank\">Charlotte von Kirschbaum<\/a>, seiner Assistenten. Barth ist mit seiner existenzphilosophisch grundierten Theologie Vorbild f\u00fcr Maja Schneilin. Bei ihm, Karl Barth, findet sich gewisserma\u00dfen das Drehbuch f\u00fcr ihren Schriftwechsel mit dem Schriftsteller. <em>\u201eMit ihm, dem \u00abLehrer aller Lehrer\u00bb, wie sie sagt, imponiert sie erst dem Schriftsteller, sp\u00e4ter gesteht sie, wie sehr er sie aus allen Halterungen gerissen habe.<\/em><\/p>\n<p><em>Es kommt noch besser: Sie lese nun, schreibt sie sp\u00e4ter, Barths Briefwechsel mit seiner Mitarbeiterin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. Das Buch ist ihr Offenbarung und Ansporn zugleich. Dieser neue Karl Barth mache sie \u00abals Briefschreiber so schwach und so stark, wie ich noch nie war\u00bb. Und sie empfiehlt die Lekt\u00fcre auch Basil, auf dass die Briefe ihn \u00e4hnlich stimmen sollen. Und er \u2013 immerhin Katholik \u2013 noch gleichentags per Mail: Er lasse f\u00fcr Karl Barth eine Messe lesen. \u2013 Das sieht nach Ironie und Sarkasmus aus, doch dann folgt der entscheidende Satz, zum Zeichen, wie gelehrig er ist: \u00abMein Interesse f\u00fcr das M\u00f6gliche schrumpft.\u00bb Das M\u00f6gliche, erf\u00fcllte Liebe, physisches Zusammensein also: Es verblasst neben dem anderen, dem Imagin\u00e4ren, dem Unm\u00f6glichen.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/startseite\/dialektik-des-imaginaeren-1.17666909\" target=\"_blank\">nzz.ch<\/a>)<\/p>\n<p>Walser w\u00e4re nicht Walser, wenn er nur scheinbar hochtrabend daherschriebe. Alles hat eine ironische Seite. Und manche \u201aErw\u00e4hnungen\u2019 in den Briefen, besonders die, die bezogen sind auf die Freundschaft von Majas Ehemann Korbinian zu Ludwig Froh, haben sarkastische Z\u00fcge, die allein schon das Lesen des Romans lohnenswert machen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: das \u201e13. Kapitel\u201c ist eigentlich ein Buch, ein loses Zettelwerk, an dem die Frau des Schriftstellers arbeitet. Einige dieser Zettel \u201averr\u00e4t\u2019 Basil Schlupp an die Theologin, u.a. steht dort: <\/p>\n<p><em>\u201eWenn du mit niemanden offen sein kannst, bleibt nur noch das Schreiben.\u201c<\/em> (S. 94) \u2013 oder auch der schon im Klappentext erw\u00e4hnte Satz: <em>\u201eDie meisten leiden ohne Gewinn.\u201c<\/em> (S. 95). Am Schluss des Romans, in dem alles umgeworfen ist, verbrennt Iris Schlupp, die Ehefrau, ihren Romanversuch, womit der Titel frei wird f\u00fcr den Ehemann, dem sie ihn gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcberl\u00e4sst. Frei auch als Titel f\u00fcr Walsers Roman.<\/p>\n<p>Zuletzt noch etwas zu den Namen, die Walser immer wieder gern benutzt. Die stammen \u00fcberwiegend aus dem alemannischen Sprachraum, also Walsers Heimat. Bei Basil Schlupp musste ich unwillk\u00fcrlich an <em>Nacke Dominik Bruut<\/em> aus Walsers Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3836\" target=\"_blank\">Das Einhorn<\/a> denken. Und Schlupp(en) gibt es auch im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schlupp_vom_gr%C3%BCnen_Stern\" target=\"_blank\">\u201aKinderprogramm&#8216;<\/a>.<\/p>\n<p>Lesenswert ist auch die Rezension auf sueddeutsche.de\/kultur: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/das-dreizehnte-kapitel-von-martin-walser-lippenbekenntnisse-1.1463462\" target=\"_blank\">Walsers gro\u00dfes Werk der Liebe<\/a>, in der eine Verbindung zu Franz Kafkas Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer hergestellt wird. Dieser Briefwechsel begann am 20. September 1912. Fast auf den Tag genau einhundert Jahre sp\u00e4ter ist nun Walsers Roman erschienen.<\/p>\n<p>Siehe auch meinen Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6493\" target=\"_blank\">Martin Walser und die literarische Verlustanzeige<\/a><br \/>\n\u00dcbrigens: Walsers Tagebuch wurde bisher <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Die-Wahrheit\/!103686\/\" target=\"_blank\">noch NICHT gefunden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Schriftsteller genug, dass ich auch dann noch schreibe, wenn ich wei\u00df oder annehmen muss, dass kein Mensch mich noch liest. Im Gegenteil, nicht mehr gelesen zu werden befreit von jener nie ganz zu \u00fcberwindenden Schw\u00e4che, verst\u00e4ndlich sein zu m\u00fcssen. 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