{"id":6708,"date":"2012-12-04T08:14:16","date_gmt":"2012-12-04T07:14:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6708"},"modified":"2012-12-03T11:19:54","modified_gmt":"2012-12-03T10:19:54","slug":"vorweihnachtszeit-2012-3-martin-walser-uberredung-zum-feiertag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6708","title":{"rendered":"Vorweihnachtszeit 2012 (3): Martin Walser: \u00dcberredung zum Feiertag"},"content":{"rendered":"<p>Von der rechten \u201aWeihnachtsstimmung\u2019 schrieb ich erst <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6701\" target=\"_blank\">vorgestern<\/a>: <em>Weihnachtliche Stimmung ist nicht immer frei von Sentimentalit\u00e4t, also von R\u00fchrseligkeit oder gar Gef\u00fchlsduselei (auch das sind \u201asch\u00f6ne\u2019 deutsche W\u00f6rter). Daher graut es manchem vor dem \u201aFest\u2019.<\/em><\/p>\n<p>Auch <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> graut es. Ihm kommen \u201azwiesp\u00e4ltige Empfindungen\u2019 und er muss zum Feiertag geradezu \u00fcberredet werden. Daf\u00fcr nimmt er auch schon \u2019mal ein Blatt vor den Mund.<\/p>\n<p>Im besagten <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=borchers%20Weihnachtsbuch&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Das Weihnachtsbuch<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> findet sich ein kleiner Text von Martin Walser, der \u00fcbrigens bereits in der Ausgabe der S\u00fcddeutsche Zeitung vom 22.\/23.12.1962 erstver\u00f6ffentlicht wurde \u2013 und dann noch einmal im <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/161684.martin-walser-ueberredung-zum-feiertag.html\" target=\"_blank\">Neuen Deutschland<\/a> vom 23.12.2009 zu finden war (und auch als <a href=\"http:\/\/www.audiamo.de\/Hoerbuch-Autor-Martin_Walser.pid.9110000067765.htm\" target=\"_blank\">kleines H\u00f6rbuch<\/a> erh\u00e4ltlich ist).<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/vorweihnachtszeit2012.jpg\" alt=\"Sch\u00f6ne Vorweihnachtzeit 2012\" title=\"Sch\u00f6ne Vorweihnachtzeit 2012\" \/><\/p>\n<p><em>Ich sage mir: Nimm ein Blatt vor den Mund, die Feiertage nahen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sage mir: Mach, was du willst, Edelrauhreif f\u00e4llt gezielt auch auf den spr\u00f6desten Fleck, das Klima ist teuer pr\u00e4pariert, mach, was du willst: Es weihnachtet sehr. Z\u00f6gere, ganz zuletzt schl\u00fcpfst du doch noch in eine Rolle. Es mu\u00df ja nicht gleich das am meisten getragene Drogistenl\u00e4cheln sein. Schau einen Winterbaum an, beachte den durchdringenden Ernst, mit dem er auf d\u00fcrren Zweigen Schnee tr\u00e4gt, als ginge ihn der was an. Mach, was du willst, du wirst mitmachen. Schlie\u00dflich sind das deine Festspiele. Ich sage mir: Wer jetzt eine Gro\u00dfmutter hat oder ganz kleine Kinder, der hat Gl\u00fcck, der hat rasch eine Rolle. Gib dir feierlich M\u00fche, sag ich mir. Dazu stehen ja die Feiertage mit hohen W\u00e4nden im Wind als Vitrinen auf Zeit, da\u00df wir in angestrengter Gelassenheit darin spielen, f\u00fcr uns, f\u00fcr den beliebten Himmel, oder blo\u00df so, da\u00df gespielt wird. Am Ende hat jedes Jahr seine gef\u00fcrchteten Feiertage verdient. Die Schneegrenze sinkt ins Tal, Maiwege sind nur noch mit Ketten befahrbar, nun r\u00fcck schon zusammen mit allen, der traurige Gemeinplatz w\u00e4rmt auch dich. Schellengel\u00e4ut der Erinnerung und so. Taube N\u00fcsse, Wehmut, der Geruch der Jahrzehnte. Lach doch mit. Das ganze Jahr fl\u00fcssiger Maskenwechsel, jetzt wird dir doch nicht zuletzt noch das Gesicht ausgehen f\u00fcr ein bi\u00dfchen Kerzengerechtigkeit. Und ist denn das gar nichts, wenn dir im Halse das Silbergl\u00f6cklein w\u00e4chst, die Kerze dir f\u00fcnfsterniges Edelwei\u00df auf dem Zahnschmelz z\u00fcchtet und in deinen Ohrg\u00e4ngen Ch\u00f6re nisten, da\u00df es dich vor inwendigem Brausen auf die Zehenspitzen hebt. Du kannst sogar ausf\u00fchrlich von Liebe reden. Das ist das rechte Wort f\u00fcr diese Festspiele. Das hat Kunstcharakter, darin klirrt Leistung. Denk, was das Ballett der schieren Natur abringt. Trau dir was zu. Ganz positiv. So richtig in Rechtsh\u00e4ndermanier. Tu, als k\u00f6nntest du momentan nicht anders. W\u00e4hl also Liebe, w\u00e4hl Heimlichkeit, furchigen Ernst, w\u00e4hl einen wei\u00dfen Bart oder verhalten flackernde W\u00fcrde, beobachte die Wirkung, und dein Lampenfieber ist weg. Du spielst dich frei, und ringsum verfallen die Glocken sofort in wildfr\u00f6hliches L\u00e4uten.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sage mir: Was soll dir jetzt Asien? Vergi\u00df doch Asien. Vergi\u00df alle m\u00f6glichen Br\u00fcder. Ausgerechnet zur hohen Festspielzeit f\u00e4llt es dir ein, den Christenmenschen zu spielen, dem sein Punsch nicht schmeckt, weil andere noch immer kein gutes Wasser haben. \u00dcberhaupt, wenn du an Christus denkst, h\u00f6rt sich sowieso alles auf. Dann k\u00f6nnen wir einpacken. H\u00fcbsch barbarisch-kultivierte Feiertage, mehr ist nicht drin. Falls zwiesp\u00e4ltige Empfindungen dich st\u00f6ren, bleib sch\u00f6n irdisch, bleib hart. Keine christlichen Anfechtungen. Du willst am Leben bleiben und deine Anz\u00fcge selber tragen. Das ist schon eine Welt, in der man sich wegen eines so schlichten Vorsatzes gleich Gewissensbisse einbilden mu\u00df zur eigenen Beruhigung.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum Beispiel \u2013 nein, bitte keine Beispiele. Da\u00df das Fr\u00e4ulein im f\u00fcnften Stock besonders kalte F\u00fc\u00dfe hat und irgendwo einen Pilz, ist ja auch kein Beispiel. Die Misere bl\u00fcht so gut wie die Riviera. Darum haben wir doch die Vitrinen. Also Vorsicht. Sonst zieht es gleich, und die Feiertage kriegen die Schwindsucht. Bewegungen nur wie am Steuer eines Autos auf Glatteis. Und allen Mitspielern einen um Beschr\u00e4nktheit bem\u00fchten Verschw\u00f6rerblick. Wir wollen Feiertag spielen, auch wenn uns auf blankem Eis Asche und Asche serviert wird. Da\u00df Regen als Schnee f\u00e4llt zur Zeit, ist kalkuliert. Wer ein Glas hebt, zerbricht es, vielleicht. Aber wenn du dann trotz allem deinem Freund \u00fcbern Kopf streichst, beherrsche dich, z\u00e4hl nicht seine Haare. Wir kommen sonst einfach nicht in die richtige Stimmung. Zuletzt m\u00fcssen wir die Feiertage noch abblasen mit Trompeten aus Himmelsrichtungsschrott. Wenn aber jeder wei\u00df, er ist ein ungesunder Elefant, dann wird schon ein Zauber m\u00e4\u00dfig gelingen. Viel Musik, wenig Text.<\/em><\/p>\n<p><em>Den Blick starr auf die Kerze. Bis sie qualmt. Dann d\u00fcrfte es ohnehin sp\u00e4t genug sein, Zeit, das Blatt wieder vom Mund zu nehmen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der rechten \u201aWeihnachtsstimmung\u2019 schrieb ich erst vorgestern: Weihnachtliche Stimmung ist nicht immer frei von Sentimentalit\u00e4t, also von R\u00fchrseligkeit oder gar Gef\u00fchlsduselei (auch das sind \u201asch\u00f6ne\u2019 deutsche W\u00f6rter). Daher graut es manchem vor dem \u201aFest\u2019. Auch Martin Walser graut es. Ihm kommen \u201azwiesp\u00e4ltige Empfindungen\u2019 und er muss zum Feiertag geradezu \u00fcberredet werden. 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