{"id":6747,"date":"2012-12-17T08:59:52","date_gmt":"2012-12-17T07:59:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6747"},"modified":"2012-12-17T08:59:52","modified_gmt":"2012-12-17T07:59:52","slug":"vorweihnachtszeit-2012-14-robert-walser-die-kleine-schneelandschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6747","title":{"rendered":"Vorweihnachtszeit 2012 (14):  Robert Walser &#8211; Die kleine Schneelandschaft"},"content":{"rendered":"<p>\u201e25. Dezember 1956. <em>Eine trockene K\u00e4lte durchflutet den Abend. Eine Lautlosigkeit f\u00e4llt wortkarg zu Boden. In grau-m\u00fcdem Wei\u00df liegt Stille \u00fcber der Natur. Die Tannen des Waldes haben schwer zu tragen. Bedeckt von Schnee und Eis halten sie ihre h\u00e4ngenden Glieder in den fl\u00fcchtenden Tag. Ehrf\u00fcrchtig, sch\u00fcchtern, gleichwohl verwegen und still. Ein Pfad zeichnet sich m\u00fchsam ordnend durch die Willk\u00fcrlichkeit des Waldes. Abseits des Weges liegt eine Gestalt im Schnee. Es ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Walser\" target=\"_blank\">Robert Walser<\/a>. Er liegt friedlich am Boden. Allein. Erfroren. Keinerlei Fu\u00dfspuren, die seinen Werdegang bezeugen k\u00f6nnten. Walsers letzter Spaziergang wird Teil des eigenen literarischen Schaffens, Walser selbst wird an seinem letzten Tag zu seiner eigenen Romanfigur.<\/em><\/p>\n<p><em>Robert Walser beschreibt diese Art des Todes bereits in dem 1907 erschienenen Roman <a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/36172\/36172-h\/36172-h.htm\" target=\"_blank\">\u201aGeschwister Tanner\u2019<\/a>. Dort ist es der Dichter Sebastian, der von einem Spaziergang nicht mehr heimkehrt, sondern schneebedeckt im Wald aufgefunden wird. Allein mit sich und der Natur. \u201aDie beste Musik f\u00fcr einen\u2019 schreibt Walser, \u201ader kein Geh\u00f6r und kein Gef\u00fchl mehr hat\u2019.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/salon\/ziellosigkeit-als-prinzip-%E2%80%93-von-robert-walser-lernen-hei%C3%9Ft-tr%C3%A4umen-lernen\/41516\" target=\"_blank\">cicero.de<\/a>)<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns hier im Norden Deutschlands wohl wieder auf ein Weihnachtsfest ohne Schnee einstellen. Der Regen des Wochenendes hat den Schnee der letzten Woche erst schrumpfen lassen. Jetzt ist er fast v\u00f6llig dahin &#8230;<\/p>\n<p>So greife ich auf eine Prosadichtung des Schweizers Robert Walser zur\u00fcck, dem Sonderling und eigenartigen Poeten, dessen Erz\u00e4hlungen <em>\u201edurch die zeitlose Anmut ihres Vortrags, durch die zart und absichtslos spielende Magie\u201c<\/em>  bezaubern, wie Hermann Hesse schrieb (siehe meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6140\" target=\"_blank\">Heute Ruhetag (17): Robert Walser &#8211; Der Geh\u00fclfe<\/a>). Er beschreibt in wundersamen Worten eine Schneelandschaft. So nehmen wir die Phantasie zu Hilfe und ertr\u00e4umen uns mit Walsers Unterst\u00fctzung eine winterlich-weihnachtliche Landschaft, in der die Sonne sich im Schnee reflektiert, Eisblumen an den Fenster \u201abl\u00fchen\u2019 und Kinder eine Schneeballschlacht veranstalten. <\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/vorweihnachtszeit2012.jpg\" alt=\"Sch\u00f6ne Vorweihnachtzeit 2012\" title=\"Sch\u00f6ne Vorweihnachtzeit 2012\" \/><\/p>\n<p><em>Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfr\u00fche ging ich hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft. Niedlich, wie ein artiges K\u00e4tzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt das reiche, liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die Sch\u00f6nheit einer Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere Wei\u00df ist so leicht verst\u00e4ndlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes liegt jetzt \u00fcber der Erde, und eine s\u00fc\u00dfe, reizvolle Unschuld liegt wei\u00dflich und gr\u00fcnlich ausgebreitet da. Ich freute mich \u00fcber meine Aufgabe, \u00fcber das Amt, \u00fcber die angenehme Pflicht, die mir vorschrieb, sorgf\u00e4ltig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen zu nehmen. Wunderbare Feinheit und Sch\u00f6nheit lag darin, da\u00df das Gras so artig und mit so zarten Spitzen aus der Schneefl\u00e4che herausschaute. Ich ging wieder zu meinem alten unverw\u00fcstlichen, g\u00fctigen Zauberer, zum Wald, und zum Wald wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in seiner Kinderfarbe. Die B\u00e4umchen und B\u00e4ume schienen einen grazi\u00f6sen Tanz auf dem wei\u00dfen Felde aufzuf\u00fchren, und die H\u00e4user hatten wei\u00dfe M\u00fctzen, Kappen, Kopfbedeckungen oder D\u00e4cher. Es sah so appetitlich, so lockig, so lustig und so lieb aus, ganz wie das zarte, s\u00fc\u00dfe Kunstwerk eines geschickten Zuckerb\u00e4ckers. Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem Fenster, und ein anmutig Haus stand in einiger Entfernung, das hatte Fenster wie Augen, welche fr\u00f6hlich und listig blinzelten. Das Haus war wie ein Gesicht, und die f\u00fcnf gr\u00fcnen Fenster waren wie seine Augen. Geh doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische Landbild da, mit Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu tr\u00e4ge sein und sich vor ein paar hundert Schritten nicht f\u00fcrchten, zeitig aus dem Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbed\u00fcrftige Herz kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich wie mit einem sch\u00f6nen freundschaftlichen Munde anl\u00e4chelt. L\u00e4chle auch du sie an und gr\u00fc\u00dfe sie von mir.<\/em><\/p>\n<p><strong>Robert Walser<\/strong> &#8211; <a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/37128\/37128-h\/37128-h.htm#Page_139\" target=\"_blank\">Die kleine Schneelandschaft<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e25. Dezember 1956. Eine trockene K\u00e4lte durchflutet den Abend. Eine Lautlosigkeit f\u00e4llt wortkarg zu Boden. In grau-m\u00fcdem Wei\u00df liegt Stille \u00fcber der Natur. Die Tannen des Waldes haben schwer zu tragen. Bedeckt von Schnee und Eis halten sie ihre h\u00e4ngenden Glieder in den fl\u00fcchtenden Tag. Ehrf\u00fcrchtig, sch\u00fcchtern, gleichwohl verwegen und still. 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