{"id":6791,"date":"2013-01-04T08:01:05","date_gmt":"2013-01-04T07:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=6791"},"modified":"2013-01-03T13:40:03","modified_gmt":"2013-01-03T12:40:03","slug":"martin-walser-finks-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=6791","title":{"rendered":"Martin Walser: Finks Krieg"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201e<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> erz\u00e4hlt in seinem Roman <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=Martin%20walser%20finks%20krieg&#038;tag=familiealbin-21&#038;index=books&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><strong>Finks Krieg<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von dem Konflikt um eine Stellenbesetzung in der Hessischen Staatskanzlei, der sich von 1988 bis 1994 tats\u00e4chlich zugetragen hat. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der Leitende Ministerialrat Stefan Fink, der in der Staatskanzlei f\u00fcr die Verbindung zu den Kirchen zust\u00e4ndig ist. Als er im Zuge einer politischen Ver\u00e4nderung, einer Intrige, versetzt werden soll, wehrt er sich und f\u00fchrt, mit der Zeit immer einsamer werdend, einen langen Kampf \u00fcber viele Instanzen, der Formen eines pers\u00f6nlichen Krieges annimmt. Je l\u00e4nger er diesen Kampf f\u00fchrt, desto mehr mu\u00df er erfahren, da\u00df sein Krieg eben nur <strong>sein<\/strong> Krieg ist. Alle raten, diesen zu beenden, Fink dagegen ist der Meinung: \u201aJemand, der um sein Leben k\u00e4mpft, kann nicht aufh\u00f6ren, um sein Leben zu k\u00e4mpfen.\u2019\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/511C6S1ZBPL._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"Martin Walser: Finks Krieg\" title=\"Martin Walser: Finks Krieg\" \/><\/p>\n<p>Walsers Roman habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt\/Main &#8211; st 2900 \u2013 erste Auflage 1998) vorliegen und erneut vor Weihnachten 2012 gelesen. Wie im Klappentext erw\u00e4hnt bezieht sich der Roman auf einen tats\u00e4chlich zugetragenen Fall, den Fall des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Wirtz\" target=\"_blank\">Rudolf Wirtz<\/a>. Zum Hintergrund ist u.a. bei FOCUS Online im Artikel <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/kultur\/buecher\/literatur-schlacht-der-leitz-ordner_aid_158653.html\" target=\"_blank\">Schlacht der Leitz-Ordner<\/a> zu lesen:<\/p>\n<p><em>\u201eRudolf Wirtz, Katholik, Sozialdemokrat, seit 1970 Leitender Ministerialrat in der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, zust\u00e4ndig f\u00fcr Kontakte zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften des Landes, wurde am 23. November 1988 \u00fcber seine Versetzung informiert. Der Beamte fiel beim Chef der Staatskanzlei, Staatssekret\u00e4r Alexander Gauland (CDU), in Ungnade, weil sich angeblich Kirchenvertreter \u00fcber ihn, Wirtz, beklagt h\u00e4tten. In zwei Eilverfahren wehrte er sich erfolgreich gegen die Versetzung. Gaulands durch eine eidesstattliche Versicherung untermauerter Verdacht gegen Wirtz wurde von den Kirchen weder best\u00e4tigt noch dementiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum vorl\u00e4ufigen Sieg des Beamten Wirtz trug auch bei, da\u00df sich sein vermeintlicher Nachfolger, Wolfgang Egerter (CDU), als aktives Mitglied des v\u00f6lkischen Witiko-Bundes entpuppte und somit als untragbar f\u00fcr ein Amt, das unter anderem auch mit der j\u00fcdischen Gemeinde Kontakte zu pflegen hat. Um es kurz zu machen: Die rot-gr\u00fcne Opposition meldete sich zu Wort, vornehmlich in Person von Joschka Fischer. Der forderte, vergeblich, die Entlassung Gaulands, bezeichnete sp\u00e4ter sein Verhalten gegen\u00fcber Gauland aber als \u201aFehler\u2019.<\/em><\/p>\n<p><em>Immerhin: Der Fall Wirtz avancierte zum Politikum. Am Ende blieb der Beamte in seinem Amt, womit er sich allerdings nicht zufrieden gab. Mit juristischen Mitteln wollte Wirtz Gaulands eidesstattliche Versicherung widerlegen, die Kirchen h\u00e4tten sich unzufrieden \u00fcber ihn, Wirtz, ge\u00e4u\u00dfert. Doch das Ermittlungsverfahren gegen Gauland wurde eingestellt. Der Fall Wirtz versickerte im Sande.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sicherlich ben\u00f6tigt der Leser dieses Romans einen gewissen Nerv, denn der finksche Karriere-Fall ist eigentlich nicht die Welt. Aber es ist doch erstaunlich, wie sich Martin Walser dieses Stoffs angenommen hat und in die Rolle des Stefan Fink alias Rudolf Wirtz geschl\u00fcpft ist. Beim Erscheinen des Buchs gab es den Vorwurf, Walsers \u201aPsychologie\u2019 stimme nicht so ganz. Aber es ist ja nicht Walser, der schreibt, sondern durch ihn schreibt der Beamte Fink. Und dessen Sichtweise wird im Laufe der Zeit immer verschrobener und l\u00e4sst den Ich-Erz\u00e4hler Fink zunehmend von sich selbst in der dritten Person reden. Sein Monolog wird zum \u201aSelbstentzweiungsgespr\u00e4ch\u2019. Ein altmodischer Mann, dem es um die Ehre geht \u2013 \u201ader Posten war mein Lebenswerk\u2019 (siehe hierzu den Artikel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-8904204.html\" target=\"_blank\">Kohlhaas im Amt<\/a> \u2013 spiegel.de).<\/p>\n<p><em>\u201eSein Kampf um Rehabilitierung nimmt bald kafkaeske Z\u00fcge an und erinnert an Michael Kohlhaas; bald kann Fink an nichts anderes mehr denken. Das juristisch-b\u00fcrokratische wird von einem kriegerischen Vokabular abgel\u00f6st.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Walser_Fink.htm\" target=\"_blank\">dieterwunderlich.de<\/a>)<\/p>\n<p><em>Sitzen bleiben mu\u00dften wir am Computer und einen Artikel entwerfen f\u00fcr eine noch zu findende, wenn nicht sogar zu erfindende Zeitschrift. Einen Artikel gegen das System, aber das Wort System durfte nicht vorkommen. Der Linguist hatte ger\u00fcgt, da\u00df der Beamte Fink alles, wogegen er anrenne, System nenne. So aber sei die Weimarer Republik von den Nazis genannt worden. Und \u00fcberhaupt habe der Beamte Fink mit Don Quijote gemeinsam, da\u00df er Erscheinungen so lange auf bausche, bis eine Windm\u00fchle herauskomme, gegen deren m\u00e4chtige Fl\u00fcgel er dann anrennen k\u00f6nne. Das System, das sei die \u00fcberm\u00e4chtige Windm\u00fchle des Beamten Fink. Zum Schein hatte der Beamte Fink gefragt, wie er denn den Gegner zusammenfassend bezeichnen solle. \u00dcberhaupt nicht zusammenfassend, hatte der Linguist gesagt, differenzierend, analysierend, also auseinandernehmend &#8230;<\/em><br \/>\n<em>   Ach ja, ach ja. Mein Gott! Wie soll jemand, der im Krieg lebt, sich verst\u00e4ndigen mit einem, der im Frieden lebt!<\/em><br \/>\nMartin Walser: Finks Krieg (S. 99 f)<\/p>\n<p><strong>Die vier Kapitel des Romans:<\/strong><\/p>\n<p>I. Der Rausschmiss [23.11.1988]<br \/>\nII. Unperson<br \/>\nIII. Distelbl\u00fcten<br \/>\nIV. H\u00f6hengewinn mit Tractatus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Skatologie\" target=\"_blank\">skatologikus<\/a> [etwa: Abhandlung vom Kot] oder Cacata Charta [etwa: Schei\u00df-Urkunde]<\/p>\n<p><strong>Geschichtlicher Hintergrund (Landesregierung Hessen):<\/strong><\/p>\n<p>11. Legislaturperiode 1983-87<br \/>\nW\u00f6rner SPD ab Oktober 1985 mit den Gr\u00fcnen (u.a. J. Fischer)<\/p>\n<p>12. Legislaturperiode 1987-91<br \/>\nWallmann CDU mit FDP<\/p>\n<p>13. Legislaturperiode 1991-95<br \/>\nEichel SPD mit den Gr\u00fcnen<\/p>\n<p>Sicherlich ist dieser Roman nicht jedermanns Sache. Vielleicht sollte man selbst die Strukturen beh\u00f6rdlicher Einrichtungen kennen gelernt haben, um einen gewissen Geschmack an diesem Roman zu finden. Man sagt, \u201eGottes M\u00fchlen mahlen langsam\u201c und erg\u00e4nzt das dann mit: \u201edie des Staates aber noch langsamer!\u201c. B\u00fcrokratie &#8211; und in \u00dcbersteigerung der B\u00fcrokratismus &#8211; findet sich im Besonderen bei staatlichen Stellen und ist als Beamtenwirtschaft verschrieen. Wer in die Zwickm\u00fchle des Staates ger\u00e4t, findet kaum einen Ausweg heraus. Von daher gelingt Martin Walser mit diesem Roman eine Art Lehrst\u00fcck zu diesem Thema.<\/p>\n<p>Stefan Fink ist sicherlich ein gesitteter Mensch. Aber mit zunehmender Zeit im Verlauf des Verfahrens \u201averroht\u2019 er f\u00f6rmlich und schmei\u00dft mit F\u00e4kalausdr\u00fccken um sich, dass es nur so kracht. Wer k\u00f6nnte sich nicht selbst manchmal mit dem Beamten Fink identifizieren?!<\/p>\n<p><em>\u201eSeit Koeppens<\/em> Treibhaus <em>1953 erschienen ist, hat es ein besseres Buch \u00fcber das leise Verh\u00e4ltnis von Macht und Wahn nicht gegeben.\u201c<\/em> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Schirrmacher\" target=\"_blank\">Frank Schirrmacher<\/a>, Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMartin Walser erz\u00e4hlt in seinem Roman Finks Krieg von dem Konflikt um eine Stellenbesetzung in der Hessischen Staatskanzlei, der sich von 1988 bis 1994 tats\u00e4chlich zugetragen hat. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der Leitende Ministerialrat Stefan Fink, der in der Staatskanzlei f\u00fcr die Verbindung zu den Kirchen zust\u00e4ndig ist. 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