{"id":7065,"date":"2013-03-15T07:58:21","date_gmt":"2013-03-15T06:58:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7065"},"modified":"2013-05-17T08:05:23","modified_gmt":"2013-05-17T07:05:23","slug":"gunter-grass-grimms-worter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7065","title":{"rendered":"G\u00fcnter Grass: Grimms W\u00f6rter"},"content":{"rendered":"<p>Es war wohl der Sohn von Wilhelm Grimm, Herman, der meinte, das von seinem Vater und seinem Onkel, Jacob Grimm, herausgegebene <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsches_W%C3%B6rterbuch\" target=\"_blank\">deutsche W\u00f6rterbuch (DWB)<\/a> w\u00e4re schon zu deren Lebzeiten \u201a\u00fcberholt\u2019. Begonnen wurde mit diesem W\u00f6rterbuch 1838 (fertiggestellt dann erst 1961). Der Gebrauchswert f\u00fcr den heutigen Alltag, damit hat er Recht, ist sicherlich nicht sehr hoch. Da bringen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Duden\" target=\"_blank\">Duden<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wahrig\" target=\"_blank\">Wahrig<\/a> u.a. mehr Nutzen (siehe hierzu auch meine Beitr\u00e4ge: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=491\" target=\"_blank\">Deutsches W\u00f6rterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7054\" target=\"_blank\">Wortschatz<\/a>).<\/p>\n<p>Es beginnt damit, das der \u00e4ltere der Grimm-Br\u00fcder, Jacob, keine Fremdw\u00f6rter in diesem \u201adeutschen\u2019 W\u00f6rterbuch duldete. <em>Evolution<\/em> oder <em>Revolution<\/em> kommen nicht vor. Selbst der uns heute g\u00e4ngige <em>Friseur<\/em> (oder Fris\u00f6r) und die <em>Frisur<\/em> gibt es nicht. Daf\u00fcr finden wir den damals wohl eher \u00fcblichen <em>Barbier<\/em>, dann die deutschen Begriffe <em>Haarscherer<\/em> und <em>Haarschneider<\/em> \u2013 und f\u00fcr Frisur den <em>Haarschnitt<\/em>. Kurios muten uns heute manche ebenfalls von Jacob Grimm erstellte \u201aRegeln\u2019 des W\u00f6rterbuchs an: Durchg\u00e4ngige Kleinschreibung (au\u00dfer bei Eigennamen), was heute ja schon fast wieder modern ist. Und das \u00df immer als sz geschrieben. Goethe kommt als G\u00f6the daher.<\/p>\n<p>Was den eigentlich Wert dieses 34.824 Seiten ausufernden und mit ca. 320.000 Stichw\u00f6rtern versehenen Nachschlagewerkes ausmacht, sind die Hinweise auf die Herkunft der W\u00f6rter und eine nachvollziehbare Beschreibung, wie sich die W\u00f6rter im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert haben, oft auch dem Wortsinne nach. Vieles, wir erahnen es, r\u00fchrt aus dem Stamm der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indogermanische_Sprachfamilie\" target=\"_blank\">indogermanischen (auch indoeurop\u00e4isch genannten) Sprachfamilie<\/a> her (bis hin zum \u00f6stlichen Zweig der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gotische_Sprache\" target=\"_blank\">gotischen Sprache<\/a>). Oft werden viele Spalten lang Zitate (von Luther \u00fcber Kant bis zu Goethe) zu den einzelnen Stichw\u00f6rtern aufgef\u00fchrt, die den Gebrauch der W\u00f6rter in der Literatur belegen. Allerdings wollte Jacob Grimm keine Zeitgenossen wie Heine zitiert wissen. Wer m\u00f6chte, kann <a href=\"http:\/\/dwb.uni-trier.de\/de\/\" target=\"_blank\"><strong>online im DWB<\/strong><\/a> st\u00f6bern. Als aufschlussreiches Beispiel empfehle ich den Artikel zum Wort <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GS14675\" target=\"_blank\">Schnee<\/a> (das aus gegebenem Anlass: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6958\" target=\"_blank\">Kate Bushs Gesp\u00fcr f\u00fcr Schnee<\/a>)<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswert ist, dass sich vor den Grimm-Br\u00fcdern bereits andere daran gemacht hatten, ein deutsches W\u00f6rterbuch zusammenzustellen. Das wohl bekannteste ist das von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Christoph_Adelung\" target=\"_blank\">Johann Christoph Adelung<\/a>, von dem Jacob Grimm (ja, wieder der) allerdings nicht allzu viel hielt: <em>Grammatisch-kritisches W\u00f6rterbuch der Hochdeutschen Mundart<\/em> (1774\u20131786, 2. Aufl. 1793\u20131801). Adelung l\u00e4sst \u00fcbrigens auch Fremdw\u00f6rter zu. \u2013 <a href=\"http:\/\/lexika.digitale-sammlungen.de\/adelung\/online\/angebot\" target=\"_blank\"><strong>Online mit Volltextsuche<\/strong><\/a> \u2013 <a href=\"http:\/\/www.ub.uni-bielefeld.de\/diglib\/adelung\/grammati\/\" target=\"_blank\">gescannte Ansicht<\/a><\/p>\n<p>Aber genug der langen Vorrede. Wie der Titel dieses Beitrags verr\u00e4t, m\u00f6chte ich ein 2010 erschienene Buch von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=g%C3%BCnter+grass\" target=\"_blank\">G\u00fcnter Grass<\/a> vorstellen: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=g%C3%BCnter%20grass%20grimms%20w%C3%B6rter&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Grimms W\u00f6rter<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. Der Untertitel, der wie eine neue literarische Gattung klingt, sagt es deutliche: Eine Liebeerkl\u00e4rung. <\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/419lW4XSVbL._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"G\u00fcnter Grass: Grimms W\u00f6rter\" title=\"G\u00fcnter Grass: Grimms W\u00f6rter\" \/><\/ul>\n<p><em>\u201eDie Br\u00fcder Grimm erhalten im Jahr 1838 einen ehrenvollen Auftrag: Ein W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache sollen sie erstellen. Voller Eifer machen sie sich ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft \u2013 flei\u00dfig sammeln sie W\u00f6rter und Zitate, in wenigen Jahren sollte es zu schaffen sein. Barfu\u00df, Bettelbrief, Bierm\u00f6rder \u2013 sie erforschen Herkommen und Verwendung, sie verzetteln sich gr\u00fcndlich. Capriolen, Com\u00f6die, Creatur \u2013 am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bew\u00e4ltigt.<\/em><\/p>\n<p><em>G\u00fcnter Grass erz\u00e4hlt das Leben der Br\u00fcder Grimm als Liebeserkl\u00e4rung an die deutsche Sprache und die W\u00f6rter, aus denen sie gef\u00fcgt ist. Er schreibt \u00fcber die Lebensstationen der Br\u00fcder, \u00fcber ihre uferlose Aufgabe und die Zeitgenossen an ihrer Seite.<\/em><\/p>\n<p><em>Spielerisch-virtuos sp\u00fcrt \u201aGrimms W\u00f6rter\u2019 dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der F\u00fcrstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie. Von der Vergangenheit mit ihren politischen K\u00e4mpfen und ganz allt\u00e4glichen Sorgen schl\u00e4gt Grass manche Br\u00fccke in seine eigene Zeit.\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Wer einen Sinn f\u00fcr Sprache und einen besonderen f\u00fcr anspruchsvolle Literatur hat, dem kann ich diese \u201aLiebeserkl\u00e4rung\u2019 nur empfehlen. Oder wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigrid_L%C3%B6ffler\" target=\"_blank\">Sigrid L\u00f6ffler<\/a> im \u201arbb Kulturradio\u2019 sagte: <em>\u201eF\u00fcr Grass-Verehrer ist dieses Buch ein Muss, f\u00fcr das \u00fcbrige Publikum einfach eine lohnende Lekt\u00fcre.\u201c<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/grimms_deutsches_woerterbuch.jpg\" alt=\"Deutsches W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm \u2013 Erster Band: A - Biermolke\" title=\"Deutsches W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm \u2013 Erster Band: A - Biermolke\" \/><\/p>\n<p>Man sieht, wie G\u00fcnter Grass in seinem Exemplar dieses 33-b\u00e4ndigen Werkes bl\u00e4ttert, den ersten Band \u201eA \u2013 Biermolke\u201c vielleicht auf den Knien l\u00e4ngere Zeit beim Stichwort <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;hitlist=&#038;patternlist=&#038;lemid=GA02362\" target=\"_blank\">Alfanzerei<\/a> verweilend &#8230; Und wie er sieht, wie sich die Br\u00fcder Grimm an die Arbeit machen:<\/p>\n<p><em>So begann ihre Zettelwirtschaft. Von \u00fcberall her schneite es W\u00f6rter und wortbez\u00fcgliche Zitate. Jedem aufgelesenen Wort hatten die Sammler seine Herkunft nachzuweisen. Es galt herauszufinden, bei welchem Dichter das jeweilige Stichwort bereits Vorklang gefunden hatte. Von Parzivals Gralsuche und dem Nibelungenlied \u00fcber Luthers Bibeldeutsch bis zu Goethes und Schillers Gereimtem fand sich Zitierbares. Au\u00dferdem wollte Jacobs Ehrgeiz wissen, ob dieses oder jenes Wort bei dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arianismus\" target=\"_blank\">arianischen<\/a> Bischof <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wulfila\" target=\"_blank\">Ulfilas<\/a> bereits gotisch nachzuweisen sei, wie es sich alt- oder mittelhochdeutsch gewandelt habe. Die Lautverschiebung und ihre Folgen. Was war dem Wortschwall der Mundarten abzuh\u00f6ren? Welches Echo fand das eine, das andere Stichwort in den skandinavischen Sprachen? Was klingt bereits im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sanskrit\" target=\"_blank\">Sanskrit<\/a> an? Welches deutschst\u00e4mmig anmutende Wort ist dem Latein entlehnt? Was soll mit anst\u00f6\u00dfigen, weil schmutzigen W\u00f6rtern geschehen, zumal wenn sie lebendig, weil volksnah sind? Welche Dichter waren besonders stichhaltiger Zitate tr\u00e4chtig?<\/em><br \/>\n(S. 31 der Taschenbuchausgabe)<\/p>\n<p>Manches Stichwort bei den Grimms gibt auch dem <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GK09573\" target=\"_blank\">knurrigen<\/a> Grass Anlass, sich \u00fcber die Jetztzeit Gedanken zu machen (\u201egenau aufs <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GS46556\" target=\"_blank\">Stichwort<\/a> &#8230;\u201c), hier nur ein Beispiel:<\/p>\n<p><em>Mich treibt Zorn an, der sich an westlichen<\/em> Colonialherren <em>reibt, die als Sieger des Kalten Krieges meinen, hemmungslos zugreifen, fortan auf Pump leben zu d\u00fcrfen und nun, nach dem Triumph des Kapitalismus \u00fcber den Kommunismus, beginnen, ihresgleichen zu zerst\u00f6ren, weil ihnen der Feind fehlt.<\/em><br \/>\n(S. 108 der Taschenbuchausgabe)<\/p>\n<p>Ohne Zweifel: <em>\u201e\u201aGrimms W\u00f6rter\u2019 geh\u00f6rt zu den wichtigsten B\u00fcchern Grass\u2019 und ist vielleicht sein sch\u00f6nstes.\u201c<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%B6rg_Magenau\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Magenau<\/a>, \u201aDer Tagesspiegel\u2019) \u2013 und noch einmal: Wer die deutsche Sprache liebt, wer sich f\u00fcr deren Reichtum interessiert, dem sei als Einstieg gewisserma\u00dfen Grass\u2019 Prosawerk <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GE03997\" target=\"_blank\">empfohlen<\/a>. Das Bl\u00e4ttern im der Br\u00fcder Grimms Deutschen W\u00f6rterbuch gibt\u2019s <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GG26419\" target=\"_blank\">gratis<\/a> dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war wohl der Sohn von Wilhelm Grimm, Herman, der meinte, das von seinem Vater und seinem Onkel, Jacob Grimm, herausgegebene deutsche W\u00f6rterbuch (DWB) w\u00e4re schon zu deren Lebzeiten \u201a\u00fcberholt\u2019. Begonnen wurde mit diesem W\u00f6rterbuch 1838 (fertiggestellt dann erst 1961). 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