{"id":7185,"date":"2013-04-14T08:01:28","date_gmt":"2013-04-14T07:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7185"},"modified":"2013-04-11T11:18:02","modified_gmt":"2013-04-11T10:18:02","slug":"heute-ruhetag-35-johann-fischart-affentheurlich-naupengeheurliche-geschichtklitterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7185","title":{"rendered":"Heute Ruhetag (35): Johann Fischart &#8211; Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung"},"content":{"rendered":"<p><em>Das 20. Jahrhundert war stolz auf seine \u201einnovative\u201c, \u201eavancierte\u201c, \u201eexperimentelle\u201c Moderne. Von Schwitters bis Burroughs und von Joyce bis Arno Schmidt galt die Parole: je extremer, r\u00e4tselhafter, r\u00fccksichtsloser, desto besser. Aber das noch nie Dagewesene hat einen ehrw\u00fcrdigen Stammbaum. Eigenbr\u00f6tler, Selbstdenker, bizarre Neuerer hat es in der deutschen Literatur immer gegeben. Einer dieser Alten Wilden war Johann Fischart. Seine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Affentheurlich_Naupengeheurliche_Geschichtklitterung\" target=\"_blank\">Geschichtklitterung<\/a> ist keine <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1115\" target=\"_blank\">Rabelais<\/a>-\u00dcbersetzung, sondern ein entfesselter Karneval der W\u00f6rter. Der Text des Gargantua ertrinkt in einer chaotischen Flut von Sprachspielen und Assoziationen. Fischart selbst nannte sein Werk \u201eein Muster der heute verwirrten ungestalten Welt\u201c, und Jean Paul sah darin einen \u201egoldhaltigen Strom\u201c. Wir Heutigen k\u00f6nnen mit glatter Stirn behaupten, da\u00df wir hier ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finnegans_Wake\" target=\"_blank\">Finnegans Wake<\/a> aus dem 16. Jahrhundert vor uns haben.<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.die-andere-bibliothek.de\/Originalausgaben\/Affentheurlich-Naupengeheurliche-Geschichtklitterung::162.html\" target=\"_blank\">die-andere-bibliothek.de<\/a>)<\/p>\n<p>Johann Fischarts Geschichtsklitterung findet ihren Niederschlag besonders im <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=491\" target=\"_blank\">Deutschen W\u00f6rterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm<\/a> (<a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/\" target=\"_blank\">online<\/a> aufrufbar). Nirgends wird Fischart mit seinem \u201aKarneval der W\u00f6rter\u2019 so h\u00e4ufig zitiert wie hier. Man schaue z.B. bei den Stichworten <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GG10132\" target=\"_blank\">Geschichtsklitterung<\/a> bzw. <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GK07703\" target=\"_blank\">Klitterung<\/a> nach \u2013 <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GS12330\" target=\"_blank\">Schlucker<\/a> oder gar <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GK14950\" target=\"_blank\">Kruckenstupfer<\/a> (\u201eder an der kr\u00fccke geht, eig. mit der kr\u00fccke wiederholt aufst\u00f6szt (stupfen stoszen)&#8220;).<\/p>\n<p>siehe auch : <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1052\" target=\"_blank\">Phantasie ohne Grenzen<\/a><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/ruhetag.jpg\" alt=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" title=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Fischart,+Johann\/Roman\/Geschichtklitterung\/Das+Parat+oder+Beraitschlag\" target=\"_blank\"><strong>Ein und VorRitt, oder das Parat unnd Bereytschlag, inn die Chronick vom Grandgoschier, Gurgellantual und Pantadurstlingern.<\/strong><\/a><\/p>\n<ul>[<em>Parat<\/em> siehe auch im <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/DWB\/?sigle=DWB&#038;mode=Vernetzung&#038;lemid=GP00905\" target=\"_blank\">Deutschen W\u00f6rterbuch<\/a>]<\/ul>\n<p><em>I<em>h<\/em>r meine Schlampampische gute Schlucker, kurtzweilige Stall und Tafelbr\u00fcder: i<em>h<\/em>r Schlaftrunckene wolbesoffene Kautzen und Schnautzh\u00e4n, i<em>h<\/em>r Landk\u00fcndige und Landschlindige Wein Verderber unnd Banckbuben: I<em>h<\/em>r Schnargarkische Angstertr\u00e4her, Kutterufstorcken, Birpausen, und meine Zeckvollzepfige Domini Winholdi von Holwin: Ertzvilfra\u00df lappscheisige Schei\u00dfhau\u00dff\u00fcller unnd Abteckerische Z\u00e4pfleinl\u00fcller: Fre\u00dfschnaufige Maulprocker, Collatzb\u00e4uch, Gargurgulianer: Grosprockschlindige Zipfler und Schm\u00e4rrotzer: O i<em>h<\/em>r Latzdeckige B\u00e4uch, die mit eim Kind essen, das ein Rotzige Nasen hat: ja den L\u00f6ffel wider holt, den man euch hinder die th\u00fcr w\u00fcrfft: Ja auch i<em>h<\/em>r Fu\u00dfgrammige Kruckenstupfer, St\u00e4belherrn, Pfatengramische Kapaunen, h\u00e4ndgratler, Badenwalfarter: Huderer, Gutschirer, Jarme\u00dfbesucher, i<em>h<\/em>r Gargantztunige Geiermundler und Gurgelm\u00e4nner, Butterbrater, safransucher, Me\u00df und Marcktbesucher, Hochzeitschiffer, Auffhaspler, Gutverl\u00e4mmerer, Vaterverderber, Schleitzer, Schultrabeiser: Und du mein Gartengeselschafft vom Rollwagen, vom Marckschiff, von der Spigeleulen, mit eueren sauberen Erndfreien Herbstspr\u00fcchen. I<em>h<\/em>r Sontagsj\u00fcngherlin mit dem feyert\u00e4glichen angesicht, i<em>h<\/em>r Bursch und Marckstanten, Pflastertretter, Neuzeytungsp\u00e4her, Zeitungverwetter, Naupent\u00fcckische Nasen und Affentr\u00e4her, Rauchverkeuffer, Geuchstecher, Blindmeu\u00df und H\u00fctlinspiler, Lichtscheue Augennebeler: Und i<em>h<\/em>r feine Verzuckerte Gallen und Pillulen, unnd Honiggebeitzte Spinnen. Sihe da, i<em>h<\/em>r feine Schnudelbutzen. I<em>h<\/em>r Lungkitzlige Backenhalter unnd Wackenader, i<em>h<\/em>r Entenschnaderige, Langz\u00fcngige Krummschn\u00e4bel, Schwappelschw\u00e4ble, die eym eyn Nu\u00df vom Baum schwetzen: i<em>h<\/em>r Zuckerpapagoi, Hetzenamseler, Hetzenschwetzer, Starnst\u00f6rer, Scherenschleiffer, Rorfincken, Kunckelstubische G\u00e4nsprediger, Sch\u00e4rstubner, Judasjagige Retscher, Waffelarten, Babeler und Babelarten, Fabelarten und Fabeler, von der Babilonischen Bauleut eynigkeyt. I<em>h<\/em>r Hildenbrandsstreichige wilde Hummeln, B\u00e4umau\u00dfreisser, Trotzteuffelsluckstellige Stichdenteuffel unnd Poppenschiser, die dem Teuffel ein horn au\u00dfrauffen, unnd pulferh\u00f6rnlein drau\u00df schrauffen. Unnd endlich du mein Gassentrettendes Bulerb\u00fcrstlein, das hin und wider umbschilet, und nach dem Holtz stincket, auch sonst nichts bessers thut, dann rote Nasen trincket, und an der Geysen elenbogen hincket. Ja kurtzumb du G\u00e4uchhornigs unnd weichzornigs Hau\u00dfvergessen Mann unnd Weibsvolck, sampt allem anderen d\u00fcrstigen Gesindlein, denen der roh gefressen Narr noch auffstoset.<\/em><\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/www.beliebte-vornamen.de\/wp-content\/uploads\/Geschichtsklitterung-250.jpg\" alt=\"Johann Fischart - Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung\" title=\"Johann Fischart - Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung\" \/><\/ul>\n<p><em>I<em>h<\/em>r all, sag ich noch einmal, verstaht mich wol, solt sampt und sonders hie sein meine liebe Schulerkindlein, euch wil ich zuschreiben di\u00df mein f\u00fcndlein, pf\u00fcndlein und Pfr\u00fcndlein, euer sey di\u00df B\u00fcchlin gar mit haut und haar, weil ich doch euer bin so par, Euch ist der Schilt au\u00dfgehenckt, kehrt hie ein, hie w\u00fcrd gut Wein geschenckt: was lasset i<em>h<\/em>r lang den Hipenbuben vergebens schreien? Ich kan euch das Hirn erst\u00e4ubern, Geraten i<em>h<\/em>r mir zu Zuh\u00f6rern, so wird gewi\u00df dort die Wei\u00dfheit auff der Wegscheid umbsonst rufen.<\/em><\/p>\n<p> [&#8230;]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Fischart\" target=\"_blank\"><strong>Johann Fischart<\/strong><\/a>: <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Fischart,+Johann\/Roman\/Geschichtklitterung\" target=\"_blank\">Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung<\/a> (Text der Ausgabe letzter Hand von 1590)<\/p>\n<p>Hierzu <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/668\/3\" target=\"_blank\">Des Autors Prolog<\/a> aus Fran\u00e7ois Rabelais: Gargantua und Pantagruel (1532) in einer \u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gottlob_Regis\" target=\"_blank\">Gottlob Regis<\/a> (1832), der dem obigen Fischart-Text <strong>\u201eEin und VorRitt &#8230;\u201c<\/strong> \u201asehr entfernt\u2019 entspricht.<\/p>\n<p><em>Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbr\u00fcder (denn euch und sonst niemandem sind meine B\u00fccher zugeschrieben): Alcibiades, in dem Gespr\u00e4ch des Platon, Gastmahl betitelt, sagt unter anderen Reden zum Lob seines Meisters Sokrates, welcher unstreitig der Weltweisen Kaiser und K\u00f6nig war, da\u00df er sei gleich den Silenen gewesen. Silenen waren einstens kleine B\u00fcchslein, wie wir sie heut in den L\u00e4den der Apotheker sehen, von au\u00dfen bemalt mit allerlei lustigen, schnakischen Bildern, als sind Harpyien, Satyrn, gez\u00e4umte G\u00e4nslein, geh\u00f6rnte Hasen, gesattelte Enten, fliegende B\u00f6cke, Hirsche, die an der Deichsel ziehen, und andre vergn\u00fcgliche Bilder mehr, zur Kurzweil konterfeiet, um einen Menschen lachen zu machen: wie denn des guten Bacchus Lehrmeister Silenus auch beschaffen war. Hingegen im Innersten derselben verwahrte man die feinen Spezereien, als Balsam, Bisam, grauen Ambra, Zibeth, Amomum, Edelstein und andre auserlesene Dinge. So, sagt er, war auch Sokrates; weil ihr denselben von au\u00dfen betrachtend und \u00e4u\u00dferm Ansehn nach sch\u00e4tzend nicht einen Zwiebelschnitz f\u00fcr ihn gegeben h\u00e4ttet: so h\u00e4\u00dflich war er von Leibesgestalt, so linkisch in seinem Betragen, mit einer Spitznas, mit Augen wie eines Stieres Augen, mit einem Narrenantlitz, einf\u00e4ltigen Sitten, b\u00e4urisch in Kleidung, arm an Verm\u00f6gen, bei Weibern \u00fcbel angesehen, untauglich zu allen \u00c4mtern im Staat, immer lachend, immer jedem zutrinkend, immer Leute foppend, immer und immer Verstecken spielend mit seiner g\u00f6ttlichen Wissenschaft. Aber, so ihr die B\u00fcchse nun er\u00f6ffnet, w\u00fcrdet ihr inwendig gefunden haben himmlisch unsch\u00e4tzbare Spezereien: einen mehr denn menschlichen Verstand, wunderw\u00fcrdige Tugend, un\u00fcberwindlichen Starkmut, N\u00fcchternheit sondergleichen, feste Gen\u00fcgung, vollkommenen Trost, unglaubliche Verachtung alles dessen, darum die sterblichen Menschen so viel rennen, wachen, schnaufen, schiffen und raufen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 20. Jahrhundert war stolz auf seine \u201einnovative\u201c, \u201eavancierte\u201c, \u201eexperimentelle\u201c Moderne. Von Schwitters bis Burroughs und von Joyce bis Arno Schmidt galt die Parole: je extremer, r\u00e4tselhafter, r\u00fccksichtsloser, desto besser. Aber das noch nie Dagewesene hat einen ehrw\u00fcrdigen Stammbaum. Eigenbr\u00f6tler, Selbstdenker, bizarre Neuerer hat es in der deutschen Literatur immer gegeben. 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