{"id":7193,"date":"2013-04-17T07:00:58","date_gmt":"2013-04-17T06:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7193"},"modified":"2013-04-16T06:55:45","modified_gmt":"2013-04-16T05:55:45","slug":"martin-walser-die-verteidigung-der-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7193","title":{"rendered":"Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit"},"content":{"rendered":"<p><em>1988 klopften zwei Damen an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walsers<\/a> T\u00fcr. Sie waren mit dem Zug angereist und hatten vier Kartons mit Schriftst\u00fccken bei sich. Es handelt sich um den Nachlass einer unl\u00e4ngst verstorbenen Person. Wohin damit? Eine der Damen war \u00fcbrigens von der Telefonseelsorge. Lauter Briefe und Karten und Fotos und Aufzeichnungen. Vielleicht interessiert sich der Schriftsteller Herr Walser daf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Jahr lang w\u00fchlte sich Walser in die Zeugnisse dieses vergangenen, fremden Lebens hinein. \u201eEin Jahr nur rezeptiv, das ist schlimmer als Milit\u00e4r!\u201c so Martin Walser sp\u00e4ter. Mit der Zeit eignete sich Walser restlos seine Figur an und verfasste dann ein starkes und gewitztes, heiteres und weises Buch gegen das Vergessen:<\/em> <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518387529\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518387529&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"><strong>Die Verteidigung der Kindheit<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3518387529\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. Das Buch habe ich als Taschenbuch (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt\/Main &#8211; st 2252\u2013 erste Auflage 1993) vorliegen und in diesen Tagen erneut gelesen.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/walser_verteidigung_der_kindheit.jpg\" alt=\"Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit\" title=\"Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit\" \/><\/ul>\n<p><em>\u201eDie Verteidigung der Kindheit \u2013 \u201aein fesselndes Deutschlandbuch\u2019, \u201aein Meisterwerk\u2019, \u201aein Epochenroman\u2019, wie die Kritik feststellte \u2013 ist zugleich der Roman einer gro\u00dfen Liebe. Da die Welt auf gro\u00dfe Liebe nicht gefasst ist, nicht eingerichtet ist, bringt eine solche Liebe den Liebenden nicht das, was man Gl\u00fcck nennt. Weltgerechtes Verhalten und gro\u00dfe Liebe \u2013 das geht nicht zusammen. Schon gar nicht, wenn diese Liebe die eines Sohnes zu seiner Mutter ist. Und diese Liebes-Geschichte h\u00f6rt auch nach dem Tod der Mutter nicht auf. Denn jetzt mu\u00df Alfred Dorn daf\u00fcr sorgen, da\u00df die Vergangenheit nicht vergeht. Er mu\u00df nun die Kindheit verteidigen gegen Gegenwart und Zukunft. Die Verteidigung der Kindheit ist in diesem Sinne als Geschichtsschreibung des Alltags zu verstehen. Das, was nachher Epoche hei\u00dft, ist ja zuerst Alltag. Und weil dieser Roman einer gro\u00dfen Liebe von 1929 bis 1987 in Deutschland spielt und von Dresden \u00fcber Leipzig nach Berlin und Wiesbaden f\u00fchrt, ist er ein deutsches Epos dieser Zeit.\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Nun, Martin Walser zeigte damals Interesse an dem Nachlass und strickte daraus diesen Roman \u2013 so wie er Jahre sp\u00e4ter die ihm angebotenen Akten eines hessischen Landesbeamten, der jahrelang mit seiner vorgesetzten Beh\u00f6rde, der hessischen Staatskanzlei zu Wiesbaden, stritt, zu dem Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6791\" target=\"_blank\">Finks Krieg<\/a> verarbeitete. Wie hier so sehen wir uns im letzten Drittel des Romans \u201aVerteidigung der Kindheit\u2019 in Wiesbaden wieder, wo Alfred Dorn, der Held des Romans, ebenfalls als Beamter arbeitet.<\/p>\n<p>Wie der Roman \u201aFinks Krieg\u2019 so verlangt auch die \u201aVerteidigung der Kindheit\u2019 viel Geduld vom Leser, denn mit Alfred Dorn haben wir es wieder mit einer der vielen \u00fcberempfindlichen Walser-Gestalten zu tun, <em>\u201edenen das Leben ganz und gar nicht leichtf\u00e4llt, denen so vieles mi\u00dflingt und die deswegen komisch sind.\u201c \u201eSein Held Alfred Dorn ist eine armselige, r\u00fchrende Erscheinung, eine unausstehliche Mimose, ein Mutters\u00f6hnchen, ein Hysteriker. Und doch nimmt man an seinem Schicksal fast ohne Unterla\u00df mitleidend teil. So fremd einem dieser Neurotiker sein mag, seine \u00fcberempfindlichen Beobachtungen bieten doch immer wieder Z\u00fcge an, in denen sich viele wiedererkennen k\u00f6nnen.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13488627.html\" target=\"_blank\">Ein deutsches Mutters\u00f6hnchen<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_von_Westphalen\" target=\"_blank\">Joseph von Westphalen<\/a> \u00fcber Martin Walsers neuen Roman &#8222;Die Verteidigung der Kindheit&#8220;)<\/p>\n<p>Das vorrangige Interesse Walsers an dem Nachlass d\u00fcrfte aber auch durch das besondere Verh\u00e4ltnis des Beamten Dorn zu seiner Mutter ausgel\u00f6st worden sein. Martin Walser selbst hatte, wie wir in seinem <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3491\" target=\"_blank\">Tagebuch<\/a> aus dem Jahre 1967 erfahren, ein inniges Verh\u00e4ltnis zu seiner Mutter und war am Boden zerst\u00f6rt, als diese verstarb. Da war Walser 40 Jahre alt. \u2013 Und viele Jahre sp\u00e4ter besch\u00e4ftigte sich Walser noch einmal mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sohn-Mutter-Verh\u00e4ltnis in <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=5008\" target=\"_blank\">Muttersohn<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es eines der sch\u00f6nsten Romane Martin Walsers, derma\u00dfen detailliert, wie aus dem wahren Leben gegriffen, der uns in eine Zeit f\u00fchrt, die die \u00c4lteren unter uns l\u00e4ngst vergessen und die die Jungen nicht kennen gelernt haben. So ist es ein Roman gegen das Vergessen, auch wenn es hier ganz speziell auf den Romanhelden gem\u00fcnzt ist, der in seiner ungew\u00f6hnlichen Liebe zu seiner Mutter beginnt, alles zu sammeln, was in seinem Leben von Belang zu sein scheint: \u201e&#8230; <em>jetzt kommt es auf jedes Foto an, auf jedes Backrezept, jeden Bettvorleger.\u201c<\/em> (S. 263)<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich sind es Spr\u00fcche, Worte, die die Eltern sprachen und die nicht dem Vergessen anheimfallen d\u00fcrfen: <em>\u201eLa\u00dft den Jungen erst mal gro\u00df werden. Vaters Satz. Alfred sp\u00fcrte geradezu, wie Vaters Hand bei diesem Satz auf seinem Kopf hin und her rieb. Da kannste warten, biste schwarz bist. Hatte die Mutter gesagt. Der Vater: Dich la\u00df ich an der ausgestreckten Hand verhungern. Die Mutter: Halt die Luft an. Der Vater: Du kriegst gleich eine gewienert. Die Mutter? Der Vater: Wenn Dummheit weh t\u00e4te, m\u00fcsstest du ununterbrochen schreien. Die Mutter? Der Vater: Dumm geboren und nichts dazugelernt. Die Mutter: Halt doch mal deine bl\u00f6de Pappe. Der Vater: Und wenn ich dir eine vor den Latz knalle. Die Mutter: Das ist gehuppt wie gesprungen.<\/em> [usw.]\u201c (S. 437)<\/p>\n<p>Alfred Dorn w\u00fcnscht sich <em>\u201esoviel Menschen, so viele Museen. Das f\u00e4nde er angemessen. Milliarden Museen. Das w\u00e4re seine Welt. Die Frage, wer diese Museen besuche, ist nicht angebracht. Das Bewahren ist ein Bed\u00fcrfnis. Jeder Mensch will bewahrt werden. Er sagte es ja auch keinem,  da\u00df er sich bewahren will. Wahrscheinlich sagt das keiner, deshalb sieht es so aus, als sei jeder mit seiner Vernichtung einverstanden. Jeder Mensch verdient ein Museum.\u201c<\/em> (S. 320)<\/p>\n<p><em>\u201eGegenwart -, das war f\u00fcr ihn der Zwang, die Vergangenheit zur\u00fcckzulassen, sich dem Leben zuzuwenden. Leben -, das war eine Zusammenstellung von Aufgaben, die ihm nicht lagen. Zukunft war f\u00fcr ihn nur eine ins Unertr\u00e4gliche gesteigerte Fortsetzung der Gegenwart: fortgeschrittener Zerfall, den er an Haaren und Z\u00e4hnen, Haut und Knochen immer schon erlebte und mit immer gr\u00f6\u00dferer Aufmerksamkeit und Angst beobachtete. In jedem Augenblick konnte diese Angst vor dem Verfall ausbrechen, der Schrecken, den das Vergehen weckt.\u201c<\/em> (S. 198) Nein, Alfred Dorn will und kann nicht erwachsen werden. Die Welt der Erwachsenen bleibt ihm immer fremd. <em>\u201eBesessen tr\u00e4gt Alfred alle Spuren seiner Kindheit, deren er habhaft werden kann, zusammen. Berge von Fotos, Briefe, bis hin zu K\u00e4mmen der Mutter\u201c<\/em> und eine Fischsturzform. <em>\u201eAuch dies ein r\u00fchrendes und noch in seinem Wahn ehrenwertes Bem\u00fchen in einer Zeit, in der l\u00e4ngst die Wegwerfgesellschaft triumphiert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dorns Problem ist die Zeit, in der er lebt. Da gab es noch zwei Deutschland. Und weil er aus dem \u00f6stlichen ins westliche gefl\u00fcchtet war, ist es nicht leicht, die Objekte seiner Sammelleidenschaft, die sich noch im Dresden befinden, in den Westen zu bekommen. Und es ist die Zeit selbst, die vergeht und die ihn in Anspruch nimmt f\u00fcr Dinge und <em>\u201eAufgaben, die ihm nicht lagen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; vor der Pensionierung konnte er nicht beginnen. Aber vorbereitet wollte er sein, wie noch nie jemand vorbereitet gewesen war. Vielleicht war es ein Zeichen der Ersch\u00f6pfung, da\u00df er jetzt \u00f6fter die Hoffnung mobilisierte, die soviel Kraft beanspruchende Vorbereitung sei schon das, was sie vorbereiten sollte: die Verteidigung der Kindheit gegen das Leben.\u201c<\/em> (S. 511)<\/p>\n<p>Ja, diesen Walser mag ich, der das Allt\u00e4gliche unseres Lebens auf eine Weise festzuhalten versteht wie kein anderer und daraus meisterliche Literatur zu gie\u00dfen versteht. Seine Helden sind meist eigent\u00fcmliche Versager, die sich kaum gegen die Gro\u00dfsprecher zu wehren verstehen. Aber in aller Tragik besticht Walser durch trockenen Witz, der die dargestellte Pein ertr\u00e4glich macht.<\/p>\n<p><em>\u201eEs hat lange keinen Roman in deutscher Sprache gegeben, der in diesem Ausma\u00df Durchblicke auf die historischen und politischen Ereignisse gestattet hat und von Realit\u00e4t durchdrungen ist.\u201c<\/em> (Die Zeit)<\/p>\n<p><em>\u201eMartin Walsers 500seitiges Meisterwerk, das an einem individuellen Lebensschicksal nicht nur Erinnerungsarbeit an das deutsch-deutsche Verh\u00e4ngnis in seinen \u201aKleinkatastrophen\u2019 leistet, sondern sich zu einer ergreifenden Klage \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit der Liebe und die Schrecken der Verg\u00e4nglichkeit \u00fcberhaupt steigert.\u201c<\/em> (Neue Z\u00fcrcher Zeitung)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1988 klopften zwei Damen an Martin Walsers T\u00fcr. 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