{"id":7314,"date":"2013-05-17T07:01:56","date_gmt":"2013-05-17T06:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7314"},"modified":"2013-05-17T07:01:56","modified_gmt":"2013-05-17T06:01:56","slug":"thomas-mann-der-zauberberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7314","title":{"rendered":"Thomas Mann: Der Zauberberg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> h\u00e4lt seinen Stil f\u00fcr manieriert und meint damit sicherlich das oft genug eitel Affektierte, Gek\u00fcnstelte seiner Schreibweise. Etwas aufgeblasen war er schon in seinem Bildungsgro\u00dfb\u00fcrgertum. Den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Doktor_Faustus\" target=\"_blank\">\u201eDoktor Faustus\u201c<\/a> gab Walser sogar auf, weil er diese Prosa <em>\u201enicht ertagen konnte\u201c<\/em> (Gespr\u00e4ch mit Peter Roos: Genius Loci \u2013 in Auskunft, S. 61 \u2013 siehe: J\u00f6rg Magenau: Martin Walser \u2013 eine Biographie, S. 58f.) Ich selbst bin vor Jahren am \u201aTretapak\u2019 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_und_seine_Br%C3%BCder\" target=\"_blank\">Joseph und seine Br\u00fcder<\/a> kl\u00e4glich gescheitert. Und Bertolt Brecht bezeichnete ihn einen \u201eregierungstreuen Lohnschreiber der Bourgeoisie\u201c. Ich spreche von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Mann\" target=\"_blank\">Thomas Mann<\/a>.<\/p>\n<p>Im Sommer 1981, ich weilte in Spanien in der Ferienwohnung meiner Eltern und hatte mir als Lek\u00fcre Thomas Manns <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=thomas%20mann%20zauberberg&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Der Zauberberg<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> mitgenommen (den Roman habe ich als Fischer Taschenbuch Band 800,  Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main &#8211; 193. \u2013 212. Tausend: Februar 1980 vorliegen). Immerhin ein W\u00e4lzer von \u00fcber 750 Seiten (in anderen Ausgaben mit etwas gr\u00f6\u00dferer Schrift sind \u2019s oft 100 Seiten mehr). Und bis zum Ende meines Urlaubs habe ich den Roman tats\u00e4chlich geschafft \u2013 vielleicht auch, weil ich wegen eines Sonnenbrandes einige Tage die Sonne meiden musste. Jetzt habe ich nach 32 Jahren den Roman ein zweites Mal gelesen.<\/p>\n<p><em>1912 \u00e4u\u00dferten \u00c4rzte bei Katia, der Frau von Thomas Mann, den Verdacht auf Tuberkulose, was einen l\u00e4ngeren Sanatoriums-Aufenthalt in Davos erforderlich machte. Thomas Mann war, als er sie dort besuchte, beeindruckt von der Atmosph\u00e4re des Sanatoriums und fasziniert von den am\u00fcsanten Schilderungen, die ihm seine Frau \u00fcber die Klientel der Klinik gab. Sie inspirierten ihn zu seinem Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberberg\" target=\"_blank\">Der Zauberberg<\/a>, den er 1913 begann, aber erst 1924 vollendete.<\/em><\/p>\n<p>Wie bereits an anderer Stelle (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7039\" target=\"_blank\">Heute Ruhetag (32): Thomas Mann &#8211; Der Zauberberg<\/a>) erw\u00e4hnt, sollte der Roman <em>\u201eeine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenst\u00fcck\u201c<\/em> zum 1912 erschienenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_in_Venedig\" target=\"_blank\">Tod in Venedig<\/a> werden, geriet dann mit 800 Seiten l\u00e4nger als beabsichtigt. Ohne Zweifel gilt der Roman heute als einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts, beleuchtet er mit Geist und Witz die Atmosph\u00e4re am Anfang des letzten Jahrhunderts \u2013 vor fast genau 100 Jahren. Er handelt vom Reifeprozess des jungen Hans Castorp. W\u00e4hrend eines siebenj\u00e4hrigen Aufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium trifft Castorp dort Menschen, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt \u2013 und dann auch wieder nicht \u2013 steht also jener junge <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberberg#Castorp\" target=\"_blank\">Hans Castorp<\/a>, der unheldische Held aus Hamburg, der eigentlich nur seinen Vetter Joachim Ziem\u00dfen auf drei Wochen in der Lungenheilanstalt Berghof nahe Davos besuchen wollte. Aus diesen drei Wochen werden dann sieben Jahre. Er lernt dabei u.a. die Russin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberberg#Clawdia_Chauchat\" target=\"_blank\">Clawdia Chauchat<\/a> kennen und lieben. Es ist eine verwickelte Liebesgeschichte, denn der junge Castorp traut sich erst nicht, Kontakt mit der \u201aKirgisen\u00e4ugigen\u2019 aufzunehmen, die ihn an einen ehemaligen Schulkameraden erinnert. Erst w\u00e4hrend einer ausgelassenen Karnevalsfeier kurz vor der unmittelbar bevorstehende R\u00fcckreise der Russin nach Daghestan kommen sich die beiden n\u00e4her. Es beginnt ein jahrelanges Warten. Auch ein Grund, weshalb Castorp als einer \u201aDer da oben\u2019 Davos nicht verlassen wird. Clawdia Chauchat kommt zwar eines Tages zur\u00fcck, aber in Gesellschaft eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberberg#Mynheer_Peeperkorn\" target=\"_blank\">Mynheer Peeperkorn<\/a>, dem ein merkw\u00fcrdig kruder Vitalit\u00e4tskult umweht und dem es selten gelingt, seine S\u00e4tze zu beenden &#8230; Obwohl dieser Peeperkorn sein Konkurrent in der Gunst um die sch\u00f6ne Russin ist, freundet sich Catorp mit diesem an. F\u00fcr ihn ist Peeperkorn eine faszinierende \u201aPers\u00f6nlichkeit\u2019.<\/p>\n<p>Bis zu dieser Wiederkehr vertreibt sich Castorp seine Zeit mit Gespr\u00e4chen mit den Antipoden Settembrini und Naphta, die ihn, das <em>\u201eSorgenkinder des Lebens\u201c<\/em>, zu ihrem Erziehungsobjekt auserkoren haben. Der eine, der italienische Literat Lodovico Settembrini, ist ein Humanisten, Freimaurer und \u201eindividualistisch gesinnter Demokraten\u201c, mit dem der junge Deutsche \u00fcber philosophische und politische Fragen der Zeit in Ber\u00fchrung kommt. Der andere ist <em>\u201eder asketische Jesuit Naphta, ein zum Katholizismus konvertierter galizischer Jude mit bewegter Vergangenheit. Naphta ist ein brillanter, rhetorisch begabter und sophistischer Logik verpflichteter Intellektueller, von dessen Einfl\u00fcssen Settembrini seinen jungen Freund Castorp vergeblich fernzuhalten versucht. In anarcho-kommunistischer Tradition strebt Naphta nach der Wiederherstellung des \u201aanf\u00e4nglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustands\u2019 der Staat- und Gewaltlosigkeit, den letztendlich auf Terrorismus gest\u00fctzter Gottesstaat.&#8220;<\/em> (weiteres siehe auch <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lutz-herden\/lebwohl-hans-castorp\" target=\"_blank\">freitag.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/themen\/thomas-manns-zauberberg-sein-letztes-jahr-12092273.html\" target=\"_blank\">faz.net<\/a>).<\/p>\n<p>Man braucht schon einen etwas l\u00e4ngeren Atem, um sich durch diesen Roman hindurchzuk\u00e4mpfen. Aber es lohnt sich. Die genannte Liebesgeschichte hat ihren ganz besonderen Reiz. Und die Gespr\u00e4che zwischen dem jungen Castorp und Settembrini, an denen sich dann sp\u00e4ter auch noch der dunkle Naphta beteiligt, zeugen eine Nachhaltigkeit, die den Leser schon zum Gr\u00fcbeln bringt. Das Ganze ist untersetzt mit einem Ton, der eine Ironie verspr\u00fcht, der man sich einfach nicht entziehen kann. So sollte der Leser nicht alles zu ernst nehmen. Manchmal ist der Roman (er wurde ja vor 100 Jahren begonnen) in seinen Formulierungen etwas \u201aaltfr\u00e4nkisch\u2019 \u2013 den Begriff verwendet Thomas Mann \u00fcbrigens selbst. Oft trieft es etwas zu sehr vor lauter Bildungsb\u00fcrgertum. Und manche Passage auf Franz\u00f6sisch oder Italienisch mag vor dem weiteren Lesen abschrecken. Aber keine Angst, man vers\u00e4umt nicht viel (im l\u00e4ngeren franz\u00f6sisch und deutsch gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch zwischen Castorp und  Clawdia Chauchat geht es erst einmal um den Vetter, dann ums  \u203avous\u2039 und \u203atu\u2039 &#8211; ums Sie und Du -, dann gesteht Castorp seine Liebe \u2013 und am Schluss sagt sie: <em>\u00bbN&#8217;oubliez pas de me rendre mon crayon.\u00ab<\/em> und erinnert ihn daran, nicht zu vergessen, ihr den ausgeliehenen Bleistift zur\u00fcckzugeben; der Leser wird an dieser Stelle wissen, was es mit dem Bleistift auf sich hat). Aber wer sich traut, ein anspruchsvolles Buch zu lesen, kommt auf seine Kosten.<\/p>\n<p>Der Roman fordert gegen Ende viele Todesopfer. So stirbt Catorps Vetter Joachim Ziem\u00dfen, nachdem dieser in wilder Flucht Davos verlassen hatte, um seinen Dienst als Offizier \u201aim Flachland\u2019 anzutreten, dort einen R\u00fcckfall bekam \u2013 und kurze Zeit nach seiner R\u00fcckkehr ins Sanatorium der Tuberkulose erlag. Es stirbt auch der Mynheer Peeperkorn und Naphta \u2013 beide durch Freitod. Und als nach sieben Jahren Aufenthalt in Davos der erste Weltkrieg ausbricht, kehrt auch Castorp in die Heimat zur\u00fcck, um als Soldat eingezogen zu werden. Sein Schicksal bleibt ungekl\u00e4rt. Er wird in Frankreich gefallen sein.<\/p>\n<p>Noch ein kleiner Hinweis. Es geht um den lateinischen Begriff  <em>\u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Placet\" target=\"_blank\">Placet<\/a> experiri\u201c<\/em>, der eine erkennbar gewichtige Rolle in dem Roman spielt. Der Ausdruck ist urspr\u00fcnglich eine wissenschaftliche Randbemerkung Petrarcas. Placet bedeutet \u201aBekundung eines Einverst\u00e4ndnisses\u2019 und experiri ist die Infinitivform von experior, also \u201aversuchen, erproben\u2019 \u2013 grob \u00fcbersetzt: Bekundung eines Einverst\u00e4ndnisses (etwas) zu erproben oder einfacher: Es gef\u00e4llt, es ist recht, es ist erlaubt &#8211; einen (tastenden) Versuch zu machen, zu experimentieren. Settembrini r\u00e4t Castorp, \u201evorderhand mit allerlei Standpunkten Versuche anzustellen.\u201c Es ist also die Aufforderung, Geh\u00f6rtes geistig zu verarbeiten.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/davos_berghof.jpg\" alt=\"Bilder vom \u201aBerghof\u2019\" title=\"Bilder vom \u201aBerghof\u2019\" \/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.waldhotel-davos.ch\/de\/47\/thomas-mann-und-geschichte.aspx\" target=\"_blank\">Bilder vom \u201aBerghof\u2019<\/a><\/p>\n<p>Weitere Empfehlungen zum Nachschlagen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.hans-castorp.de\/41559.html\" target=\"_blank\">Hans Castorp &#8211; Thomas Manns &#8222;Zauberberg&#8220;<\/a><br \/>\nLiteraturlexikon online: <a href=\"http:\/\/literaturlexikon.uni-saarland.de\/index.php?id=58\" target=\"_blank\">Thomas Mann Figurenlexikon: Der Zauberberg (1924)<\/a><\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswert ist sicherlich, dass Thomas Mann, als er 1929 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur erhielt, diesen \u201aausdr\u00fccklich\u2019 f\u00fcr seinen ersten Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buddenbrooks\"  target=\"_blank\">Buddenbrooks<\/a> (1901) bekam. \u201aDer Zauberberg\u2019 (immerhin bereits 1924 erschienen) wurde allein deshalb nicht erw\u00e4hnt, weil der Schwede Fredrik B\u00f6\u00f6k, \u201aK\u00f6nigsmacher\u2019 im Nobelpreis-Komitee, den Roman nicht mochte und zuvor mehrfach verrissen hatte.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens wurde der Roman 1981 (da schon zum 2. Mal nach einer TV-Produktion des Sender Freies Berlin in Schwarzwei\u00df unter der Regie von Ludwig Cremer aus dem Jahr 1968) in der Regie von Hans W. Gei\u00dfend\u00f6rfer in einer deutsch-franz\u00f6sisch-italienische Koproduktion in einer 2\u00bd Stunden langen Version f\u00fcr die Kinos &#8211; die dreiteilige Fernsehfassung war mehr als doppelt so lang &#8211; verfilmt. Die TV-Langfassung <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B00B3HXMR2\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B00B3HXMR2&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"><strong>Thomas Mann: Der Zauberberg &#8211; Der komplette 3-Teiler<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B00B3HXMR2\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> kommt am 7. Juni in den Handel. Darsteller sind unter anderem Christoph Eichhorn als Castorp, Rod Steiger als Peeperkorn, Marie-France Pisier als Clawdia Chauchat, Hans Christian Blech als Hofrat Behrens, Flavio Bucci als Settembrini und Charles Aznavour als Naphta.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/goom4HBZYjI\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nDer Zauberberg (1981)<\/p>\n<p>Siehe auch meine Beitr\u00e4ge:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=128\"  target=\"_blank\">Thomas Mann: Felix Krull und die Homosexualit\u00e4t<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1758\"  target=\"_blank\">Herr Albin in Thomas Manns \u201eZauberberg\u201c<\/a> &#8212; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1940\"  target=\"_blank\">Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Walser h\u00e4lt seinen Stil f\u00fcr manieriert und meint damit sicherlich das oft genug eitel Affektierte, Gek\u00fcnstelte seiner Schreibweise. 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