{"id":7327,"date":"2013-05-25T07:29:43","date_gmt":"2013-05-25T06:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7327"},"modified":"2013-05-30T08:08:44","modified_gmt":"2013-05-30T07:08:44","slug":"zu-martin-walser-1-ich-bin-nicht-walser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7327","title":{"rendered":"Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser"},"content":{"rendered":"<p>Die Eins hinter dem \u201eZu Martin Walser\u201c deutet es bereits an: Es kommt noch mehr &#8230; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> ist einer \u201ameiner\u2019 Autoren. Er ist der Schriftsteller, ich bin der Leser. Wer schreibt, verarbeitet seine Erfahrungen, wer liest wie ich, liest, um Erfahrungen zu machen. Und so stolpert man hin und wieder \u00fcber einen Autoren, der einen auf besondere Weise anspricht. Das ist in vielerlei Weise Martin Walser f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Warum jetzt und insbesondere Martin Walser? Ich lese zz. von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%B6rg_Magenau\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Magenau<\/a> <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499247720\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499247720&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Martin Walser: Eine Biographie<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499247720\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 \u2013 aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008). \u201eEine Biographie ist eine Anma\u00dfung.\u201c (S. 15) schreibt J\u00f6rg Magenau, besonders wenn es um einen noch lebenden Schriftsteller geht. Zum Biographiebegehren sagte Walser: <em>\u201eWas Sie da vorhaben, habe ich auch schon dreimal gemacht. Nur habe ich es immer \u201aRoman\u2019 genannt.\u201c<\/em> Eine Biographie ist ein Puzzle aus vielen unz\u00e4hligen Einzelteilen, die nicht immer zusammenzupassen scheinen. Und immer fehlen Teile. Trotzdem ist es kein Roman. <em>\u201eNichts l\u00e4sst sich erfinden, alles mu\u00df gefunden werden.\u201c<\/em> (S. 15). Nat\u00fcrlich kann eine Biographie immer nur ein \u201aBild\u2019 vieler m\u00f6glicher Bilder sein.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/images.booklooker.de\/isbn\/9783499247729\/Magenau+Martin-Walser.jpg\" alt=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" title=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" \/><\/ul>\n<p>Nach fast zwei Drittel des Buchs bin ich dankbar, dass es diese Biographie gibt. Sie gibt Aufschluss \u00fcber einen Mann, der bereits 86 Jahre z\u00e4hlt und immer noch nicht am Ende ist \u2013 zu erz\u00e4hlen. Denn <em>\u201eWalser ist unentwegt damit besch\u00e4ftigt, Leben in Sprache zu verwandeln. Was ihm zust\u00f6\u00dft, beantwortet er mit Literatur.\u201c<\/em> (S. 15). <em>\u201eSein Schreiben ist ein \u201aEntbl\u00f6\u00dfungs-Verbergungs-Spiel.\u2019<\/em> [&#8230;] <em>\u201aEs mu\u00df raus, aber als Verborgenes. Verbergen hei\u00dft ja nicht verschweigen.\u2019\u201c<\/em> (S. 16).<\/p>\n<p>Walser der <em>\u201adr\u00f6hnende Meinungsmacher\u2019<\/em> und <em>\u201aPolitprovokateur\u2019<\/em> &#8230; <em>\u201eOb \u201aGesellschaftskritiker\u2019, \u201aKommunist\u2019 oder \u201aNationalist\u2019 \u2013 in jeder Phase der Bundesrepublik klebte ihm das jeweils sch\u00e4dlichste Etikett an.\u201c \u2013 \u201eDiese wuchernden Augenbrauen! Diese alemannische Starrk\u00f6pfigkeit! Dieser Schmerzensreiche, Wehleidige, Dauerbeleidigte! Dieser Geschichtsempfinder und Deutschlanderleider.\u201c<\/em> (S. 18) \u2013 Und dann ist da noch der Bodensee, von dem sich Martin Walser nie hat l\u00f6sen k\u00f6nnen. Ohne das \u201eSchw\u00e4bisches Meer\u201c w\u00e4ren all die Romanfiguren von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=3160\" target=\"_blank\">Anselm Kristlein<\/a> bis hin zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Augenblick_der_Liebe\" target=\"_blank\">Gottlieb Z\u00fcrn<\/a> nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich bin nicht Walser, betitele ich diesen Beitrag. Aber auch wenn ich viele Jahre j\u00fcnger bin (wenn auch nicht mehr der J\u00fcngste), so gibt es doch Ankn\u00fcpfungspunkte, die mich mit Walser n\u00e4her bringen. Die Adenauer-Jahre habe ich noch nicht bewusst erlebt. Daf\u00fcr bin ich aber schon als Jugendlicher mit einem repressiven Staat in Ber\u00fchrung gekommen, als ich mich 1968 an den <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1413\" target=\"_blank\">Stra\u00dfenbahnunruhen in Bremen<\/a> beteiligte. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/68er-Bewegung\" target=\"_blank\">68er-Bewegung<\/a> der Studenten hatte auch meine Schule erreicht. Durch den Vietnam-Krieg und hier durch die deutsche Politik als Unterst\u00fctzer der USA wandte sich Martin Walser politisch immer mehr nach links. So reiste Walser nach Moskau und galt in den sechziger und siebziger Jahren als Sympathisant der DKP, der er aber nie als Mitglied angeh\u00f6rte. Ein Punkt, auf den man n\u00e4her eingehen sollte. Ich selbst hatte damals Kontakt zu linksgerichteten, so genannten Basisgruppen, wurde aber durch die Dogmatik, dem Glaubenseifer sehr schnell abgeschreckt. \u00c4hnlich muss es Walser 1971 ergangen sein, als er in Moskau zu einem internationalen Schriftstellerkongress eingeladen war. <em>\u201eAuf das pathetische \u00f6ffentliche Bekenntnis zum Sozialismus folgte dort postwendend die Ern\u00fcchterung. Der Besuch in Moskau war, so sagte er r\u00fcckblickend, \u201aT\u00f6dlich f\u00fcr jede Hoffnung.\u2019\u201c<\/em> (S. 295)<\/p>\n<p>Walser gilt heute als Nationalist. Man sollte das nicht mit Chauvinismus und \u00c4hnlichem verwechseln. In dem Buch hei\u00dft es zum Begriff der Nation: <em>\u201eNichts Staatliches ist damit gemeint, kein Machtapparat, keine aufputschende Ideologie. Die Nation ist ein geschichtliches, sprachliches und kulturelles Zusammengeh\u00f6rigkeitsgebilde, dem man nicht entrinnen kann. Eine Schicksalsgemeinschaft, in die man durch Geburt ger\u00e4t.\u201c<\/em> (S. 287) \u2013 Hier finde ich mich ohne weiteres wieder. Das gilt insbesondere auch f\u00fcr die deutsche Sprache, die nun einmal meine Muttersprache ist. Ich habe keine Probleme damit, mich zu ihr zu bekennen und habe mich in diesem Blog mit ihr und ihren Ausformungen immer wieder auseinandergesetzt (siehe u.a. <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7054\" target=\"_blank\">Wortschatz<\/a>).<\/p>\n<p>Als in Deutschland Geborener habe ich wie <em>\u201ejeder Deutsche &#8230; die ganze Geschichte geerbt und zu verantworten, damit also auch Auschwitz. Doch es gibt keine richtige Haltung gegen\u00fcber der Vergangenheit. Besonders grotesk fand Walser die Erfindung der \u201aVergangenheitsbew\u00e4ltigung\u2019. Erst Auschwitz zu betreiben und dann als Rechtsnachfolger des NS-Staates Bew\u00e4ltigung auf die Tagesordnung zu setzen war geradezu anst\u00f6\u00dfig. Seine vehemente Ablehnung von Gedenkritualen<\/em> [&#8230;] <em>wird von hier aus begreiflich.\u201c<\/em> (S. 373) \u2013 Dem brauche ich von meiner Seite aus nichts hinzuzuf\u00fcgen. Die Nazi-Vergangenheit nach dem Terminkalender zu bew\u00e4ltigen ist nicht genug. Wie lasch heute gegen Neonazis vorgegangen wird, verdeutlicht das.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnungswert ist ohne Zweifel Walsers Verbundenheit mit seiner Heimat. Es ist der Bodensee und es ist die Sprache, der Dialekt. <em>\u201eGegen die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konjunktiv\" target=\"_blank\">Konjunktiv<\/a>kultur und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bedingungssatz\" target=\"_blank\">Konditional<\/a>filigrane des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alemannische_Dialekte\" target=\"_blank\">Alemannischen<\/a>, sagt Walser, ist das Hochdeutsche doch blo\u00df eine Stra\u00dfenwalze. Im Dialekt stimmten die W\u00f6rter. Sein Verlust \u2013 unausweichlich in einer kapitalistischen \u00d6konomie der Innovation \u2013 war eine \u201aVertreibung aus dem Paradies\u2019 &#8230; Nicht nur Tierarten sterben aus, sondern auch Worte und mit ihnen Denkm\u00f6glichkeiten.\u201c<\/em> (S. 359). In meiner Kindheit lebte ich rund drei Jahre in Pforzheim und lernte noch vor dem Hochdeutschen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schw%C3%A4bischer_Dialekt\" target=\"_blank\">Schw\u00e4bisch<\/a>, einen westoberdeutschen Dialekt bzw. einen Unterdialekt des Alemannischen. Leider ist davon, da ich mit knapp f\u00fcnf Jahren nach Norddeutschland kam, nichts mehr geblieben. <\/p>\n<p>So fehlt mir schon so etwas wie eine immerw\u00e4hrende Heimat und ich musste mich hier im Norden Deutschlands einrichten. Statt einer <em>alemannischen Starrk\u00f6pfigkeit<\/em> ist es eben norddeutsche Sturheit, die mich gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Aber das sind nur einige Ber\u00fchrungs- bzw. Ankn\u00fcpfungspunkte, die mich Walser so nahe halten. Es sind seine kleinb\u00fcrgerlichen Helden, f\u00fcr die es nach Walsers Erkenntnis <em>\u201ekein Scheitern gibt, sondern immer nur eine Gesellschaft, die einzelne f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt.\u201c<\/em> (S. 130). Es sind seine Romane, <em>\u201edie sich von der Wirklichkeit nichts vormachen<\/em> [lassen], <em>sie mach<\/em>[en] <em>vielmehr der Wirklichkeit vor, wie die Wirklichkeit ist. Sie spiel[en] mit der Wirklichkeit &#8230;\u201c<\/em> Und <em>\u201ees ist die Hoffnung des Verfassers, er sei Zeitgenosse genug, da\u00df seine von der Wirklichkeit erm\u00f6glichten Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten.\u201c<\/em> (S. 135).  \u2013 Mich muten Walsers literarische Erfindungen wirklich oft genug wie eigene Erfahrungen an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Eins hinter dem \u201eZu Martin Walser\u201c deutet es bereits an: Es kommt noch mehr &#8230; Martin Walser ist einer \u201ameiner\u2019 Autoren. Er ist der Schriftsteller, ich bin der Leser. Wer schreibt, verarbeitet seine Erfahrungen, wer liest wie ich, liest, um Erfahrungen zu machen. 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