{"id":7361,"date":"2013-06-01T07:27:17","date_gmt":"2013-06-01T06:27:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7361"},"modified":"2013-12-29T16:18:22","modified_gmt":"2013-12-29T15:18:22","slug":"zu-martin-walser-2-links-und-dkp-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7361","title":{"rendered":"Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah"},"content":{"rendered":"<p>In den 70er Jahren galt <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> als Kommunist, zwanzig Jahre sp\u00e4ter dann fast schon als Nationalsozialist, zumindest als einer, der den Rechten zuspielt (so mit seiner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser#Paulskirchenrede_und_.E2.80.9EWalser-Bubis-Kontroverse.E2.80.9C_1998\" target=\"_blank\">Rede anl\u00e4sslich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels<\/a> am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine <em>\u201eInstrumentalisierung des Holocaust\u201c<\/em> ablehnte). Wer viel schreibt und auch viel in der \u00d6ffentlichkeit sagt, bietet gen\u00fcgend Angriffsfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Walser ist eloquent, in seinem Schreiben wortreich und ausdrucksvoll, geradezu wortgewaltig. Er l\u00e4dt dazu ein, missverstanden zu werden. In seiner Beharrlichkeit, auf Begriffe zu bestehen, gelingt es ihm dann nicht immer, diese Missverst\u00e4ndnisse auszur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Was mich lange stutzig gemacht hat, ist die nachgesagte N\u00e4he Walsers zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Kommunistische_Partei\" target=\"_blank\">Deutschen Kommunistischen Partei<\/a> (DKP). Es galt als deren Sympathisant. Er war nach Moskau gereist, engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und hatte keine \u201aSkrupel\u2019 &#8211; die \u201aKr\u00f6nung\u2019 aus der Sicht konservativer Kreise -, auch in der <a href=\"http:\/\/www.unsere-zeit.de\/\" target=\"_blank\">UZ<\/a>, der Zeitung der DKP zu publizieren.<\/p>\n<p>War nun Walser ein Kommunist? Antwort erhoffte ich mir aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%B6rg_Magenau\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Magenaus<\/a> <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499247720\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499247720&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"> <strong>Martin Walser-Biographie<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499247720\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 \u2013 aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008).<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/images.booklooker.de\/isbn\/9783499247729\/Magenau+Martin-Walser.jpg\" alt=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" title=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" \/><\/ul>\n<p>Es ist nicht ganz leicht, ein halbwegs genaues Bild vom politischen Weg Walsers zu bekommen. 1969, als sich linke Intellektuelle (G\u00fcnter Grass u. a.) f\u00fcr die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler einsetzten, empfahl Walser die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aktion_Demokratischer_Fortschritt\" target=\"_blank\">ADF &#8211; Aktion Demokratischer Fortschritt<\/a>, ein linkes B\u00fcndnis. Das sollte dann aber auch seine letzte Wahlempfehlung f\u00fcr eine linksgerichtete Partei sein. Die DKP lehnte er deshalb ab, weil sie von Ost-Berlin gesteuert und moskautreu war. Ihm fehlte (schon damals) das nationale Element. Walser schwebte dagegen ein demokratischer Sozialismus vor, wie er vor allem von den kommunistischen Parteien Italiens, Spaniens und Frankreichs vertreten wurde, dem so genannten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurokommunismus\" target=\"_blank\">Eurokommunismus<\/a>; auf Walser bezogen k\u00f6nnte man seine Vorstellung auch einen \u201ademokratischen Nationalkommunismus\u2019 nennen.<\/p>\n<p><em>\u201eNeue Freunde bringen Rettung und Heilung. Mit ihnen erlernt er soziale Verhaltensweisen. Das kranke b\u00fcrgerliche Individuum gesundet im kraftvollen Kollektiv der Genossen. Walser demonstriert an Gallistl<\/em> [Die Gallistl&#8217;sche Krankheit, Roman 1972] <em>die Ein\u00fcbung in den Sozialismus und tastet sich voran zu \u201aTonarten der Hoffnung\u2019\u201c<\/em>, hei\u00dft auf Seite 301 der Biographie und weiter: <em>\u201eDie Erl\u00f6sungshoffnung ist br\u00fcchig, aber sie besteht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zum angesprochenen Roman schrieb <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Konrad_Kurz\" target=\"_blank\">Paul Konrad Kurz<\/a> im Spiegel: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-42972119.html\" target=\"_blank\">Gesundung in der Partei?<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Ich-Erz\u00e4hler Josef Georg Gallistl beschreibt sein Krankheitsbild. Da die zu beschreibende Krankheit noch keinen Namen hat, leiht er ihr den eigenen. Gallistls Fall ist in K\u00fcrze dieser: Es ist ihm v\u00f6llig die F\u00e4higkeit abhanden gekommen, Lust zu empfinden, Sinn zu erfahren, Zukunft vor sich zu sehen, menschliche Kontakte nicht der L\u00fcge, die Gesellschaft nicht der Unmoralit\u00e4t zeihen zu m\u00fcssen. Es ist die Krankheit des Intellektuellen, vorab des Schriftstellers in dieser Zeit und Gesellschaft.<\/em> [&#8230;]<\/p>\n<p><em>Gallistls \u201aVorstellung von einer besseren Welt\u2019 und dem \u201aLeben einen Sinn geben\u2019 m\u00fcndet in die \u201aPartei\u2019. Die im Roman anvisierte sozialistische Idee meint nicht einen bereits vorhandenen Staatsmarxismus oder eine einfach \u00fcbernehmbare Parteivorstellung. In der neuen Hier-und-Jetzt-Partei darf und mu\u00df man selber denken.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Betonung liegt auf <em>\u201aselber denken\u2019<\/em>.<\/p>\n<p>Um diese Art von Utopie zu verstehen, muss man den gesellschaftlich-politischen Hintergrund eingeziehen. 1968 wurden von der gro\u00dfen Koalition von CDU\/CSU und SPD die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Notstandsgesetze\" target=\"_blank\">Notstandsgesetze<\/a> verabschiedet. 1972 erfolgte ein Beschluss der Regierungschefs der Bundesl\u00e4nder und Bundeskanzler Willy Brandts, der so genannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Radikalenerlass\" target=\"_blank\">Radikalenerlass<\/a>, der insbesondere auf die Deutsche Kommunistische Partei zielte.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie es viele heute sehen, so sah Walser keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, zwischen CDU\/CSU und SPD. Was damals die DKP war, findet sich heute vielleicht in der Linken wieder \u2013 eine Position links der verb\u00fcrgerlichten SPD. W\u00e4hlbar aber waren bzw. sind beide kaum. So muss eine eigene Alternative her, wenn auch nur eine vorstellbare.<\/p>\n<p>Ich kann Martin Walser sehr gut verstehen. Seine so genannte N\u00e4he zur DKP war eine Ausschau nach dieser Alternativen \u2013 sp\u00e4testens mit dem Besuch eines internationalen Schriftstellerkongress 1971 in Moskau, war ihm bewusst, dass es diese Partei wohl nicht sein kann: <em>\u201eAuf das pathetische \u00f6ffentliche Bekenntnis zum Sozialismus folgte dort postwendend die Ern\u00fcchterung. Der Besuch in Moskau war, so sagte er r\u00fcckblickend, \u201aT\u00f6dlich f\u00fcr jede Hoffnung.\u2019\u201c<\/em> (S. 295)<\/p>\n<p>Als die Gr\u00fcnen gegr\u00fcndet wurden, sah Walser in ihnen eine m\u00f6gliche Alternative. Heute hat sich seine Ansicht da sicherlich relativiert, auch wenn <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/14\/Baden-Wuerttemberg-Walser\" target=\"_blank\">sein Lebensgef\u00fchl eigentlich gr\u00fcn ist<\/a>, wie er sagt. Immerhin ist er von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Winfried_Kretschmann\" target=\"_blank\">Winfried Kretschmann<\/a>, Ministerpr\u00e4sident Baden-W\u00fcrttembergs, ganz angetan. <\/p>\n<p>In der Biographie auf S. 369 steht geschrieben: <em>\u201eEr bekennt, da\u00df seine Meinungen von fr\u00fcher ihm fremd geworden sind. Oder genauer: Nicht die Meinungen sind ihm fremd, sondern das Meinen. Er ist immer weniger dazu in der Lage, die daf\u00fcr erforderliche Eindeutigkeit und Entschiedenheit herzustellen. Er sieht, was er daf\u00fcr alles weglassen mu\u00df, und entwickelt das Bed\u00fcrfnis, nur noch das zu sagen, was ihn ganz enth\u00e4lt. Das ist seine neue Utopie: eine so umfassende Ausdrucksf\u00e4higkeit, da\u00df kein ungesagter Rest zur\u00fcckbleibt. Meinungen dagegen hinterlassen immer das Gef\u00fchl, etwas Wesentliches zu verschweigen: sich selbst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wer das als m\u00f6gliche politische \u201aTrendwende\u2019 versteht, liegt falsch. Walser ging es nie um Allgemeing\u00fcltiges, um \u00d6ffentlichkeit, <em>\u201ederen Sprechen Gefahr l\u00e4uft, zum Ritual zu verkommen\u201c<\/em> (so hei\u00dft es n\u00e4mlich weiter). Es geht ihm um sich selbst, Integrit\u00e4t oder wie immer man es nennen will. Sein Problem: Was er einmal gesagt (oder geschrieben) hat, bleibt beharrlich missverstanden, wenn es erst einmal missverstanden wurde. Die Worte lassen sich nicht mehr l\u00f6schen (und das Ungesagte bleibt ungesagt), wohl auch nicht das Missverst\u00e4ndnis &#8230;.<\/p>\n<p>siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7327\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 70er Jahren galt Martin Walser als Kommunist, zwanzig Jahre sp\u00e4ter dann fast schon als Nationalsozialist, zumindest als einer, der den Rechten zuspielt (so mit seiner Rede anl\u00e4sslich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine \u201eInstrumentalisierung des Holocaust\u201c ablehnte). 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