{"id":7370,"date":"2013-06-03T08:16:22","date_gmt":"2013-06-03T07:16:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7370"},"modified":"2013-06-03T08:16:22","modified_gmt":"2013-06-03T07:16:22","slug":"zu-martin-walser-3-erfahrungen-beim-verfassen-einer-sonntagsrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7370","title":{"rendered":"Zu Martin Walser (3): Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> gibt es zwei Ebenen, um mit der Schuldfrage zu den Verbrechen des Nationalsozialismus umzugehen: <em>\u201eeine \u00f6ffentlich-rechtliche des Meinens, zu der auch die juristische Aufarbeitung geh\u00f6rt, und eine innerlich-moralische, vor der die eigentliche Schuld verhandelt wird.\u201c<\/em> (S. 372) \u2013 <em>\u201eJeder Deutsche hat die ganze Geschichte geerbt und zu verantworten, damit also auch Auschwitz. Doch es gibt keine richtige Haltung gegen\u00fcber der Vergangenheit. Besonders grotesk fand Walser die Erfindung der \u201aVergangenheitsbew\u00e4ltigung\u2019. Erst Auschwitz zu betreiben und dann als Rechtsnachfolger des NS-Staates Bew\u00e4ltigung auf die Tagesordnung zu setzen war geradezu anst\u00f6\u00dfig.<\/em> [&#8230;] <em>\u201aEin Rechtsnachfolger, der zahlt, organisiert, feiert, gedenkt, so gut er kann: das hei\u00dft, der hat einen Terminkalender, der bew\u00e4ltigt. Und wir? Wir lassen bew\u00e4ltigen. Wir alle.\u2019\u201c<\/em> (S. 373) Ich habe hier zitiert aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%B6rg_Magenau\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Magenaus<\/a> <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499247720\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499247720&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"> <strong>Martin Walser-Biographie<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499247720\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, rororo 24772 \u2013 aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Oktober 2008).<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/images.booklooker.de\/isbn\/9783499247729\/Magenau+Martin-Walser.jpg\" alt=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" title=\"J\u00f6rg Magenau: Martin Walser - eine Biographie\" \/><\/ul>\n<p>Unter diesem Gesichtspunkt wird vielleicht Walsers Rede anl\u00e4sslich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der er eine <em>\u201eInstrumentalisierung des Holocaust\u201c<\/em> ablehnte (Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede) begreifbar. Diese Rede wirbelte viel Staub auf. Walser wurde Antisemitismus vorgeworfen. Kurze Zeit sp\u00e4ter in seiner Rede zum Jahrestag des Novemberpogroms am 9. November 1998 nannte Ignatz Bubis, der (damalige) Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Walser sogar einen <em>&#8222;geistigen Brandstifter&#8220;<\/em>. Sicherlich war die Rede <em>\u201eliterarisch kompliziert\u201c<\/em> und die Auseinandersetzung Walsers mit dem Thema <em>\u201erational kontrovers bewertbar\u201c<\/em>: <em>\u201eDie nationalsozialistischen Verbrechen w\u00fcrden von einigen Leuten dazu missbraucht werden, den Deutschen weh zu tun oder gar politische Forderungen zu st\u00fctzen. Auch f\u00fchle derjenige, der st\u00e4ndig diese Verbrechen thematisiert, sich den Mitmenschen moralisch \u00fcberlegen. Der Themenkomplex Auschwitz d\u00fcrfe aber nicht zur \u201aMoralkeule\u2019 verkommen, gerade wegen seiner gro\u00dfen Bedeutung.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser#Paulskirchenrede_und_.E2.80.9EWalser-Bubis-Kontroverse.E2.80.9C_1998\" target=\"_blank\">de.wikipedia.org<\/a>).<\/p>\n<p>Ignatz Bubis erregte sich besonders an Walsers <em>\u201eWegschauen\u201c<\/em>. Nur meinte Walser mit Sicherheit mit \u201eWegschauen\u201c nicht ignorieren und vergessen. Es ist ein schamhaftes \u201eWegschauen\u201c im Gegensatz zum \u201eGaffen\u201c, was in unserer heutigen Gesellschaft so g\u00e4ngig geworden ist. Walser in seiner Rede: <em>\u201eWenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, da\u00df sich in mir etwas gegen diese Dauerpr\u00e4sentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein f\u00fcr die unaufh\u00f6rliche Pr\u00e4sentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich m\u00f6chte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit pr\u00e4sentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, da\u00df sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuh\u00f6ren, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu k\u00f6nnen, dass \u00f6fter nicht das Gedenken, das Nichtvergessend\u00fcrfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenw\u00e4rtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.<\/em> [\u2026] <em>Auschwitz eignet sich nicht daf\u00fcr, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einsch\u00fcchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflicht\u00fcbung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualit\u00e4t des Lippengebets<\/em> [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Martin Walser betonte, hier seine subjektiv eigene, wenn man so will: private Denkweise wiedergegeben zu haben und pl\u00e4dierte allgemein f\u00fcr eine \u201asubjektive\u2019 Geschichtsauffassung. Wie k\u00f6nnen wir f\u00fcr uns allein \u201einnerlich-moralisch\u201c Geschichte aufarbeiten, wenn nicht subjektiv gepr\u00e4gt. \u2013 Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antisemitismus_%28nach_1945%29#Antisemitismusdebatte\" target=\"_blank\">nachstehende Kontroverse<\/a> wurde zu einer Diskussion um <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Politische_Korrektheit\" target=\"_blank\">politische Korrektheit<\/a>. Ich denke, dass <em>political correctness<\/em> zu einem M\u00e4ntelchen werden kann, unter das manches versteckt wird. Eine offene Debatte ist sinnvoller. Im gewissen Sinne hat Walser diese mit seiner Rede angeregt, wenn auch mit f\u00fcr ihn nicht vorhersehbaren Folgen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier nicht weiter auf diese \u201eSonntagsrede\u201c eingehen. Die Rede selbst (<em>Martin Walser \u2013 Dank: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede<\/em>) zusammen mit der Laudatio von <em>Frank Schirrmacher \u2013 Laudatio: Sein Anteil<\/em> findet sich im Internet als <a href=\"http:\/\/www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de\/sixcms\/media.php\/1290\/1998_walser.pdf\" target=\"_blank\">PDF-Datei<\/a> bzw. als <a href=\"http:\/\/staff-www.uni-marburg.de\/~naeser\/walser.htm\" target=\"_blank\">Text mit einigen Vorbemerkungen<\/a>.<\/p>\n<p>Wer nach <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?q=martin+walser+sonntagsrede\" target=\"_blank\">\u201eMartin Walser Sonntagsrede\u201c googlet<\/a> wird erstaunt sein, wer sich da alles (ich ja auch) zu Wort gemeldet hat. Die Auseinandersetzung zwischen Walser und Bubis wurde zudem ausf\u00fchrlich von Frank Schirrmacher als Herausgeber in dem Buch Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1999 (<a href=\"http:\/\/www.gbv.de\/dms\/hebis-darmstadt\/toc\/84674989.pdf\" target=\"_blank\">Inhaltsverzeichnis als PDF<\/a>) dokumentiert.<\/p>\n<p>Hier nur einige Links im Netz, die sich mit der Rede Walsers bzw. mit der anschlie\u00dfenden Debatte befassen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literaturkritik.de\/public\/rezension.php?rez_id=20\" target=\"_blank\">Der Streitverlauf in Stimmen und Zitaten<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.joerg-hutter.de\/martin_walser.htm\" target=\"_blank\">Kritik an Martin Walser<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=N12mhyGfLzgC&#038;pg=PA5&#038;lpg=PA5&#038;dq=martin+walser+sonntagsrede&#038;source=bl&#038;ots=U3-e_sZpsD&#038;sig=T0OQaS1SQl1ZFqLujsRCkpIWtB8&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;ei=BrWlUbbiDKHC7Ab7v4HACg&#038;ved=0CEMQ6AEwCQ#v=onepage&#038;q=martin%20walser%20sonntagsrede&#038;f=false\" target=\"_blank\">Martin Walsers (Un-)Friedenspreisrede &#8211;  von Stefan K\u00fchnen<\/a><\/p>\n<p>Be\u00e4ngstigend finde ich, wie manche emotional auf die Walser-Rede \u00fcberreagiert haben. So sah Ignatz Bubis sein Lebenswerk \u2013 die Vers\u00f6hnung mit den Deutschen auf der Basis gemeinsamen Erinnerns an den Holocaust \u2013 als gescheitert an. Selbst der blanke Hass tritt da Walser entgegen, als Beispiel der <a href=\"http:\/\/walserbashing.wordpress.com\/2012\/09\/24\/der-unwurdige-preistrager-wissenswertes-uber-f-schirrmacher-den-handlanger-martin-walsers\/\" target=\"_blank\">Blog walserbashing<\/a>. Jahre sp\u00e4ter hat es Martin Walser bereut, ein &#8218;Friedensangebot&#8216; von Ignatz Bubis nicht angenommen zu haben.<\/p>\n<p>siehe auch:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7327\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (1): Ich bin nicht Walser<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7361\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Martin Walser gibt es zwei Ebenen, um mit der Schuldfrage zu den Verbrechen des Nationalsozialismus umzugehen: \u201eeine \u00f6ffentlich-rechtliche des Meinens, zu der auch die juristische Aufarbeitung geh\u00f6rt, und eine innerlich-moralische, vor der die eigentliche Schuld verhandelt wird.\u201c (S. 372) \u2013 \u201eJeder Deutsche hat die ganze Geschichte geerbt und zu verantworten, damit also auch Auschwitz. &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=7370\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Zu Martin Walser (3): Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12,30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7370"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7370\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}