{"id":7397,"date":"2013-06-10T06:57:19","date_gmt":"2013-06-10T05:57:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7397"},"modified":"2013-08-06T10:24:44","modified_gmt":"2013-08-06T09:24:44","slug":"martin-walser-jenseits-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7397","title":{"rendered":"Martin Walser: Jenseits der Liebe"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marcel_Reich-Ranicki\" target=\"_blank\">Marcel Reich-Ranicki<\/a>, der bis dato einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Literaturpapst\" target=\"_blank\">Literaturpapst<\/a>) hatte den 1976 von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> verfassten Roman <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518370251\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518370251&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"><strong>Jenseits der Liebe<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3518370251\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_Allgemeine_Zeitung\" target=\"_blank\">F.A.Z.<\/a> f\u00f6rmlich verrissen. Unter der \u00dcberschrift \u201aJenseits der Literatur\u2019 schrieb er: <em>\u201aEin belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen\u2019<\/em> (siehe meinen Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7381\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (4): Tod eines Kritikers<\/a>).<\/p>\n<p>Ich habe das gerade einmal 150 Seiten umfassende Buch als suhrkamp taschenbuch 525 \u2013 Suhrkamp Taschenbuch Verlag  \u2013 1. Auflage 1979 vorliegen und in diesen Tagen erneut gelesen.<\/p>\n<p>Im Klappentext steht hierzu:<\/p>\n<p><em>Der Firmenrepr\u00e4sentant Franz Horn, der dem Direktor Thiele und dessen Unternehmen ein h\u00f6chst erfolgreicher Mitarbeiter war, begreift, da\u00df seine Zeit vorbei ist. Thiele und der j\u00fcngere promovierte Kollege Liszt hatten es lange vorz\u00fcglich verstanden, durch ein ernsthaft freundschaftliches Verhalten von dieser Degradierung abzulenken. Genau zu jener Zeit, als es begann, mit ihm bergab zu gehen, vollzog sich auch die Trennung Horns von seiner Familie. Was in seinem Arbeitsleben an Pression erzeugt war, an Depression sich angestaut hatte, hatte sich lange genug unkontrolliert und zerst\u00f6rerisch zu Hause entladen. Als Horn erfolglos von einer Gesch\u00e4ftsreise zur\u00fcckkehrt, sieht er sich so, wie er ist: ohne glaubw\u00fcrdige Beziehung zu Menschen, ohne gesellschaftlichen R\u00fcckhalt, ohne politische \u00dcberzeugung, ohne Selbstvertrauen, darum ohne Gl\u00fcck und Potenz \u2013 am Ende.<\/em><\/p>\n<p><em>Walser demonstriert, was es hei\u00dft, jene Grenze zwischen Liebe und jenseits der Liebe \u00fcberschritten zu haben. Er zeigt auf, da\u00df Liebe oder der Mangel daran sich auch sozial begreifen l\u00e4sst, da\u00df Liebe einsetzbar ist, entzogen werden kann. Da\u00df sie unter vielerlei Namen auftritt und immer ein Teil dessen ist, was uns lebensf\u00e4hig macht.<\/em><\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/41w6--xA5iL._.jpg\" alt=\"Martin Walser: Jenseits der Liebe\" title=\"Martin Walser: Jenseits der Liebe\" \/><\/ul>\n<p>Um es gleich zu sagen: Die Kritik Reich-Ranickis war nicht nur nicht angemessen, sondern auch durch politische Ressentiments bestimmt. Martin Walser galt als <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7361\" target=\"_blank\">linker Intellektueller<\/a> und sollte \u201aabgestraft\u2019 werden. Denn der Roman ist \u00e4u\u00dferst politisch, geht es in ihm um eine \u201aLiebe\u2019, die als Machtinstrument eingesetzt wird. Aber es ist sicherlich auch der Stil, in dem Walser geschrieben hat und der Reich-Ranicki mit Sicherheit nicht gefallen haben d\u00fcrfte. Hierzu schrieb <a href=\"http:\/\/www.aurelschmidt.ch\/default.htm\" target=\"_blank\">Aurel Schmidt<\/a> in der National-Zeitung Basel \u2013 und kommt damit der Sache schon deutlich n\u00e4her:<\/p>\n<p><em>\u201eWalser schreibt eine zwingende, mitrei\u00dfende Sprache, die jede Nuance, jede Schattierung, jede kleinste Ver\u00e4nderung, jede Einwirkung auf das Bewu\u00dftsein genau registriert &#8230; Es ist eine nervige Sprache, in der eine F\u00fclle von Beobachtungen aufgehoben sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ja, es ist eine \u201anervige Sprache\u2019 \u2013 denn die Erz\u00e4hlung in 3. Person Einzahl (\u201aer\u2019) geht bald in einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Innerer_Monolog\" target=\"_blank\">inneren Monolog<\/a> \u00fcber (\u201aich\u2019) oder wechselt zum Pronomen \u201aman\u2019, entspricht so fast mehr noch der Erz\u00e4hltechnik des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bewusstseinsstrom\" target=\"_blank\">stream of consciousness<\/a>. So flie\u00dfen Erinnerungen in die Erz\u00e4hlung, die den Hintergrund des Geschehens verdeutlichen. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht, denn Walser gelingt es auf unnachahmliche Weise den Leser in die Rolle des Franz Horn zu versetzen.<\/p>\n<p>Der Roman ist dabei durchaus aktuell angesichts der Tatsache, dass heute immer mehr Menschen am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Burnout-Syndrom\" target=\"_blank\">Burnout-Syndrom<\/a> erkranken, also besonders emotional ersch\u00f6pft sind.  Franz Horn versucht sich am Ende durch Tabletten selbst zu t\u00f6ten. Das gelingt nicht &#8230; Das f\u00fchrte dazu, dass Martin Walser auch diesen Romanunhelden noch einmal in \u201aden Ring\u2019 schickte. Sechs Jahre sp\u00e4ter, 1982, sehen wir die Protagonisten Horn, Thiele und Liszt im Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brief_an_Lord_Liszt\" target=\"_blank\">Brief an Lord Liszt<\/a> wieder miteinander k\u00e4mpfen. <\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"280\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=meersburger+stra%C3%9Fe+ravensburg&amp;aq=&amp;sll=47.780282,9.593323&amp;sspn=0.001972,0.004136&amp;t=h&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Meersburger+Stra%C3%9Fe,+88213+Ravensburg,+T%C3%BCbingen,+Baden-W%C3%BCrttemberg&amp;ll=47.780362,9.592448&amp;spn=0.001009,0.002891&amp;z=18&amp;iwloc=A&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nRavensburg, Galgenhalde<\/p>\n<p>\u201aJenseits der Liebe\u2019 spielt \u00fcbrigens in Ravensburg. Franz Horn lebt in einer Stra\u00dfe namens Galgenhalde, was schon viel besagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcel Reich-Ranicki, der bis dato einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart (Literaturpapst) hatte den 1976 von Martin Walser verfassten Roman Jenseits der Liebe in der F.A.Z. f\u00f6rmlich verrissen. Unter der \u00dcberschrift \u201aJenseits der Literatur\u2019 schrieb er: \u201aEin belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. 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