{"id":7423,"date":"2013-06-15T07:01:17","date_gmt":"2013-06-15T06:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7423"},"modified":"2013-06-14T05:23:43","modified_gmt":"2013-06-14T04:23:43","slug":"thomas-mann-der-tod-in-venedig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7423","title":{"rendered":"Thomas Mann: Der Tod in Venedig"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich hatte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Mann\" target=\"_blank\">Thomas Mann<\/a> nichts <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_in_Venedig#Selbstkommentare_Thomas_Manns\" target=\"_blank\">\u201aHomo-Erotisches\u2019<\/a> geplant \u2013 es sollte etwas \u00fcber die<br \/>\n\u201eLeidenschaft als Verwirrung und Entw\u00fcrdigung\u201c werden, die Geschichte des Greises Goethe zu jenem <em>kleinen M\u00e4dchen in Marienbad<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrike_von_Levetzow\" target=\"_blank\">Ulrike von Levetzow<\/a>). Dem Thema nahm sich stattdessen fast 100 Jahre sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> an: 2008 ver\u00f6ffentlichte er mit <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/belletristik\/martin-walser-ein-liebender-mann-augenkraft-die-nichts-verbergen-kann-1517045.html\" target=\"_blank\">\u201eEin liebender Mann\u201c<\/a> diese Goethe-Ulrike-\u201aGeschichte\u2019 (dazu sp\u00e4ter mehr). <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_in_Venedig\" target=\"_blank\">\u201eDer Tod in Venedig\u201c<\/a>, eine Novelle von etwas mehr als 100 Seiten, entstand 1911 \u2013 und erschien 1913 im Einzeldruck.<\/p>\n<p>Nachdem ich Thomas Manns <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7314\" target=\"_blank\">Der Zauberberg<\/a> gelesen habe, bot es sich an, jetzt auch (f\u00fcr mich zum ersten Mal) diese Novelle zu lesen \u2013 immerhin war \u201eDer Zauberberg\u201c anfangs als \u201eeine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenst\u00fcck\u201c zur Erz\u00e4hlung \u201eDer Tod in Venedig\u201c gedacht. Der Roman also als \u201aumgekehrtes\u2019 Pendant zur Novelle. Die Novelle <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3596112664\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3596112664&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"><strong>Der Tod in Venedig<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3596112664\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> habe ich so als Taschenbuch (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, Band 11266, 23. Auflage Oktober 2011 &#8211; Original S. Fischer Verlag, Berlin, 1913) vorliegen.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/51LFo8zNNxL._SY445_.jpg\" alt=\"Thomas Mann: Der Tod in Venedig\" title=\"Thomas Mann: Der Tod in Venedig\" \/><\/ul>\n<p>Der \u00fcber 50-j\u00e4hrige Schriftsteller Gustav Aschenbach, seines Erfolgs wegen geadelt, begegnet im Mai 1911 (die Jahreszahl wird nur als 19.. abgegeben, Thomas Mann reiste mit Familie 1911 nach Venedig) auf einem Spaziergang einen seltsamen Mann in Wanderkleidung. Ihm bef\u00e4llt eine Art schweifender Unruhe, die er sich als Reiselust deutet. So macht er sich also auf, um \u00fcber einen Umweg nach Venedig zu fahren, wo er schon einmal weilte.<\/p>\n<p>Eines <em>\u201eAbends entdeckt von Aschenbach in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie einen langhaarigen Knaben \u201avon vielleicht vierzehn Jahren\u2019, der ihm als \u201avollkommen sch\u00f6n\u2019 erscheint. Er deutet seine Faszination als \u00e4sthetisches Kennertum, eine Kunstauffassung vertretend, die die Sinnlichkeit der Kunst verleugnet. Doch mit jedem Tag, den Aschenbach den jungen Tadzio am Strand beobachtet und bewundert, verf\u00e4llt der Alternde dem Anblick des J\u00fcnglings mehr und mehr.\u201c<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_in_Venedig#Inhalt\" target=\"_blank\">de.wikipedia.org<\/a>).<\/p>\n<p>Nun Thomas Mann h\u00e4lt sich an <em>\u201eein Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Sittlichkeit &#8230;\u201c<\/em>.<\/p>\n<p><em>\u201e\u201aMan denke sich den folgenden dichterischen Charakter. Ein Mann, edel und leidenschaftlich, aber auf irgendeine Weise gezeichnet und in seinem Gem\u00fct eine dunkle Ausnahme unter den Regelrechten &#8230; vornehm als Ausnahme, aber unvornehm als Leidender, einsam, ausgeschlossen vom Gl\u00fccke, von der Bummelei des Gl\u00fccks und ganz und gar auf die Leistung gestellt.\u2019 Was Thomas Mann 1907 noch auf Shakespeares \u201aOthello\u2019 bezog, gestaltete er selbst vier Jahre sp\u00e4ter zu Gustav Aschenbach in dieser \u201aNovelle gewagten, wenn nicht unm\u00f6glichen Gegenstandes\u2019, vom pl\u00f6tzlichen \u201aEinbruch der Leidenschaft\u2019 in einen homo-erotisch veranlagten Menschen. Der nicht mehr junge Schriftsteller Gustav Aschenbach \u2013 mit den Gesichtsz\u00fcgen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustav_Mahler\" target=\"_blank\">Gustav Mahlers<\/a> \u2013 entdeckt f\u00fcr sich am Lido des schw\u00fcl-warmen Venedig die Gestalt des apollinisch sch\u00f6nen Knaben Tadzio und strebt in seinen Gedanken zu ihm, steigert sich in eine unerf\u00fcllbare Liebe und verspielt damit, nach einem Wort von Heinrich Mann, \u201awas ihm das w\u00fcnschenswerteste schien\u2019.<\/em><br \/>\n<em>Ohne seine eigene Intention zu verbergen, erkl\u00e4rte Thomas Mann sp\u00e4ter (1920 an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Maria_Weber\" target=\"_blank\">Carl Maria Weber<\/a>) Gustav Aschenbachs Sehnen nach Tadzio: \u201aEs ist das Problem der Sch\u00f6nheit, da\u00df der Geist das Leben, das Leben aber den Geist als \u201aSch\u00f6nheit\u2019 empfindet\u2019, denn \u201ader Geist, welcher liebt, ist nicht fanatisch &#8230; er wirbt, und sein Werben ist erotische Ironie &#8230;\u2019 Er wollte seine Novelle verstanden wissen als \u201a\u00dcbersetzung eines sch\u00f6nsten Liebesgedichtes der Welt ins Kritisch-Prosaische, des Gedichtes, dessen Schlu\u00dfstrophe beginnt: \u201aWer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.\u2019\u2019 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_H%C3%B6lderlin\" target=\"_blank\">H\u00f6lderlin<\/a>, \u201aSokrates und Alkibeiades\u2019)\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>In dem Knaben Tadzio entdeckt Thomas Mann <em>\u201e&#8230; die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzm\u00e4\u00dfige mit dem Individuellen eingehen m\u00fcsse, damit menschliche Sch\u00f6nheit entstehe.\u201c<\/em> (S. 54). Aber er erkennt auch, <em>\u201e&#8230; da\u00df das Wort die sinnliche Sch\u00f6nheit nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.\u201c<\/em> (S. 96)<\/p>\n<p>Auch als Aschenbach erf\u00e4hrt, dass in Venedig die <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/startseite\/article9WST2-1.321796\" target=\"_blank\"><em>\u201eindische Cholera\u201c<\/em><\/a> (S. 119) grassiert, bleibt er in der Stadt. <em>\u201eInfiziert durch \u00fcberreife Erdbeeren, die er bei einem Streifzug durch die Gassen Venedigs gekauft hatte, stirbt Aschenbach an der Cholera, w\u00e4hrend er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. Dabei erscheint es dem Sterbenden, als l\u00e4chle und winke der Knabe ihm von weitem zu und deute mit der anderen Hand hinaus aufs offene Meer. \u201aUnd, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen.\u2019\u201c<\/em>  (Quelle: de.wikipedia.org). Wie hei\u00dft es in der Novelle: <em>\u201e&#8230; die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.\u201c<\/em> (S. 94)<\/p>\n<p>\u201eDer Tod in Venedig\u201c ist \u00fcbers\u00e4t mit vielerlei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_in_Venedig#Todesmotive \" target=\"_blank\">Todesmotiven<\/a>. Das beginnt mit der Physiognomie des seltsamen Mannes in Wanderkleidung am Anfang, deren Beschreibung an einen Totensch\u00e4del denken l\u00e4sst und geht weiter \u00fcber die venezianischen Gondel, deren Farbe mit der Schw\u00e4rze eines Sarges beschrieben wird. Am Ende ist es der Tod selbst, der Aschenbach ereilt.<\/p>\n<p>Trotz der scheinbar homo-erotischen Thematik ist die Novelle ein Versuch \u00fcber die Sch\u00f6nheit, der sp\u00e4ter (so im <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=128\" target=\"_blank\">Felix Krull<\/a>) als <em>die Suche nach einem androgynen Doppelwesen, ein Wesen, das Mann und Frau in sich vereinigt,<\/em> zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Nun auch f\u00fcr diese Erz\u00e4hlung gilt stellenweise wieder das, was Martin Walser den \u201eDoktor Faustus\u201c von Thomas Mann zu lesen aufgeben lie\u00df, weil er diese Prosa <em>\u201enicht ertagen konnte\u201c<\/em>. Besonders das zweite Kapitel, das im Wesentlichen die Herkunft, den Lebensweg und Charakter Aschenbachs beschreibt (man kann das Kapitel auch gern \u201a\u00fcberspringen\u2019), ist gepr\u00e4gt von einem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwulststil\" target=\"_blank\">Schwulst<\/a> im Stil, aber auch im Inhaltlichen, den Walser im erw\u00e4hnten \u201eEin liebender Mann\u201c (im Bezug auf Goethe) als \u201eRokoko\u201c bezeichnet. Hier ein Beispiel:<\/p>\n<p><em>\u201eAber es scheint, da\u00df gegen nichts ein edler und t\u00fcchtiger Geist sich rascher, sich gr\u00fcndlicher abstumpft, als gegen den scharfen und bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewi\u00df ist, da\u00df die schwerm\u00fctig gewissenhafteste Gr\u00fcndlichkeit des J\u00fcnglings Seichtheit bedeutet im Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meisters gewordenen Mannes, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Haupte dar\u00fcber hinwegzugehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gef\u00fchl und selbst die Leidenschaft im geringsten zu l\u00e4hmen, zu entmutigen, zu entw\u00fcrdigen geeignet ist.\u201c<\/em> (S. 26)<\/p>\n<p>Ansonsten ist \u201eDer Tod in Venedig\u201c durchaus lohnenswert zu lesen. Und trotz Tod und Verderben, Thomas Mann mag mir verzeihen, weckt die Novelle eine gewisse Reiselust in mir. <em>Der Sommer darf kommen &#8230;.<\/em><\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Die Novelle wurde 1971 von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luchino_Visconti\" target=\"_blank\">Luchino Visconti<\/a> mit Dirk Bogarde in der Hauptrolle <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tod_in_Venedig_%28Film%29\" target=\"_blank\">verfilmt<\/a>. Im Film ist Aschenbach nicht Schriftsteller sondern Komponist.<\/p>\n<p>Siehe hierzu auch: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-25990846.html\" target=\"_blank\">Tadzios sch\u00f6nes Geheimnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich hatte Thomas Mann nichts \u201aHomo-Erotisches\u2019 geplant \u2013 es sollte etwas \u00fcber die \u201eLeidenschaft als Verwirrung und Entw\u00fcrdigung\u201c werden, die Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen M\u00e4dchen in Marienbad (Ulrike von Levetzow). 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