{"id":7526,"date":"2013-08-01T06:58:19","date_gmt":"2013-08-01T05:58:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7526"},"modified":"2013-07-31T12:06:56","modified_gmt":"2013-07-31T11:06:56","slug":"javier-marias-morgen-in-der-schlacht-denk-an-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7526","title":{"rendered":"Javier Mar\u00edas: Morgen in der Schlacht denk an mich"},"content":{"rendered":"<ul><em>Meine jetzt so un\u00fcbersehbare Pr\u00e4senz wird schon morgen durch eine Kopfbewegung und einen aufgedrehten Wasserhahn geleugnet werden, und f\u00fcr sie wird es sein, als w\u00e4re ich nicht gekommen, und ich werde nicht gekommen sein, denn sogar die Zeit, die sich zu verrinnen str\u00e4ubt, verrinnt schlie\u00dflich und entschwindet durch den Abflu\u00df, und ich brauche mir nur den Tagesanbruch auszumalen, um mich bereits au\u00dferhalb dieses Hauses zu sehen, vielleicht werde ich schon sehr bald drau\u00dfen sein, noch in dieser Nacht &#8230;<\/em> (S. 29)<\/ul>\n<p>Von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Javier_Mar%C3%ADas\" target=\"_blank\">Javier Mar\u00edas<\/a> habe ich vor \u00fcber zwei Jahren an dieser Stelle den Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4551\" target=\"_blank\">Mein Herz so wei\u00df<\/a> (dazu auch noch den Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=4541\" target=\"_blank\">I have done the deed<\/a>) vorgestellt. Jetzt habe ich den darauf folgenden Roman <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=marias%20morgen%20in%20der%20schlacht&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Morgen in der Schlacht denk an mich<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (Klett-Cotta &#8211; Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen &#8211; dtv 12637 \u2013 Juni 1999) erneut gelesen &#8211; Original: <em>\u201cMa\u00f1ana en la batalla piensa en mi\u201d<\/em>, Editorial Anagrama S. A., Barcelona, 1994 \u2013 Deutsch von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/41sZ5dLqugL._SY445_.jpg\" alt=\"Javier Mar\u00edas: Morgen in der Schlacht denk an mich\" title=\"Javier Mar\u00edas: Morgen in der Schlacht denk an mich\" \/><\/ul>\n<p>Wie schon vom Roman \u201aMein Herz so wei\u00df\u2019 so geht auch von diesem Roman eine ungew\u00f6hnliche Suggestion aus. Dabei ist der Anfang lapidar und trocken:<\/p>\n<p><em>\u201eNiemand denkt je daran, da\u00df er irgendwann eine Tote in den Armen halten k\u00f6nnte und da\u00df er nicht mehr ihr Gesicht sehen wird, an dessen Namen er sich erinnert. Niemand denkt je daran, da\u00df jemand im unpassendsten Augenblick sterben k\u00f6nnte, obwohl dies die ganze Zeit passiert, und wir glauben, dass niemand, dem dies nicht bestimmt ist, in unserem Beisein wird sterben m\u00fcssen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber bekanntlich kommt der Schrecken oft auf leisen F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p><em>\u201eIn<\/em> \u201aMein Herz so wei\u00df\u2019 <em>brauchte Javier Mar\u00edas noch eine Seite, bis er uns hatte. Dieses Mal reicht ihm ein Satz, der r\u00e4tselhafte erste seines neuen Romans:<\/em> \u201aNiemand denkt je daran, da\u00df er irgendwann eine Tote in den Armen halten k\u00f6nnte &#8230;\u2019\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andreas_Isenschmid\" target=\"_blank\">Andreas Isenschmid<\/a> im \u201aTages-Anzeiger\u2019, Z\u00fcrich)<\/p>\n<p><em>\u201eSie ist noch nicht dreiunddrei\u00dfig, hat sowohl Mann als auch zweij\u00e4hrigen Sohn sowie ein au\u00dfereheliches Verh\u00e4ltnis. Als Marta T\u00e9llez\u2019 Mann Eduardo De\u00e1n f\u00fcr ein paar Tage in London ist, l\u00e4dt Marta V\u00edctor Franc\u00e9s, unseren Ich-Erz\u00e4hler, in ihre Wohnung ein. Noch bevor sie beide vollst\u00e4ndig entkleidet sind, stirbt Marta unvermittelt in V\u00edctors Armen. Das Z\u00f6gern, den Ehemann zu benachrichtigen, die Furcht, die Tote und den kleinen Jungen einfach so in der Wohnung zu lassen, die Scham, Martas Ruf durch seine Existenz zu besch\u00e4digen \u2013 V\u00edctor ist \u00fcberfordert und fl\u00fcchtet. Bewu\u00dft kann er sich der Sache nicht stellen, unbewu\u00dft aber schafft er Verh\u00e4ltnisse, die ihn letztlich zwingen, alles aufzukl\u00e4ren &#8230;\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur angesprochenen Suggestion. Es ist so, dass man sich als Leser vom Geschriebenen beeinflusst f\u00fchlt, als wolle es einem etwas einfl\u00fcstern. Es ist ein diffuses Gef\u00fchl, ein seelisches Unwohlsein. Mar\u00edas spielt f\u00f6rmlich mit W\u00f6rtern wie Angst, Verdacht und Erwartung \u2013 und schmiedet S\u00e4tze, die sich wie Nebel auf die Seele legen:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Zutagetreten von Angst bringt den, der angst macht oder dazu imstande ist, auf bestimmte Gedanken, Vorbeugung gegen das, was noch nicht geschehen ist, ruft das Ereignis auf den Plan, Verdacht entscheidet \u00fcber das, was noch nicht feststand, und setzt es in Gang, bange Vorahnung und Erwartung zwingen dazu, die Hohlr\u00e4ume auszuf\u00fcllen, die sie entstehen lassen und vertiefen, etwas mu\u00df geschehen, wenn wir wollen, da\u00df sich die Angst verfl\u00fcchtigt, und das beste ist es, daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df sie sich erf\u00fcllt.\u201c<\/em> (S. 19 f.) <\/p>\n<p>Zum Inhaltlichen verweise ich auf eine Rezension von <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Marias_schlacht.htm#cont\" target=\"_blank\">dieterwunderlich.de<\/a>. Es ist ein merkw\u00fcrdiger Stoff, und der Roman endet anders als man es je erwarten konnte (auch hier spielt Mar\u00edas, diesmal mit der Erhaltungswartung des Lesers), als V\u00edctor, der Erz\u00e4hler, sich mit Eduardo, dem Mann der verstorbenen Frau, zu einem Gespr\u00e4ch trifft.<\/p>\n<p><em>\u201eMorgen in der Schlacht denk an mich, und es falle dein Schwert ohne Schneide. Morgen in der Schlacht denk an mich, als ich sterblich war, und es falle rostig deine Lanze. M\u00f6ge ich morgen auf deiner Seele lasten, m\u00f6ge ich Blei sein in deiner Brust, und m\u00f6gen deine Tage enden in blutiger Schlacht. Morgen in der Schlacht denk an mich, verzag und stirb.\u201c<\/em> (S. 210)<\/p>\n<p>Es sind die Geister, die <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7511\" target=\"_blank\">K\u00f6nig Richard III.<\/a> in Shakespeares Drama heimsuchen. Genauso wird V\u00edctor vom \u201aGeist\u2019 der toten Marta heimgesucht. Die Erinnerung nistet sich bei ihm ein: \u201eEwig herumspuken, nie ganz verschwinden, nie ganz vergehen und uns nie ganz verlassen, sondern in unserem Kopf hausen.&#8220; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1998\/05\/marias.txt.19980122.xml\" target=\"_blank\">Die Liebe als Spuk:<\/a> <em>Er mu\u00df seine Schuld begleichen und seine Erz\u00e4hlung vor der Welt abladen. Nur so kann er den Geist der Toten bannen und den b\u00f6sen Zauber brechen, unter dem er steht und der ihn selber verhext zu einer Art Spukgestalt.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; aus dem Halbdunkel herauszutreten und nicht l\u00e4nger ein Geheimnis bewahren oder von einem Mysterium umgeben sein zu m\u00fcssen, vielleicht sehne ich mich manchmal genauso nach Klarheit und wahrscheinlich sogar nach Harmonie. Ich erz\u00e4hlte und erz\u00e4hlte. Und beim Erz\u00e4hlen hatte ich zwar nicht das Gef\u00fchl, mich von meinem b\u00f6sen Zauber zu befreien, von dem ich mich noch nicht befreit hatte und mich vielleicht nie befreien w\u00fcrde, aber mir kam es so vor, als w\u00fcrde ich ihn mit einem anderen, weniger hartn\u00e4ckigen und gutwilligeren vermischen. Wer erz\u00e4hlt, wei\u00df die Dinge gew\u00f6hnlich gut zu erkl\u00e4ren, und er wei\u00df sich selber zu erkl\u00e4ren, erz\u00e4hlen ist dasselbe wie \u00fcberzeugen oder sich verst\u00e4ndlich oder etwas sichtbar machen, und so kann alles verstanden werden, sogar das Infamste, kann alles verziehen werden, wenn es etwas zu verzeihen gibt, kann \u00fcber etwas hinweggegangen oder etwas verarbeitet und sogar mit durchlitten werden, eben dies ist geschehen, und sobald wir erst wissen, da\u00df es so<\/em> war, <em>m\u00fcssen wir damit leben, in unserem Bewu\u00dftsein und unserem Ged\u00e4chtnis einen Platz daf\u00fcr suchen, der uns nicht am Weiterleben hindert, weil es passiert ist und wir es wissen. Das Geschehene ist daher immer weit weniger schlimm als die \u00c4ngste und Annahmen, die Mutma\u00dfungen und bildhaften Vorstellungen und b\u00f6sen Tr\u00e4ume, die wir in Wahrheit nicht in unser Wissen eingliedern, sondern die wir verwerfen, nachdem wir sie \u00fcber uns haben ergehen lassen oder sie zeitweilig in Betracht gezogen haben, und darum erf\u00fcllen sie uns weiterhin mit Schrecken, im Gegensatz zu den Ereignissen, die allein schon wegen ihrer Natur, also weil sie Tatsachen sind, geringeres Gewicht haben: Da es nun mal passiert ist und ich es wei\u00df und es nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen ist, sagen wir uns dann, mu\u00df ich es mir erkl\u00e4ren und es mir zu eigen machen oder daf\u00fcr sorgen, da\u00df jemand anderer es mir erkl\u00e4rt, und am besten w\u00e4re, wenn es mir genau derjenige erz\u00e4hlt, der es \u00fcbernommen hat, es zu tun, weil er es ist, der Bescheid wei\u00df. Aber beim Erz\u00e4hlen kann man sogar Gnade finden, das ist die Gefahr. Die Eindringlichkeit der Darstellung, nehme ich an: Deshalb gibt es Angeklagte, deshalb gibt es Feinde, die man umbringt oder hinrichtet oder lyncht, ohne sie ein Wort sagen zu lassen \u2013 deshalb gibt es Freunde, die man mit den Worten verst\u00f6\u00dft: \u201aIch kenne dich nicht\u2019 oder deren Briefe man nicht beantwortet -, damit sie sich nicht erkl\u00e4ren und unversehens Gnade finden k\u00f6nnen, und da sie reden, verleumden sie mich, und es ist besser, wenn sie nicht reden, obwohl sie mich nicht verteidigen, wenn sie schweigen.\u201c<\/em> (S. 309 f.)<\/p>\n<p>Beide Romane, \u201aMein Herz so wei\u00df\u2019 wie auch dieser hier \u2013 man m\u00fcsste sie Shakespeare-Romane nennen, geh\u00f6ren zusammen <em>wie zwei Tafeln eines Diptychons &#8211; korrespondierend, doch einander nicht imitierend. Beide beginnen mit dem unerkl\u00e4rlichen Tod einer jungen Frau und enden mit dem vors\u00e4tzlichen Mord an einer andern. Beide spielen mit den gleichen Motiven und operieren mit den gleichen Strukturprinzipien. Beide sind Ehe- und Familienromane und handeln von den leisen Fiaskos und den blutigen Debakeln in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, den T\u00e4uschungen und Selbstt\u00e4uschungen in der Liebe, den M\u00fchseligkeiten, Ungewi\u00dfheiten und komplexen Waghalsigkeiten beim heutigen Versuch, eine Ehe zu f\u00fchren. Beide erz\u00e4hlen von Verdacht, Betrug und Verrat in b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine jetzt so un\u00fcbersehbare Pr\u00e4senz wird schon morgen durch eine Kopfbewegung und einen aufgedrehten Wasserhahn geleugnet werden, und f\u00fcr sie wird es sein, als w\u00e4re ich nicht gekommen, und ich werde nicht gekommen sein, denn sogar die Zeit, die sich zu verrinnen str\u00e4ubt, verrinnt schlie\u00dflich und entschwindet durch den Abflu\u00df, und ich brauche mir nur &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=7526\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Javier Mar\u00edas: Morgen in der Schlacht denk an mich<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7526"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7526"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7526\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}